Beschluß und Erinnerung

[325] Am 3. Dezember 1928 jährt sich zum zweiten Mal der Todestag Siegfried Jacobsohns


Bei allem, was ich tu und treibe,

denk ich an eine starke Hand;

die lenkt mich heut noch, wenn ich schreibe,[325]

ob auch der Freund uns jäh entschwand.

Der Freund – ich nannt ihn dann und wann:

den kleinen Mann.


Er war uns viel.

Der wollt nicht dämpfen,

er packte wuchtig seine Zeit.

In Lärm und Streit und lauten Kämpfen;

ein Blick – wir wußten gleich Bescheid.

Und kämpf ich heut – wie fehlt mir dann

der kleine Mann!


Er hat uns vieles hinterlassen:

den Dienst am Werk und Schuld und Pflicht.

Ich will im Lieben und im Hassen

so tun wie er – stets kann ichs nicht.

Ich hab mich oft in Zweifeln still gefragt:

»Was hätte wohl S. J. dazu gesagt –?«


In seinem Sinn will ich mir Mühe geben:

die Wahrheit an das helle Taglicht heben –

aus Liebe streiten – in der Stille leben . . .

Das sieht von oben freundlich lächelnd

an der kleine Mann.


  • · Theobald Tiger
    Die Weltbühne, 04.12.1928, Nr. 49, S. 837, wieder in: Mona Lisa, auch u.d.T. »Erinnerung«.

Quelle:
Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Band 6, Reinbek bei Hamburg 1975, S. 325-326.
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