Neunter Anftritt.

[120] Der König. Michel, mit der Laterne und einer Pistole in der Hand.


MICHEL. Huy! hier muß der Schelm seyn, der itzt geschossen hat. – – Wer da?[120]

DER KÖNIG. Ich.

MICHEL. Was für ein Ich?

DER KÖNIG. Ich, sag' ich!

MICHEL. Ich, ich? ihr heißt doch nicht vermuthlich Ich? – Woher? Wohin? oder, wer seyd Ihr?

DER KÖNIG. Ich bin – ich bin – Er knöpft sich zu, damit man den Orden nicht gewahr wird. ich muß mich verbergen – Ich bin –

MICHEL. Ein Schelm; nicht wahr? – ich frage noch einmal, wer seyd Ihr? Er faßt ihn beym Arme.

DER KÖNIG lacht. Wenigstens kein Schelm, mein Freund![121]

MICHEL. Und wenigstens wird auch nicht viel fehlen: denn sonst antwortetet Ihr, wie ich frage. – Wer hat hier geschossen?

DER KÖNIG. Ich nicht, bey meiner Ehre!

MICHEL. Eure Ehre wird nicht weit her seyn. Vermuthlich reicht sie so weit, daß Ihr dabey lügen könnt!

DER KÖNIG. Ich? lügen? – Bey Seite. die Sprache habe ich doch noch niemals gehört. – Laut. Ich lüge nicht: aber –

MICHEL. Aber, aber, aber, ich sehe auch nicht, warum ich Euch eben glauben muß. – – Wie heißt Ihr?[122]

DER KÖNIG lachend. Wie ich heiße? – –

MICHEL. Ja, Euer Name?

DER KÖNIG. Mein Name?

MICHEL. Ja doch, Euer Name, Euer Name! Versteht Ihr denn kein Deutsch, oder habt Ihr keinen Namen? – Woher seyd Ihr? was macht Ihr hier? heraus mit der Sprache!

DER KÖNIG. Das sind Fragen! –

MICHEL. Ja, Fragen, auf die Ihr nicht wißt, was Ihr antworten sollt! Wenn Ihr ein ehrlicher Kerl wäret, so würdet Ihr Euch nicht wie ein Wurm krümmen. Brauchts denn so viel Mühe, Hans oder Niklas zu sagen?[123]

DER KÖNIG lachend. Ich heiße weder Hans noch Niklas.

MICHEL. Also weiß ich schon, wie Ihr heißt. Fort! mit zum Oberförster!

DER KÖNIG. Sagt mir, wer giebt Euch die Macht, oder das Recht –

MICHEL. Wers uns giebt? wir, wir selber, so viel unsrer hier Bauren sind. Wir machen uns eine Freude draus, für das Vergnügen unsers Herrn zu sorgen. Und seht Ihrs, er bezahlt uns dafür zwar nicht; aber aus Pflicht, aus Liebe für Ihn würden wir wohl noch was anders für einen so guten Herrn thun, daß Ihrs nur wißt. – Wollt Ihr noch mehr wissen?[124]

DER KÖNIG bey Seite, in einem gerührten Tone. Mich so nennen zu hören? Wahrlich ein Vergnügen, das ich noch nie zu empfinden das Glück gehabt habe.

MICHEL. Nu, was murmelt Ihr hier in Bart? – Fort, fort, mir nach, zum Oberförster!

DER KÖNIG in einem scherzhaften Tone. Gut! ich bitte mir aber vorher aus, mich zu hören. – Wollt Ihr mir die Gnade erweisen?

MICHEL auch scherzhaft. Das ist mehr, als Ihr mir zu verdienen scheint. Aber es sey! laßt doch hören!

DER KÖNIG immer scherzhaft. Ich nehme mir also die Freyheit, Euch unterthanigst zu versichern,[125] daß ich die Ehre habe, zu des Königs Gefolge zu gehören. Und ob ich gleich einer seiner geringsten Bedienten bin, so werde ich doch so wenig, als ein andrer, etwas zu seinem Nachtheile geschehen lassen.

MICHEL. Schlimm genug! wenn Ihr einer von seinen Bedienten seyd, daß Ihr unsern guten König im Stiche gelassen. Ist das Recht? Heh?

DER KÖNIG. Ja, mein lieber Freund, wenn ich nicht mit dem Pferde gestürzt wäre, und das arme Thier ein Bein gebrochen hätte.

MICHEL. Pfuy, zum Henker! so solltet Ihr ihm zu Fuße nachlaufen. Der Himmel sey Euch gnädig, wenn ihm was begegnet ist! Ihr sollt mir gewiß dafür stehen! – Aber hört nur![126] Es kommt mir das Ding nicht so ganz recht vor! Ists auch wahr?

DER KÖNIG. Sicher! Ich stehe Euch dafür, ich lüge nicht.

MICHEL. Hahaha! er lügt nicht! Je ja doch, wers auch glaubte! Er lebt am Hofe, und soll nicht lügen! Schon das ist eine Lügen.

DER KÖNIG. Nu, nu, mein Herr Ungläubig! Gebt mir nur heute ein Nachtquartier bey Euch, und Ihr sollt sehen, daß ich die Wahrheit sage. Hier habt Ihr indessen ein paar Dukaten, und morgen verspreche ich Euch mein Nachtlager über Eure Erwartung zu bezahlen.

MICHEL. Nu seh ich doch wohl, daß Ihr Recht habt. Ja ja, Ihr müßt doch wohl vom[127] Hofe seyn. Das Kleine gebt Ihr, das Große versprecht Ihr!

DER KÖNIG bey Seite. Der Kerl hat Verstand.

MICHEL. Nu, aber hört nur: ich bin nicht vom Hofe. Ich heiße Michel Ehrlich, oder Michel schlechtweg, je kürzer, je besser: Ich bin ein Bauer, habe zu leben, und frage viel nach Eurem Gelde.

DER KÖNIG. Du scheinst mir ein lustiger Pursche, und ich hätte wohl Lust mit Dir genauer bekannt zu werden.

MICHEL. Hm! Du scheinst mir! – – mit Dir – – Ihr macht Euch ziemlich gemein, mein Herr geringster Bedienter des Königs! Hört nur, vielleicht bin ich so viel werth,[128] als Ihr! Das sag' ich Euch, das Dutzen steht mir nicht an!

DER KÖNIG scherzhaft. Ah! ich bitte tausendmal um Vergebung, mein Herr. Verzeihen Sie –

MICHEL. Nu nu, nu nu; keine Speranzien! Ich bin nicht hochmüthig, das müßt Ihr wissen. Aber ich mache mich mit keinem Menschen gemein, eh' ich weiß, ob ers auch verdient.

DER KÖNIG sehr liebreich. Desto besser! so gefallt Ihr mir, Michel. Ich sehe im Voraus, wir werden noch die besten Freunde werden, und uns wenigstens mit der Zeit dutzen.

MICHEL klopft ihm auf die Achsel. Je nu, wenn wir einander näher kennen, da kann Rath werden.[129]

DER KÖNIG. Nun, das denke ich ja auch: aber itzt thut mir den Gefallen, und zeigt mir den Weg aus dem Walde.

MICHEL. Von Herzen gerne. Weil Ihr so hübsch höflich seyd, so sollt Ihr auch sehen, daß ich gut bin. Kommt mit mir nach Hause! Ihr werdet da meine Marthe finden: es ist Euch noch ein flinkes Weib, und meine Tochter Röse, ein junges artiges Ding.

DER KÖNIG. Röschen ist jung und artig, jung und artig? Bravo mein lieber Michel!

MICHEL. Zum Henker! wie er gleich spannt! – Ihr möget mir wohl ein feiner Zeisig seyn!

DER KÖNIG lustig. Je nun: ich liebe alles, was artig ist.[130]

Was noch jung und artig ist,

Lebhaft scherzt und feurig küßt:

Das gefällt uns allen.

Sollt' ich jung und lebhaft seyn,

Und nur mir, mir sollt allein

Jung und artig nicht gefallen?


Keiner von uns lebte hier,

Liebten vormals nicht, wie wir,

Unsre guten Alten:

Diesen löblichen bebrauch

Werden unsre Kinder auch

Wie die Väter halten!

MICHEL. Nu, nu, daß Ihr nur nicht bey mir Schulmeister werdet: das wollt' ich mir ausbitten. Essen will ich Euch den Abend geben: eine warme Suppe, einen warmen Schinken, und was das Haus vermag.[131]

DER KÖNIG scherzhaft. Aber kein Bette? Es versieht sich, daß mir Röschen ihres nicht räumen soll!

MICHEL. Sorgt nicht, Schwager! Ich will Euch schon auf dem Oberboden eine gute Streue zurechte machen. Aber aus gewissen Ursachen wollt ich eben nicht, daß Ihr der zu nahe schlieft. Kömmt mein Christel nicht nach Hause; je nu, so könnte zu seinem Bette rath werden. Aber kömmt er: so versteht Ihr mich wohl; er ist mein Kind, und den kann ich nicht auf der Erde schlafen lassen.

DER KÖNIG scherzhaft und liebreich. Recht Michel! Es sollte mir leid thun, wenn ich jemanden vertriebe. Ihr seyd ein guter Vater, und das freuet mich.[132]

MICHEL. Der arme Schelm wird noch dazu ganz müde seyn! – Nu, so kommt. – Seyd Ihr sehr hungrig?

DER KÖNIG. O erschrecklich!

MICHEL. Gut! so wirds Euch auch nicht am Durst fehlen?

DER KÖNIG. Das versteht sich: wer den ganzen Tag in der Hitze gejagt hat, muß wohl dursten.

MICHEL. Desto besser. Hört nur, ich habe noch ein Fäschen Wein von meinem Berge: die Weinschenken in der Stadt hätten ihn längst gern gehabt, und Rheinwein draus gebraut, wenn er mir nur feil gewesen wäre. Ich weiß auch wohl, daß wir Bauren keinen trinken sollen; ich bin aber kein Narr. So[133] lange ich noch so viel habe, meine Steuern und Gaben zu geben, so hebe ich das bischen auf, das ich erbaue. Man muß doch auch für seine Arbeit nicht alle Tage Kofent trinken! – – Nu seht Ihrs? – der soll heute unserm guten Herrn zu Ehren angestochen werden, weil Ihr sagt, daß Ihr zu ihm gehört.

DER KÖNIG. Vortrefflich! Ihr sollt sehen, wie viel ich auf seine Gesundheit Gläser ausleeren will!

MICHEL. Ha, Ihr seyd mein Mann! – Kommt! Ich sehe wohl Ihr habt Recht: wir werden bald einander dutzen.


Duett.


MICHEL. Wer unsern lieben König liebt, Der ist ein Mann, ein braver Mann:[134] Was mir mein kleines Glücke giebt, Biet' ich mit Lust ihm an!

KÖNIG. Wer seinen Herrn so treulich liebt, Der ist ein Mann, ein braver Mann Mehr Lust, als hundert Schmeichler, giebt Ein solcher Unterthan!


Michel und der König.


MICHEL. So komm! dem besten König zu Ehren, Geb' ich mein Fäschen alten Wein. Da wollen wir die Gläser leeren Und Brüder und Gevattern seyn.

KÖNIG. Ich komme, dem besten Wirthe zu Ehren, Trink' ich, und Röschen schenkt uns ein: Der König soll mirs selbst nicht wehren; Denn nie trank er so guten Wein.


Michel nimmt den König beym Arme, und führet ihn vertraulich fort.

Ende des zweyten Aufzugs.
[135]

Quelle:
Johann Adam Hiller: Die Jagd. Leipzig 1770, S. 120-136.
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