Der beleidigte Korrespondent

[178] Wenn man Herrn Victor Auburtin, den pariser Korrespondenten des ›Berliner Tageblatts‹, in Frieden ließe, wenn man ihm eine der ägäischen Inseln zum Wohnsitz anwiese – wer weiß, ob er eine Zeile[178] schriebe. Ich glaube, er würde, wie einer seiner Helden, langsam und wollüstiglich durch die Bosketts wandeln, wobei er hier und da an einer Blume röche, und dann würde er vor der klagenden Niobe stehen bleiben, um sie in aller Gelassenheit zu betrachten. Schreiben würde er nicht.

Am allerwenigsten so entzückend sehnsüchtige Angelegenheiten, wie in den beiden Bändchen ›Die goldene Kette‹ und ›Die Onyxschale‹ (die bei Albert Langen in München erschienen sind). Es ist wirklich erstaunlich, zu welch aufreizend hübschen Dingen einen das Mißbehagen treiben kann. Denn das ist der Grundzug, der die zwei Büchelchen durchzieht: traurige Unzufriedenheit. Er mag nicht: erstens dies nicht, zweitens Berlin nicht, drittens Deutschland schon gar nicht, und viertens überhaupt nicht. Doch: Jonien, Bithynien, Italien, Griechenland. Aber in allem übrigen ist er beleidigt.

Und der Haß schärft die Augen und läßt manches sehen, was die Gemütlichkeit und das Behagen nicht erblicken. Die Kontemplation grenzt oft an Passivität; aber in der ›Goldenen Kette‹ guckt Auburtin so nett und unbeteiligt auf das Gehudel unter ihm, daß mans fast vergißt. Diese kleinen Geschichten sind in einem merkwürdigen Stil verfaßt, der manchmal ein wenig an Thomas Mann erinnert. Dieser Stil ist am besten dann, wenn Auburtin es nicht mit dem Humor hat, sondern wenn er in Moll feststellt, wie es auf der Welt zugeht. Etwa, wenn er das Wesen eines berliner Verhältnisses beschreibt. Und es sind lustige Geschichten in dem Buch – das übrigens nur eine Mark kostet und einem über mehr hinweghilft als nur über langweilige Bahnstunden – und ernste und auch leicht unanständige. Was bei Auburtin so ›unanständig‹ heißt: er weiß Bescheid und sagt das ziemlich offen. Und so entstehen denn Erzählungen wie ›Die Dame mit dem Augenaufschlag‹.

›Die Onyxschale‹ ist eigentlich noch schöner. Es sind da doch Stücke, die nicht der Korrespondent, sondern der Dichter geschrieben hat, ganz feine Sachen, mit einem wiegenden, ziehenden Rhythmus. Sie sind oft auf einer feuilletonistischen Idee aufgebaut, etwa, daß man sich als Knabe sehnt, die Villa mit den weißen Säulen zu besitzen und sie dann nachher nicht mehr zu genießen vermag, oder daß Berlin nicht so schön ist wie der Süden; aber dann geht etwas mit Herrn Auburtin durch, er vergißt ganz die dumme Idee und schwärmt.

Lest diese ›Onyxschale‹, und ihr werdet ein paar schöne Stunden haben und das dünne kleine Buch immer wieder vornehmen. Ihr werdet ihn dann ordentlich vor euch sehen, Herrn Victor Auburtin, wie er – mit der Abneigung gegen große Gesten – an der Seite einer Geliebten durchs Bois geht, sehr sanft, sehr bewußt, sehr still. Nur eben kommt man mit der Stille nicht allzuweit, in Deutschland, Und wenn er auch hundertmal sagt: »Der Schritt ist mehr als das Ziel«, so wollen wir andern doch jung genug sein, uns ja nicht diese Moral anzueignen,[179] die aus dem Stück ›Canes familiares‹ spricht: »Wenn du diesen Blick kennst«, (mit dem der Bürgersmann den Offizier scheu und unterwürfig ansieht) »so weißt du, daß es in Deutschland nie etwas Rechtes werden wird. Und dann läßt du die Dinge laufen, wie sie wollen, und holst dir vom Regale den alten Lederband her und liest die Strophen des Horatius Flaccus, der in Venusia geboren wurde.« Ja nicht, ja nicht!

Aber schließlich muß es auch solche geben, und wir haben doch unsre Freude an ihnen.


  • · Peter Panter
    Die Schaubühne, 12.02.1914, Nr. 7, S. 202.

Quelle:
Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Band 1, Reinbek bei Hamburg 1975, S. 178-180.
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