Motzstraße 38

[217] Darf ich einmal sagen, daß diese Angelegenheit mir in Berlin reichlich überschätzt zu werden scheint? Und daß wir nun genug davon haben? Und daß es wirklich nicht so wichtig ist?

Der zuständigen Stelle im Polizeipräsidium ist diese Reklame ja wohl zu gönnen – aber was zu viel ist, ist zu viel. Was ist denn eigentlich geschehen, was ist vorgegangen, daß eine ganze Behörde vor der Öffentlichkeit den Anschein erweckt, als habe sie nun einen ganz großen Coup gemacht, und als habe sie weiter nichts zu tun?

In einer Privatwohnung haben sich ein Mann und eine Frau bereit gefunden, Zuschauer bei einer Szene zu dulden, die sich sonst im allgemeinen privat abzuspielen pflegt. Aber nun Berlin –! Aber nun die Biederen in allen Richtungen der Windrose –! Unerhört sei das! Und nun werde wohl nächstens der Himmel einfallen. Und was sage man. Und Babylon, die große. Und Sodom & Gomorrha, oder wie die Firma heißt. Und überhaupt.

Ich kanns nicht finden. Ihr werdet nicht glauben, daß ich ernsthaft solche Schmutzerei verteidigen wolle. Aber wenn ich adlig wäre, so ließ ich mir ein Wappenschild bauen, darin müßte eingeritzt stehen: »JEDER SEINS.« wenn es den Leuten, die dafür 35 Mark bezahlen, recht ist – verdorben werden diese Parkettgäste, die dagewesen sind, sicher nicht mehr! Und neu ists auch nicht (nicht einmal für Berlin). Und wie mir jemand erzählt hat, der das zweifelhafte Glück hatte, zuzusehen: eine Enttäuschung dazu. Selbstverständlich – wer hätte das anders erwartet?

Nein, es ist nicht richtig, daß eine ganze Stadt aus dem Häuschen gerät, weil irgendeine Schweinerei aufgeflogen ist. (Mit dem Unterton übrigens: »Schade, das wir die Adresse nicht früher gewußt haben!«) Es ist auch nicht hübsch, daß die gar nicht besonders löbliche Polizei nun so tut, als lägen hier die wirklichen Gefahren für eine zu behütende Kultur. Ach, es gibt schlimmere Dinge, die sich in aller Öffentlichkeit[217] abspielen, viel schlimmere Dinge. Wenn auch nicht so umflort mit dem Schein einer falschen Romantik.

Überschätzung der Liebe. Überschätzung des ›Lasters‹. Welch ein Papierwort! Eine angefaulte Sippschaft hat sich für Geld verkauft (der Berliner nennt so etwas treffend: »Bruch!«), unehrsame Bürger, ein Pfarrer, ein Ehepaar und andere erfreuliche Erscheinungen, sind darauf hineingefallen, haben für ihr Geld erhalten, was sie wollten, und eine Stadt steht auf dem Kopf.

Liebste Berolina! Stell dich wieder auf die Beine. Es sieht besser aus.


  • · Peter Panter
    Berliner Tageblatt, 04.12.1919, Nr. 578.

Quelle:
Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Band 2, Reinbek bei Hamburg 1975, S. 217-218.
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