Achtes Kapitel
Eine Erzählung

[169] Es ist Zeit, daß ich wieder auf den interessanten Unbekannten komme.

Es fiel mir wieder ein, daß es denn doch im Grunde ein wunderbarer Mensch sein müsse, der sich ohne Umstände im schlechten, schmutzigen Wetter vor mir auf die Knie werfen könne. Es zieht nichts so sehr an, als etwas Wunderbares am Menschen, und ich warf es mir vor, daß ich mich nicht mehr um ihn bekümmert habe. – Wäre es meine Pflicht, mit an den gangbaren modernen Romanen zu arbeiten, so hätte ich mir wirklich keinen bessern Fund wünschen können, als diesen Unbekannten: die Erfindung, Plan, Anordnung der Charaktere, ganze Stellen, und wahrscheinlich auch Briefe, wären mir dann ordentlich ins Haus und vor die Füße gefallen, so, daß ich alles nur geradezu in die Druckerei hätte schicken dürfen, ohne zu besorgen, daß irgendein Rezensent nachher behauptete, es sei vieles, ja fast alles, aus andern längst bekannten Büchern entlehnt. Ich hatte ja die Natur und die Wahrheit selbst in meinem eigenen Zimmer verschlossen; ich hatte ihr selbst das Essen hinübergetragen, und ein Paar äußerst wehmütige Augen waren mir entgegen kommen. – Wie herrlich konnte sich nicht schon die Einleitung ausnehmen:


»Die Sonne ging unter. Ich ging in meinem Garten spazieren, um die letzten, sterbenden Akzente der Nachtigall zu vernehmen. Wunderbare Töne zogen durch das Laub, und meine ganze Seele erweiterte sich zur Sehnsucht, zur allgemeinen Bruderliebe: da drängte sich plötzlich eine unbekannte Gestalt aus den Gebüschen hervor, und stürzte mit einer wilden, verzweiflungsvollen Gebärde vor meinen Füßen nieder. – ›Rettung!‹ rief der Unbekannte, und hob die Hände empor an der rechten Hand entdeckt ich mit Entsetzen einen, ach! mir nur zu wohlbekannten Ring. – ›Woher?‹ rief ich stammelnd, u.s.w.«


Kann ein interessanter Roman besser anfangen? – Diese ganze Stelle lag mir schon im Gedächtnisse, und es war freilich viel hinzugelogen, z.B. die Geschichte mit dem Ringe, des Regenwetters war nicht erwähnt, meine Frau, mein Schwiegervater und Sintmal würden in einem solchen Roman eine alberne Rolle spielen, wenn sie nicht etwas idealisiert würden; ich hatte daher beschlossen, alle[169] diese Umstände wegzulassen, und mich und den Unbekannten nur recht interessant zu machen. Ich dachte schon an einen anlockenden Titel, der zugleich neu und originell wäre, als etwa:


»Der schwarze Ulrich gab sich alle Mühe, Geister zu sehn, wunderbar geschah es, und er geriet in die Orlaburg.

Erster Teil.

Berlin, bei ****«.


Als ich noch diese gottlosen Gedanken hegte, trat mir mein Freund Sintmal entgegen, und ich schämte mich vor seinem einfachen Gesichte so herzlich, daß ich sogleich den ganzen Plan aufgab, und nur nachher mit einem guten Freunde darüber scherzte, der vielleicht verräterischerweise meinen Einfall dem Verfasser der schwarzen Brüder mitgeteilt hat, der ihn, ohne zu säumen, ausführte. Ich hatte jetzt zu viel wahres Mitleiden mit dem Unbekannten, um albern zu tun.

Ich sah aber ein, daß er unmöglich so wie bisher verborgen bleiben könne; meine Hausgenossen mußten mit ihm bekannt werden, eben, damit er sicher wäre. Ich ging daher zu ihm und sagte ihm, daß er sich auf die Verschwiegenheit der Menschen, denen ich ihn vorstellen würde, so wie auf die meinige verlassen könne, daß ein zu ängstlich Geheimtun nur dazu dienen würde, die Aufmerksamkeit nach ihm hinzulenken. Er war mit allem zufrieden, was ich ihm vorschlug, und so führte ich ihn dann in die versammelte Gesellschaft, der ich den Vorfall erzählt hatte.

Der Unbekannte trat hinein, und verbeugte sich gegen alle sehr verbindlich, aber doch nach meiner Meinung etwas zu tief. Mein Schwiegervater musterte ihn vom Kopf bis zu den Füßen, und Sintmal nahm die Schlafmütze ab, weil ihn nichts so sehr als ein fremder Mensch geniert, besonders, wenn er ziemlich feine Sitten hat.

»Ich freue mich«, fing der Unbekannte an, »eine Gesellschaft kennenzulernen, in die ich von einem so edlen Manne eingeführt werde. – Sie werden erfahren haben, wie ich hier aufgenommen worden bin; und da mir ein Biedermann die Versicherung gegeben hat, daß ich mich auf Ihre allerseitige Verschwiegenheit verlassen kann, so trage ich kein Bedenken, Ihnen meine Geschichte und die Ursachen meiner Flucht anzuvertrauen.«

Die Benennung, Biedermann, fiel mir unangenehm auf.

»Ich bin überzeugt«, fuhr der Unbekannte mit einem wehmütigen Tone fort, »daß mein Schicksal fast einzig in seiner Art zu nennen ist: ich bin daher schon manchmal auf den Gedanken[170] gefallen, ob ich nicht zu meiner Rechtfertigung meine eigene Geschichte niederschreiben sollte.«

Hier ward ich sehr rot.

»Es ist wenigstens«, sprach der Unbekannte weiter, ohne auf mich zu merken, »mehr der Mühe wert, als so manche schale, langweilige Biographie, die uns die alltäglichsten Dinge weitläuftig erzählt, und wo der Verfasser immer noch überzeugt ist, daß eben diese Alltäglichkeiten das größte Interesse erregen müßten.«

Ich wußte mich kaum mehr zu lassen, denn es war gerade, als wenn auf mich und den ersten Teil meiner Lebensbeschreibung mit Fingern gewiesen würde; in dem Unbekannten saß gleichsam das ganze Lesepublikum personifiziert in meiner Stube, und hielt mir meine Unverschämtheit vor. – Der Unbekannte kehrte sich gar nicht daran, daß ich auf meinem Stuhle hin und her rückte, sondern ging nun zu seiner eigentlichen Geschichte über und erzählte folgendermaßen:

»Ich bin der einzige Sohn eines angesehenen und begüterten Edelmanns, dessen Namen ich Ihnen aber verschweigen muß. Mein Vater liebte mich unbeschreiblich, und seine Erziehung war, ich darf es wohl sagen, nur allzu sorgfältig, denn er gewöhnte mich zu einer Zartheit und Weichheit des Gefühls, die mir nachher unter den übrigen Menschen großen Schaden getan hat. Nichts wird in der Welt so sehr verkannt, als ein weiches Herz; nur wenige wissen es zu achten; dieses Wiedererkennen bleibt nur ein Regal der Unglücklichen; die Glücklichen stoßen ein solches Wesen zurück.

War es ein Wunder, daß ich bei dieser Zartheit die schönste der menschlichen Leidenschaften schon sehr früh kennenlernte? das Gegenteil wäre unbegreiflich gewesen. Ein Mädchen in der Nachbarschaft zog erst meine Aufmerksamkeit und bald meine ganze Liebe auf sich. Sie bemerkte mich bald, und welch ein glücklicher Abend war es, als die Sonne purpurrot hinter dem Tannenberge unterging, und ich den ersten Kuß von ihren Lippen pflückte!

Ich übergehe die Geschichte meiner Liebe, des schönsten Frühlings meines Lebens. Im Herbste macht die Erinnerung des holdseligen Mais nur trübe Augenblicke. Ich schweige ebenfalls von manchen wunderbaren Vorfällen, um Ihre Geduld nicht zu ermüden. In einer weitläuftigern Erzählung würde es vielleicht Teilnahme erregen, aber jetzt will ich Ihnen nur sagen, was mich bewog, Ihren Schutz zu suchen.

Das Mädchen war arm, und ich wagte es daher nie, meinem[171] Vater meine Liebe zu entdecken: trotz seiner Zärtlichkeit waren mir seine Plane sehr gut bekannt, ich hätte dadurch seine schöne Aussicht getrübt, und so mußte ich lernen, mich zu verstellen, bis ich endlich das Zutrauen zu ihm wirklich verlor.

Ich hatte einen Freund, den ich wie mich selber liebte: er war von Kindheit auf mit mir umgegangen, und wir erzeigten uns beide jede nur mögliche Gefälligkeit. Wie erschrak ich aber, als er mir eines Tages vertraute, daß er dasselbe Mädchen liebe, das ich mir auserkoren hatte. Da er nichts von meinem Verhältnisse mit ihr wußte, so bat er mich, sein Fürsprecher bei ihr und dein Vater zu sein, weil er es nicht selber wage, für sich zu reden. Ich war oft in jenem Hause, und in der Verwirrung tat ich das unbesonnene Versprechen; ich sah die Unmöglichkeit ein, daß Adelaide jemals die meinige werden könne; ich nahm mir daher übereilterweise vor, meine Seligkeit dem Glücke meines Freundes aufzuopfern. – Aber bald gereute mich dieser zu rasche Entschluß, der, wie ich einsahe, ihm auch nicht einmal von Nutzen sein konnte, denn Adelaide liebte mich; ich wagte es aber nicht, ihm dies zu sagen, und dadurch erzeugte sich nach und nach ein zurückhaltendes Betragen gegen meinen Freund, das ich mir nie vergeben werde. Ich hielt ihn immer mit der Hoffnung hin, daß er seine Wünsche wohl noch erfüllt sehn könnte; ich täuschte ihn durch leere Worte, und so verging ein ganzes Jahr, während welchem mein Vater starb.

Meine Wünsche standen nun in meiner Gewalt, und ich benutzte meine Freiheit dazu, um Adelaiden anzuhalten, die mir auch sogleich bewilligt ward. Es war unmöglich, meinem Freunde diesen Schritt zu verbergen, der sogleich zur größten Wut überging. Er hielt mich für einen Menschen, der ihn verraten, und sein Vertrauen gemißbraucht habe; er wußte es nicht, wie vielen Kampf, wie vielen Schmerz mich mein Zustand gekostet hatte; er sah und hörte nur seinen Zorn. Kurz, er foderte mich, und alle meine Vorstellungen halfen nichts; in der unglücklichsten Stunde meines Lebens mußte ich meinen Freund erstechen, der mich noch sterbend verfluchte. – Ich entfloh sogleich; die Verwandten des jungen Menschen verfolgten mich, sosehr sie nur konnten; sie streuten wunderbare Gerüchte aus, um meiner nur habhaft zu werden: ich wußte kein anderes Mittel, ich verkleidete mich, bis mir seit einigen Tagen meine Verfolger so nahe waren, daß ich ihnen nur entgehn konnte, wenn ich mich einige Zeit verborgen hielt. – Aus dieser Ursach sucht ich bei Ihnen einen Zufluchtsort. –[172]

Ich habe seitdem gehört, daß auch Adelaide vor Schrecken und Gram gestorben sei: ich halte aus vielen Gründen diese Nachricht für Wahrheit. – Jetzt bin ich nur noch allein übrig. – –«

Er fing heftig an zu weinen, und verließ schnell die Gesellschaft. – Hannchen, die sehr gerührt war, ging ebenfalls fort.

Quelle:
Ludwig Tieck: Werke in vier Bänden, Band 1, München 1963, S. 169-173.
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