Dritte Szene

[274] Elsa hat sich umgewandt und schreit bei Lohengrins Anblick laut auf. – Der Nachen, vom Schwan gezogen, erreicht in der Mitte des Hintergrundes das Ufer; Lohengrin, in glänzender Silberrüstung, den Helm auf dem Haupte, den Schild im Rücken, ein kleines goldenes Horn zur Seite, steht, auf sein Schwert gelehnt, darin. – Friedrich blickt in sprachlosem Erstaunen auf Lohengrin hin. – Ortrud, die während des Gerichtes in kalter, stolzer Haltung verblieben, gerät bei dem[274] Anblick des Schwans in tödlichen Schreck. Alles entblößt in höchster Ergriffenheit das Haupt.


DIE MÄNNER UND FRAUEN.

Gegrüßt, du gottgesandter Held!

Sei gegrüßt, du gottgesandter Mann!


Sowie Lohengrin die erste Bewegung macht, den Kahn zu verlassen, tritt bei Allen sogleich des gespannteste Schweigen ein.


LOHENGRIN mit einem Fuß noch im Nachen, neigt sich zum Schwan.

Nun sei bedankt, mein lieber Schwan!

Zieh durch die weite Flut zurück,

dahin, woher mich trug dein Kahn,

kehr wieder nur zu unsrem Glück:

drum sei getreu dein Dienst getan!

Leb wohl! Leb wohl, mein lieber Schwan!


Der Schwan wendet langsam den Nachen und schwimmt den Fluß zurück; Lohengrin sieht ihm eine Weile wehmütig nach.


DIE MÄNNER UND FRAUEN flüsternd.

Wie faßt uns selig süßes Grauen,

welch holde Macht hält uns gebannt!


Lohengrin verläßt das Ufer und schreitet langsam und feierlich in den Vordergrund.


Wie ist er schön und hehr zu schauen,

den solch ein Wunder trug an's Land!

LOHENGRIN verneigt sich vor dem König.

Heil, König Heinrich! Segenvoll

mög' Gott bei deinem Schwerte stehn!

Ruhmreich und groß dein Name soll

von dieser Erde nie vergehn!

KÖNIG.

Hab Dank! Erkenn ich recht die Macht,

die dich in dieses Land gebracht,

so nahst du uns von Gott gesandt?

LOHENGRIN.

Zum Kampf für eine Magd zu stehn,

der schwere Klage angetan,

bin ich gesandt. Nun laßt mich sehn,

ob ich zurecht sie treffe an! –


Er wendet sich etwas näher zu Elsa.


So sprich denn, Elsa von Brabant:

wenn ich zum Streiter dir ernannt,

willst du wohl ohne Bang und Grau'n

dich meinem Schutze anvertraun?

ELSA die, seitdem sie Lohengrin erblickte, wie in Zauber regungslos festgebannt war, sinkt, wie durch seine Ansprache[275] erweckt, in überwältigend wonnigem Gefühle zu seinen Füßen.

Mein Held, mein Retter! Nimm mich hin!

Dir geb ich Alles, was ich bin.

LOHENGRIN mit größerer Wärme.

Wenn ich im Kampfe für dich siege,

willst du, daß ich dein Gatte sei?

ELSA.

Wie ich zu deinen Füßen liege,

geb ich dir Leib und Seele frei.

LOHENGRIN.

Elsa, soll ich dein Gatte heißen,

soll Land und Leut ich schirmen dir, –

soll nichts mich wieder von dir reißen,

mußt Eines du geloben mir: –

Nie sollst du mich befragen,

noch Wissens Sorge tragen,

woher ich kam der Fahrt,

noch wie mein Nam' und Art!

ELSA leise, fast bewußtlos.

Nie, Herr, soll mir die Frage kommen!

LOHENGRIN gesteigert, sehr ernst.

Elsa! Hast du mich wohl vernommen?


Noch bestimmter.


Nie sollst du mich befragen,

noch Wissens Sorge tragen,

woher ich kam der Fahrt,

noch wie mein Nam' und Art!

ELSA mit großer Innigkeit zu ihm aufblickend.

Mein Schirm! Mein Engel! Mein Erlöser,

der fest an meine Unschuld glaubt!

Wie gäb es Zweifelschuld, die größer,

als die an dich den Glauben raubt?

Wie du mich schirmst in meiner Not,

so halt in Treu' ich dein Gebot!

LOHENGRIN Elsa an seine Brust erhebend.

Elsa! Ich liebe dich.


Beide verweilen eine Zeitlang in dieser Stellung.


DIE MÄNNER UND FRAUEN leise und gerührt.

Welch holde Wunder muß ich sehn?

Ist's Zauber, der mir angetan?


Lohengrin geleitet Elsa zum König und übergibt sie dessen Hut.


Ich fühl das Herze mir vergehn,

schau ich den wonnevollen Mann!


Lohengrin schreitet feierlich in die Mitte des Kreises.
[276]

LOHENGRIN.

Nun hört! Euch, Volk und Edlen, mach ich kund:

frei aller Schuld ist Elsa von Brabant.

Daß falsch dein Klagen, Graf von Telramund,

durch Gottes Urteil werd es dir bekannt!

BRABANTISCHE EDLE leise zu Friedrich.

Steh ab vom Kampf! Wenn du ihn wagst,

zu siegen nimmer du vermagst!

Ist er von höchster Macht beschützt,

sag, was dein tapfres Schwert dir nützt?

Steh ab! Wir mahnen dich in Treu'!

Dein harret Unsieg, bittre Reu'!

FRIEDRICH der unverwandt sein Auge forschend auf Lohengrin geheftet hat, heftig.

Viel lieber tot als feig!

Welch Zaubern dich auch hergeführt,

Fremdling, der mir so kühn erscheint;

dein stolzes Drohn mich nimmer rührt,

da ich zu lügen nie vermeint:

den Kampf mit dir drum nehm ich auf,

und hoffe Sieg nach Rechtes Lauf!

LOHENGRIN.

Nun, König, ordne unsren Kampf!


Alles begibt sich in die erste Gerichts-Stellung.


KÖNIG.

So tretet vor zu Drei für jeden Kämpfer,

und messet wohl den Ring zum Streite ab!


Drei sächsische Edle treten für Lohengrin, drei brabantische für Friedrich vor: sie schreiten feierlich aneinander vorüber und messen so den Kampfplatz ab; als die Sechs einen vollständigen Kreis gebildet haben, stoßen sie die Speere in die Erde.


DER HEERRUFER in der Mitte des Kampfringes.

Nun höret mich, und achtet wohl!

Den Kampf hier Keiner stören soll!

Dem Hage bleibet abgewandt,

denn wer nicht wahrt des Friedens Recht,

der Freie büß es mit der Hand,

mit seinem Haupte büß es der Knecht!

ALLE MÄNNER.

Der Freie büß es mit der Hand,

mit seinem Haupte büß es der Knecht!

DER HEERRUFER.

Hört auch, ihr Streiter vor Gericht!

Gewahrt in Treue Kampfes Pflicht!

Durch bösen Zaubers List und Trug

stört nicht des Urteils Eigenschaft: –

Gott richtet euch nach Recht und Fug, –

so trauet ihm, nicht eurer Kraft![277]

LOHENGRIN UND FRIEDRICH zu beiden Seiten außerhalb des Kampfkreises stehend.

Gott richte mich nach Recht und Fug!

So trau' ich ihm, nicht meiner Kraft!


Der König schreitet mit großer Feierlichkeit in die Mitte vor.


KÖNIG.

Mein Herr und Gott, nun ruf ich dich!


Alle entblößen das Haupt und lassen sich zur feierlichsten Andacht an.


Daß du dem Kampf zugegen seist!

Durch Schwertes Sieg ein Urteil sprich,

das Trug und Wahrheit klar erweist.

Des Reinen Arm gib Heldenkraft,

des Falschen Stärke sei erschlafft:

so hilf uns, Gott, zu dieser Frist,

weil unsre Weisheit Einfalt ist.

ELSA UND LOHENGRIN.

Du kündest nun dein wahr Gericht,

mein Gott und Herr, drum zag ich nicht!

FRIEDRICH.

Ich geh in Treu' vor dein Gericht!

Herr Gott, verlaß mein' Ehre nicht!

ORTRUD.

Ich baue fest auf seine Kraft,

die, wo er kämpft, ihm Sieg verschafft.

ALLE MÄNNER.

Des Reinen Arm gib Heldenkraft,

des Falschen Stärke sei erschlafft:

so hilf uns, Gott, zu dieser Frist,

weil unsre Weisheit Einfalt ist!

So künde nun dein wahr' Gericht,

du Herr und Gott, nun zögre nicht!


Alle treten unter großer, feierlicher Aufregung an ihre Plätze zurück; die sechs Kampfzeugen bleiben bei ihren Speeren dem Ringe zunächst; die übrigen Männer stellen sich in geringer Weite um ihn her. Elsa und die Frauen im Vordergrund unter der Eiche bei dem Könige. – Auf des Heerrufers Zeichen blasen die Trompeter den Kampfruf: Lohengrin und Friedrich vollenden ihre Waffenrüstung. Der König zieht sein Schwert aus der Erde und schlägt damit dreimal auf den an der Eiche aufgehängten Schild. Erster Schlag: Lohengrin und Friedrich treten in den Ring. Zweiter Schlag: sie legen den Schild vor und ziehen das Schwert. Dritter Schlag: sie beginnen den Kampf; Lohengrin greift zuerst an.

Nach mehreren ungestümen Gängen streckt Lohengrin mit einem weit ausgeholten Streiche Friedrich nieder. – Friedrich versucht sich wieder zu erheben, taumelt einige Schritte zurück und stürzt zu Boden.
[278]

LOHENGRIN das Schwert auf Friedrichs Hals setzend,

Durch Gottes Sieg ist jetzt dein Leben mein: –


Von ihm ablassend.


ich schenk es dir, – mögst du der Reu' es weihn!


Alle Männer nehmen ihre Schwerter wieder an sich und stoßen sie in die Scheiden; die Kampfzeugen ziehen die Speere aus der Erde, der König nimmt seinen Schild von der Eiche. Alles stürzt jubelnd nach der Mitte und erfüllt so den vorherigen Kampfkreis. Elsa eilt auf Lohengrin zu.


KÖNIG sein Schwert ebenfalls in die Scheide stoßend.

Sieg!

MÄNNER UND FRAUEN.

Sieg! Sieg! Heil dir, Held!

ELSA.

O fänd ich Jubelweisen,

deinem Ruhme gleich,

dich würdig zu preisen,

an höchstem Lobe reich!

In dir muß ich vergehen,

vor dir schwind ich dahin,

soll ich mich selig sehen,

nimm Alles, was ich bin!


Sie sinkt an Lohengrins Brust.


LOHENGRIN Elsa von seiner Brust erhebend.

Den Sieg hab ich erstritten

durch deine Rein' allein;

nun soll, was du gelitten,

dir reich vergolten sein!

FRIEDRICH sich am Boden qualvoll windend.

Weh, mich hat Gott geschlagen,

durch ihn ich sieglos bin!

Am Heil muß ich verzagen!

Mein Ruhm und Ehr' ist hin!

ORTRUD den finstren Blick unverwandt auf Lohengrin geheftet.

Wer ist's, der ihn geschlagen?

Durch den ich machtlos bin?

Sollt ich vor ihm verzagen,

wär all mein Hoffen hin?

DER KÖNIG, ALLE MÄNNER UND FRAUEN.

Ertöne, Sieges Weise,

dem Helden laut zum Preise!

Ruhm deiner Fahrt,

Preis deinem Kommen!

Heil deiner Art,

Schützer der Frommen!

Dich nur besingen wir,

dir schallen unsre Lieder![279]

Nie kehrt ein Held gleich dir

in diese Lande wieder!

Heil dir! Preis dir!

Heil deiner Fahrt!


Junge Männer erheben Lohengrin auf seinen Schild und Elsa auf den Schild des Königs, auf welchen zuvor mehrere ihre Mäntel gebreitet haben: so werden beide unter Jauchzen davongetragen. – Friedrich sinkt zu Ortruds Füßen ohnmächtig zusammen.


Quelle:
Richard Wagner: Die Musikdramen. Hamburg 1971, S. 274-280.
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Ausgewählte Ausgaben von
Lohengrin
Lohengrin: Einsam in trüben Tagen (Elsas Traum). WWV 75. Sopran und Klavier. (Edition Schott Einzelausgabe)
Lohengrin: Treulich geführt (Brautlied). WWV 75. hohe Singstimme und Klavier. (Edition Schott Einzelausgabe)

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