Kriegsandenken

[391] Daran mag keiner mehr denken, nicht wahr –?

Daß achtzig Millionen als Sklaven des Schwerts

sinnlos über die Erde stampften,

schossen, räuberten, plünderten, feilschten,

schlugen und geschlagen wurden,

soffen, um das Leid zu vergessen,

Heimat und Menschtum zu vergessen . . .


Daran mag keiner mehr denken, nicht wahr –?


Was ist denn in den Kästen geblieben –?

Münzen, bunte Medaillen und Tand.

Seidenbänder, von deutschen Fürsten

braven Untertanen gespendet:

Seide für Blut.

Fotografien liegen in den Kästen.

»Das war mein Stabsquartier in Flandern.«

»Hier, diese Ferme wurde beschossen.«

»Das ist ein Weibsstück aus Lomscha – ne Polin.«


Was ist denn in den Kästen geblieben –?


Was ist denn in den Seelen geblieben?

Habt ihr die Läuse, den Durst auch vergessen –:

denkt an den Mord an Leibern und Seelen –

denkt an die Unterdrückung des Mannes,

denkt an die Reden der Feldpastoren,

denkt an die Jahre, die ihr verloren,

[391] denkt an die Frauen, die drinnen verdarben,

während die Söhne im Trichter starben – –

denkt an die große, die herrliche Zeit – –!


Vorbei? Vorüber? Vergangenheit?


Laßt ihrs treiben bei alten Standarten,

lobt ihr, die euch vier Jahre lang narrten,

legt ihr euch wieder schläfrig aufs Ohr,

seht ihr euch wieder so wenig vor

vor dem schlimmsten Feind und seinen Taten –

vor dem Soldaten –

singt ihr die alten, verderblichen Lieder –:

morgen habt ihr die große Zeit wieder –!


Fluch dem ersten August –! Fluch der Ludendorff-Zeit –!

Freund des Friedens!

Sei immer bereit!


  • · Theobald Tiger
    Berliner Volkszeitung, 01.08.1920.

Quelle:
Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Band 2, Reinbek bei Hamburg 1975, S. 391-392.
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