Zwölfter Auftritt

[198] Der König. Michel. Marthe. Röse. Christel. Hannchen. Töffel. Der Graf von Schmetterling. Der Herr von Treuwerth. Beyde werden von etlichen Bauren hereingebracht.
[198]

HANNCHEN. Himmel! der Graf von Schmetterling! Sie läuft und versteckt sich hinter die aufgemachte Thüre.

MICHEL der es gehört, bey Seite. Hum! ist das der Zeisig? – Wir wollen thun, als kennten wir einander nicht. – Zu beyden. Sagt mir doch, Ihr Herren, wer seyd Ihr denn?

GRAF VON SCHMETTERLING. Wir könnten wohl fragen, wer Ihr wäret, daß Ihr Euch untersteht, uns zu fragen?

MICHEL. O! ich scheue mich nicht, meinen Namen zu sagen. Ich bin hier Richter im Dorfe, und heiße Michel, und lasse alle diejenigen beyn Ohren nehmen, die sich unterstehen, meinem gnädigen König ins Gehege zu gehn![199]

GRAF. Der Schurke! – und ich werde bald ein Recht haben, Euch derb ausprügeln zu lassen.

TÖFFEL. O! o! o! da soll Er kommen! Wir wollen mit unsern Knitteln schon unsern Richter in Schutz nehmen.

VON TREUWERTH. Pfuy, Graf! der Mann handelt nach seiner Pflicht. – Zu Micheln. behaltet uns hier, Freund! Ihr sollt morgen erfahren, wer wir sind. Das Gewitter hat uns heute auf der Jagd überfallen; wir haben uns vom Könige verloren, und sind im ganzen Walde herum gelaufen, um ihn aufzusuchen.

MICHEL. Nu, das ist doch noch ein Wort! Aber jener sieht mir gar, wie einer aus, der nicht[200] nur dem Wilde, sondern auch den Menschern aufpaßt.

CHRISTEL. Ja, er ists! Ich kenne ihn, und er hat mir meine Braut Hannchen entführt! – –

GRAF. Ha! bist Du der würdige Bräutigam? Warte, Warte! So ein Bauerlümmel sollte sich wohl unterstehen – Der König tritt hervor. was seh ich? – – der König?

VON TREUWERTH. Der König! dem Himmel sey Dank! –

Michel, Marthe, Töffel, Röschen, Christel fallen alle ganz betäubt dem Könige zu Fuße; auch Hannchen kömmt hervorgesprungen, der Graf erschrickt, beißt die Zähne zusammen, und sucht seine Verwirrung zu verbergen; die andern schreyen voller Bestürzung und Freude.
[201]

Wie? der König? unser König! unser bester, unser großer, unser gütigster König!

DER KÖNIG mit vieler Empfindung. Steht auf, meine guten Leute! steht auf, meine Freunde! steht auf, meine Kinder! ich bitte Euch! ich befehle Euch! Sie stehen auf.

HANNCHEN bleibt alleine liegen. Nein, gnädigster Herr. Ich werde nicht eher aufstehen, bis ich sie um Gerechtigkeit wider diesen Herrn Auf den Grafen zeigend. angefleht habe. In dem Augenblicke, da ich im Begriffe war, den guten Christel zu heurathen – die Thränen lassen mich nicht weiter reden! –

DER KÖNIG hebt sie auf mit einer ernsthaften Mine zum Grafen. Graf! – was sagen Sie dazu? – Nach einer Pause. nun, werde ich keine Antwort erhalten?[202]

GRAF der sich ein wenig gefaßt. Eine Kleinigkeit, Ihro Majestät! – – Warum sollte ich nicht eine kleine Galanterie gestehen?

DER KÖNIG. Und diese Galanterie bestand? –

GRAF mit einem gezwungnen Lächeln. Ich will es Ihro Majestät frey gestehen. Das Mädchen gefiel mir. – Ich glaubte, sie würde etwan Lust haben, einmal die Stadt zu sehen, und verschaffte ihr also dadurch die Gelegenheit. Freylich geschah es, ohne sie darum zu fragen –

DER KÖNIG fällt ihm in die Rede. Ohne sie darum zu fragen? – – Also hat man Gewalt gebraucht?[203]

GRAF. Wenn man es so nennen will, Ihro Majestät? – – mein Kammerdiener hat mir sie verschafft. – Es mag ihm freylich viel Mühe gekostet haben: aber ich bin auch bereit –

DER KÖNIG in einem nachdrücklichen Tone. Und diese Gewaltthätigkeit will ich bestrafen.

GRAF. Nur nicht mit Ihrer Ungnade! Ich gestehe mein Verbrechen. Es hat mir aber wenig geholfen. Hannchen ist tugendhaft. Sie hat mir aufs äußerste widerstanden, und alle meine Angriffe zu nichte gemacht. Der Himmel ist mein Zeuge, daß es so ist, und er strafe mich, wo ich eine Unwahrheit sage! – –[204]

DER KÖNIG. Euer Bekenntniß thut mir noch kein Genüge! Es ist nicht genug, daß das arme Mädchen hierdurch vor diesen Leuten gerechtfertiget wird; es bleibt allezeit von Eurer Seite ein Verbrechen. Ich bin ihnen eine Genugthuung schuldig. Also befehle ich, daß Ihr diesem Mädchen eine Ausstattung von 2000 Rthlr. gebt, und –

HANNCHEN. Nein, gnädigster König! Ich werde sie nicht annehmen. Ich würde mich entehrt glauben, wenn ich solche Wohlthaten erhielt, die allezeit einen gerechten Verdacht zurücke lassen könnten –

CHRISTEL. O, unvergleichliches Hannchen! Das Geständniß des Grafen, noch weit mehr Dein Entschluß, ein solches Schandgeld nicht anzunehmen,[205] überzeugt mich vollends ganz von Deiner Unschuld. – Nein, ich bin strafbar, daß ich nur einen Augenblick auf Dich einen Verdacht habe werfen können. Wir brauchen kein Geld –

MICHEL. Recht so, Christel! und morgendes Tages sollst Du das gute Kind heurathen.

DER KÖNIG. Ich sehe, daß edle Gesinnungen auch bey geringen Personen anzutreffen sind. – – Wohlan, so nehme ich die Schuld des Grafen über mich. – Zum Grafen. Ihr, Graf, werdet Euch unverzüglich entfernen, und ohne ausdrücklichem Befehl es niemals wagen, am Hofe zu erscheinen. Der Graf geht demüthig und beschämt ab. – Nun aber, meine Kinder, habe ich noch andre Pflichten zu erfüllen. Fürs erste gebe ich also diesem guten[206] Mädchen Auf Hannchen zeigend. und Eurem Sohne, mein guter Wirth, 2000 Rthl. – Aber Ihr wisset vielleicht nicht, daß ich Eurer Tochter versprochen habe, daß sie ihren guten Freund, Töffeln, zum Manne haben soll? Er ist arm, wie ich gehört habe, und um den Schaden gut zu machen, gebe ich ihm auch 2000 Rthlr. mit der Bedingung, daß Ihr sie zusammen vereinigt!

TÖFFEL springt und tanzt vor Freuden. Zweytausend Thaler! und Röschen! wer ist reicher als ich!


Alle zugleich.


MICHEL. O! welch ein guter Herr!

CHRISTEL. Ach! allergnädigster Herr!

RÖSCHEN UND HANNCHEN. O! was für ein allerliebster Herr![207]

DER KÖNIG. Treuwerth! sorge Er dafür, daß die 4000 Rthlr. morgendes Tags ausgezahlt werden.

TREUWERTH mit einer Verbeugung. Ach! wie entzücken mich Ihro Majestät durch Ihre Gerechtigkeit und Güte! Sie handeln itzt als König und Vater! Aber darf ich Eine Bitte wagen, so setzen Sie sich nicht mehr den Gefahren der Jagd aus! Sie sind Ihr Leben einem Volke schuldig, das Sie anbetet!

DER KÖNIG mit der größten Güte. Recht, mein lieber Freund! Ich werde künftig behutsamer seyn.

MICHEL sehr lebhaft. Verzweifelt, Herr König! Der Edelmann redt, wie sichs gehört. Ja, Sie müssen uns Ihr Leben erhalten. Wir haben Sie alle so lieb, so lieb –[208]

ALLE BAUREN, die zugegen sind, und um den König hertreten mit vielem Ungestüm. Ach ja, lieber Herr! unser Vater, und unser Freund! Erhalten Sie sich uns! Erhalten Sie sich uns ja! so lange Sie können!

DER KÖNIG indem er sie rund umher ansieht. Welch ein entzückender Anblick!

MICHEL mit der äußersten Treuherzigkeit. Ja mein Seele! Sie müssen sich schonen! Sie haben da unser junges Volk verheurathet, und Sie müssen machen, daß auch noch die Kinder von ihnen einen solchen Landesvater kriegen. – – Aber das muß wahr seyn; unser Herr ist doch der beste Mann aufm Erdboden! – Sie sind doch nicht böse, daß[209] wir Sie so schlecht bewirthet haben, Herr König? Ja, das hätte ich wissen sollen! –

MARTHE. Ja, ich auch! mich ärgern nur die fetten Kapphähne, die ich auf dem Hofe herumlaufen habe – – hätte ich gewußt –

DER KÖNIG. O, meine guten Leute, Ihr habt mich vortrefflich bewirthet, und ich danke Euch dafür. Aber ich habe der Ruhe nöthig: nun nehme ich Euer Bette an. – Wir bleiben allezeit gute Freunde, Herr Michel?

MICHEL. Ah! wer hätte das in der Welt glauben sollen daß ein so großer König heute in meinem Bette schlafen sollte. – Zu Treuwerth. Er, guter Freund, soll in meines Sohnes Bette schlafen! und die Mutter in[210] Rösen ihren. Es ist billig, daß unsere jungen Leute heute sich die ganze Nacht durch lustig machen, und ich will auch heute jung seyn. – – Christel und Röse, das Fäßchen muß heute alle werden.

DER KÖNIG. Recht so! ich will morgen meine Zeche dazu geben. Michel und Treuwerth führen den König zu Bette.

MICHEL zupft den König im Herausgehn. Heh, Herr König! noch ein Wörtchen!

DER KÖNIG. Nun?

MICHEL lachend. He he he! darf ich?

DER KÖNIG. Alles Michel, nur heraus![211]

MICHEL. Wenn nu etwa unser Völkchen übers Jahr –

RÖSE zupft Micheln. Pfuy Vater! schämt Euch doch!

MICHEL. Es hat sich schämen! Der Herr König weiß lange, was in Jahr und Tag bey solchen raschen Leutchen nach einer Hochzeit zu paßiren pflegt.

DER KÖNIG. Recht, Michel! Ihr hofft alsdann Großpapa zu werden? – Topp, Herr Gevatter Michel! Ihr schickt mir bey Euern Enkelchen einen Gevatterbrief.

MICHEL. Ein Mann, ein Wort! Juchhe, Herr Gevatter König! das laßt mir einen Gevater seyn! Der König geht ab.[212]

MICHEL der den König begleitet, kehret sich im Herausgehn zu den übrigen. Nu; ich komme gleich wieder, wenn ich den Herrn König hinaufgeleuchtet habe! – Frau hole Wein! und Ihr: Zu den Bauren, die noch da sind. geht in die Schenke, und bringet mir, was Ihr da noch aufn Beinen findet. Ich weiß sicher; heute ist unserm Könige zu Ehren alles dort von unsern Nachbarn voll, und erzählet sich einander bey einem Kruge Bier von ihm. Sie werden ihn auch alle gerne sehen wollen; je nun, da können sie ihn zu sehen kriegen, wenn er morgen fortreutet. Marthe gebt ab, und kömmt bald mit einigen Flaschen Wein wieder.[213]


Quelle:
Johann Adam Hiller: Die Jagd. Leipzig 1770, S. 198-214.
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