Schaufenstermoral

[169] Wir haben im Land eine Polizei,

die hat weiter nichts zu tun,

als nachzuschnuppern, wie das wohl sei

unter Seide und unter Kattun.

Sie konfisziert, damit nichts entschlüpft,

Gummi-Zeug, Tizian und Film.

Der Brunner pfeift, und der Richter hüpft –

ganz wie unter Kaiser Wilm.


Vor dem Schaufenster steht ein einsamer Mann,

ein moralischer Fetischist.

Die ganze Erotik geht ihn nichts an,

weil er Selbstversorger ist.

Und er sieht da Zigarettenetuis

mit Busen und sonst noch was

und kitschigen Damen im Paradies . . .

Und der Mann hat Sehnsucht und keinen Kies –

und daher ärgert ihn das.


Und er meldets.

Und aus den Gebüschen bricht

Staatsanwalt, Akademie,

Polizeipräsidium und Amtsgericht –:

alles von wegens Etui.[169]

In Berlin brechen nächtlich hundert Mann ein,

und der Wucher ist völlig immun.

Aber darum bekümmert sich kein Schwein . . .

O Herr! Vergib den Behörden dein!

Denn sie wissen nicht, was sie tun –!

Amen.


  • · Theobald Tiger
    Die Weltbühne, 13.04.1922, Nr. 15, S. 380.

Quelle:
Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Band 3, Reinbek bei Hamburg 1975, S. 169-170.
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