Viertes Kapitel
Eine Unterredung mit meinem Schwiegervater

[145] Ich wünschte nicht, daß der Leser sich viele Vorfälle und Begebenheiten in dieser kleinen Erzählung verspräche, denn wenigstens bis jetzt ist mir noch nichts Außerordentliches aufgestoßen ja selbst der erste Teil wird gegen diesen zweiten und dritten eine wahre Weltgeschichte sein, reich an Abenteuern und Entwickelungen. Ich wünschte, daß die Leser einen gewissen Sinn für Kleinigkeiten mitbrächten, aber ich fürchte, daß es nicht geschieht, denn dieses Talent scheint gänzlich bei ihnen verloren.

Diesen Sinn für Kleinigkeiten nenne ich ein Talent, und wie ich glaube, mit Recht. Es gibt eine Fähigkeit in der Seele, sich für geringscheinende Gegenstände zu interessieren, und eine Art von Freundschaft für sie zu gewinnen. Bei Menschen, die in einer stillen Eingezogenheit, in einem kleinen Kreise, von der größern Welt entfernt, sich und ihren Angehörigen leben, bemerken wir diese Fähigkeit vorzüglich, und oft in einem so hohen Grade, daß sie[145] wieder zum unerträglichen Fehler wird. Mit einer hohen Eigenliebe verbunden, entsteht daraus der Geist der Kleinlichkeit, der auf jede Sache einen zu hohen Wert legt, und bloß aus der Ursach, weil sie mir zugehört; man verachtet alles Fremde, und bloß deswegen, weil es mir nicht gehört; man kann andre durch stundenlanges Geschwätz über Nichtswürdigkeiten ermüden, und es übel empfinden, wenn jene keinen hohen Anteil daran nehmen wollen. – Doch diese Schwachheit mein ich nicht, und hatte nicht im Sinne, sie ein Talent zu nennen, das einer Ausbildung fähig wäre.

Sondern ich meine jenen liebenswürdigen poetischen Sinn, der in den bekannten Gegenständen stets etwas Neues und Anziehendes entdeckt, der sich von allem Fremden mit einer Art von Widerwillen zurückzieht, und erst darauf wartet, daß es ihm auch befreundet werden soll. Mit Innigkeit hängen diese Menschen so gebildet an allen Gegenständen, die sie umgeben, oder die sie in Dichtern beschrieben finden, sie lieben jeden Baum und jedes Gebüsch, jeden dargestellten Charakter, sobald er aus der Natur genommen ist, mit der sie vertraut sind.

Die meisten Leser aber haben einen Widerwillen gegen die Welt, die sie umgibt; sie haben kein poetisches Auge, und ihre innerliche Langeweile spiegelt sich daher in allen Gegenständen; sie suchen in der Weite ein fernliegendes Interesse, und die meisten neuern Schriftsteller bestreben sich um die Wette, diesen dunkeln unverständlichen Trieb zu befriedigen. Sie überhäufen die überspannte und eben darum erschlaffende Phantasie mit schlecht zusammenhängenden Abenteuerlichkeiten, mit einem ganzen Heere von wunderbaren Geschöpfen, die aber, trotz ihrer seltsamen Karikatur, keine Originalität und keine überzeugende Natur haben.

Wird sich denn die Lesewelt aber immer nur an Schlachten und fürchterlichen Mordgeschichten laben? Müssen in jedem Ritterromane die Tugendhaften und Bösewichter zu Scharen fallen, damit der hartherzige Leser nur gerührt werde? Muß die Szene immer in fernen Ländern oder in einer wunderbaren Vorzeit liegen, um Teilnahme zu erwecken? – Bei dieser Lektüre muß die Erschlaffung immer zunehmen, und die Spannung des Schriftstellers muß immer erzwungener werden; die größten Wunder werden am Ende gewöhnlich, die ungeheuersten Charaktere alltäglich, es müssen daher neue, noch unsinnigere erfunden werden. Wir spotten über Lohenstein, über viele der altdeutschen Romane; wir lachen mit Cervantes über den Unsinn der Ritterbücher,[146] und doch liest ein großer Teil von eben diesen Menschen das Turnier zu Nordhausen, den klugen Alten, den braunen Robert. Ich habe nur einige Blicke in diese Bücher geworfen, und bin darüber erstaunt, nicht gerade, daß sie so geschrieben sind, sondern, daß solcher Unsinn schwarz auf weiß existiert; nur noch vor zehn Jahren würde man diese Mißgeburten einer leeren Phantasie für offenbaren Wahnwitz erklärt, und niemand es eines Blicks gewürdiget haben. Die gewöhnlichen Leser sollten ja nicht über jene Volksromane spotten, die von alten Weibern auf der Straße für einen und zwei Groschen verkauft werden, denn der gehörnte Siegfried, die Haimonskinder, Herzog Ernst und die Genoveva haben mehr wahre Erfindung, und sind ungleich reiner und besser geschrieben, als jene beliebten Modebücher. – Will der Leser mir nicht auf mein Wort glauben so mag er jene schlecht gedruckten und verachteten Geschichten selber nachlesen, und wenn sein Geschmack noch nicht ganz und gar zugrunde gegangen ist, so wird er diesen vor jenen den Vorzug geben.

Ich kann mir aber vorstellen, wie erbittert alles auf mich ist, was mich liest; ich muß daher nur auf irgendeine Art den Leser wieder freundlich zu machen suchen, ich muß mich nur seinem Spott und seiner Satire preisgeben. Ich habe schon lange eine Gelegenheit gesucht, ein Geständnis abzulegen, und hier ist, dünkt mich, die schicklichste. Ich habe nämlich ein Manuskript liegen, welches nächstens im Druck unter dem Titel: Volksmärchen, erscheinen wird, und welches nichts als wunderbare und abenteuerliche Geschichten enthält. Der Leser muß dies für keinen Scherz aufnehmen, sondern es ist mein vollkommener Ernst, und das Buch wird selbst nächstens bei dem Verleger dieser Erzählung herauskommen. Ich hoffe, ich habe durch diese Ankündigung so viele Blößen gegeben, daß der Leser sich unmittelbar mit mir aussöhnen wird; denn wie habe ich nun noch recht, die gangbaren Produkte zu verspotten, da ich selber Beiträge zu ihrer Vermehrung liefere? – Wem daher dieses Buch nicht gefällt, der mag mit jenem zukünftigen den Versuch machen, denn es ist bei mir selbst der Zweifel aufgestiegen, ob ich auch wohl die Kunst verstünde, jene Kleinigkeiten, von denen ich vorher sprach, interessant zu machen. – Mein Schwiegervater ist mit allem, was ich ihm zuweilen von meinen Manuskripten vorlese, unzufrieden aber ich will wünschen und hoffen, daß keiner von meinen Lesern ein so scharfer Kritiker sei, als er, denn er geht wirklich mit meinen Produkten ganz unbarmherzig um. Das schlimmste ist, daß er gar keinen Geschmack hat, und keine einzige von den gewöhnlichen[147] Regeln und Formeln auswendig weiß, die unsre Halbkenner immer gleich zum besten geben, denn sonst würde er gewiß manches vortrefflich finden, was ihm eigentlich Langeweile machte; der gewöhnliche Geschmack dient nicht dazu daß wir an den Werken der Kunst Geschmack finden, sondern er bringt nur die nötige Scham hervor, so, daß wir es uns und andern nicht zu gestehn wagen, wie kalt sie uns lassen. – Ich weiß daher manchmal gar nicht, was ich mit meinem Schwiegervater anfangen soll, weil er gar nicht durch Widerlegung zum Stillschweigen zu bringen ist. Wenn man ihm etwas vorliest, so setzt er sich und hält beide Ohren aufmerksam hin; wird er gerührt und hingerissen, so ist es gut; wo nicht, so gefällt ihm das Buch nicht. – Ich habe ihm schon manche Regeln beibringen wollen, aber es verfängt bei ihm nichts, es ist und bleibt ein wahrer Dilettant.

Um dem Leser zu zeigen, wie unrecht mir oft Vater Martin tut, will ich nur eine Unterredung hieher setzen.

Es war ein schöner Sommertag und ich ging im Walde umher, und dachte eben auf eine neue Erzählung zu den Volksmärchen. Die Wipfel der Bäume rauschten ehrwürdig, und das Gebrause kam aus der Ferne, ging über mir hinweg, und verlor sich an der Grenze des Forstes; wie ein Chorgesang der Natur schallte es durch alle Bäume und seltsam funkelte auf dem Boden das zerstreute Sonnenlicht durch die dichtverflochtnen Zweige. – Meine Phantasie war bald von jenen abenteuerlichen Gegenständen zurückgezogen, und ich betrachtete mit stiller Aufmerksamkeit die Natur, die mich umgab. Ich fühlte mich, wie von einem Tempel Gottes eingeschlossen, wo alle säuselnden Gebüsche, alle Zweige mir ihn und die Menschenliebe nannten. Eine seltsame Wehmut ergriff mich, als ich an die Torheiten und mannigfaltigen, unzähligen Leiden des Menschengeschlechtes dachte, wie sie sich alle selbst mit einem ewigen Kriege verfolgen, wie ein unzähliges Heer von Krankheiten und Schmerzen an der Grenze des engen Lebens lauern, und in jedem Augenblicke einzubrechen drohen wie der Mensch, wie ein geängstigtes Wild, sich durch die Gebüsche windet, und immer hinter sich sieht, und plötzlich doch der Tod ihm entgegentritt, und schadenfroh in die kalten Arme auffängt. Ich bemitleidete und liebte alle Menschen, ich vergab allen, die mich je gekränkt hatten; ich beschloß in diesen Stunden allen ihren Torheiten nachzusehen, jede Eitelkeit zu dulden, weil sie doch am Ende nur ein bunter Putz ihrer kläglichen Existenz ist; wenn er ihnen nun gefällt, was kann es mich weiter kümmern? –[148]

Mein Herz dehnte sich in mir so aus, daß ich unsichtbare Tränen weinte. Diese Stunden der reinen Wehmut sind die hohen Festtage der menschlichen Seele, in der sie einen heiligen, dunkeln Tempel besucht, und sich von allem Irdischen reinigt. –

Als ich in der Begeisterung meine trunkenen Augen wieder aufschlug, sah ich ein Geschöpf, das sich in den rasselnden verdorrten Gesträuchen bewegte. Es war eine arme Frau, achtzig Jahr alt, die hier mühsam dürre Reiser sammelte, um sich in ihrer Hütte ein kleines Feuer zu bereiten. »Ach! die Unglückselige!« sagte ich zu mir selber. »Ihre Seele darf sich jetzt nicht in diesen hohen Empfindungen sonnen, denn ihr Körper seufzt unter der Knechtschaft der Armut, sie bettelt als ein Sklave ein Almosen von der Natur, statt sie als Freund zu besuchen.« – Ich fühlte meine Bequemlichkeit und mein Glück, ich näherte mich der Alten, und gab ihr, was ich bei mir hatte.

Ich fühlte plötzlich den Wert des Lebens und seiner Freuden. Zitternd und kummervoll stand sie an der Grenze, und hatte vielleicht nur wenig genossen; sie war vielleicht durch eine harte Schule gegangen, um die Resignation zu lernen, auf keine Freude zu hoffen, und Glück für etwas anzusehen, das sich mit ihrem Dasein gar nicht vertrüge. – Wie kümmerlich hatte sie dann ihre Existenz bis zu diesem Augenblicke geschleppt wie waren alle Träume und bunten Bilder des Lebens, die Jugend, die Gesundheit, Kraft und Munterkeit nach und nach von ihr abgefallen, wie einsam stand sie nun an der letzten Stelle. –

Ich ging weiter nach einer alten, großen Linde, meinem Lieblingsplatze im Walde. – Hier setzte ich mich nieder, und lehnte mich an den Stamm des Baumes. – Der Wind hatte Nachtschmetterlinge aus den Zweigen geschüttelt, und sie lagen betäubt und schlafend am Boden, und zuckten nur zuweilen mit den Füßen. – »Sie krümmen sich nun«, so sagte ich zu mir selbst, »und wälzen sich in dumpfer Betäubung, bis die Sonne untergeht, und der Mond herauftritt; sie schlafen nicht und wachen nicht. Ist dies nicht vielleicht ein Bild unsers rätselhaften Lebens? Liegen wir nicht ebenso am Boden gefesselt, und kämpfen und ringen mit uns selbst? Der Tod ist vielleicht der Untergang der Sonne, und wir erwachen wieder, und bewegen uns froh und frei.«

Wie merkwürdig kann uns zuweilen ein Platz von einem Quadratschuhe werden! Wenn wir unser Auge einmal auf diesen kleinen Raum beschränken, so entdecken wir auch hier wunderbare Begebenheiten und merkwürdige Revolutionen. – Schwarzes Gewürm zieht emsig und eilfertig wie Pilgrime seiner[149] entfernten Heimat zu; sie arbeiten sich auch vielleicht durch die Grashalme, ohne zu wissen, wohin sie wollen, so wie der Mensch; Ameisen wühlen sich in den Boden, und schleppen sich in lächerlicher Tätigkeit mit Sandkörnern und kleinen Steinen; sie weichen sorgfältig andern, mächtigern Insekten aus, die sie in der Ferne wittern. Wunderbare Gräser stehn umher, und bilden für diese Erdbewohner, die noch dichter als wir, am Boden liegen, große Wälder. – Hier lagen Johanniswürmchen auf ihren roten Flügeldecken, und konnten sich bei allem Bestreben nicht wieder umkehren: ich konnt es nicht unterlassen, sie wieder aufzurichten; knisternd schlugen sie ihre Flügel auseinander und flogen fröhlich davon, um vielleicht von einem kleinen Windstoß angewehet, drei Schritte von mir von neuem auf den Rücken zu fallen, um sich von neuem zu quälen.

Zu meinen Füßen war eine kleine Sandstrecke, die sich einige Fuß lang zwischen dem grünen Grase hinzog. Ein kleines Gewürm arbeitete sich mit vergeblicher Anstrengung durch diese Arabische Wüste; der Sand gab immer wieder unter seinen gekrümmten Füßen nach, und es gleitete immer wieder von jedem kleinen Hügel herunter. In der Mitte lag ein verdorrtes, gebogenes Lindenblatt; diese Insel erreichte es endlich. Emsig kroch es bis an die Spitze, und streckte dann seine Fühlhörner schnell und ängstlich in die weite, dicke Luft, als wenn es nach dem Baume fühlte, zu welchem dieses Blatt gehörte. Das Insekt ging zurück und traf unten den Sand wieder an, und nahm von neuem zum Blatte seine Zuflucht, und suchte ängstlicher wie vorher mit seinen Fühlhörnern einen Ankergrund. – In diesem Augenblicke ward mir dieser Wurm so teuer und befreundet, sein Schicksal ging mir so nahe; ich machte den Versuch, mein Auge abzuwenden, aber es kam unwillkürlich zurück; der gewöhnliche Stolz der Menschen flüsterte mir zu: ich solle mich schämen, und kein Kind sein; – aber alles hatte mich wehmütig gestimmt, das Gewürm krümmte sich noch immer auf dem verdorrten Blatte; ich hob es mit diesem auf und setzte es wieder auf seinen einheimischen Baum.

Jeder Leser, der in der Stadt wohnt, wird über mich lachen. – Freilich können wir Menschen leichter bemitleiden, weil wir in uns selbst ihr Unglück empfinden, mit einem ebenso geformten Herzen, mit dem sie ihre Leiden fühlen; aber in einer feinern Stimmung mag der Mensch auch einmal so schwach sein, und ein anderer ihm diese Schwäche verzeihen, daß er sich mit seinem Mitgefühl zu den verlassenen und einsam wandelnden Tieren[150] hinabtaucht, es wird wenigstens sein Herz für die Leiden seiner Brüder um so empfänglicher machen. Ich mag mich wohl neben Lämmern niedersetzen und ihnen Gras zum Futter abreißen.

Ich setzte mich nachher an einer andern Stelle nieder, und schrieb folgendes in meine Schreibtafel:

»Große und heilige Natur! in deinen Hallen wandelt der Mensch, und lernt von Stauden und Bäumen, sein Auge ruht wie ein Fühlhorn am blauen Himmel, und sucht nach dem, nach welchem sich sein Herz in der Brust ausstreckt. Dann wird er selbst zum Priester dieses Tempels eingeweiht; mit Tränen endigt er die Feierlichkeit. Durch Menschenliebe predigt er zu andern Menschen, durch Trost, durch Mitleid und Hülfe. – Wer kann die unendliche Liebe nicht fühlen, die über uns ausgespannt ist, und uns auf dieser Welt mit Zärtlichkeit gefangenhält? Wer kann sein Herz so sehr versteinern, daß es nicht einen kleinen Teil dieser allgemeinen Liebe in sich aufnehme?« –

Am Abend endete sich mein Gespräch mit meinem Schwiegervater durch einen Zufall so, daß ich das Blatt nahm, und diese Worte meiner Frau und ihm vorlas; meine Stimmung aber war jetzt fort, und ich schämte mich nun wirklich zu erzählen, wodurch ich bewogen worden, diesen Gedanken niederzuschreiben. Das Zarteste verfliegt schnell wieder, und ist nur die Blüte eines Augenblicks, und nachher kömmt es uns seltsam vor, daß eben das Wesen, welches ißt und trinkt, etwas so Feines habe fühlen, in einer so erhöhten Stimmung habe sein können und wollen; wir zweifeln dann selbst an der Wahrheit, und schämen uns davon zu reden, weil dieses Gefühl schon in Worte gebracht, mit dem übrigen menschlichen Leben in einem fast lächerlichen Verhältnis steht.

Hannchen weinte, als ich geendigt hatte, ich weiß nicht, durch welche Kombination der Ideen; aber mein Schwiegervater schüttelte stillschweigend mit dem Kopfe.

Ich: Dieser Gedanke scheint Ihnen nicht zu gefallen.

Martin: O ja, es ist ganz gut; – aber es fehlt noch so was darinnen – was ich aber nicht sagen kann.

Ich: Es sollte vielleicht in Versen sein?

Martin: Ach, warum nicht gar! – Dann würde es mir noch weit weniger gefallen. – Es ist 'ne Leere darin, es fehlt hinten und vorne. – Wenn man so was hört und liest, so ist das ganz gut und löblich; aber solche Sachen sind wie in der Betrunkenheit geschrieben, und der Nüchterne fühlt wohl, was es sein soll, aber er kann nicht nach.

[151] Ich: Sie halten es also für übertrieben?

Martin: Nein doch; aber ich versteh mich nur nicht auszudrücken. – Es ist wahr und gut, aber es müßte auch die andere Seite mit darin sein; das Ordinäre, wie einem gewöhnlich zumute ist, und das Gewöhnliche muß dann das Ungewöhnliche mit hinunterbringen helfen. – Wenn man so manche Bücher und manche Beschreibungen von der Natur liest, so sollte man meinen, wenn man nun aufs Land käme, so hätte man da das klare Himmelreich, man brauchte nur den Kopf in die Natur hineinzuhalten, so wäre man schon der edelste und beste Mensch. – Wenn man nun selbst in diesem sogenannten Zustande der Natur lebt, wenn man in allem so recht zu Hause ist, so kommen einem alle diese Beschreibungen so kurios vor, daß man sich und die Natur gar nicht darin wiedererkennt. Bei einem einzigen Abendbrote unter den Knechten würde allen diesen Herren die Begeisterung verrauchen. – Das ist mehr Kunst, alles Natürliche so recht nach der Natur zu schildern, und einem denn doch, wie mit Sonnenschein einzuwickeln, daß man nur das sieht, was man sehen soll, und jeder Baum wie mit einem neuen Grün gefärbt ist. Das ist aber nur wenigen gelungen. –

Ich merkte jetzt, daß mein Schwiegervater eben das meine, was ich beim Anfange dieses Kapitels gesagt habe, daß man nicht suchen müsse, sich vom Gewöhnlichen zu entfernen. Ich sah ein, daß meine Stimmung doch etwas zu zart ausgesponnen war, und daß es ein feinerer und höherer Genuß sei, die gewöhnlichen Empfindungen zu veredeln und in der trockensten Prosa des Lebens die reinste und schönste Poesie zu finden. – Unsere Schriftsteller suchen immer das sogenannte Poetische abzusondern, und zu einem für sich bestehenden Stoff zu machen; sie trennen dadurch die Einheit, und können uns nur einen einseitigen Genuß verschaffen; denn wem ist es unter den Deutschen gegeben, so wie Goethe zu schreiben?

Quelle:
Ludwig Tieck: Werke in vier Bänden, Band 1, München 1963, S. 145-152.
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