Die freie Wirtschaft

[60] Ihr sollt die verfluchten Tarife abbauen.

Ihr sollt auf euern Direktor vertrauen.

Ihr sollt die Schlichtungsausschüsse verlassen.

Ihr sollt alles Weitere dem Chef überlassen.

Kein Betriebsrat quatsche uns mehr herein,

wir wollen freie Wirtschaftler sein!

Fort die Gruppen – sei unser Panier!

Na, ihr nicht.

Aber wir.[60]


Ihr braucht keine Heime für eure Lungen,

keine Renten und keine Versicherungen.

Ihr solltet euch allesamt was schämen,

von dem armen Staat noch Geld zu nehmen!

Ihr sollt nicht mehr zusammenstehn –

wollt ihr wohl auseinandergehn!

Keine Kartelle in unserm Revier!

Ihr nicht.

Aber wir.


Wir bilden bis in die weiteste Ferne

Trusts, Kartelle, Verbände, Konzerne.

Wir stehen neben den Hochofenflammen

in Interessengemeinschaften fest zusammen.

Wir diktieren die Preise und die Verträge –

kein Schutzgesetz sei uns im Wege.

Gut organisiert sitzen wir hier . . .

Ihr nicht.

Aber wir.


Was ihr macht, ist Marxismus.

Nieder damit!

Wir erobern die Macht, Schritt für Schritt.

Niemand stört uns. In guter Ruh

sehn Regierungssozialisten zu.

Wir wollen euch einzeln. An die Gewehre!

Das ist die neuste Wirtschaftslehre.

Die Forderung ist noch nicht verkündet,

die ein deutscher Professor uns nicht begründet.

In Betrieben wirken für unsere Idee

die Offiziere der alten Armee,

die Stahlhelmleute, Hitlergarden . . .


Ihr, in Kellern und in Mansarden,

merkt ihr nicht, was mit euch gespielt wird?

mit wessen Schweiß der Gewinn erzielt wird?

Komme, was da kommen mag.

Es kommt der Tag,

da ruft der Arbeitspionier:

»Ihr nicht.

Aber Wir. Wir. Wir.«[61]


  • · Theobald Tiger
    Die Weltbühne, 04.03.1930, Nr. 10, S. 351.

Quelle:
Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Band 8, Reinbek bei Hamburg 1975, S. 60-62.
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Gedichte und Satiren

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»Es giebet viel Leute/ welche die deutsche poesie so hoch erheben/ als ob sie nach allen stücken vollkommen wäre; Hingegen hat es auch andere/ welche sie gantz erniedrigen/ und nichts geschmacktes daran finden/ als die reimen. Beyde sind von ihren vorurtheilen sehr eingenommen. Denn wie sich die ersten um nichts bekümmern/ als was auff ihrem eignen miste gewachsen: Also verachten die andern alles/ was nicht seinen ursprung aus Franckreich hat. Summa: es gehet ihnen/ wie den kleidernarren/ deren etliche alles alte/die andern alles neue für zierlich halten; ungeachtet sie selbst nicht wissen/ was in einem oder dem andern gutes stecket.« B.N.

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