Übersetzer

[168] Der Deutsche ist – etwa im Gegensatz zum Franzosen – neugierig und will genau wissen, was in anderen Ländern vorgeht. In keinem andern Lande der Welt ist das Interesse an fremden Kulturen und Literaturen wohl so groß wie in Deutschland, was Stärke und Schwäche zugleich bedeutet. Bei uns wird ungeheuer viel übersetzt.

Was wird übersetzt? Neben der Übertragung wichtiger und bedeutsamer Erscheinungen neuer und alter Zeit: wahlloser Krimskrams. Liest man so die gängige Marktware des Übersetzungshandels, so muß man doch fragen, ob wir solchen Kitsch nicht auch zu Hause fabrizieren. Und man muß antworten: wir können das sogar viel besser, weil nämlich die deutsche schlechte Literatur für Deutsche berechnet ist und hier wenigstens wirkt. Ich halte es für ganz und gar verkehrt, wenn der erfolgreiche Unterhaltungsroman fremder Länder mit der Verlagsbauchbinde ›In Timbuktu 450000 Stück verkauft!‹ legitimiert wird. Eintagserfolge der Unterhaltungsliteratur beruhen auf ganz bestimmten Voraussetzungen: auf solchen der Sprache, auf solchen der[168] Gesellschaft; und so, wie es schon schwer genug ist, den Franzosen Proust in Deutschland einzubürgern, weil es die Welt seiner Modelle hier nicht gibt, so ist es unmöglich, französischen oder englischen Kitsch herüberzubekommen: er wird nicht verstanden. (Schulbeispiel: ›Gentlemen prefer Blonds‹.) Man braucht nur die umgekehrte Erwägung anzustellen, um ganz klar zu sehen: was sollten die Amerikaner mit den ›Briefen des Landtagsabgeordneten Filser‹ von Ludwig Thoma anfangen? Was die Franzosen mit der Courths-Mahler? Sie läsen keine Zeile – nicht etwa, weils nichts taugte, sondern weil die Welt, die Ausdrucksweise, die Färbung dieser guten und schlechten Werke an das Entstehungsland gebunden sind: es kommt nichts herüber.

So Irren sich ja auch häufig deutsche Theaterdirektoren, die in wirrer Hast alles mögliche wild durcheinander übersetzen lassen und sich nachher wundern, wenns keinen Erfolg hat. Ich will nicht prophezeien: aber ich glaube nicht an die großen Erfolge gewisser französischer Boulevardstücke, die wir hier nächstens zu sehen bekommen werden, und ich glaube nicht an die Erfolgsmöglichkeiten amerikanischer Sensationsschmarren. Ja, wenn man sie bearbeitete! Das, Clément Vautel, wäre ganz was anders. Aber dann müßte man wieder bei solchen drittrangigen Göttern so viel fortlassen, hinzusetzen, umbauen und verändern, daß etwas Neues herauskommt. Und das lohnt wieder nicht.

Auswahl der Übersetzungen ist also häufig durch einen instinktlosen Geschäftsgeist diktiert.

Wie wird übersetzt? Nicht sehr schön. Es ist das ja eine schwere Sache, das ist wahr, und man kann sehr darüber streiten, wie eine ideale Übersetzung eigentlich aussehen soll. Soll die fremde Sprache hindurchschimmern? Soll der Sprachenkundige noch durch den Teig der Übersetzung, womit sie farciert ist, hindurchschmecken? Soll er Redewendungen anklingen hören? Den fremden Pulsschlag noch leise fühlen? Das ist die eine Möglichkeit, Oder soll sich die Übersetzung glatt lesen, so daß es ein Lob bedeuten soll, wenn einer sagt: »Man merkt gar nicht, daß das hier übersetzt ist.« Das ist die andere Möglichkeit. Eines aber kann man verlangen: daß der Übersetzer beider Sprachen mächtig ist. Nicht immer ist ers.

Ich will noch gar nicht einmal davon reden, daß sich in einer pariser Posse, die hier in Berlin läuft, die Personen mit »Mein Herr« anreden – was ja wohl in einer Gesellschafts-Konversation nicht gerade üblich ist. Aber schon Christian Morgenstern merkte in seinen herrlichen ›Stufen‹ an, daß der deutsche Übersetzer holprig und fremd daherstelzt und, wenn er vertraulich tut – die dummen Modewörter seiner Alltagssprache gebraucht, wobei er sich denn auch noch meistens verhaut und so derb wird, wie es drüben, in angelsächsischen und lateinischen Ländern, nicht immer der Brauch ist. Man muß eben[169] nicht nur ein Lexikon, man muß auch Fingerspitzen haben. Die meisten haben nicht einmal ein Lexikon.

Ich besinne mich noch sehr gut, wie mir ein Freund einst in Paris ein französisches Manuskript zeigte, das schon kurze Zeit in einem deutschen Verlag gewohnt hatte. Der Übersetzer hatte das Werk des Franzosen bereits mit einem feinen Spinnennetz von Bleistiftanmerkungen überzogen, und da stand: »Dans le bar, il y avait quelques poules . . . « Und der deutsche Übersetzer hatte ›poules‹ unterstrichen und an den Rand geschrieben: »Was heißt das? Keine Ahnung!« Natürlich, Hühner konnten es nicht sein, die da pickten, und daß es ›Mädchen‹ mit dem Unterton von ›Nutten‹ waren, wußte er nicht. Dann sollte er aber nicht übersetzen. ›Babbitt‹ von Sinclair Lewis soll, wie Fachleute nachgewiesen haben, von Fehlern wimmeln, und bei vielen anderen Modebüchern ists grade so. Woran mag das liegen . . . ? Es liegt daran,

wer übersetzt. Übersetzungen werden leider miserabel bezahlt, und so wimmeln auf dem Literaturmarkt Legionen von kleinen Parasiten herum, die den wenigen verdienstvollen Übersetzern das Brot von der Schreibmaschine weg übersetzen. Da gibt es arme Luder, die die sogenannten ›Rohübersetzungen‹ machen; der Mann mit der anerkannten Übersetzungsfirma ›bearbeitet‹ das dann, eine ganz und gar abscheuliche Arbeitsteilung, denn schon in der Rohübersetzung kommen die bösesten Dinge vor, und die sind schwer wieder herauszubekommen. Wenn man einmal mit angesehen hat, mit welcher Unverfrorenheit sich die meisten Übersetzer ans Werk machen, mit welch völligem Mangel an Kenntnis von Land, Grammatik und Lebensgewohnheiten der andern, dann wird einem himmelangst, und man wundert sich über gar nichts mehr. Zum Übersetzen von guten Sachen ist der Beste gerade gut genug – machen tuts irgendein Stückchen Unglück, das sich seinen Lebensunterhalt kümmerlich damit verdienen muß, und daher Tempo, Flüchtigkeit und Qualität der Übersetzung.

Es ist ein Jammer. Das internationale Urheberrecht hat diese so wichtige Sache kaum geregelt, und wenn es sich nicht um einen sehr mächtigen Autor handelt, dann ist der Schöpfer des Werkes ziemlich ohne Einfluß auf die Gestalt, in der sich sein Kind im andern Lande präsentiert. Wenn er erst erschrickt, ist es zu spät.

Da es schon ein großer Kerl sein muß, der die Wogen der heimischen Sprache so überragt, daß sein Kopf auch noch von fern her sichtbar ist, so verlohnt es sich, den Übersetzungen mehr kritische Aufmerksamkeit zuzuwenden. Ob Snobs, die so tun, als hätten sie mit der Mistinguett noch gespielt, wie die so klein war, falsch oder richtig über Frankreich unterrichtet werden, ist ziemlich gleichgültig. Wir andern aber hätten gern Hamsun, Tolstoi, Lewis und Kipling auf deutsch so gelesen, wie sie wirklich geschrieben haben.


  • [170] · Peter Panter
    Vossische Zeitung, 04.03.1927.

Quelle:
Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Band 5, Reinbek bei Hamburg 1975, S. 168-171.
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