Guten Morgen –!

[249] Ich blick zurück. Das tu ich alle Jahre.

Und immer mit demselbigen Sükzeh.

Es überhingen deine blonden Haare

mir Blüten, Sommerstaub und Herbst und Schnee.


Oh, Publikum! So wars bei mir persönlich.

Und euch? Was hat denn euch das Jahr gebracht?

Wir waren guter Hoffnung – wie gewöhnlich –

wir warteten auf Dämmerung in der Nacht.


Wir warteten an Depositenkassen,

wir warteten beim Kohlenkommissar,

wir warteten in Volksversammlungsmassen –

wir warten, warten, warten – –

welches Jahr!


Wir warteten auf unsre Kriegsgefangenen,

wir warteten auf neue Menschlichkeit,

wir warteten aufs Sterben des Vergangenen –

wir warteten auf Frieden –

welche Zeit!


Bilanz: das Ding ist diesmal nichts geworden.

Prozente: Null. Der Stand des Ladens: flau.

Rechts: Reaktion – links: Bolschewistenhorden.

Bleibt, in der Mitte schließlich –: nur die Frau.


Ihr, die ihr guckt aus sanft verklebten Lidern

in diesen Neujahrstag – grüßt sie von mir! –

Wir warten weiter unter einem niedern

und grauen Weltenhimmel – wir sind wir!

Wir warten weiter. Mag der Kosmos krachen:

Prost Neujahr!

Nur die Ruhe kann es machen.


  • [249] · Theobald Tiger
    Berliner Tageblatt, 01.01.1920, Nr. 1.

Quelle:
Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Band 2, Reinbek bei Hamburg 1975, S. 249-250.
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