Der Takt der Soldaten

[76] »Die Deutschen an der Spitze des Festzuges bei der Eröffnung der Olympiade in St. Moritz« sehen so aus:

Ein Mann mit einer Tafel »Allemagne«, ein Mann mit einer Fahne, und als dritter – ei, wer tommt denn da? – ein Reichswehroffizier. Den Mund hat er halb geöffnet, als sage er grade »Ach – «, was etwas altmodisch, aber desto wahrscheinlicher ist. Soweit gut.

Aber dieser Offizier trägt an Brust und Bauch: das Eiserne Kreuz Erster Klasse (Nichtraucher) sowie andre Schnallen und Blechstücke aus der großen Zeit. Nun liegt die Situation doch so:

Hinter den Deutschen marschieren im Festzuge die andern Nationen, darunter solche, für deren Bekämpfung der junge Herr von der Reichswehr seine Stoffrestchen verliehen bekommen hat. Nehmen wir einmal an, die Orden wären im Schützengraben verdient –: so klebt an jedem [76] von ihnen das Blut von Landsleuten der Sportkameraden. Geschmack wird stets bei wenigen nur gefunden . . .

Soll also der Mann von der Reichswehr seine Orden ablegen? Nie und nimmermehr – welche Schmach und Schand'! Tragen vielleicht die Offiziere der andern Armeen ihre Kriegsabzeichen, die sie für Abschlachtung von deutschen Arbeitern und Angestellten bekommen haben, gleichfalls, wenn sie in der Schweiz Sport machen? Wenn sie es tun, so spricht das höchstens gegen ihren Geschmack und ihre militärische Erziehung und nicht für die deutsche Taktlosigkeit.

Ja, was hätte denn der deutsche Offizier tun sollen? Er hätte – Bellona, verhülle dein Haupt! – er hätte – man sollte es nicht für möglich glauben – er hätte – wie sag ichs meinem Soldaten? – er hätte sollen in Zivil gehen.

Aber das wäre dann keine Reklame für den nächsten Krieg, Deutschland wäre nicht würdig im Ausland vertreten, und für das Ressort Friede haben wir unsern Nobelpreisträger. Bei Orden denken sich die meisten nicht mehr, als daß es eben Orden sind, die da klunkern. Auch nicht einen Augenblick wird einem Teilnehmer der Olympiade der Gedanke gekommen sein, daß geronnenes Blut auf der Brust des Offiziers sitzt; daß vielleicht ein Bruder beim Anblick dieses Mordabzeichens den Bruder beklagen könnte; daß die Erinnerung an die niedrigsten Tage der Menschheit sich nicht schämt, ans helle Schneelicht zu kriechen. Der Rest weiht Kriegsdenkmäler ein, paradiert mit Totschlägerabzeichen noch im Sport und bereitet sich und die andern, zusammen mit einer tobsüchtigen Industrie, auf das nächste Naturereignis vor.

Und mobilisieren wir –?


  • · Ignaz Wrobel
    Die Weltbühne, 20.03.1928, Nr. 12, S. 456.

Quelle:
Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Band 6, Reinbek bei Hamburg 1975, S. 76-77.
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