Preußische Professoren

[100] Eigentlich solltet ihr Pallas dienen.

Aber Pallas kippt aus den Pantinen

und flieht,

wenn sie solche Magister sieht.


Damals, Vierzehn, Kanonengebrumm.

Und sie fielen alle, alle um.

Es beteten zum Himmel die Theologen,

daß sich die Kanzelverzierungen bogen.

Es bewiesen klipp und klar die Juristen

die englisch-französisch-belgischen Listen.

Der Generalstab bringt sie auf den Trab:

Philosophen schwören das Fremdländische ab.

Und kraucht auch ein Deutscher noch so mau:

die Mediziner riefen: »Kv.!«

So schreitet jede Fakultät

den Weg, der zum preußischen Himmel geht.[100]


Aber sie waren auch geistig am Werk,

Seis nun Berlin oder Königsberg,

sei es Breslau oder Halle –

dieses nämlich taten sie alle:


Sie verliehen den Doktor, den häufig bezahlten,

den silbern und golden und rötlich bemalten

Generalen –!

Und die brauchten nichts dafür zu bezahlen!

So wurde ohne alle Prämissen

der Doktor vor die Soldaten geschmissen.

Armes Diplom, schwarz-weiß umrändert,

armes Diplom! hast du dich verändert!


Und heute?

Heute, wie ehedem.

Reden ist ja so bequem.

Da ist Roethe, der maulfeste Rufer,

ein Thersites im Bart vom Panke-Ufer,

und jener Birnenbauch Wilhelm Kahl –

und allen ist der Zusammenbruch egal.

Sie sehen nur die alten Fahnen,

die schlanken Leutnants von den Ulanen,

sie sehen die Prinzen und die Haubitzen,

sie sehen die preußischen Orden blitzen,

sie sehen die ganze schuldige Schicht –


Die neue Ära sehen sie nicht.


Deutschland, sind das deine geistigen Spitzen?

Sie haben einen Hintern zum Sitzen,

sie haben auch einen servilen Rücken,

um sich vor jeder Macht zu bücken –

Kopf hingegen ist nicht vorhanden.


Arme Jugend in deutschen Landen!

Diese hochgelahrten Nauken

sind gut genug zum Examenpauken.

Brauchst du aber klaren Wein –:

Komm, den kaufen wir anderswo ein!


  • [101] · Kaspar Hauser
    Die Weltbühne, 22.05.1919, Nr. 22, S. 597.

Quelle:
Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Band 2, Reinbek bei Hamburg 1975, S. 100-102.
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