Die sechzehnte Fabel.

Von der Affen und iren Kindern.

[171] Man sagt, daß wenn die aff gebert

Bei paren, sie ir kinder nert,

Der tut sie eins vorm andern lieben,

Gegen dem alle woltat ieben;

Das ander leßts so schlecht hingan,

Legt keinen sondern fleiß daran.

Es bgab sich, daß gejaget wart,

Von den hunden geengstigt hart:

Das liebste kind tets für sich schmücken,

Und nam das ander auf den rücken,

Wolt laufen über einen berg.

Ein großer stein lag überzwerg:

On gfer das liebe kind dran stieß,

Daß es sein leben allda ließ.

Mit dem andern unbeleidigt

Kam von den hunden unbeschedigt,

Weils hinden auf dem rücken hieng,

Derhalb es kein schaden entpfieng.

Die eltern oft den einen son

Mer denn den andern lieben tun[171]

Und oftmals seinen willen laßen,

Dadurch sie in am höhsten haßen.

Denn es gar oft bei solchen gschicht,

Wie man teglich vor augen sicht,

Wenn mans leßt wandern iren weg,

Werdens zu guten sitten treg.

Zu letst laßen sie sich nicht zemen,

Müßen sich ir die eltern schemen,

Die solcher sünd ein ursach sind:

Mit den andern sichs anderst findt.

Welch man haßt und nit leiden mag,

Die leben oft ein seligen tag,

Daß sie zu großen ern gedeihen:

Gott tut in gmeinlich gnad verleihen.

Der verlaßen er sich annimt,

Mit gnad in stets zu hilfe kümt;

Davor im sagen dank und lob,

Den Jacob han wir des zur prob.

Quelle:
Burkard Waldis: Esopus. Erster und zweiter Theil, Band 1, Leipzig 1882, S. 171-172.
Lizenz:
Kategorien: