Wilhelm von Abfundien

[291] »Herr Rechtsanwalt, presse den Helm ins Haar!

Gürt um dein lichtblau Schwert!

Zieh an den schwarzen Seidentalar!

Und schaffe dir Auto und Pferd –!«


Und der Rechtsanwalt rollt in die Reichshauptstadt.

Ganz Deutschland hört ihn handeln.

Mit der Instruktion, die er bei sich hat,

will er Schloß und Land und Gut und Stadt

in Privateigentum verwandeln.


Und sieh! es gelingt! Denn die Republik

ist doof im Prozessieren.

Gewiß, ER war etwas schuldig am Krieg –

aber das kann jedem passieren.


Nimm hin! Nimm hin! Den Genter Altar!

Nimm hin Million auf Million!

Das ist dein Land, wie es immer war:

es rackert für deinen Thron.


Nimm hin! Nimm hin! Es geht uns schlecht!

Es hungert der Ohnebein.

Du bist aus armem Burggrafengeschlecht –

du sollst unser Kaiser sein!


Herr Cassel verbeugt sich vor Majestät;

zur Verdauung tut er das gern.

Er lauscht mit dem Köpfchen schief gedreht

auf die Stimme seines Herrn.[291]


Und es liegt ein Land in tiefster Not

in Blut und Tränen und Schmerz.

Doch im Portemannaie, das schwarz-weiß-rot,

ruht Kaiser Wilhelms Herz.


  • · Kaspar Hauser
    Die Weltbühne, 11.03.1920, Nr. 11, S. 335.

Quelle:
Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Band 2, Reinbek bei Hamburg 1975, S. 291-292.
Lizenz:
Kategorien: