Der Priem

[282] Alle Rechte vorbehalten

Unter vielem Spucken zu singen


Es haben die Matrosen

wohl auf dem blauen Meer

nicht nur die weiten Hosen –

sie haben noch viel mehr.

Denn gibt es nichts zu rauchen,

weißt du, was sie da brauchen

bei Nacht und auch bei Tag?

Den Kautabak – den Kautabak –

ein kleines Stückchen Kautabak

von der Firma Eckenbrecht

aus Kiel.


Es heulen die Sirenen.

Die Braut in Tränen schwimmt.

Es schwimmt die Braut in Tränen,

wenn der Seemann Abschied nimmt.

Sie drücken sich die Hände;

dann gibt sie ihm am Ende

verschämt ein kleines Pack

mit Kautabak – mit Kautabak –

mit nem halben Pfündchen Kautabak

von der Firma Eckenbrecht

aus Kiel.[282]


Da hinten liegt sein Kutter,

da hinten liegt sein Kahn.

Sie sagt, sie fühlt sich Mutter,

er sieht sie blöde an.

Er läßt sich von ihr kosen,

die Hände in den Hosen,

dann nimmt er einen Schlag

vom Kautabak – vom Kautabak –

ein kleines Stückchen Kautabak

von der Firma Eckenbrecht

aus Kiel.


Das Schiff fährt in den Hafen

wohl in Batavia.

Mit den Mädchen muß man schlafen,

wozu sind sie sonst da!

Die er geliebkost hatte,

liegt nackt auf einer Matte;

er holt aus seinem Pack

den Kautabak – den Kautabak –

ein kleines Stückchen Kautabak

von der Firma Eckenbrecht

aus Kiel.


Das Schiff tät nicht versaufen,

in Hamburg legt es an.

Marie mußt sich verkaufen

nachts auf der Reeperbahn.

Nun spürt der arme Junge

grad unter seiner Zunge

den bitteren Geschmack

vom Kautabak – vom Kautabak –

vom kleinen Stückchen Kautabak

von der Firma Eckenbrecht

aus Kiel.


Wie dem Seemann mit den Frauen,

uns gehts genau wie ihm.

Das Leben muß man kauen,

das Dasein ist ein Priem.

Es schmeckt dem Knecht und Ritter

mal süß und auch mal bitter . . .[283]

Spuck ihn aus, wer ihn nicht mag!

Den Kautabak – den Kautabak –

das kleine Stückchen Kautabak

von der Firma Eckenbrecht

aus Kiel!


  • · Theobald Tiger
    Die Weltbühne, 08.09.1931, Nr. 36, S. 373.

Quelle:
Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Band 9, Reinbek bei Hamburg 1975, S. 282-284.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Stifter, Adalbert

Der Condor / Das Haidedorf

Der Condor / Das Haidedorf

Die ersten beiden literarischen Veröffentlichungen Stifters sind noch voll romantischen Nachklanges. Im »Condor« will die Wienerin Cornelia zwei englischen Wissenschaftlern beweisen wozu Frauen fähig sind, indem sie sie auf einer Fahrt mit dem Ballon »Condor« begleitet - bedauerlicherweise wird sie dabei ohnmächtig. Über das »Haidedorf« schreibt Stifter in einem Brief an seinen Bruder: »Es war meine Mutter und mein Vater, die mir bei der Dichtung dieses Werkes vorschwebten, und alle Liebe, welche nur so treuherzig auf dem Lande, und unter armen Menschen zu finden ist..., alle diese Liebe liegt in der kleinen Erzählung.«

48 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon