Vierter Auftritt

[52] Die Vorigen. Aus der Seitenspalte erscheint Helena.


HELENA.

Erkennst du mich, o ritterlicher Faust, nicht mehr,

Mich Helena, mit der du einst im Liebesbund

Ineinsgeschlungen selig die Vereinigung

Entzweiter Kunstprinzipien stelltest dar?

Du warst der Inhalt, das romantische Prinzip,

Ich aber das antike, war die schöne Form.

Nachdem sodann das süß prinzipielle Band

Die Frucht getragen der modernen Poesie

In ihrer wild erhabnen Übersprudelung,

Da freilich mußt' ich lassen dich in tiefem Harm.

FAUST.

Ach, alter Schatz, geschätzte Gliederpuppe,

Mir dünkt es, ausgegossen ist die Suppe.

Im Anfang schien mir's nett, doch die arkadsche Feier,

Gesteh' ich's nur, sie war langweilig ungeheuer.[52]

HELENA.

Ach geh, in jenen Grotten war's entzückend schön!

Das frühe Scheiden hat mich bitterlich gereut,

Die Renaissance, sie ist nicht ganz noch dargestellt,

Laß uns zu diesem Zweck noch mehr Prinzipchens tun!

FAUST.

So wisse doch, ich bin ja fortgeschritten,

Hab mich entwickelt, hab mich evolviert,

Hab aus des Humanismus Lauberhütten

Zur Tat, zur Aktion mich resolviert,

Der Schönheit weiches, stilles Element

Ist jetzt ein aufgehobenes Moment.

HELENA.

Bei meinen Göttern! Dir scheint leider unbekannt,

Was Interpretentiefsinn neuerdings entdeckt:

Ich bin ja Heroine, jener Tatensinn,

Den du nach meinem Scheiden in der Brust verspürt,

Du dankst ihn mir. Hellenischer hoher Heldengeist:

Der Bund mit mir hat mächtig dir ihn eingeimpft.

Aus ein paar Wörtchen des Mephisto schließt man dies:

»Man merkt es wohl, du kommst von Heroinen her«,

So sprach er. Daß man richtig draus argumentiert,

Ist evident, denn du gewannest eine Schlacht.

FAUST.

Ah bah! Der Nekromant von Norcia, der Sabiner,

So gab ich an, war da mein treuer Diener;

In Wahrheit ist's Mephistos Zaubermacht,

Die mir den Sieg zustande hat gebracht.

Gestand ich doch: das wär' die rechte Höhe,

Da zu befehlen, wo ich nichts verstehe.

HELENA.

Ja hattest du denn nicht mit blonder Krieger Schar

Im dritten Akt erobert den Peloponnes?

FAUST.

Nun ja, als Goethe jene Worte schrieb,[53]

Da hatt' er einfach diesen Punkt vergessen,

So kam es denn, daß beides stehenblieb;

Er ist halt überm Faust zu lang gesessen.

Doch auf was Grund – die Frage sei getan –

Sprichst du den Heroinentitel an?

Wenn's wahr ist, was geflüstert ward im Land,

Du habest noch in deinem led'gen Stand

Mit Theseus in Athen dich amüsiert,

Hat er zur Heldin dadurch dich kreiert?

Zwar allerdings trotz diesem Abenteuer

Erschienen noch in Spartas Fürstensaal

In ganzen Scharen elegante Freier,

Worunter mancher stolze General;

Doch wirst du selber nicht behaupten:

Weil sie in dir die Heroine glaubten;

Es galt ja doch nur

Der hübschen Figur.

Der Menelaos wurde der Beglückte,

Doch bald darauf der jämmerlich Berückte,

Mit einem stolzen Hirschgeweih Geschmückte,

Denn mit Prinz Paris, dem geputzten Fant,

Geschniegelten, trojanischen Leutenant,

Bist du nach Asien durchgebrannt.

Der Krieg brach los, du standst in guter Ruh

Und sahest mit dem Operngucker zu.

Genug, mir galt es nur, zu demonstrieren:

Verhältnisse mit Offizieren,

Sie können selbst bei schönen Damen

Den Anspruch auf den Heldennamen

Nicht logisch motivieren.

HELENA.

Treuloser, hörst du nicht der Liebe Stimme mehr,

Dein Herz ist, hoff ich, doch kein Rabenvaterherz;

Erscheine, unsrer raschen Hochzeit rasche Frucht!


Quelle:
Friedrich Theodor Vischer: Faust, Der Tragödie dritter Teil. Stuttgart 1978, S. 52-54.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Grabbe, Christian Dietrich

Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung. Ein Lustspiel in drei Aufzügen

Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung. Ein Lustspiel in drei Aufzügen

Der Teufel kommt auf die Erde weil die Hölle geputzt wird, er kauft junge Frauen, stiftet junge Männer zum Mord an und fällt auf eine mit Kondomen als Köder gefüllte Falle rein. Grabbes von ihm selbst als Gegenstück zu seinem nihilistischen Herzog von Gothland empfundenes Lustspiel widersetzt sich jeder konventionellen Schemeneinteilung. Es ist rüpelhafte Groteske, drastische Satire und komischer Scherz gleichermaßen.

58 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon