Sechstes Kapitel
Ich werde verliebt

[92] »Gottlob!« hör ich die ungeduldigen Leserinnen rufen, indem sie dies Kapitel aufschlagen, »der langweilige Mensch fängt nun vielleicht an interessanter zu werden!« – Ich muß aber bekennen, daß bei so vielen Schriftstellern nichts langweiliger und ermüdender ist, als die detaillierten Beschreibungen des verliebten Approchierens: wie sie vom Blick zum Händedruck, vom Händedruck zum Kusse und von diesem endlich weiter übergehen; dann sich wieder mit der Vielgeliebten entzweien, einen eifersüchtigen Zweispruch halten, und sich nach vielen Debatten wieder zu[92] einer Aussöhnung bequemen, die der Leser schon über zwei ganze Bogen voraussahe. Wer diese Offizialberichte von dem Kriege der Liebe gern liest, der überschlage dieses Kapitel, denn ich habe mir vorgenommen, nur sehr im allgemeinen über meine Liebe zu sprechen.

Der Leser wird es gewiß schon erraten haben, daß ich in niemand anders, als die schöne Gouvernante verliebt wurde. Meine Augen trafen immer öfter und öfter die ihrigen, mit jedem Tage entdeckte ich neue Vollkommenheiten an ihr, mit jedem Tage entwickelte sich ihre schöne Seele reizender. – Ich bemerkte sehr bald, daß ihr Blick dem meinigen häufiger begegnete, daß sie rot ward, wenn mein Auge auf ihrer Gestalt verweilte, daß sie oft meine Gesellschaft suchte, und doch im Gespräche mit mir in eine Art von Verlegenheit geriet. Ich schloß aber aus allen diesen Bemerkungen bei weitem nicht so viel, als ich mit vollem Rechte hätte schließen können: ich hielt alles mehr für Zufälligkeit und wagte es gar nicht, diese Zeichen auf eine günstige Art für mich auszulegen. – In mir selber ging eine wunderbare Veränderung vor. – Meine Lehrstunden, die ich bis jetzt mit großem Eifer gehalten hatte, fingen an mir Langeweile zu machen; meine Zöglinge erschienen mir um ein großes Teil einfältiger; alle meine enthusiastischen Entwürfe kamen mir albern und abgeschmackt vor. Dagegen stieg die Waagschale auf der andern Seite um vieles mehr, als sie auf der einen sank: es kam mir vor, als wenn meine Seele eine große Revolution erlitten hätte, es ging ein Licht in mir auf, das alles erleuchtete, was bis dahin dunkel und verworren in mir gelegen hatte. Es hatte sich mir plötzlich ein helles kristallenes Glas vor die Augen geschoben und ich sahe itzt die Welt weit schöner und reizender als ehedem.

Die Liebe ist bei den meisten Menschen die erste bewegende Kraft, die ihre Fähigkeiten entwickelt, und dem trägen, einförmigen Gange des gewöhnlichen Lebens einen neuen, raschen Schwung gibt. Sie ist überhaupt das größte und notwendigste Rad in der menschlichen Gesellschaft. Was ist es anders, als die Liebe, um welche sich das Interesse der ganzen Welt dreht? Ist sie nicht der eigentliche Mittelpunkt, um welchen alle Wünsche und Plane der Sterblichen laufen? Die Liebe ist ein Gegenstand, über den sich niemand zu Ende spricht; ihre Jugend ist unverwelklich, selbst der Greis erinnert sich am Ende seiner Laufbahn noch mit Entzücken der Stunden, in welchen er im Morgenrote stand, das diese Gottheit um ihn her goß. Staaten und Familien werden durch diesen großen Magnet in ihrem Gange erhalten,[93] und die Schwärmerei einiger Philosophen ist ebenso natürlich als verzeihlich, wenn sie den Zusammenhang des ganzen Weltgebäudes durch eine große allgemeine Liebe erklären wollten.

Nur wenigen Menschen gelingt es, sich von dem Gesetze der Liebe frei zu machen und sie sind für unglücklich zu erklären; ihnen ist das Licht ausgelöscht, das uns armen Sterblichen durch das trübe Labyrinth des Lebens leuchten muß, sie stehen so albern und ohne Absicht in der Welt da, wie ein Tauber in einem Konzertsaale. – So weit die Sonne scheint, ist Liebe das reinste Element der menschlichen Seele und selbst der Grönländer und Hottentotte ergreifen dies reizende Band, um sich an die Gesellschaft der übrigen Menschen zu reihen.

Es ist sehr gewöhnlich, daß ein Verliebter (vorzüglich bei seiner ersten Liebe) meint, die ganze Welt sei für seine Leidenschaft blind. Das ganze Haus wußte schon, daß ich verliebt war, ehe ich es mir noch selbst gesagt hatte. Ganz vorzüglich richtete der Herr von Bärenklau seine Augen auf mich, die als die Augen eines Nebenbuhlers noch unendlich scharfsichtiger waren, als die der übrigen Leute im Hause; er sprach von jetzt an entweder sehr kurz und unfreundlich mit mir, oder, wenn er mich nur irgend vermeiden konnte, ging er mir sorgfältig aus dem Wege; ohne es selbst zu wissen, tat ich das nämliche.

Louise hatte indes meine Liebe ebenfalls bemerkt, und sie näherte sich mir mit jedem Tage etwas mehr. Wir wurden oft ganz von ungefähr im Garten oder Zimmer in lange freundschaftliche Gespräche verwickelt, und ein jedes von uns trug redlich das Seinige dazu bei, das Gespräch so lange währen zu lassen, als es nur immer möglich war. Wie ein Feuerlärmen erschreckte mich oft die Stimme des Bedienten, der uns zum Essen abrief, und zu meinen Eleven und Lehrstunden ging ich mit so schwerem Herzen, als wenn ich in ein Gefängnis wandern müßte. Mein Zimmer kam mir eng und finster vor, die Gesellschaft eines jeden Menschen langweilig; während des Unterrichts hatte ich keine Ruhe und versprach mich in jeder Minute, wenn ich wußte, daß sie mit der Präsidentin im Garten war. Mit einem Worte ich lernte den schweren Dienst, zu welchem die meisten Menschen irgend einmal in ihrem Leben abgerichtet werden.

Der Herr von Bärenklau verlor seinen Witz und seine gute Laune. Er saß stumm und verdrüßlich bei Tische, oder blieb gar aus; er war zerstreut, sprach verkehrt, oder antwortete auf eine vorgelegte Frage gar nichts, indes ich, als der triumphierende Sieger, ihm gegenübersaß und mich in den muntern Augen Louisens[94] spiegelte, kaum aß und trank, wenig sprach und viel seufzte. –

Ich denke jetzt daran, daß diese Tischgesellschaft für den Präsidenten außerordentlich langweilig muß gewesen sein, denn auch Louise nahm nur an wenigen Sachen Anteil: damals aber fiel mir dieser Gedanke gar nicht ein.

An einem Nachmittage, als ich mit Louisen vorzüglich lange gesprochen hatte, begegnete mir der Herr von Bärenklau auf dem Saale, er schien mich diesmal gesucht zu haben, da er mir sonst immer auswich, und dies war auch wirklich der Fall.

»So in Eile, Herr Lebrecht?« fragte er mich.

»Daß ich nicht sagen könnte«, antwortete ich ihm halb verlegen: denn seine Gesellschaft war mir vorzüglich jetzt sehr zuwider, da ich den Kopf ganz voll von dem hatte, was ich soeben mit Louisen gesprochen hatte.

»Sie kommen von Louisen?« fragte er in einem halb spöttischen Ton.

»Ihnen aufzuwarten.«

Bärenklau: »Herr Lebrecht, ich kann es, und mag es Ihnen auch nicht länger bergen, daß Sie mich durch Ihre Vertraulichkeit mit Louisen aufs äußerste beleidigen.«

Ich stand ganz erschrocken vor ihm. – »Durch welche Vertraulichkeit?« wollte ich ihn fragen, aber in der Zerstreuung sagte ich: »Wieso?«

Bärenklau: »Weil ich sie liebe, weil sie es weiß, daß ich sie liebe: weil ich ihr meine Hand anbieten will.«

Ich war wie aus den Wolken gefallen.

»Und Sie«, fuhr mein Nebenbuhler hitziger fort, »kommen hieher, um auf eine sehr alberne Art die Rolle ihres Liebhabers zu spielen, um zu seufzen und zu schmachten, mir ihre Zuneigung zu entziehn, und – wer sind Sie? Was für ein Glück besitzen Sie, das Sie ihr anbieten könnten? – Sie sind Herr Lebrecht, und weiter nichts, und von Ihrer Liebe möchten Sie gar armselige Zinsen ziehn.«

Itzt hob ich nach und nach den Kopf in die Höhe, denn mein Blut fing an warm zu werden.

»Ich hoffe«, fuhr Bärenklau fort, »Sie werden unser Gespräch nicht vergessen, und dieser Herr Lebrecht wird mir nicht von neuem Ursach geben, mich über ihn zu beklagen.«

Er wollte gehn, als ich mich erhitzt zu ihm wandte. »Mein Herr«, sagte ich sehr zornig, »Sie haben kein Recht zu diesem Betragen, Sie nennen meinen Namen da mit einer Verachtung,[95] die mich beleidigen soll; Sie wollen mich den großen Unterschied unsers Standes fühlen lassen – aber wahrhaftig, ich habe ihn noch nie so wenig gefühlt, als gerade in diesem Augenblicke. – Ich habe mich meines bürgerlichen Namens nicht zu schämen und ich danke Gott sogar für diesen Namen, da er mir beständig eine Vorschrift meines Verhaltens sein kann. – Sind Sie denn wirklich auch auf Ihren Namen stolz? Bärenklau, Greifenhahn, und so manche adeliche Familiennamen sind nicht so unschuldig und löblich, als mein schlichter Name Peter Lebrecht! Sie deuten nur auf Raub und Mord und Unterdrückung. – Auf Ihre übrigen Äußerungen mag ich Ihnen gar nicht antworten, aber ich hoffe, Sie werden unser Gespräch nicht vergessen, und dieser Herr von Bärenklau wird mir nicht wieder Ursach geben, mich über ihn zu beklagen.«

Bärenklau sahe mich eine Weile an dann lachte er laut auf und ging lachend fort. – Ich ging in mein Zimmer und kam mir vor wie der große Alexander; ich ging lange heftig auf und ab, und setzte mich erst in einen Sessel zur Ruhe, als die Sonne der Vernunft durch den Nebel der Leidenschaften brach, und ich mir außerordentlich abgeschmackt vorkam. Ich nahm mir hunderterlei Sachen vor, machte Plane und verwarf sie wieder, und war den ganzen Tag, so wie den darauf folgenden, äußerst verdrüßlich. Doch hatte das alles den Erfolg, daß ich nun wenigstens mit mir selber über den Satz einig ward: ich sei wirklich verliebt.

Quelle:
Ludwig Tieck: Werke in vier Bänden, Band 1, München 1963, S. 92-96.
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