Ruhe und Ordnung

[17] Wenn Millionen arbeiten, ohne zu leben,

wenn Mütter den Kindern nur Milchwasser geben –

das ist Ordnung.

Wenn Werkleute rufen: »Laßt uns ans Licht!

Wer Arbeit stiehlt, der muß vors Gericht!«

Das ist Unordnung.


Wenn Tuberkulöse zur Drehbank rennen,

wenn dreizehn in einer Stube pennen –

das ist Ordnung.

Wenn einer ausbricht mit Gebrüll,

weil er sein Alter sichern will –

das ist Unordnung.


Wenn reiche Erben im schweizer Schnee

jubeln – und sommers am Comer See –

dann herrscht Ruhe.

Wenn Gefahr besteht, daß sich Dinge wandeln,

wenn verboten wird, mit dem Boden zu handeln –

dann herrscht Unordnung.


Die Hauptsache ist: Nicht auf Hungernde hören.

Die Hauptsache ist: Nicht das Straßenbild stören.

Nur nicht schrein.

Mit der Zeit wird das schon.

Alles bringt euch die Evolution.

[18] So hats euer Volksvertreter entdeckt.

Seid ihr bis dahin alle verreckt?

So wird man auf euern Gräbern doch lesen:

sie sind immer ruhig und ordentlich gewesen.


  • [19] · Theobald Tiger
    Die Weltbühne, 13.01.1925, Nr. 2, S. 68, wieder in: Mona Lisa.

Quelle:
Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Band 10, Reinbek bei Hamburg 1975.
Lizenz:
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