XVI
Der Baron und der Ritter

[423] »Nicht wahr, Baron, Sie kennen die Herzogin?« fragte der Ritter Schnapphahnski.

»Die Babylonierin meinen Sie?« erwiderte der pferdekundige Edelmann.

»Nun, die Herzogin von S.!«

»Allerdings kenne ich sie. Ich verkaufte ihr einst zwei Schimmel für 90 Friedrichsdor – zwei Schimmel, sage ich Ihnen, wie zwei Engel; zwei Gäule, die ich liebte, die ich vergötterte. Wenn ich an diese zwei Schimmel denke, da werde ich weich, da kommen mir die Tränen in die Augen. Und nur 90 Friedrichsdor – oh, es war entsetzlich!«

»Aber weshalb verkauften Sie so billig?«

»Weil ich die armen Tiere total zuschanden gefahren hatte; weil sie keinen Schuß Pulver mehr wert waren.«

»Aber, beim Teufel, da bezahlte die Herzogin noch teuer genug!«

»Allerdings, Ritter! Aber wer konnte mir meinen Kummer um die armen Tiere bezahlen? Wer bezahlte mir meinen Schmerz, daß ich die herrlichen Gäule so früh ruinierte?«[423]

»Sie sind sehr naiv, Herr Baron!«

»Ich bin ein Edelmann, Ritter. Seit ich der Herzogin die Schimmel verkaufte, machten wir keine Geschäfte mehr miteinander. Vergebens bot ich ihr das Auserlesenste meines Stalles an. Schecken zum Küssen, Füchse zum Umarmen, Rappen zum Anbeten – die Herzogin wollte sich auf nichts einlassen. Sie berief sich immer auf die Schimmel; von neuem riß sie stets die kaum vernarbte Wunde meines Kummers auf.«

»Aber ich finde, daß die Herzogin alle Ursache dazu hatte.«

»Ganz natürlich, Ritter; aber als galante Dame hatte sie ebensosehr Ursache, die Geschichte nie wieder zu berühren, nie wieder an die Schimmel zu denken und mir mein Unrecht ein für allemal zu verzeihen. Wenn ich mir als leichtsinniger Mann in meiner Betrübnis das Vergnügen machte, die Herzogin für lumpige 90 Friedrichsdor hineinzureiten, da mußte sie sich als geniale Frau das Vergnügen machen, mir diesen Trost zu gönnen – jedenfalls ist dies logisch – –«

»Die Logik des Pferdehandels.«

»Übrigens werde ich mich mit der Herzogin aussöhnen. Ich werde ihr täglich den Hof machen; denn ich verehre die Herzogin, ich verehre das Gespann, mit dem sie gestern abend heranfuhr, und ich werde ihr den höchsten Preis dafür bieten, den je ein Standesherr geboten hat.«

»Ist dies Gespann vielleicht ebenfalls zuschanden gejagt?«

»Ich bitte sehr um Verzeihung: nicht im geringsten! Vier Gäule, die ihresgleichen suchen – –«

»Aber wenn die Herzogin nicht verkaufen will?«[424]

»Nun, da werde ich tun, als ob ich halb verrückt würde.«

»Und hilft auch das nichts?«

»Da werde ich mich totzuschießen drohen.«

»Und kommen Sie noch immer nicht zum Ziel?«

»Nun, da werde ich bis zum Äußersten gehen, ich werde der Herzogin zu Füßen fallen, ich werde ihre Knie umfassen, ich werde ihr eine – Liebeserklärung machen.«

Herr von Schnapphahnski taumelte drei Schritte zurück, als ob er plötzlich in der Person des Barons einen der gefährlichsten Konkurrenten sähe.

»Eine Liebeserklärung –?« erwiderte er endlich mit besonderem Nachdruck.

»Allerdings, lieber Ritter, denn ich kann nicht länger leben ohne die vier Hengste der Herzogin.«

»Aber wissen Sie auch, daß die Herzogin fast sechzig Jahre alt ist?«

»Ich weiß, daß ihre Hengste die schönsten auf der Welt sind.«

»Wissen Sie, daß die Herzogin falsche Waden trägt, falsche Zähne, falsche Haare?«

»Ich weiß, daß ihre Hengste echte Schweife, echte Mähnen und echte Hufe haben.«

»Wissen Sie, daß Sie sich vor der ganzen Welt lächerlich machen werden?«

»Ich weiß, daß ihre Hengste Stück für Stück hundert Pistolen wert sind.«

»Wissen Sie, daß es ein Verrat an Ihrer Jugend sein würde, wenn Sie sich mit einer so alten Person einließen?«

»Ich weiß, daß die Hengste der Herzogin meinen Stall ungemein zieren würden –«[425] Doch der Baron lachte plötzlich laut auf:

»Ich wollte Sie nur auf die Probe stellen, lieber Ritter. Es freut mich, daß wir einerlei Meinung über die Herzogin sind. Man sagte mir gestern, daß Sie wirklich mit ernstlichen Absichten auf die Herzogin losrückten. Ich konnte mir dies nicht denken. Nach dem, was Sie mir eben von der Herzogin sagen, ist es unmöglich. Nicht wahr, Herr Ritter, die Herzogin ist eine alte Runkelrübe?« – Herr von Schnapphahnski biß sich die Lippen. – »Eine alte Runkelrübe, die einst der Berggeist Rübezahl in ein Weib verwandelte?« – Herr von Schnapphahnski blickte verschämt zu Boden. – »Ein junger Mann wie Sie, sich in eine alte Runkelrübe verlieben – ich wußte es gleich, es war reine Verleumdung!« – Es wurde Herrn von Schnapphahnski sehr unheimlich zumute.

»Aber lassen Sie die Herzogin«, erwiderte er endlich.

»Verzeihen Sie, Herr Ritter, Sie selbst haben die Herzogin aufs Tapet gebracht!«

»Jedenfalls ist die Herzogin eine geistreiche Dame!«

»Eine geistreiche Runkelrübe!«

»Sie ist eine berühmte Frau.«

»Eine berühmte Runkelrübe.«

»Herr Baron, ich verstehe Sie nicht.«

»Aber ich verstehe mich auf diese Runkelrübe.«

»Sie scheinen sich über mich lustig zu machen.«

»Ich mache mich lustig über die Runkelrübe.«

»Herr Baron, ich muß Ihre Redensarten als eine Provokation ansehen!«

Der Baron sah den Ritter erstaunt an.

»Also Sie interessieren sich dennoch für die Herzogin –?« – Herr von Schnapphahnski sah, daß er besiegt war. – »Beruhigen Sie sich«, fuhr der Baron fort, »ich[426] werde ganz in Ihrem Interesse arbeiten – aber als Gegendienst müssen Sie so gut sein und der Herzogin versichern, daß ihre vier Gäule den – Spat haben – –« Der Ritter nickte beifällig, und der Handel war geschlossen.

Quelle:
Georg Weerth: Sämtliche Werke in fünf Bänden. Band 4, Berlin 1956/57, S. 423-427.
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