Auf dem Nachttisch

[327] Abends, wenn ich im Bett liege, muß ich mich immer so ééérgern . . . (Merk: ärgern – das ist böse und einmalig; ééérgern aber ist lange, sanft, süß-sauer und überhaupt.) Ich muß mich so ééérgern, weil sich[327] wieder achtmal etwas ereignet hat, das ich da benannt habe: Die Technik spielt. Denn wir sind schrecklich weit fortgeschritten. Wir können von Berlin nach San Francisco telefonieren. Wir können in die Stratosphäre steigen. Die Leute können im Flugzeug über dem Atlantischen Ozean ein Rundfunkkonzert hören. Nur eine Schreibmaschine anständig reparieren, das können sie nicht. Oder eine Schraube am Auto so anziehen, daß sie länger hält als vierzig Kilometer, das können sie auch nicht. Und in jeder Wohnung ist immer grade etwas entzwei, und »Ich habe schon dreimal telefoniert, aber . . . « Das können sie alles nicht. Die Technik spielt. Sie bauen immerfort neue Modelle – aber die alten funktionieren nicht richtig, und es gibt auch keine richtigen Ersatzteile . . . Ich habe den falschen Beruf erwählt. Ein Schriftsteller muß anständige Ware liefern. Man hätte sollen Schlosser werden oder Schreibmaschinenmann oder so etwas . . . die liefern ihren Schund, oder sie liefern ihn auch nicht, wie es ihnen grade einfällt, und bezahlen bezahlen wir doch. Die Technik spielt. Und ich muß mich so ééérgern. Und nun wollen wir uns eins lesen.


›Deutsche Literatur, Sammlung literarischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Entwicklungsreihen‹ (bei Philipp Reclam jun. in Leipzig). Das Unternehmen scheint besser als sein schwerfälliger Titel. Walther Brecht, Dietrich Kralik und Heinz Kindermann haben sich da eine gewaltige Aufgabe gestellt: sie wollen aus ältern und neuem Epochen der deutschen und auch außerdeutschen Literatur auswählen und die Auswahl systematisch herausgeben: Heldendichtung. Geistliche Dichtung. Mystik. Drama des Mittelalters. Volks- und Schwankbücher. Reformation, Barock. Aufklärung. Und so fort. Und so fort. Das Unternehmen soll zweihundertundfünfzig Bände umfassen. Zwei Proben liegen mir vor.

Politische Dichtung: ›Vor dem Untergang des alten Reichs‹. Und: ›Die Dichtung der ersten deutschen Revolution‹.

Da ist vor allem ein Einwand zu erheben: die Bände sind viel zu teuer. Jeder kostet gebunden acht Mark und fünfzig. Gewiß haben die Herausgeber eine große Arbeit geleistet, aber Autorenhonorare sind hier nicht zu zahlen, denn die ausgewählten Dichter sind heute frei, und so rechtfertigt sich der Preis nicht. Und wenn mir die Verleger, die sich ja selber mit diesen unsinnigen Preisen schädigen, wer weiß was erzählen: hier stimmt etwas in der Berechnung nicht. Der Verleger überlege, was er seinen Buchhaltern zahlt – so viele Buchhalter-Arbeitsstunden ist das Buch nicht wert. Und nur danach geht es, und wenn der Verleger etwa so zynisch wäre, zu sagen: »Meine Buchhalter sollen es ja auch nicht kaufen«, so befolgt er damit nur die dümmste aller Praktiken – die Konsumkraft des Volkes noch mehr herunterzusetzen und so zu tun, als zahlten die andern Arbeitgeber[328] mehr. Das ist nicht wahr. Wer soll sich denn den Kauf der ›Politischen Dichtung‹ leisten? Ich bin kein Hungerleider, Aber ich kann sie mir nicht kaufen – so viel verdiene ich nicht. Und sie ist auch, siebenreihig, wie sie ist, ihre sechzig Mark nicht wert. Hier stimmt etwas nicht.

Die Arbeit ist, nach zwei Bänden zu urteilen, sauber gemacht. Bei einer von bürgerlichen Akademikern vorgenommenen Auswahl politischer Dichtung taucht natürlich die Frage nach einer etwaigen Tendenz und nach der Unparteilichkeit auf. Nun, innerhalb des Rahmens einer Universität und eines Seminars ist das musterhaft. Der Rahmen ist abzulehnen: die Einleitungen sind brav nationalliberal; es fehlen auch die unterirdischen Erzeugnisse dieser Literatur fast gänzlich – es gibt da besonders aus den achtundvierziger Jahren viel, viel mehr (siehe beispielsweise die kleine Sammlung ›Gift und Galle‹, herausgegeben von Ernst Drahn; bei Hoffmann und Campe in Berlin erschienen). Das fehlt. Was aber da ist, ist sauber ediert, und man lernt eine ganze Menge.

Wie man sich erst wieder in die alten Zeiten hineinarbeiten muß! Wie der Funke nicht gleich überspringt, wenn es sich um Durchschnitts-Talente handelt! Wie dergleichen oft einer Bierzeitung gleicht, einer Klassenzeitung, deren Leser schmunzelnd jede winzige Andeutung verstehen, weil sie wissen, wer mit ›Tyrann‹ und ›Eunuchen‹ und mit dem ›stolzen Neufranken‹ gemeint ist. Wir andern wissen es auf Anhieb nicht. Wir haben es gelernt; wir können auch in den Anmerkungen nachsehen – aber wir fühlen es nicht sofort und nur, was unmittelbar bekannt und vorhanden ist, eignet sich zur satirischen Wirkung. Kommt hinzu, daß besonders das Bürgertum, der Träger der damaligen Bildung, im achtzehnten und in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts den letzten Ausläufer des Humanismus darstellte, und nun also – für unsre Ohren – zopfig und später leicht staubig gedichtet wurde: alles ist behangen mit römischen und griechischen Allegorien, die einfache Empfindung fast immer übersetzt in einen Jargon der ›Bildung‹, weil man das häufig mit Dichtung gleichsetzte . . . eine merkwürdige Lektüre! Aber eine lehrreiche. Und eine vergnügte Revolution war das, 1848! So viel guter Wille und so viel Zipfelmütze . . . ! Bei dieser Gelegenheit: lest Ernst Moritz Arndt. Ihr werdet wunderschöne Entdeckungen machen – denn deutsch schreiben, das konnte er. Diese Bücherreihe wird trotz ihres hohen Preises und trotz der braven Auswahl für den, der sein Gebiet exakt bearbeitet, unentbehrlich sein. Er wird sie sich nur nicht kaufen können.

Etwas kaltes Wasser wäre nicht schlecht. Aeh – der Hahn ist kaputt. Der Hahn vom kalten Wasser ist kaputt. Es gibt nur warmes. Wollen wir zu Vischer beten, dem mit der Tücke des Objekts? Ich[329] will eine neue Tücke erfinden; die Tücke der Subjekte. Ach, muß ich mich ééérgern . . . Ärgern wir uns gleich über das nächste Buch mit. Aber das lohnt nicht.

Das nächste Buch ist ›Was nicht in die Zeitung kam‹ von S. M. von Propper (erschienen bei der Frankfurter Societäts-Druckerei in Frankfurt am Main). Probe und Beispiel, wie ein Journalist nicht sein soll, wie eine Presse nicht sein soll . . . ich erwähne das Buch nur so nebenbei, weil es einen Typus darstellt. Der Waschzettel meint, das sei ein »Kompendium weltgeschichtlicher Anekdoten, ein Blick hinter die Kulissen . . . « Mitnichten. Es steht etwa auf der Stufe jener ›amüsanten genfer Anekdoten‹, über die sich die Auguren halb tot lachen, und die ihnen deshalb witzig vorkommen, weil die handelnden Personen so oft durch den Fettdruck der Zeitungen gezogen worden sind. Eine Geschichte wird nicht dadurch besser, daß Calonder in ihr eine Rolle spielt – das sind Schulwitze. Jedes Milieu versteht nur seinen eignen Humor. Dieser Propper, der in Petersburg gearbeitet hat, erstirbt nun vor der Größe der damaligen zaristischen Machthaber und überbietet sie durch eine unerträgliche Wichtigtuerei. Typisch für diese Sorte Journalismus, den es auch heute noch in zahlreichen und wenig schönen Exemplaren gibt, ist seine Neigung, nicht nur zu referieren sondern die Weltgeschichte gleich ein bißchen mitzumachen. Er dampft vor Eifer, und der Politiker läßt die Herren lächelnd machen. Und nutzt sie aus. Dafür kriegen sie dann eine ›Nachricht‹. Ach, diese überschätzten Nachrichten . . . ! Wie das grade immer nur für einen halben Tag gilt, diese Sensationen, dieses Allerneuste, diese ›Bombe, die in der Sitzung geplatzt ist‹ . . . ! Einen Tag später kümmert sich kein Mensch mehr darum. Propper hat vieles gesehen und nichts. Kein Blick, kein Aspekt, kein Horizont. Aber lauter klitzekleine Klatscherein, Durchstecherein, Intrigen, hinterbrachte Nachrichten, Diskretionen, Indiskretionen . . . das ist nichts.

Jetzt ärgert es sich schon in einem hin . . . Nein, Ärger ist nicht das richtige. Hier dieses Büchlein soll uns nicht die Ruhe stören – wir wollen es nur noch einmal durchsehen. Man reiche uns eine Feuerzange. Sowie zwei kräftige Lederhandschuhe. ›Mord an der Zukunft‹ von Hjalmar Kutzleb (erschienen im Widerstands-Verlag in Berlin), Saubere Ausstattung, schöner Druck; bebildert hat das Buch A. Paul Weber, ein Kind von Doré und Kubin, ein begabter Mann. Mord an der Zukunft?

Kutzleb (u wie Otto) meint, Deutschland morde seine noch ungeborenen Generationen. Und das tut er nun dar.

Dieser Deutsche schreibt kein gutes Deutsch. Für gut hält er alte deutsche Wörter, die er deshalb nicht zum Leben erwecken kann, weil er selber ein Toter ist. »Der Intellektuelle ist der geile Verstand und die gelte Lende, der güste Schoß.« Das ist deutsch. »Nicht jeder[330] Denkende ist ein Intellektueller, das ist erst der Mensch des souveränen und schlechthinnigen Verstandes, der des Glaubens Unfähige, der dem organischen Sein Entfremdete.« Das ist auch deutsch. Es läßt sich hier einmal an einem schönen Beispiel dartun, wie unsinnig diese törichten Puristen Fremdwörter übersetzen. Man sagt zum Bespiel: »Konkurs der SPD«. Sehr schön ist der Ausdruck nicht – doch haben sich militärische und kaufmännische Vergleiche aus begreiflichen Gründen in die deutsche Sprache eingenistet. Gut. Jetzt Kutzleben: »Wir besitzen ein klassisches Zeugnis für den Bankbruch der geschlechtlichen Erziehung der Jugend . . . « Bankbruch? Wessen Bank ist denn da gebrochen? Ah – er meint: Konkurs. Und sieht nicht, daß er, anstatt Fremdwörter zu verteutschen, lieber Begriffe verbessern sollte, denn die geschlechtliche Erziehung der Jugend ist kein Bankunternehmen, und der Ausdruck ›Konkurs‹ ist hier genau so schlecht wie ›Bankbruch‹. Und daß da zwei abhängige Genetive nacheinander stehen, hört der Teutsche auch nicht. Welch ein Tintengermane!

Mit der Bildung geht es ihm so, daß er das kleine Büchlein ›Nixchen‹ dem verstorbenen Hans von Gumppenberg zuschreibt; er ist zu faul, nachzusehen, daß es von Hans von Kahlenberg stammt, und das ist eine Frau. Über Berlin hat er Ansichten wie ein kleiner zorniger Schultyrann aus Probstheida; von Mussolini, dem wohl nichts so vorzuwerfen wäre als die gradezu infame Art, wie er die Auslandsitaliener behandelt: »Man mag über Mussolini denken, wie man will, die Art, wie er die italienischen Auswanderer mit feinen, aber festen Fäden an die Heimat bindet . . . « Man sollte Herrn Kotzleben mit feinen, aber festen Fäden an einen Baum binden und ihm fünfundzwanzig hinten drauf zählen, und zwar, weil er dieses hier geschrieben hat: »Der Intellektuelle quietscht wie ein gestochnes Schwein, wenn einer seines Gelichters, er mag Maximilian Harden alias Witkowski heißen und mit literarischer Giftmischerei, mit verlarvtem Landesverrat, mit Erpressergeschäften ein Vermögen und einen sogenannten Namen erschoben haben, endlich einmal, leider ohne vollen Erfolg, der Rächerfaust zum Opfer fällt . . . « Gewalttätigkeiten sind niemals ein Argument – der Herr macht es einem ein bißchen schwer, an diesem Satz festzuhalten. Einen Toten zu beschimpfen, ihn mit den dreckigsten Verleumdungen zu schmähen, mit Behauptungen, von denen jede einzelne eine Lüge ist – das ist wohl sehr germanisch. Der Rächerfaust zum Opfer . . . ? Ich habe die Rächerfäuste damals im Gerichtssaal gesehen; es war das jämmerlichste Gesindel, das man sich denken konnte: herumsaufende Luden, feige bis dorthinaus, armselige und schmierige Analphabeten. So sehen die Helden des Deutschen Hjalmar Kutzleb aus. Man muß sich seine Ideale aussuchen. Der Mann ist übrigens alte Schule – mit den Bestrebungen der nationalen deutschen Jugend hat diese Schweißsocke nichts zu[331] tun. (Auch, wenn er der Autor eines von ihr vielgesungenen Liedes ist.) Aber das sind die Mitläufer des Herrn Hitler. Deutschland, wo bist du –?

Da sieht der französische Nationalismus denn doch anders aus. Sicherlich mühen sich die deutschen jungen Nationalisten, ihre vorläufig noch schwammige und neblige Gefühlswelt so rational zu untermauern, wie das die ›Action Française‹ längst getan hat. Zwei Bände Léon Daudets zum Beispiel ›Paris Vécu‹ (Èditions de la NRF Paris) – Rive Gauche und Rive Droite – sind höchst amüsant zu durchblättern. Dieser Daudet ist ein Ekel, ein dicker Kapaun, der furchtbar kreischt, wenn man ihm sein Fressen wegnimmt, und der kreischt, wenn er es gefressen hat, und der nur dann still ist, wenn er grade ißt. Denn vom Essen versteht er wirklich etwas. Was eigentlich für den Mann spricht – aber er ist ein solcher Schmierfink . . . Doch wie hoch steht das noch über solchen Helden wie dem da eben! Da spaziert Daudet also durch zwei Bücher und durch Paris, und an jeder Ecke fällt ihm etwas ein: eine Bosheit, eine Erinnerung, ein persönliches Erlebnis, eine geschichtliche Tatsache, die sich in diesem oder jenem Viertel abgespielt hat . . . es ist ein weiter Weg von diesem Daudet zu jenem Kutzleb. Es ist gar kein Weg. Daudet ist ein schlechter Mensch – Herr Kutzleb ist ein Kaschube.

Und nun wollen wir uns gar nicht mehr ééérgern, sondern uns einmal aus Herzensgrund freuen. Ich habe ja schon oft gesagt, daß ich das Wettrennen um die ›Neuerscheinungen‹ nicht mitmache – es ist mir ganz gleich, wann ein Buch erschienen ist . . . traurig, daß durch diese alberne Hetzerei das Buch vom vorigen Monat nicht mehr gekauft wird, weil es nicht ›neu‹ ist.

›Roda Rodas Roman‹ ist nicht neu; das Buch (im Drei Masken-Verlag in München erschienen) ist fünf Jahre alt. Und frisch wie am ersten Tag.

Nein, nicht was Sie meinen. Gar keine Sammlung von Anekdoten. Wobei denn immer mal wieder zu bemerken wäre, wie unrecht man Rodan damit tut, wenn man ihn etwas geringschätzig auf ›nur Anekdoten‹ festnageln wollte. Nur? Der Mann hat der Anekdote unsrer Zeit ihre Form gegeben; niemand – auch ich nicht – könnte so exakt-salopp erzählen, wenn er uns das nicht gezeigt hätte. Sein Deutsch ist musterhaft, sein Stilgefühl unbeirrbar; er ist ein Wunder an Erzählertechnik, Sein Buch aber ist keine schämig verhüllte Witzblattsammlung. Es ist wirklich die Geschichte eines Lebens – eines Männerlebens.

Zugegeben, daß sicherlich viele dunkle Seiten fehlen – peinliche und langweilige, böse und bittere. (Obgleich auch solche darin sind.) Erinnerungen, besonders die lustigen, leuchten ja immer so bunt, wie sie nie gewesen sind – es fehlt nämlich dahinter der graue Zeitteppich[332] von belanglosen Wochen, in denen nichts geschah . . . Aber in diesem Buch Rodas ist nun einmal ganz, was diese lächerlichen Helden von der rechten Seite – Bronnen, Salomon, Schauwecker und alle die andern – vergeblich zu schildern suchen, weil sie es nicht sind: hier spricht ein Mann. Wenn diese Kerle das Wort ›Mann‹ sagen, dann schütteln sie immer die . . . aber das allein ists nicht. Bei Roda ist der männliche Humor, jener Klamauk, der nur unter Männern gedeiht; hier wird gesoffen und geritten, geliebt und gefochten, und wenn auch von der sozialen Struktur dieser eigenartigen österreichischen Armee wenig zu spüren ist –: das ist eines der wenigen Soldatenbücher, die unsereiner lesen kann. Österreich ist nicht Preußen . . . Barock ist da und der Katholizismus ist da. Landwein und ein linderer Himmel – man riecht, man schmeckt, man trinkt das Buch, Aus tausend Einzelheiten nur eine: Die Truppe kommt im Manöver durch ein kleines Bad, Daruwar. Halt und kurze Rast. Eine Frau sieht aus einem Villenfenster. Der Leutnant Roda bittet um Wasser. Und geht hinein. Und bekommt das Wasser und alles andre, in den paar Minuten. Und wie das erzählt ist, in zwanzig Zeilen, hingehauen, lustig, ohne die leiseste Spur von Hahneneitelkeit –: so ist der ganze Mann. Dazu Ansätze von Weisheit, wie sie nur die Nähe des Orients erzeugen kann, vom Unwert der Zeit, vom Unwert des Ruhms . . . das sei für jeden, der lesen und leben kann, ein Lieblingsbuch. Die große Liebesepisode in der zweiten Hälfte gebe ich gern ab. Alles andre aber habe ich wohl schon viermal gelesen, und man wird nicht dümmer davon.

Kein Nachttisch ohne Kriegsbücher. Ich kann nichts dafür . . . »Habe ich den Krieg gemacht?« sagt die beleidigte Tante bei Marcellus Schiffer. Die Tante hats gut – sie braucht die Schmarren wenigstens nicht zu lesen. Eine der Ausnahmen: ›Schreib das auf, Kisch!‹ Die Neuausgabe eines alten Kriegstagebuches von Kisch, mit ein paar meisterhaften Schilderungen, die in jedem Lesebuch stehen sollten. (Erschienen bei Erich Reiß in Berlin.) Niemand kann sagen: So war der Krieg. Er kann nur sagen: So war mein Krieg. Man muß sich das Gesamtbild aus Bildchen zusammensetzen. Kisch gibt solcher Bildchen gar viele. Und der Übergang über die Drina gehört in ein literarisches Museum.

Kein Nachttisch ohne Kriegsbuch. ›Sittengeschichte des Weltkrieges‹ von Magnus Hirschfeld und Andreas Caspar (erschienen im Verlag für Sexualwissenschaft Schneider & Co., Leipzig). Hm . . .

Hm – wegen der Bilder. Die sind ja nun wohl mehr für das Publikum, das das ›Pikante‹ sucht . . . ich suche es nicht. Mich gelüstet nicht danach: aber mir wäre eine handfeste Schweinerei lieber als diese gerafften Röckchen. (Diesen Satz werden wir, gefälscht, in den völkischen Zeitungen wiederfinden.) Es ist viel dummes Zeug unter diesen Bildern, Sehr bezeichnend sind sie, aber wohl nur für die Zeichner, die die Begriffe ihrer Vorkriegserotik munter an die Schützengraben[333] herantrugen – die Mädchen und die Soldaten sehen alle aus wie Figuren aus den ›Lustigen Blättern‹, Jahrgang 1911. Es scheint, daß die Gestaltung eines Ereignisses nie während des Ereignisses vorgenommen wird – sondern erst hinterher.

Der Text steht weit über den Bildern. Er drückt sich zwar, was die Rolle und die Tätigkeit der deutschen Besatzungsarmeen, und besonders was ihre Offiziere angeht, um die entscheidenden Punkte herum . . . hier sind Konzessionen unverkennbar. Aber das Buch bringt viel neues und gutes Material – man sieht aus den Zeilen viel mehr, als man aus den Bildern lesen kann. Welch eine Schweinerei ist das gewesen –! Diese überstürzte Urlaubsliebe, bei der die Frau gefühlsmäßig immer hinter dem Mann zurückbleiben mußte; die Sauerei der Etappe, wo die Gonokokken bellten; die überhitzte Phantasie der Männer, wenn sie nicht grade in Gefahr waren – dann dachte wohl kaum einer an Weiber . . . Eine wirklich schöne Bildseite hat das Buch. Seite 177. Unten: Französisch-amerikanisches Plakat gegen die Zoten: »Wenn du von Frauen sprichst, denke an deine Mutter, deine Schwester und deine Braut, und du wirst keine Dummheiten reden.« Wie niedlich! Das hatte sich bestimmt eine fromme Dame im Hinterland ausgedacht, und ein Zeichner, der grade von Muttern kam, hatte das gezeichnet. Darüber: die Schützengrabenzeichnung eines französischen Soldaten. Ah, mon vieux, das ist ein Ding! Eine verschmierte Sache mit einer gekritzelten Sphinx, mit phallischen Formen und von einer Eindringlichkeit des Begehrens, von einer tiefroten Dumpfheit, daß man schaudert. Das Buch hat zu wenig abschreckendes Material – es ist kein Gegengewicht gegen die unendliche Kriegspropaganda und die Reklame, die für teures Geld und mit vielen Pastoren, Fahnen, Denkmälern, unbekannten Soldaten, Manövern und Ministerreden auf der ganzen Welt für den Krieg gemacht wird. Und die Hämmel glauben das. Und laufen nächstes Mal wieder hinein. Gute Verrichtung! Aber jammert nicht hinterher. Ihr habt es so gewollt.

So – nun einmal nicht Krieg. Wenigstens keinen uniformierten.

Christa Anita Brück. ›Schicksale hinter Schreibmaschinen‹ (erschienen im Sieben-Stäbe-Verlag in Berlin). Die Angestelltenfrage ist durch das Buch Kracauers ›Die Angestellten‹, auf das ich noch zu sprechen kommen werde, in Bewegung gekommen. Die Spezialisten toben wild umher – sie haben Jahrzehnte verschlafen, und nun kommt da so ein Außenseiter! Während doch sie das gesamte Propplem gepachtet haben . . . Gott segne sie.

Die Frau Brück hat der liebe Gottleider nicht gesegnet. Diese Angestelltengeschichte ist ein Schmarrn. Aber es ist gut, die Nase in so etwas hineinzustecken – man lernt viel. Nicht, was die Verfasserin uns lehren will; das ist dummes Zeug. Ihre Heldin ist edel, hilfreich und gut . . . drum herumgibt es viele Neider und Feinde . . . das muß[334] ich schon mal irgendwo gehört haben. Und im übrigen: die dumme Liebe! Es sind und bleiben Einzelschicksale; ein Kollektivschicksal wird nicht dadurch gestaltet, daß man von Zeit zu Zeit durchblicken läßt, so ergehe es andern auch . . .

Also aber spricht die Dichterin: »Der akkurateste Scheitel, die blankpoliertesten Fingernägel, der neumodischste Schlips, die gelbsten Handschuhe, die man sich denken kann, ein goldenes Kettchen ums Handgelenk, immer nach Eau de Cologne duftend, fünfundzwanzig Jahre alt, das ist Pehlke, der Sohn eines Kellners.« Hört ihr, was dabei in der Stimme der kleine Bürgerin zittert? Ein Kellner! Der Sohn eines Kellners! Sie sollte sich ja nicht über Max lustig machen, der eine Mark mehr bekommt und sich ›Expedient‹ nennen darf – darauf fallen alle die herein, die den Sohn eines Kellners für ein Ding dritter Ordnung halten. Und sie dürfen sich dann nicht wundern, die Angestellten, Verzeihung: die Herren Angestellten, wenn der Chef sich auf Seite 148 also gibt: »Sind Sie verrückt geworden?« brüllt er. »Sie haben nicht Ihresgleichen vor sich. Sie stehen vor Ihrem Chef!« Und die ganze Mediokrität, das ganze kümmerliche, wehrlose Angestelltenproletariat, das nicht von seiner falschen Bürgerlichkeit lassen kann, spricht aus dem nächsten Absatz: »›Allerdings‹ – ich finde ein eisiges Lächeln, ich würde mir niemals einfallen lassen, diesen – Chef mit meinesgleichen zu verwechseln.« Und nun ist der Chef ja wohl besiegt.

Also: Fräulein Gretchen Piefke als feine Dame, mit 185 Mark monatlich. Aber feine Dame. Unbrauchbar, das Buch. Ein Hilfsmittelchen, die Seele der Angestellten zu erkennen. Es gibt auch andre, ich weiß. Immerhin, und das haben wir bei Kracauer gelernt und nicht bei den geschäftigen Gewerkschaftsbonzen, die dem Angestellten schmeichelnd etwas vorlügen, wenn sie ihm keinen bessern Tarif herausschinden können, weil der Angestellte nicht kämpft –: immerhin ist dieses Bewußtsein ein reales Faktum, das heute noch stärker ist als die Klassenlage. Es wird schon ein strenger Marxist kommen und uns erzählen, daß das im Marxismus vorgesehen sei. Darauf kommt es nicht an. Es kommt vielmehr darauf an, die Angestellten zu wecken und ihnen nicht nur Versprechungen zu geben. Wenn sie sich nichts vom Marxismus, wenig vom Sozialismus und alles von einer evolutionären Reform versprechen –: an wem liegt das?

So spät ist es . . . dreivierteldrei. Die Uhr steht! Gottverdammich! Da soll doch den Uhrmacher – Da soll doch den Uhrmacher der Schreibmaschinenmann holen und den der Badestubenmann und den der elektrische Mann und den der Gasmann und alle zusammen – ich muß mich so ééérgern. Es ist wirklich spät, der Mond steht hinter den Tannen; dann ist es spät. So hören die alten Romane auf . . . Da wollen wir mal rasch einen rumschlafen. Gute Nacht!


  • [335] · Peter Panter
    Die Weltbühne, 23.12.1930, Nr. 52, S. 940.

Quelle:
Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Band 8, Reinbek bei Hamburg 1975, S. 327-336.
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