Siebentes Kapitel

[89] Den 16. November waren die Gemeindewahlen in Prittlbach, Aufhausen und Zillhofen, den 17. in Giebing, Fahrenzhausen, Schachach und Webling, den 18. in Biberbach, Edenholzhausen und Erlbach. In Zillhofen wählten sie den Blasibauern Joseph Kaltner zum Bürgermeister, der für einen heftigen Bauernbündler galt; in Schachach kam der Rädlmayer in den Ausschuß.

Der Meisinger von Giebing fiel durch, aber sein Gegner hatte nur eine Mehrheit von zwei Stimmen. Und außerdem konnte sich der Herr Dekan über diesen Sieg nicht übermäßig freuen, weil der Stuhlberger Beigeordneter wurde.

In Fahrenzhausen fielen beinahe alle Stimmen auf den Wagnerbauern Peter Lochmann, der schon bei den letzten Landtagswahlen gegen den Pfarrer aufgetreten war.

Die Erlbacher gaben dem Hierangl 44 Stimmen, dem Schuller 53; damit war dieser zum Bügermeister gewählt.

In allen Gemeinden sagten die Leute, daß sie solche Wahlen noch nie gesehen hätten. Sonst gab man gleichmütig seine Stimme ab und kümmerte sich nicht viel darum, wen es traf.

Streit gab es selten; und das Politische kam nicht in Frage.[89] Diesmal brannte es an allen Ecken und Enden; in jedem Dorfe stand eine Partei gegen die andere. Die Geistlichen warben offen und versteckt um Stimmen; sie sagten von den Kanzeln herunter, daß man sich einer großen Gefahr aussetze, wenn kirchenfeindliche Menschen an das Ruder kämen.

Das Unterste würde zu oberst gekehrt; in weltlichen Dingen finge das Unglück an, und wo es ende, könne nur Gott allein wissen. Sie versuchten die Männer zu überreden und zogen die Weiber auf ihre Seite.

In Zillhofen ermahnte der Kooperator sogar die Schulkinder, daß sie ihre Väter in das tägliche Gebet einschließen sollten, damit sie der liebe Gott festhalte am katholischen Glauben.

Die Bauernbündler schauten nicht untätig zu. Sie hatten noch nicht die Mittel, welche zur Ausbreitung einer neuen Bewegung notwendig sind; sie hielten keine Versammlungen ab, ja, es hatte sich noch nicht einmal ein Kern von Vertrauensmännern gebildet.

Trotzdem fanden sie sich zusammen; von Haus zu Haus ging die Verabredung, und nur verlässige Männer wurden in das Vertrauen gezogen. Einer wußte vom andern, ob er fest standhalte und der gemeinsamen Sache dienen wolle.

Die richtigen Männer kannte man weitum auf Stunden, die Unsicheren waren für alle gezeichnet. Ohne Flugschriften und Aufrufe verständigten sich die Leute, warben Anhänger und trafen die Auswahl der Männer, welche sie an die Spitze stellen wollten. Am entscheidenden Tage gab es viel Lärm. Die Leute, welche sich zum ersten Mal einer politischen Aufregung überließen, hatten noch nicht gelernt, ihre Freude am Erfolge oder ihren Ärger über eine Niederlage zu verstecken.

Der alte Rädlmayer in Schachach gab einen offenen Stimmzettel ab und sagte, das Versteckenspielen habe ein Ende, und wer eine Schneid' habe, der müsse sie herzeigen.

In Giebing stellten sich die jungen Burschen vor dem Wahllokal auf und brachten jedem Anhänger des Dekan Metz eine Katzenmusik. Der Hirner von Aufhausen trank sich einen festen Rausch an und sagte zum Wahlkommissär, ihm wär' es das Liebste, wenn man gleich über den Adel und die Geistlichkeit einrücke; er wolle schon zuhauen, daß alle am Leben verzagen müßten.[90]

In Zillhofen kam es zu einer Prügelei, und in Biberbach mußten die Schwarzen schleunig aus dem Wirtshaus flüchten, weil sie sonst übel gefahren wären. Die Erlbacher blieben ruhiger. Fast alle Stimmberechtigten erschienen; eine halbe Stunde vor Schluß fehlten nur mehr etliche Stimmen zur Vollzähligkeit. Das Ergebnis war im voraus nicht sicher; der Hierangl hatte viele Anhänger, und der Pfarrer Baustätter setzte alle Hebel in Bewegung, um ihn durchzubringen. Er ließ sich von seiner Heftigkeit so hinreißen, daß er im Wahllokale aus und ein ging und verschiedene Leute ansprach.

Als zuletzt noch der alte Keimel auftauchte, der über Jahr und Tag krank daheim lag, wußten alle, daß ihn nur der geistliche Zuspruch zu dieser Kraftanstrengung gebracht hatte.

Und alles half nichts; der Schullerbauer blieb Sieger mit neun Stimmen Mehrheit.

»Zum Bürgermeister ist also gewählt Andreas Vöst, Ökonom von Erlbach ...«

»Und ein Vivat hoch!« schrie der Haberlschneider, »koan Bessern hamm mir no net g'habt.«

»Vielleicht waarst du no der Besser' g'wen!« sagte der Hierangl. »Na, i net; aba du scho gar it.«

»Du derfst'n scho lob'n; du bist ja sei Spez'l.«

»Geh hoam, Hierangl! Do verdeanst dir nix bei ins! Geh zum Pfarra, nacha könnt's woana mitanand!«

»Vo dir laß i mir nix schaffen, du bischt mir z'weni, hast g'hört?«

»Geh hoam, du! So dumm waar i net, daß i mir an Zorn a so merk'n lasset.«

»Haberlschneider, der Letzt' hat no net g'schoben.«

»So? Habt's no an Spitaler hinten, weil der alt' Keimel it g'langt hat?«

Alle lachten. Der Hierangl drängte sich durch die Umstehenden und ging zornig auf die Straße.

Der Teufel soll alles holen und den Schuller zuerst! Der ihm überall in den Weg trat. Bürgermeister oder nicht, da lag ihm nicht soviel daran. Aber daß er wieder gegen den verspielte! Und daß der sich groß machen durfte!

»Was willst?« fuhr er den Geitner an, der ihn bei seinem Hause erwartete.[91]

»Nix will i, grüaß Gott sag' i.«

»'ß Good, und laß ma mein Ruah!«

»No, no! Jetzt fahr net glei oben außi!«

»I muaß dir vielleicht Dank schö sag'n, weil's den Spitzbuam zum Burgermoasta g'macht habt's? Den ganz schlecht'n!«

»Aber i net; dös woaßt du guat.«

»Ja, du net! Und ös alle net! Was is den nacha mit mein Geld. Wann gibst mir denn dös z'ruck?«

»Heut' net, weil i's net hab'; a bissel werst scho no wart'n kinna.«

»Na, i mag nimma. I will mit koan Erlbacher nix mehr z'toa hamm. I will mei Geld, und firti!«

»Laß amal g'scheidt mit dir red'n; deine Freund sollt'st do scho kenna!«

»I brauch' koan Freund.«

»So muaßt d'as macha! Weil's dir jetzt net 'naus ganga is, waar gar koana mehr was. Wer is denn Umanandg'loffen für di, und hat g'redt für di?«

»Koa schlechte Arbet zahl ma'r it.«

»Dös is a schlechte Arbet, wenn der ander a paar Stimma mehr hat! De hätt' er net kriagt, wann jetzt net de G'schicht mit'n Bauernbund waar.«

»Dös is mir wurscht! Vo mir aus is der Schuller Bürgermoasta oder net. Dös bekümmert mi durchaus gar nix mehr.«

»Paß auf, der Pfarra hat zu mir g'sagt, du sollst morg'n nach der Mess' zu eahm aufi kemma.«

»I brauch nix vom Pfarra!«

»I glaab, er hat was im Sinn. Mir hat er's it g'sagt.«

»I laß mi auf gar nix mehr ei.«

»Dös braucht's ja net. Werst scho hör'n, was er sagt, und bal's dir it paßt, ko'st allaweil z'rucksteh.«

»I glaab's net, daß i 'naufgeh.«


Der Schuller saß hemdärmelig auf der Ofenbank und rauchte. Seit langer Zeit war ihm nicht mehr so wohl gewesen. Er hatte keinen Ehrgeiz und wollte nicht mehr sein wie die andern. Aber diese Wahl hatte er für eine Probe angesehen. Es mußte sich zeigen, ob er noch etwas galt, nach den Unbilden, die ihm der Pfarrer öffentlich angetan hatte. Wer eine Beleidigung einschieben[92] muß, verliert leicht sein Ansehen. Die Leute fragen nicht immer nach Recht oder Unrecht und sehen bloß den Schlag, den einer kriegt.

Aber jetzt, weil es gut hinausgegangen war, fühlte er festeren Boden unter den Füßen; auch im eigenen Hause. Es war ihm vieles nicht recht gewesen in der letzten Zeit.

Die Weiber redeten unnützes Zeug, wie Leute, die eine Verlegenheit redselig macht. Und jedes Dorfgeschwätz fand Eingang in seinem Haus. Aber jetzt mußte die alte Ordnung wieder einkehren. Und das war recht und nützlich. Er lachte still vor sich hin. Wie das Weibervolk ist! Als er seiner Bäuerin die Mitteilung machte, war ihr erstes, ob wohl die Bäcker Ulrich Marie das schon wüßte, und wie die sich ärgern würde! Das ist immer die Hauptsache, was die andern dazu sagen.

Ein breiter Schatten fiel in die Stube. Der Schuller schaute auf und sah am Fenster den Haberlschneider, der vergnügt hereinlachte.

»Da sitzt er,« sagte er, »und i suach di überall. Was is denn, Burgermoasta, kimmst net ins Wirtshaus und zahlst a paar Maß, weil mir so tapfer hing'standen san für di?«

»Auf dös geht's mir net z'samm,« antwortete der Schuller, »a Bier zahl' i gern, aber selber kimm i net.«

»Warum nacha net? G'rad lusti muaß wern.«

»Desweg'n geh' i net hi, Haberlschneider. Da san heut' viel dort, de moanen, sie müaßen recht ausg'las sen sei, daß s' mir a Freud' machen.«

»Geh weiter! Du brauchst do auf neamd aufz'passen.«

»Auf wen andern net, aber auf mi. I mag mi net hergeben für a Gaudi; du kennst d' Leut' und woaßt scho, wia s' san.«

»Aba schö waar's halt do, und aufdrah'n tat'n mir nobel.«

»Laß guat sei, Haberlschneider! An anders Mal gern. I hab' a so Feind' gnua.«

»G'rad de müaßten si recht ärgern.«

»Na, i fang' net o mit'n Streiten.«

»Dös bleibt nia net aus, Schuller.«

»Mag leicht sei! Nacha geht's aba weg'n was andern her, und net weg'n a Wirtshausgaudi.«

»Am End' hast recht. Aber i geh' heut' so schnell net hoam, dös woaß i g'wiß.«[93]

Um den Pfarrhof war es nicht so still und friedlich wie sonst. Der Strahl des Springbrunnens stieg nicht gerade in die Höhe und fiel nicht plätschernd in das steinerne Becken zurück. Er ließ sich vom Winde auf die Seite treiben und spritzte das Wasser auf den Kiesweg. Auch dieser war nicht gepflegt und sauber wie sonst. Die Kastanienbäume hatten dürre Blätter auf ihn geschüttelt; sie lagen unordentlich herum und wirbelten durcheinander, als wäre alle Zucht und Sitte aus diesem Garten geschwunden. Der wilde Rebstock am Hause gewährte ein klägliches Bild; seine dünnen Zweige krochen mühselig an der Mauer empor, die nackt und bloß ihre Schäden aller Welt zeigen mußte. Ein starker Regen fiel ungestüm auf das Schieferdach nieder; in der Dachrinne gurgelte das Wasser und stürzte mit ungebührlichem Lärmen durch die enge Röhre.

Überall Unordnung und trübselige Stimmung. Aber es bedeutete nichts gegen die Aufregung im Innern des Hauses. Da trieben gefährliche Stürme ihr verstecktes Spiel; man sah sie nicht offen wüten, und doch fühlte man ihre Wirkung. Türen klappten auf und zu; zornige Schritte klangen über die Dielen. Ein ruheloser Geist trieb sein Unwesen.

»War das nicht ein Geräusch im Zimmer des hochwürdigen Herrn? Klang es nicht, als hätte man einen Stuhl umgeworfen?«

Der Kooperator horchte.

Da! Diesmal klatschte etwas an die Wand und fiel zu Boden. Als hätte man einen Gegenstand, ein schweres Buch hingeschleudert. Die Schritte näherten sich der Tür, und der Kooperator fuhr zurück.

Fräulein Lechner stand seufzend in der Küche und sah zur Decke hinauf.

Die schweren Schritte da oben gingen rastlos hin und her. Dazwischen stampfte es gegen die Decke, daß der Kalk abbröckelte. Fräulein Lechner fuhr mit der Hand an das klopfende Herz, und die Bäcker Ulrich Marie sagte:

»Heilige Gnadenmutter von Altötting, der Herr Pfarrer is ganz auseinander!«

»Das hat er nicht verdient von den Erlbachern,« erwiderte die Köchin, »daß sie es ihm g'rad zum Fleiß tun, und wählen den Schuller. Das ist eine Schand für das ganze Dorf!«

»Das war immer ein Kalter, solang' ich ihn kenn', Fräulein[94] Lechner. Kein' Glauben und keine Religion haben die Leut'. Wochenlang in keine Kirch' gehn, und jetzt laßt er sich überhaupt gar nimmer seh'n.«

»Und weil mein Herr seine Pflicht und Schuldigkeit tut, hat er nichts davon wie Ärger und Spott. Hamm Sie's gehört?«

Es war das Buch, welches an die Wand flog und am Boden aufschlug. Und gewiß hatte es die Bäcker Ulrich Marie gehört. Denn sie spitzte ihre Ohren und vernahm jedes Geräusch mit gruseliger Neugierde.

Quelle:
Ludwig Thoma: Gesammelte Werke in sechs Bänden. Band 5, München 1968, S. 89-95.
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