Achtes Kapitel

[903] Das Bildnis der Gräfin und des fremden Ritters war beendigt, sie war sehr zufrieden, und belohnte den Maler reichlicher, als es beide Freunde erwartet hatten.

Franz erstaunte oft in einsamen Stunden über sich selber, über die Ungenügsamkeit, die ihn peinigte. Er betrachtete dann mit wehmütiger Ungeduld das Bild seiner ehemaligen Geliebten, er wollte sie seiner Phantasie in aller vorigen Klarheit zurückzaubern, aber sein Geist und seine Sinne waren wie mit ehernen Banden in der Gegenwart festgehalten.

»Bravo!« sagte an einem Morgen Rudolph zu seinem Freunde, »du gefällst mir, denn ich sehe, du lernst von mir. Du ahmst mir nach, daß du auch eine Liebschaft hast, die deine Lebensgeister in Tätigkeit erhält, glaube mir, man kann im Leben durchaus nicht anders zurechtkommen. So aber verschönert sich uns jede Gegend, der Name der Dörfer und Städte wird uns teuer und bedeutend, unsre Einbildung wird mit lieblichen Bildern angefüllt, so daß wir uns allenthalben wie in einer ersehnten Heimat fühlen.«

»Aber wohin führt uns dieser Leichtsinn?« fragte Franz.

»Wohin?« rief Rudolph aus, »o mein Freund, verbittere dir nicht mit dergleichen Fragen deinen schönsten Lebensgenuß, denn wohin führt dich das Leben endlich?«

»Aber die Sinnlichkeit«, sagte Franz, »hörst du nicht jeden rechtlichen Menschen schlecht davon sprechen?«

»Oh, über die rechtlichen Menschen!« sagte Florestan lachend, »sie wissen selbst nicht, was sie wollen. Der Himmel gibt sich[903] die Mühe, uns die Sinnen anzuschaffen, nun, so wollen wir uns deren auch nicht schämen, nach unserm löblichen Tode wollen wir uns dann mit des Himmels Beistand zur Freude besser gebärden.«

»Was war das für ein Mädchen«, fragte Franz, »das du in der Gegend von Antwerpen besuchtest?«

»Oh, das ist eine Geschichte«, antwortete jener, »die ich dir schon lange einmal habe erzählen wollen. Ich war vor einem Jahre auf der Reise, und ritt übers Feld, um schneller fortzukommen. Ich war müde, mein Pferd fing an zu hinken, die Meile kam uns unendlich lang vor. Ich sang ein Liedchen, ich besann mich auf hundert Schwänke, die mich in vielen andern Stunden erquickt hätten, aber alles war vergebens. Indem ich mich noch abquäle, sehe ich eine hübsche niederländische Bäuerin am Wege sitzen, die sich die Augen abtrocknet. Ich frage, was ihr fehlt, und sie erzählt mir mit der liebenswürdigsten Unbefangenheit, daß sie schon so weit gegangen sei, sich nun zu müde fühle, noch zu ihren Eltern nach Hause zu kommen, und darum weine sie, wie billig. Die Dämmerung war indes schon eingebrochen, mein Entschluß war bald gefaßt: ohne weiter um Rat zu fragen, bot ich ihr das müde Pferd an, um bequemer fortzukommen. Sie ließ sich eine Weile zureden, dann stieg sie hinauf, und setzte sich vor mich: ich hielt sie mit den Armen fest. Nun fing ich an, die Meile noch länger zu wünschen, der niedlichste Fuß schwebte vor mir, von der Bewegung entblößt, die frische rote Wange dicht an der meinigen, die freundlichen Augen mir nahe gegenüber. So zogen wir über das Feld, indem sie mir ihre Herkunft und Erziehung erzählte: wir wurden bald vertrauter, und sie sträubte sich gegen meine Küsse nicht mehr.

Nun wurde es Nacht, und die Bangigkeit, die sie erfüllte, erlaubte mir, dreister zu sein. Endlich kamen wir in der Nähe ihrer Behausung, sie stieg behende herunter, wir hatten schon unsre Abrede genommen. Sie eilte voraus, ich blieb eine Weile zurück, dann zwang ich mein Pferd, in einer Art von Galopp mit mir vor das Haus zu sprengen. Es war ein altes weitläuftiges Gebäude, das abseits vom übrigen Dorfe lag; das Mädchen kam mir entgegen, ich trat als ein verirrter Fremdling ein, und bat demütig um ein Nachtlager. Die Eltern bewilligten es mir gern, die Kleine spielte ihre Aufgabe gut durch, sie zeigte mir verstohlen, daß sie neben der Kammer schlafen würde, die man mir einräumte; sie wollte die Tür offen lassen. Das Abendessen, die umständlichen Gespräche wurden mir sehr lang, endlich ging[904] alles schlafen, meine Freundin aber hatte in der Wirtschaft noch allerhand zu besorgen. Ich betrachtete indessen meine Kammer, sie führte auf der einen Seite nach dem Schlafzimmer des Mädchens, auf der andern in einen langen Gang, dessen äußerste Tür geöffnet war. Freundlich schien durch diese die runde Scheibe des Mondes, das schöne Licht lockt mich hinaus, ein Garten empfängt mich. Ich durchwandere auch diesen, gehe durch ein Gattertor, und verliere mich voller Erwartungen im Felde.

Man ist indessen sorgsam gewesen, alle Türen zu verschließen, es war das letzte Geschäft des Vaters, nach allen Riegeln im Hause zu sehn. Bestürzt komme ich zurück, die Gartentür ist verschlossen; ich rufe, ich klopfe, niemand hört mich, ich versuche überzusteigen, aber meine Mühe war vergebens. Ich verwünsche den Mond und die Schönheiten der Natur, ich sehe die Freundliche vor mir, die mich erwartet und mein Zögern nicht begreifen kann.

Unter Verwünschungen und unnützen Bemühungen sah ich mich genötigt, den Morgen auf dem freien Felde abzuwarten: alle Hunde wurden wach, aber kein Mensch hörte mich, der mich eingelassen hätte. Oh, wie segnete ich die ersten Strahlen des Frührots! Die Alten bedauerten mein Unglück, das Mädchen war so verdrüßlich, daß sie anfangs nicht mit mir sprechen wollte, ich versöhnte sie aber endlich, ich mußte fort, und versprach ihr, auf meiner Rückreise von England sie gewiß wieder zu besuchen. Und du sahst damals, daß ich ihr auch Wort hielt.

Ich kam an: schon sah ich mit Verdruß und klopfendem Herzen den Garten mit der mir so wohlbekannten Mauer, schon suchte mein Auge das Mädchen, aber die Sachen hatten sich indessen sehr verändert. Sie war verheiratet, sie wohnte in einem andern Hause, und was das Schlimmste war, sie liebte sogar ihren Mann; als ich sie besuchte, bat sie mich mit der höchsten Angst, doch ja je eher je lieber wieder fortzugehn. Ich gehorchte ihr, um ihr Glück nicht zu stören. – Siehst du, mein Freund, das ist die unbedeutende Geschichte einer Bekanntschaft, die sich ganz anders endigte, als ich erwartet hatte.«

»Dir geschieht schon recht«, sagte Franz, »wenn du manchmal für deinen übertriebenen Mutwillen bestraft wirst.«

»Oh, daß ihr allenthalben Übertreibungen findet!« rief Florestan aus, »ihr seid immer besorgt, euch in allen Gedanken und Gefühlen zu mäßigen. Aber es gelingt niemals und ist unmöglich, in einem Gebiete zu messen und zu wägen, wo kein Maß[905] und Gewicht anerkannt wird. Es freut mich, dich auch einmal verliebt zu sehn.«

Franz sagte: »Ich weiß nicht, ob ich verliebt bin, aber du ängstigest mich mit deinen Reden; wozu wäre es auch, da wir so bald abreisen müssen?«

Florestan lachte, und gab ihm gar keine Antwort. – »Nun, wie haben dir die neulichen Lieder gefallen?« sagte er, »und die Lichter, der Wald? Nicht wahr, es war der Mühe wert, fröhlich zu sein?«

»Du marterst mich nur«, sagte Sternbald, als Rudolph geendigt hatte, »sprich wie du willst, ich werde niemals deiner Meinung sein. Man kann sich in einem leichtsinnigen Augenblicke vergessen, aber wenn man freiwillig den Sinnen den Sieg über sich selbst einräumt, so erniedrigt man sich dadurch unter sich selbst.«

»Du willst ein Maler sein, und sprichst so?« rief Rudolph aus, »oh, laß ja die Kunst fahren, wenn dir deine Sinnen nicht lieber sind, denn durch diese allein vermagst du die Rührungen hervorzubringen. Was wollt ihr mit allen euren Farben darstellen und ausrichten, als die Sinnen auf die schönste Weise ergötzen? Durch nichts kann der Künstler unsre Phantasie so gefangennehmen, als durch den Reiz der vollendeten Schönheit, das ist es, was wir in allen Formen entdecken wollen, wonach unser gieriges Auge allenthalben sucht. Wenn wir sie finden, so sind es auch nicht die Sinne allein, die in Bewegung sind, sondern alle unsre Entzückungen erschüttern uns auf einmal auf die lieblichste Weise. Der freie unverhüllte Körper ist der höchste Triumph der Kunst, denn was sollen mir jene beschleierten Gestalten? Warum treten sie nicht aus ihren Gewändern heraus, die sie ängstigen und sind sie selbst? Gewand ist höchstens nur Zugabe, Nebenschönheit. Das griechische Altertum verkündigt sich in seinen nackten Figuren am göttlichsten und menschlichsten. Die Dezenz unsers gemeinen prosaischen Lebens ist in der Kunst unerlaubt, dort in den heitern, reinen Regionen ist sie ungeziemlich, sie ist unter uns selbst das Dokument unsrer Gemeinheit und Unsittlichkeit. Der Künstler darf seine Bekanntschaft mit ihr nicht verraten, oder er gibt zu erkennen, daß ihm die Kunst nicht das Liebste und Beste ist, er gesteht, daß er sich nicht ganz aussprechen darf, und doch ist sein verschlossenes Innerstes gerade das, was wir von ihm begehren.«

In einigen Tagen war ihre Abreise beschlossen; die Gräfin hatte den versprochenen Brief an die italienische Familie geschrieben, den Sternbald mit großer Gleichgültigkeit in seine[906] Brieftasche legte; er zeigte ihn auch seinem Freunde nicht, sondern war sogar ungewiß, ob er ihn abgeben solle.

Als sie das Schloß verlassen hatten, als beide Freunde sich auf der weiten Heerstraße befanden, war Rudolph nachdenklich, weniger fröhlich und leichtsinnig, als man ihn sonst sah, er schien Erinnerungen zu bekämpfen, die ihn beinahe schwermütig machten.

»Kein Mensch«, rief er endlich aus, »kann seine frohe Laune verbürgen, es kommen Augenblicke und Empfindungen, die ihn wie in einem Kerker verschließen, und ihn nicht wieder freigeben wollen. Ich denke eben daran, wie ohne Not und ohne Zweck ich mich hier herumtreibe, und indessen das vernachlässige, was doch das einzige Glück in der Welt ist. Wahrlich, ich könnte in manchen Augenblicken so schwermütig sein, daß ich weinte, oder tiefsinnige Elegien niederschriebe, daß ich auf meinen Instrumenten Töne hervorsuchte, die in Steine und Felsen Mitleiden hineinzwängen. Oh, mein Freund, wir wollen uns nicht mit unnützem Gram den gegenwärtigen Augenblick verkümmern, diese Gegenwart, in der wir jetzt sind, kömmt nicht zum zweiten Male wieder, mag doch ein jeder Tag für das Seine sorgen.«

Es wurde Abend, ein schöner Himmel erglänzte mit seinen wunderbaren, buntgefärbten Wolkenbildern über ihnen. »Sieh«, fuhr Rudolph fort, »wenn ihr Maler mir dergleichen darstellen könntet, so wollte ich euch oft eure beweglichen Historien, eure leidenschaftlichen und verwirrten Darstellungen mit allen unzähligen Figuren erlassen. Meine Seele sollte sich an diesen grellen Farben ohne Zusammenhang, an diesen mit Gold ausgelegten Luftbildern ergötzen und genügen, ich würde da Handlung, Leidenschaft, Komposition und alles gern vermissen, wenn ihr mir, wie die gütige Natur heute tut, so mit rosenrotem Schlüssel die Heimat aufschließen könntet, wo die Ahndungen der Kindheit wohnen, das glänzende Land, wo in dem grünen, azurnen Meere die goldensten Träume schwimmen, wo Lichtgestalten zwischen feurigen Blumen gehn und uns die Hände reichen, die wir an unser Herz drücken möchten. Oh, mein Freund, wenn ihr doch diese wunderliche Musik, die der Himmel heute dichtet, in eure Malerei hineinlocken könntet! Aber euch fehlen Farben, und Bedeutung im gewöhnlichen Sinne ist leider eine Bedingung eurer Kunst.«

»Ich verstehe, wie du es meinst«, sagte Sternbald, »und die freundlichen Himmelslichter entwanken und entfliehen, indem[907] wir sprechen. Wenn du auf der Harfe musizierst, und mit den Fingern die Töne suchst, die mit deinen Phantasien verbrüdert sind, so daß beide sich gegenseitig erkennen, und nun Töne und Phantasie in der Umarmung gleichsam entzückt immer höher, immer mehr himmelwärts jauchzen, so hast du mir schon oft gesagt, daß die Musik die erste, die unmittelbarste, die kühnste von allen Künsten sei, daß sie einzig das Herz habe, das auszusprechen, was man ihr anvertraut, da die übrigen ihren Auftrag immer nur halb ausrichten, und das Beste verschweigen: ich habe dir so oft recht geben müssen, aber, mein Freund, ich glaube darum doch, daß sich Musik, Poesie und Malerei oft die Hand bieten, ja daß sie oft ein und dasselbe auf ihren Wegen ausrichten können. Freilich ist es nicht nötig, daß immer nur Handlung, Begebenheit mein Gemüt entzücke, ja es scheint mir sogar schwer zu bestimmen, ob in diesem Gebiete unsre Kunst ihre schönsten Lorbeern antreffe: allein erinnere dich nur selbst der schönen, stillen, heiligen Familien, die wir angetroffen haben; liegt nicht in einigen unendlich viele Musik, wie du es nennen willst. Ist in ihnen die Religion, das Heil der Welt, die Anbetung des Höchsten nicht wie in einem Kindergespräche offenbart und ausgedrückt? Ich habe bei den Figuren nicht bloß an die Figuren gedacht, die Gruppierung war mir nur Nebensache, ja auch der Ausdruck der Mienen, insofern ich ihn auf die gegenwärtige Geschichte, auf den wirklichen Zusammenhang bezog. Der Maler hat hier Gelegenheit, die Einbildung in sich selbst zu erregen, ohne sie durch Geschichte, durch Beziehung vorzubereiten.«

»Am meisten ist mir das, was ich so oft von der Malerei wünsche, bei allegorischen Gemälden einleuchtend«, sagte Rudolph.

»Gut, daß du mich daran erinnerst!« rief Franz aus, »hier ist recht der Ort, wo der Maler seine große Imagination, seinen Sinn für die Magie der Kunst offenbaren kann: hier kann er gleichsam über die Grenzen seiner Kunst hinausschreiten, und mit dem Dichter wetteifern. Die Begebenheit, die Figuren sind ihm nur Nebensache, und doch machen sie das Bild, es ist Ruhe und Lebendigkeit, Fülle und Leere, und die Kühnheit der Gedanken, der Zusammensetzung findet erst hier ihren rechten Platz. Ich habe es ungern gehört, daß man diesen Gedichten so oft den Mangel an Zierlichkeit vorrückt, daß man hier tätige Bewegung und schnellen Reiz einer Handlung fordert, wenn sie statt eines einzelnen Menschen die Menschheit ausdrücken, statt eines Vorfalls eine erhabene Ruhe. Gerade diese anscheinende[908] Kälte, die Unbiegsamkeit im Stoffe ist das, was mir so oft einen wehmütigen Schauder bei der Betrachtung erregte: daß hier allgemeine Begriffe in sinnlichen Gestalten mit so ernster Bedeutung aufgestellt sind, Kind und Greis in ihren Empfindungen vereinigt, daß das Ganze unzusammenhängend erscheint, wie das menschliche Leben, und doch eins um des andern notwendig ist, wie man auch im Leben nichts aus seiner Verkettung reißen darf, alles dies ist mir immer ungemein erhaben erschienen.«

»Ich erinnere mich«, antwortete Rudolph, »eines alten Bildes in Pisa, das dir auch vielleicht gefallen wird; wenn ich nicht irre, ist es von Andrea Orgagna gemalt. Dieser Künstler hat den Dante mit besondrer Vorliebe studiert, und in seiner Kunst auch etwas Ähnliches dichten wollen. Auf seinem großen Bilde ist in der Tat das ganze menschliche Leben auf eine recht wehmütige Art abgebildet. Ein Feld prangt mit schönen Blumen von frischen und glänzenden Farben, geschmückte Herren und Damen gehen umher, und ergötzen sich an der Pracht. Tanzende Mädchen ziehen mit ihrer muntern Bewegung den Blick auf sich, in den Bäumen, die von Orangen glühn, erblickt man Liebesgötter, die schalkhaft mit ihren Geschossen herunterzielen, über den Mädchen schweben andre Amorinen, die nach den geschmückten Spaziergängern zur Vergeltung zielen. Spielleute blasen auf Instrumenten zum Tanz, eine bedeckte Tafel steht in der Ferne. – Gegenüber sieht man steile Felsen, auf denen Einsiedler Buße tun und in andächtiger Stellung beten, einige lesen, einer melkt eine Ziege. Hier ist die Dürftigkeit des armutseligen Lebens dem üppigen glückseligen recht herzhaft gegenübergestellt. – Unten sieht man drei Könige auf die Jagd reiten, denen ein heiliger Mann eröffnete Gräber zeigt, in denen man von Königen verweste Leichname sieht. – Durch die Luft fliegt der Tod, mit schwarzem Gewand, die Sense in der Hand, unter ihm Leichen aus allen Ständen, auf die er hindeutet. – Dieses Gemälde hat immer in mir das Bild des großen menschlichen Lebens hervorgebracht, in welchem keiner vom andern weiß, und sich alle blind und taub durcheinander bewegen.«

Unter diesen Gesprächen waren sie an eine dichte Stelle im Walde gekommen, abseits an einer Eiche gelehnt lag ein Rittersmann, mit dem sich ein Pilgrim beschäftigte, und ihm eine Wunde zu verbinden suchte. Die beiden Wanderer eilten sogleich hinzu, sie erkannten den Ritter, Franz zuerst, es war derselbe, den sie vor einiger Zeit als Mönch gesehn hatten, und den Sternbald im Schlosse gemalt hatte. Der Ritter war in Ohnmacht[909] gesunken, er hatte viel Blut verloren, aber durch die vereinigte Hülfe kam er bald wieder zu sich. Der Pilgrim dankte den beiden Freunden herzlich, daß sie ihm geholfen, den armen Verwundeten zu pflegen, sie machten in der Eile eine Trage von Zweigen und Blättern, worauf sie ihn legten und so abwechselnd trugen. Der Ritter erholte sich bald, so daß er bat, sie möchten diese Mühe unterlassen; er versuchte es, auf die Füße zu kommen, und es gelang ihm, daß er sich mit einiger Beschwerlichkeit und langsam fortbewegen konnte, die übrigen führten und unterstützten ihn. Der Ritter erkannte Franz und Rudolph ebenfalls, er gestand, daß er derselbe sei, den sie neulich in einer Verkleidung getroffen. Der Pilgrim erzählte, daß er nach Loreto wallfahrte, um ein Gelübde zu bezahlen, das er in einem Sturm auf der See getan.

Es wurde dunkel, als sie immer tiefer in den Wald hineingerieten und kaum noch den Weg bemerken konnten. Franz und Rudolph riefen laut, um jemand herbeizulocken, der ihnen raten, der sie aus der Irre führen könne, aber vergebens, sie hörten nichts als das Echo ihrer eigenen Stimme. Endlich war es, als wenn sie durch die Verworrenheit der Gebüsche ein fernes Glöcklein vernähmen, und sogleich richteten sie nach diesem Schalle ihre Schritte. Der Pilger insonderheit war sehr ermüdet, und wünschte einen Ruheplatz anzutreffen, er gestand es ungern, daß ihn sein übereiltes Gelübde schon oft gereut habe, daß er es aber nun schuldig sei zu bezahlen, um Gott nicht zu irren. Er seufzte fast bei jedem Schritte, und der Ritter konnte es nicht unterlassen, so ermüdet er selber war, bisweilen über ihn zu spotten. Franz und Rudolph sangen Lieder, um die Ermüdeten zu trösten und anzufrischen, sehnten sich aber auch herzlich nach einer ruhigen Herberge.

Jetzt sahen sie ein Licht ungewiß durch die Zweige schimmern, und die Hoffnung von allen wurde gestärkt, das Glöcklein ließ sich von Zeit zu Zeit wieder hören, und viel vernehmlicher. Sie glaubten sich in der Nähe eines Dorfs zu befinden, als sie aber noch eine Weile gegangen waren, standen sie vor einer kleinen Hütte, in der ein Licht brannte, das ihnen entgegenglänzte, ein Mann saß darin, und las mit vieler Aufmerksamkeit in einem Buche, ein großer Rosenkranz hing an seiner Seite, über der Hütte war eine Glocke angebracht, die er abwechselnd anzog, und die den Schall verursacht hatte.

Er erstaunte, als er von der Gesellschaft in seinen Betrachtungen gestört wurde, doch nahm er alle sehr freundlich auf. Er[910] bereitete schnell aus Kräutern einen Saft, mit dem er die Wunde des Ritters verband, wonach dieser sogleich Linderung spürte, und zum Schlafe geneigt war. Auch Franz war müde, der Pilgrim war schon in einem Winkel des Hauses eingeschlafen, nur Rudolph blieb munter, und verzehrte einiges von den Früchten, Brot und Honig, das der Einsiedler aufgetragen hatte. »Ihr seid in meiner Einsamkeit willkommen«, sagte dieser zu Florestan, »und es ist mein tägliches Gebet zu Gott, daß er mir Gelegenheit geben möge, zuweilen einiges Gute zu tun, und so ist sie mir denn heute wider Erwarten gekommen. Sonst bringe ich meine Zeit mit Andacht und Beten zu, auch lasse ich nach gewissen Gebeten immer mein Glöcklein erschallen, damit die Hirten und Bauern im Walde, oder die Leute im nächsten Dorfe wissen mögen, daß ich munter bin und für sie dem Herrn danke, das einzige, was ich zur Vergeltung für ihre Wohltaten zu tun imstande bin.«

Rudolph blieb mit dem Einsiedler noch lange munter, sie sprachen allerhand, doch ließ sich der Alte nicht zu lange von seinen vorgesetzten Gebeten abwendig machen, sondern wiederholte sie während ihrer Erzählung: Franz hörte im Schlummer die beiden miteinander sprechen, dann zuweilen das Glöcklein klingen, den Gesang des Alten, und es dünkte ihm unter seinen Träumen alles höchst wunderbar.

Gegen Morgen schlief Rudolph auch ein, so viele Mühe er sich auch gab, wach zu bleiben.

Das Morgenrot brach liebreich herauf, und schimmerte erst an den Baumwipfeln, an den hellen Wolken, dann sah man die ersten Strahlen der Sonne durch den Wald leuchten. Die Vögel wurden rege, die Lerchen jubelten aus den Wolken herab, der Morgenwind schüttelte die Zweige. Die Schläfer wurden nach und nach wieder wach: der Ritter fühlte sich gestärkt und munter, der Einsiedler versicherte, daß seine Wunde nichts zu bedeuten habe. Franz und Rudolph machten einen Spaziergang durch den Wald, wo sie eine Anhöhe erstiegen und sich niedersetzten.

»Sind die Menschen nicht wunderlich?« fing Florestan an, »dieser Pilgrim kreuzt durch die Welt, verläßt sein geliebtes Weib, wie er uns selber erzählt hat, um Gott zu Gefallen die Kapelle zu Loreto zu besuchen. Der Einsiedler hat mir in der Nacht seine ganze Geschichte erzählt: er hat die Welt auf immer verlassen, weil er unglücklich geliebt hat, das Mädchen, das ihn entzückte, hat sich einem andern ergeben, und darum will er nun sein Leben in der Einsamkeit beschließen, mit seinem Rosenkranze, Buche und Glocke beschäftigt.«[911]

Franz dachte an das Bildnis, an den Tod seiner Geliebten, und sagte seufzend: »Oh, laß ihn, denn ihm ist wohl, tadle nicht zu strenge die Glückseligkeit andrer Menschen, weil sie nicht die deinige ist. Wenn er wirklich geliebt hat, was kann er nun noch in der Welt wollen? In seiner Geliebten ist ihm die ganze Welt abgestorben, nun ist sein ganzes Leben ein ununterbrochenes Andenken an sie, ein immerwährendes Opfer, das er der Schönsten bringt. Ja, seine Andacht vermischt sich mit seiner Liebe, seine Liebe ist seine Religion, und sein Herz bleibt rein und geläutert. Sie strahlt ihm wie Morgensonne in sein Gedächtnis – kein gewöhnliches Leben hat ihr Bild entweiht, und so ist sie ihm Madonna, Gefährtin und Lehrerin im Gebet. Oh, mein Freund, in manchen Stunden möchte ich mich so, wie er, der Einsamkeit ergeben, und von Vergangenheit und Zukunft Abschied nehmen. Wie wohl würde mir das Rauschen des Waldes tun, die Wiederkehr der gleichförmigen Tage, der ununterbrochene leise Fluß der Zeit, der mich so unvermerkt ins Alter hineintrüge, jedes Rauschen ein andächtiger Gedanke, ein Lobgesang. Müssen wir uns denn nicht doch einst von allem irdischen Glücke trennen? Was ist dann Reichtum und Liebe und Kunst? Die edelsten Geister haben müssen Abschied nehmen, warum sollen es die schwächern nicht schon früher tun, um sich einzulernen?«

Florestan verwunderte sich über seinen Freund, doch bezwang er diesmal seinen Mutwillen, und antwortete mit keinem Scherze, weil Franz zu ernstlich gesprochen hatte. Er vermutete im Herzen Sternbalds einen geheimen Kummer, er gab ihm daher schweigend die Hand, und Arm in Arm gingen sie herzlich zur Hütte des armen Klausners zurück.

Der Ritter stand angekleidet vor der Tür. Die Röte war auf seine Wangen zurückgekommen und sein Gesicht glänzte im Sonnenschein, seine Augen funkelten freundlich, er war ein schöner Mann. Der Pilgrim und der Einsiedler hatten sich zu einer Andachtsübung vereinigt, und saßen in tiefsinnigen Gebeten im kleinen Hause.

Die drei setzten sich im Grase nieder, und Rudolph faßte die Hand des Fremden und sagte mit lachendem Gesicht. »Herr Ritter, Ihr dürft es mir wahrlich nicht verargen, wenn ich nun meine Neugier nicht mehr bezähmen kann, Ihr seid überdies auch ziemlich wiederhergestellt, so daß Ihr wohl die Mühe des Erzählens über Euch nehmen könnt. Ich und mein Freund haben Euer Bildnis in dem Schlosse einer schönen Dame angetroffen,[912] sie hat uns vertraut, wie sie mit Euch verbunden ist, Ihr könnt kein andrer sein, Ihr dürft also gegen uns nicht weiter rückhalten.«

»Ich will es auch nicht«, sagte der junge Ritter, »schon neulich, als ich Euch sah, faßte ich ein recht herzliches Vertrauen zu Euch und Eurem Freunde Sternbald, daher will ich Euch recht gern erzählen, was ich selber von mir weiß, denn noch nie habe ich mich in solcher Verwirrung befunden. Ich bedinge es mir aber aus, daß Ihr niemand von dem etwas sagt, was ich jetzt erzählen werde; Ihr dürft darum keine seltsamen Geheimnisse erwarten, sondern ich bitte Euch bloß darum, weil ich nicht weiß, in welche Verlegenheiten mich etwa künftig Euer Mangel an Verschwiegenheit setzen dürfte.

Wißt also, daß ich kein Deutscher bin, sondern ich bin aus einer edlen italienischen Familie entsprossen, mein Name ist Roderigo. Meine Eltern gaben mir eine sehr freie Erziehung, mein Vater, der mich übermäßig liebte, sah mir in allen Wildheiten nach, und als ich daher älter wurde und er mit seinem guten Rate nachkommen wollte, war es natürlich, daß ich auf seine Worte gar nicht achtete. Seine Liebe zu mir erlaubte ihm aber nicht, zu strengern Mitteln als gelinden Verweisen seine Zuflucht zu nehmen, und darüber wurde ich mit jedem Tage wilder und ausgelassener. Er konnte es nicht verbergen, daß er über meine unbesonnenen Streiche mehr Vergnügen und Zufriedenheit als Kummer empfand, und das machte mich in meinem seltsamen Lebenslaufe nur desto sicherer. Er war selbst in seiner Jugend ein wilder Bursche gewesen, und dadurch hatte er eine Vorliebe für solche Lebensweise behalten, ja er sah in mir nur seine Jugend glänzend wieder aufleben.

Was mich aber mehr als alles übrige bestimmte und begeisterte, war ein junger Mensch von meinem Alter, der sich Ludovico nannte, und bald mein vertrautester Freund wurde. Wir waren unzertrennlich, wir streiften in Romanien, Kalabrien und Oberitalien umher, denn die Reisesucht, das Verlangen, fremde Gegenden zu sehn, das in uns beiden fast gleich stark war, hatte uns zuerst aneinandergeknüpft. Ich habe nie wieder einen so wunderbaren Menschen gesehn, als diesen Ludovico, ja ich kann wohl sagen, daß mir ein solcher Charakter auch vorher in der Imagination nicht als möglich vorgekommen war. Immer ebenso heiter als unbesonnen, auch in der verdrießlichsten Lage fröhlich und voll Mut: jede Gelegenheit ergriff er, die ihn in Verwirrung bringen konnte, und seine größte Freude bestand darin, mich[913] in Not oder Gefahr zu verwickeln, und mich nachher steckenzulassen. Dabei war er so unbeschreiblich gutmütig, daß ich niemals auf ihn zürnen konnte. So vertraut wir miteinander waren, hat er mir doch niemals entdeckt, wer er eigentlich sei, welcher Familie er angehöre, sooft ich ihn darum fragte, wies er mich mit der Antwort zurück: daß mir dergleichen völlig gleichgültig bleiben müsse, wenn ich sein wirklicher Freund sei. Oft verließ er mich wieder auf einige Wochen, und schwärmte für sich allein umher, dann erzählten wir uns unsre Abenteuer, wenn wir uns wiederfanden.«

»So gibt es doch noch so vernünftige Menschen in der Welt!« fiel Rudolph heftig aus, »wahrlich, das macht mir ganz neue Lust, in meinem Leben auf meine Art weiterzuleben! Oh, wie freut es mich, daß ich Euch habe kennen lernen, fahrt um Gottes willen in Eurer vortrefflichen Erzählung fort!«

Der Ritter lächelte über diese Unterbrechung, und fuhr mit folgenden Worten fort: »Es war fast kein Stand, keine Verkleidung zu erdenken, in der wir nicht das Land durchstreift hätten, als Bauern, als Bettler, als Künstler, oder wieder als Grafen zogen wir umher, als Spielleute musizierten wir auf Hochzeiten und Jahrmärkten, ja der mutwillige Ludovico verschmähte es nicht, zuweilen als eine artige Zigeunerin herumzuwandern, und den Leuten, besonders den hübschen Mädchen, ihr Glück zu verkündigen. Von den lächerlichen Drangsalen, die wir oft überstehen mußten, so wie von den verliebten Abenteuern, die uns ergötzten, laßt mich schweigen, denn ich würde euch in der Tat ermüden.«

»Gewiß nicht«, sagte Rudolph, »aber macht es, wie es Euch gefällt, denn ich glaube selbst, Ihr würdet über die Mannigfaltigkeit Eurer Erzählungen müde werden.«

»Vielleicht«, sagte der Ritter. »Von meinem Freunde glaubte ich heimlich, daß er seinen Eltern entlaufen sei, und sich nun auf gut Glück in der Welt herumtreibe. Aber dann konnte ich wieder nicht begreifen, daß es ihm fast niemals an Gelde fehle, mit dem er verschwenderisch und unbeschreiblich großmütig umging. Fast so oft er mich verließ, kam er mit einer reichen Börse zurück. Unsre größte Aufmerksamkeit war auf die schönen Mädchen aus allen Ständen gerichtet; in kurzer Zeit war unsre Bekanntschaft unter diesen außerordentlich ausgebreitet, wo wir uns aufhielten, wurden wir von den Eltern ungern gesehn, nicht selten wurden wir verfolgt, oft entgingen wir nur mit genauer Not der Rache der beleidigten Liebhaber, den[914] Nachstellungen der Mädchen, wenn wir sie einer neuen Schönheit aufopferten. Aber diese Gefährlichkeiten waren eben die Würze unsres Lebens, wir vermieden mit gutem Willen keine.

Die Reiselust ergriff meinen Freund oft auf eine so gewaltsame Weise, daß er weder auf die Vernunft, noch selber auf meine Einwürfe hörte, der ich doch Tor gern genug war. Nachdem wir Italien genug zu kennen glaubten, wollte er plötzlich nach Afrika übersetzen. Die See war von den Korsaren so beunruhigt, daß kein Schiff gern überfuhr, aber er lachte, als ich ihm davon erzählte, er zwang mich beinahe, sein Begleiter zu sein, und wir schifften mit glücklichem Winde fort. Er stand auf dem Verdecke und sang verliebte Lieder, alle Matrosen waren ihm gut, jedermann drängte sich zu ihm, die afrikanische Küste lag schon vor uns. Plötzlich entdeckten wir ein Schiff, das auf uns zusegelte, es waren Seeräuber. Nach einem hartnäckigen Gefechte, in welchem mein Freund Wunder der Tapferkeit tat, wurden wir erobert und gefangen fortgeführt. Ludovico verlor seine Munterkeit nicht, er verspottete meinen Kleinmut, und die Korsaren beteuerten, daß sie noch nie einen so tollkühnen Wagehals gesehen hätten. ›Was soll mir das Leben?‹ sagte er dagegen in ihrer Sprache, die wir beide gelernt hatten, ›heute ist es da, morgen wieder fort; jedermann sei froh, so hat er seine Pflicht getan, keiner weiß, was morgen ist, keiner hat das Angesicht der zukünftigen Stunde gesehn. Spotte über die Falten, über das Zürnen, das uns Saturn oft im Vorüberfliegen vorhält, der Alte wird schon wieder gut, er ist wacker, und lächelt endlich über seine eigne Verspottung, er bittet euch, wie Alte Kindern tun, nachher seine Unfreundlichkeit ab. Heute mir, morgen dir: wer Glück liebt, muß auch sein Unglück willkommen heißen. Das ganze Leben ist nicht der Sorge wert.‹

So stand er mit seinen Ketten unter ihnen, und wahrlich! ich vergaß über seinen Heldenmut mein eignes Elend. – Wir wurden ans Land gesetzt und als Sklaven verkauft: noch als wir getrennt wurden, nickte Ludovico mir ein freundliches Lebewohl zu.

Wir arbeiteten in zwei benachbarten Gärten, ich verlor in meiner Dürftigkeit, in dieser Unterjochung allen Mut, aber ich hörte ihn aus der Ferne seine gewöhnlichen Lieder singen, und wenn ich ihn einmal sah, war er so freundlich und vergnügt, wie immer. Er tat gar nicht, als wäre etwas Besondres vorgefallen. Ich konnte innerlich über seinen Leichtsinn recht von Herzen böse sein, und wenn ich dann wieder sein lächelndes Gesicht vor mir sah, war aller Zorn verschwunden, alles vergessen.[915]

Nach acht Wochen steckte er mir ein Briefchen zu, er hatte andre Christensklaven auf seine Seite gebracht, sie wollten sich eines Fahrzeugs bemächtigen und darauf entfliehen: er meldete mir, daß er mich mitnehmen wolle, wenn dieser Vorsatz gleich seine Flucht um vieles erschwere; ich solle den Mut nicht verlieren.

Ich verließ mich auf sein gutes Glück, daß uns der Vorsatz gelingen werde. Wir kamen in einer Nacht am Ufer der See zusammen, wir bemächtigten uns des kleinen Schiffs, der Wind war uns anfangs günstig. Wir waren schon tief ins Meer hinein, wir glaubten uns bald der italienischen Küste zu nähern, als sich mit dem Anbruche des Morgens ein Sturm erhob, der immer stärker wurde. Ich riet, ans nächste Land zurückzufahren, um uns dort zu verbergen, bis sich der Sturm gelegt hätte, aber mein Freund war andrer Meinung, er glaubte, wir könnten dann von unsern Feinden entdeckt werden, er schlug vor, daß wir auf der See bleiben, und uns lieber der Gnade des Sturms überlassen sollten. Seine Überredung drang durch, wir zogen alle Segel ein, und suchten uns so viel als möglich zu erhalten, denn wir konnten überzeugt sein, daß bei diesem Ungewitter uns niemand verfolgen würde. Der Wind drehte sich, Sturm und Donner nahmen zu, das empörte Meer warf uns bald bis in die Wolken, bald verschlang uns der Abgrund. Alle verließ der Mut, ich brach in Klagen aus, in Vorwürfe gegen meinen Freund. Ludovico, der bis dahin unablässig gearbeitet und mit allen Elementen gerungen hatte, wurde nun zum ersten Male in seinem Leben zornig, er ergriff mich und warf mich im Schiffe zu Boden. ›Bist du, Elender‹, rief er aus, ›mein Freund, und unterstehst dich zu klagen, wie die Sklaven dort? Roderigo, sei munter und fröhlich, das rat ich dir, wenn ich dir gewogen bleiben soll, denn wir können ins Teufels Namen nicht mehr als sterben!‹ Und unter diesen Worten setzte er mir mit derben Faustschlägen dermaßen zu, daß ich bald alle Besinnung verlor, und den Donner, die See und den Sturm nicht mehr vernahm.

Als ich wieder zu mir kam, sah ich Land vor mir, der Sturm hatte sich gelegt, ich lag in den Armen meines Freundes. ›Vergib mir‹, sagte er leutselig, ›wir sind gerettet, dort ist Italien, du hättest den Mut nicht verlieren sollen.‹ – Ich gab ihm die Hand, und nahm mir im Herzen vor, den Menschen künftig zu vermeiden, der meinem Glücke und Leben gleichsam auf alle Weise nachstellte; aber ich hatte meinen Vorsatz schon vergessen, noch ehe wir ans Land gestiegen waren, denn ich sah ein, daß er mein eigentliches Glück sei.«[916]

Rudolph, der mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zugehört hatte, konnte sich nun nicht länger halten, er sprang heftig auf, und rief: »Nun, bei allen Heiligen, Euer Freund ist ein wahrer Teufelskerl! Wie lumpig ist alles, was ich erlebt habe, und worauf ich mir wohl manchmal etwas zugute tat, gegen diesen Menschen! Ich muß ihn kennenlernen, wahrhaftig, und sollte ich nach dieser Seltenheit bis ans Ende der Welt laufen!«

»Wenn er nur noch lebt«, antwortete Roderigo, »denn nun ist es schon länger als ein Jahr, daß ich ihn nicht gesehen habe. Ich habe euch diesen Vorfall nur darum weitläuftiger erzählt, um euch einigermaßen einen Begriff von seinem Charakter zu geben. Meine Eltern priesen sich glücklich, als sie mich wiedersahen, aber Ludovico hatte mich bald wieder in neue Abenteuer verwickelt. Ich wollte die Schweiz und Deutschland besuchen, er wollte ohne meine Gesellschaft eine andre Reise unternehmen, es war nichts Geringeres, als daß er nach Ägypten gehen wollte, die seltsamen uralten Pyramiden, das wunderbare Rote Meer, die Sandwüsten mit ihren Sphinxen, der fruchtbare Nil, diese Gegenstände, von denen man schon in der Kindheit so viel hört, waren es, die ihn dorthin riefen. Unser Abschied war überaus zärtlich, er versprach mir, in einem Jahre nach Italien zurückzukommen; ich nahm auf ebenso lange von meinen Eltern Urlaub, und trat meine Reise nach Deutschland an.

Ich fühlte mich ohne meinen Gefährten recht einsam und verlassen, der Mut wollte sich anfangs gar nicht einstellen, der mich sonst aufrecht gehalten hatte. Die hohen Gebirge der Schweiz und in Tirol, die furchtbare Majestät der Natur, alles stimmte mich auf lange Zeit traurig, ich bereute es oft, ihm nicht wider seinen Willen gefolgt zu sein und an seinem Wahnsinne teilzunehmen. Einigemal war ich im Begriff, zu meiner Familie zurückzukehren, aber die Sucht, ein fernes Land, fremde Menschen zu sehn, trieb mich wieder vorwärts, auch die Scham, einer Lebensart untreu zu werden, die bis dahin mein höchstes Glück ausgemacht hatte. Ich will euch die einzelnen Vorfälle verschweigen, und mich zu der Begebenheit wenden, die Ursache ist, daß ihr mich hier angetroffen.

Nach manchen lustigen Abenteuern, nach manchen angenehmen Bekanntschaften langte ich in der Gegend des Schlosses an, wo ihr gekannt seid. Ich saß auf einer Anhöhe und überdachte die Mannigfaltigkeiten meines Lebenslaufs, als eine fröhliche Jagdmusik mich aufmerksam machte. Ein Zug von Jägern kam näher, in ihrer Mitte eine schöne Dame, die einen Falken auf[917] der Hand trug; die Einsamkeit, ihr schimmernder Anzug, alles trug dazu bei, sie ungemein reizend darzustellen. Meine Sinne waren gefangengenommen, ich konnte die Augen nicht von ihr abwenden: alle Schönheiten, die ich sonst gesehn hatte, schienen mir gegen diese alltäglich, es war nicht dieser und jener Zug, der mich an ihr entzückte, nicht der Wuchs, nicht die Farbe der Wangen oder der Blick der Augen, sondern auf geheimnisvolle Weise alles dies zusammen. Es war ein Gefühl in meinem Busen, das ich bis dahin noch nicht empfunden hatte, es durchdrang mich ganz, nur sie allein sah ich in der weiten Welt, jenseit ihres Besitzes lag kein Wunsch mehr in der Welt.

Ich suchte ihre Bekanntschaft, ich verschwieg ihr meinen Namen. Ich fand sie meinen Wünschen geneigt, ich war auf dem höchsten Gipfel meiner Seligkeit. Wie arm kam mir mein Leben bis dahin vor, wie entsagte ich allen meinen Schwärmereien! Der Tag unsrer Hochzeit war festgesetzt.

Oh, meine Freunde, ich kann euch nicht beschreiben, ich kann sie selber nicht begreifen, die wunderbare Veränderung, die nun mit mir vorging! Ich sah ein bestimmtes Glück vor mir liegen, aber ich war an diesem Glücke festgeschmiedet: wie wenn ich in Meeresstille vor Anker läge, und nun sähe, wie Mast und Segel vom Schiffe heruntergeschlagen würden, um mich hier, nur hier ewig festzuhalten.

›Oh, süße Reiselust!‹ sagte ich zu mir selber, ›geheimnisreiche Ferne, ich werde nun von euch Abschied nehmen und eine Heimat dafür besitzen! Lockt mich nicht mehr weit weg, denn alle eure Töne sind vergeblich, ihr ziehenden Vögel, du Schwalbe mit deinen lieblichen Gesängen, du Lerche mit deinen Reiseliedern! Keine Städte, keine Dörfer werden mir mehr mit ihren glänzenden Fenstern entgegenblicken, und ich werde nun nicht mehr denken: Welche weibliche Gestalt steht dort hinter den Vorhängen, und sieht mir den Berg herauf entgegen? Bei keinem fremden liebreizenden Gesichte darf mir nun mehr einfallen: Wir werden bekannter miteinander werden, dieser Busen wird vielleicht am meinigen ruhn, diese Lippen werden vielleicht mit meinen Küssen vertraut sein.‹

Mein Gemüt ward hin- und zurückgezogen, häusliche Heimat, rätselhafte Fremde; ich stand in der Mitte, und wußte nicht, wohin. Ich wünschte, die Gräfin möchte mich weniger lieben, ein anderer möchte mich aus ihrer Gunst verdrängen, dann hätte ich sie zürnend und verzweifelt verlassen, um wieder umherzustreifen, und in den Bergen, im Talschatten, den frischen,[918] lebendigen Geist wiederzusuchen, der mich verlassen hatte. Aber sie hing an mir mit allem Feuer der ersten Liebe, sie zählte die Minuten, die ich nicht bei ihr zugebracht: sie haderte mit meiner Kälte. Noch nie war ich so geliebt, und die Fülle meines Glücks übertäubte mich. Sehnsüchtig sah ich jedem Wandersmann nach, der auf der Landstraße vorüberzog; ›wie wohl ist dir‹, sagte ich, ›daß du dein ungewisses Glück noch suchst! ich habe es gefunden!‹

Ich ritt aus, um mich zu sammeln. Ich hielt mir in der Einsamkeit meinen Undank vor. ›Was willst du in der Welt als Liebe?‹ so redete ich mich selber an; ›siehe, sie ist dir geworden, sei zufrieden, begnüge dich, du kannst nicht mehr erobern: was du in einsamen Abenden mit aller Sehnsucht des Herzens erwünschtest, wonach du in Wäldern jagtest, was die Bergströme dir entgegensangen, dies unnennbare Glück ist dir geworden, ist wirklich dein, die Seele, die du weit umher gesucht, ist dir entgegengekommen.‹

Wie kam es, daß die Dörfer mit ihren kleinen Häusern so seltsamlich vor mir lagen? daß mir jede Heimat zu enge und beschränkt dünkte? Das Abendrot schien in die Welt hinein, da ritt ich vor einem niedrigen Bauernhause vorbei, auf dem Hofe stand ein Brunnen, davor war ein Mägdlein, das sich bückte, den schweren gefüllten Eimer heraufzuziehen. Sie sah zu mir herauf, indem ich stillhielt, der Abendschein lag auf ihren Wangen, ein knappes Mieder schloß sich traulich um den schönen vollen Busen, dessen genaue Umrisse sich nicht verbergen ließen. ›Wer ist sie?‹ sagte ich zu mir, ›warum hat sie dich betrachtet?‹ Ich grüßte, sie dankte und lächelte. Ich ritt fort, und rettete mich in die Dämmerung des Waldes hinein: mein Herz klopfte, als wenn ich dem Tode entgegenginge, als mir die Lichter aus dem Schlosse entgegenglänzten. ›Sie wartet auf dich‹, sagte ich zu mir, ›freundlich hat sie das Abendessen bereitet, sie sorgt, daß du müde bist, sie trocknet dir die Stirn. Nein, ich liebe sie‹, rief ich aus, ›wie sie mich liebt.‹

In der Nacht tönte der Lauf der Bergquellen in mein Ohr, die Winde rauschten durch die Bäume, der Mond stieg herauf und ging wieder unter: alles, die ganze Natur in freier, willkürlicher Bewegung, nur ich war gefesselt. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als ich wieder durch das Dorf ritt, es traf sich, daß das Mädchen wieder am Brunnen stand: ich war meiner nicht mehr mächtig. Ich stieg vom Pferde, sie war ganz allein, sie antwortete so freundlich auf alle meine Fragen, ich war in[919] meinem Leben zum erstenmal mit einem Weibe verlegen, ich machte mir Vorwürfe, ich wußte nicht, was ich sprach. Neben der Tür des Hauses war eine dichte Laube, wir setzten uns nieder; die schönsten blauen Augen sahen mich an, ich konnte den frischen Lippen nicht widerstehen, die zum Kuß einluden, sie war nicht strenge gegen mich, ich vergaß die Stunde. Nachdenkend ritt ich zurück, ich wußte nun bestimmt, daß ich in dieser Einschränkung, in der Ehe mit der schönen Gräfin nicht glücklich sein würde. Ich hatte es sonst oft belacht, daß man mit dem gewechselten Ringe die Freiheit fortschenkte, jetzt erst verstand ich den Sinn dieser Redensart. Ich vermied die Gräfin, ihre Schönheit lockte mich wieder an, ich verachtete mich, daß ich zu keinem Entschlusse kommen konnte. Der Hochzeitstag war indes ganz nahe herangerückt, meine Braut machte alle Anstalten, ich hörte immer schon von den künftigen Einrichtungen sprechen; mein Herz schlug mir bei jedem Worte.

Man erzählt, daß man vor dem letzten Unglück des Markus Antonius wunderbare Töne wie von Instrumenten gehört habe, wodurch sein Schutzgott Herkules von ihm Abschied genommen: so hört ich in jedem Lerchengesange, in jedem Klang einer Trompete, jeglichen Instruments das Glück, das mir seinen Abschied wehmütig zurief. Immer lag mir die gründämmernde Laube im Sinne, das blaue Auge, der volle Busen. Ich war entschlossen. ›Nein, Ludovico‹, rief ich aus, ›ich will dir nicht untreu werden, du sollst mich nicht als Sklav wiederfinden, nachdem du mich von der ersten Kette losgemacht hast. Soll ich ein Ehemann werden, weil ich liebte? Seltsame Folge!‹

Ich nahm Abschied von ihr, ich versteckte mich in die Kleidung eines Mönchs, so streifte ich umher, und so traf ich auf jenen Bildhauer Bolz, der eben aus Italien zurückkam.

Ich glaubte in ihm einige Züge von meinem Freunde anzutreffen, und entdeckte ihm meine seltsame Leidenschaft. Er ward mein Begleiter. Wie genau lernte ich nun Laube, Haus und Garten meiner Geliebten kennen! Wie oft saßen wir da in den Nachtstunden Arm in Arm geschlungen, indem uns der Vollmond ins Gesicht schien! In der Kleidung eines gemeinen Bauern machte ich auch mit den Eltern Bekanntschaft, und schmeckte nun nach langer Zeit wieder die Süßigkeiten meiner sonstigen Lebensweise.

Dann brach ich plötzlich wieder auf; nicht weit von hier wohnt ein schönes Mädchen, die die Eltern dem Kloster bestimmt haben, sie beweint ihr Schicksal. Ich war bereit, sie in dieser[920] Nacht zu entführen; ich vertraute dem Gefährten meinen Plan, dieser Tückische, der sie anbetet, lockt mich hierher in den dichten Wald, und versetzt mir heimlich diese Wunde. Darauf verließ er mich schnell. Seht, das ist meine Geschichte.

Unaufhörlich schwebt das Bild der Gräfin nun vor meinen Augen. Soll ich sie lassen? kann ich sie wiederfinden? soll ich einem Wesen mein ganzes Leben opfern?«

Franz sagte: »Eure Geschichte ist seltsam, die Liebe heilt Euch vielleicht einmal, daß Ihr Euch in der Beschränkung durchaus glücklich fühlt, denn noch habt Ihr die Liebe nicht gekannt.«

»Du bist zu voreilig, mein Freund«, sagte Florestan, »nicht alle Menschen sind wie du, und genau genommen, weißt du auch noch nicht einmal, wie du beschaffen bist.«

Der Einsiedler kam, um nach der Wunde des Ritters zu sehn, die sich sehr gebessert hatte.

Franz Sternbald suchte den Ritter wieder auf, nachdem Florestan ihn verlassen hatte, und sagte: »Ihr seid vorher gegen meinen Freund so willfährig gewesen, daß Ihr mich dreist gemacht habt, Euch um die Geschichte jenes alten Mannes zu bitten, dessen Ihr an dem Morgen erwähntet, als wir uns hinter Straßburg trafen.«

»So viel ich mich erinnern kann«, sagte der Ritter, »will ich Euch erzählen. – Auf einer meiner einsamen Wanderungen kam ich in ein Gehölz, das mich bald zu zwei einsamen Felsen führte, die sich wie zwei Tore gegenüberstanden. Ich bewunderte die seltsame Symmetrie der Natur, als ich auf einen schönen Baumgang aufmerksam wurde, der sich hinter den Felsen eröffnete. Ich ging hindurch, und fand einen weiten Platz, durch den die Allee von Bäumen gezogen war, ein schöner heller Bach floß auf der Seite, Nachtigallen sangen, und eine schöne Ruhe lud mich ein, mich niederzusetzen und auf das Plätschern einer Fontäne zu hören, die aus dichtem Gebüsche herausplauderte.

Ich saß eine Weile, als mich der liebliche Ton einer Harfe aufmerksam machte, und als ich mich umsah, ward ich die Büste Ariosts gewahr, die über einem kleinen Altar erhaben stand, unter dieser spielte ein schöner Jüngling auf dem Instrumente.« –

Hier wurde die Erzählung des Ritters durch einen sonderbaren Vorfall unterbrochen.[921]

Quelle:
Ludwig Tieck: Werke in vier Bänden, Band 1, München 1963, S. 903-922.
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