Vierter Auftritt

[96] Madame Wölbing. August.


MADAME WÖLBING kommt eilig zurück, und sagt mit dem Tone des Vorwurfs. So wenig achten Sie –

AUGUST schnell. Ihr Befehl ist übertreten, aber es geschah in der reinsten Absicht, zürnen Sie nicht. Der Geist, der in[96] dem Manuscript waltet, welches Sie mir brachten, Ihr Benehmen Madame, das Unglück Ihres Kindes, dieß alles erzeugte in mir den lebhaftesten Wunsch, Ihr Unglück genau zu kennen, um Ihnen nach Möglichkeit nützlich zu seyn.

MADAME WÖLBING. Mein letztes Wort war –

AUGUST. Eine Bitte – ja – ein Befehl, mich nicht gewaltsam in Ihr Vertrauen einzudrängen. Die Schicklichkeit ist verletzt, doch in der Reinheit meiner Absicht werden Sie Entschuldigung finden. Wer sind Sie, Madame? wo lebten Sie früher? wie entwickelte sich das Talent Ihrer Tochter, wann trat die schreckliche Epoche ein, die ihr das Augenlicht nahm? Welche Ereignisse gingen diesem Unglücke voran? – Es ist nicht Neugierde, die diese Fragen an Sie thut, es ist ein Herz, das von dem lebhaftesten Wunsche durchdrungen ist, Ihnen nach Möglichkeit zu helfen.

MADAME WÖLBING. Ihre Fragen zu beantworten, müßte ich Wunden aufreißen, die –

AUGUST. Trauen Sie mir den Willen zu, sie zu heilen.

MADAME WÖLBING nach einer Pause. Wohlan! es sind Jahre an meinem Schmerz vorüber gegangen, ohne daß ein theilnehmender Mensch fragte – was drückt dich so schwer? Ihrer Stimme[97] möchte ich vertrauen, denn was durch Ihr Auge so forschend in meine Seele dringt –

AUGUST betheuernd. Ist reines Gefühl!

MADAME WÖLBING. Ich will es dafür erkennen. So hören Sie denn die Verkettung von Begebenheiten, die das Unglück meines Kindes herbeyführten. – Wir lebten in Hamburg, mein Mann war Kaufmann, reich und geachtet, weil ihm sein Wort heilig war. Unser Vermögen wuchs durch seine Klugheit und Sorgfalt, und in unserer Mitte stand ein gutes Kind.

AUGUST. Ihre Tochter?

MADAME WÖLBING. Meine einzige Tochter. Ihr Talent zur Dichtkunst entwickelte sich früh; aber der nur auf stille Häuslichkeit sehende Vater schreckte es in der Knospe zurück, und suchte es, auch wohl mit spottender Härte, ganz zu unterdrücken.

AUGUST. Ich begreife und billige das.

MADAME WÖLBING. Albertine war schön.

AUGUST mit Wärme. Sie ist es noch!

MADAME WÖLBING mit Wehmuth. O nein, mein Herr, denn Ihr Blick, der mehr sagte, als die Zunge je vermag – spricht ja nicht mehr.[98]

AUGUST mit Feuer. Doch, Madame, doch!

MADAME WÖLBING. Viele warben um sie, aber sie kannte ihre Bestimmung, und erhielt ihr Herz frey, denn sie war dem Sohne eines der reichsten Korrespondenten meines Mannes verlobt.

AUGUST. Also – verhandelt.

MADAME WÖLBING. Die Zeit, wo ich meine Tochter verlieren sollte, rückte heran. Der Freyer kam, sein Aeußeres konnte gefallen; aber seine Denkart stieß ein so feinfühlendes Herz, wie das meiner Tochter, zurück.

AUGUST. Sie liebte ihn nicht.

MADAME WÖLBING. Ach, mein Herr, sie konnte ihn nicht einmal achten, der Tag der Trauung rückte heran; das Opfer war geschmückt, und schon both man der zitternden Braut den Arm, sie an die Stätte zu führen, die so manches Gelübde der Freude, aber auch so manches der stillen Hingebung aufnimmt, als man meinen Gatten eilend hinaus rief. Wir blieben in Erwartung zurück; in einer kurzen Frist wurde der Bräutigam zu meinem Manne gerufen; unsere Bestürzung wuchs; die Erwartung eines Unglücks lag auf jedem Gesicht, und als bald darauf mein Gatte leichenblaß in das Zimmer trat, verkündete er uns den Sturz seines Hauses.[99]

AUGUST. Gott! in diesem Augenblick.

MADAME WÖLBING. Ein Schiff war gescheitert! – Er hielt es für unredlich, seinen künftigen Eidam nicht noch vor der Vermählung davon zu unterrichten. Durch seine Hülfe war Rettung möglich, er verweigerte sie, und – reiste ohne Abschied fort.

AUGUST. Der Schändliche!

MADAME WÖLBING. Albertine fühlte das nicht. Das Unglück ihres Hauses schlug sie nieder. Das in diesem Schiffbruch gerettete Lebensglück richtete sie wieder auf. Das Vermögen meines Mannes reichte nicht hin, seine Gläubiger zu befriedigen. Albertine besaß ein bedeutendes Vermächtniß ihrer Tante – sie gab es hin. –

AUGUST. Gute Tochter.

MADAME WÖLBING. O mein Herr! diese Benennung verdienen viele, aber eine Tochter, die wie diese jedes Talent, jede erlernte Kunst aufboth, um ihre Eltern vor Hunger zu schützen – Ihre Stimme bricht.

AUGUST. Es erschüttert Sie!

MADAME WÖLBING. Tief mein Herr! tief! denn die Epoche, die ich jetzt berühre, wo wäre die Gattin, die sie mit trockenem Auge erz ählen könnte![100]

AUGUST. Nun, Madame, nun!

MADAME WÖLBING Mein Mann, – unfähig ein unthätiges, seinem Kinde zur Last fallendes Leben länger zu tragen – fand sein Grab in den Wellen.

AUGUST. Entsetzlich!

MADAME WÖLBING. Was die Gattin, was die Tochter bey diesem immer gesteigerten Unglück litt – erlassen Sie mir die Schilderung. – Es gibt Gefühle, für die man keine Worte hat. Wir verließen die Stadt, den Schauplatz unseres Glückes und uns'rer namenlosen Leiden. Wir kommen hier an – fremd – doch wegen Albertinens feiner Handarbeit bald gesucht, und ein Augenblick des stillen Kummers trat an die Stelle der Verzweiflung. Aber – was die Thränen über den Verlust des Vaters nicht vermochten, ihr Auge bis zur Blindheit zu schwächen, das vollendete die Nachtarbeit beym düstern Lampenschein. Ich stand von einer Krankheit auf, in der sie mich sorglich pflegte; und als meine emsige Wärterin wieder meine fleißige Ernährerin werden wollte, vermochte sie nicht mehr die Farben zu unterscheiden, sie entdeckte es mir ängstlich, bath Gott auf ihren Knien um ihr Augenlicht – aber er nahm es ihr ganz.

AUGUST. Sagten Sie heute nicht, es sey Hülfe möglich?

MADAME WÖLBING. Da es nur Schwäche, da keine Verletzung des[101] Auges sichtbar ist, so tröstet mich der Arzt, daß – wenn ich ihr eine sorgenlose Zukunft bereiten könnte –

AUGUST voll Freude. Das können Sie –

MADAME WÖLBING. Sie hat auch jetzt noch Tage, wo sie die Gegenstände wie durch eine Wolke erblickt, und – wenn sie dichtet, so glaubt sie oft zu sehen.

AUGUST. Madame – ich muß Ihre Tochter sprechen.

MADAME WÖLBING. Sie meidet die Blicke eines Fremden.

AUGUST. Bin ich fremd? mit diesem Herzen voll Bewunderung, Achtung – Lie – o Madame, denken Sie, daß Sie einen entfernten Sohn hatten, daß es seinem Fleiß gelang, sich Glücksgüter zu erwerben, und daß er kein größeres Glück kennt, als sie mit Ihnen theilen zu können.

MADAME WÖLBING. Ich fürchte jede starke Gemüthsbewegung –

AUGUST mit Hast. Bereiten Sie sie vor – erfinden Sie ein Mährchen – nein, nein, bey dieser reinen Seele sey alles rein und wahr. Sagen Sie, wie es kam, wie mich ihre Dichtung entzückte, ihr Unglück rührte, schildern Sie ihr mein Verlangen, meine Sehnsucht, sie zu sprechen – nur bald, Madame, sehr bald – und hier Er legt eine Börse auf den Tisch. eine Kleinigkeit auf Abschlag des Honorars für das Manuscript.[102]

MADAME WÖLBING erstaunt. Diese Summe mein Herr –

AUGUST lebhaft. Ist zu klein, zu gering, ist nur eben das, was ich bey mir hatte; das Verdienst Ihrer Tochter wird, muß seine Anerkennung finden. Immer wärmer. Sie wären arm? Sie wären unglücklich? Wo ist die Mutter, die über ihr sehendes Kind Freudenthränen weinen kann? Sie weinen sie über das erblindete. Leben Sie wohl; bereiten Sie Ihre Tochter auf meinen Besuch vor, – schnell, – ohne Zeitverlust. Sie sehen meine Sehnsucht, Madame, lange läßt sie sich nicht unterdrücken; bald – recht bald bin ich zurück.


August will fort, in dem Augenblicke öffnet sich die Thüre.


Quelle:
Johanna Franul von Weißenthurn: Neue Schauspiele. Band 13, Wien 1834, S. 96-103.
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