Fünfter Auftritt

[89] Julia, die Vorigen.


JULIA hat das lezte Wort gehört.

Nicht durch mich.[89]

DIAKUE voll Freude.

Die Gattin Dessalines.

JUDITH fährt zusammen.

Wen nennst Du mir?

JULIA.

Erschrick nicht ob dem fürchterlichen Nam n.

Ich muß ihn tragen – doch nicht seine Schmach.

Nicht Dessalines der herrschet und gebietet,

mein Herz hebt mich empor und ehret mich.

Was seine Mordbegierde frech verschuldet,

das hab', ich Arme, machtlos nur geduldet.

Er trieft von Blut – doch rein ist meine Hand,

mir folgt kein Fluch in jenes bess're Land.

JUDITH.

O so verzeih, wenn ich –

JULIA deutet auf Diakue.

Er achtet mich,

und froh sagt mir mein Herz – Du wirst mich lieben.


Zu Diakue.


Die schwarze Nacht, in der ich angstvoll lebe,

hast Du mit einem Wort mir aufgehellt.

»Du hattest recht – ich habe nicht gemordet!«

Mehr als die Worte, traf der Ton mein Herz.

Ich folgte Dir Gewißheit mir zu holen;

hast Du der Freundin Kinder mir erhalten,

so führe sie an dieses Mutterherz.

Laß mich die Thränen von den Wangen küssen,

die sie um die geliebten Todten weinen,

laß meinen Schmerz mit ihrem sich vereinen.[90]

DIAKUE.

Judithe, hole sie – ich eile fort,

die Stunde naht – man darf mich nicht vermissen,

und viel ist noch zu thun. Hör' liebes Weib –

es wäre möglich, daß –

JUDITH.

Du bist so ängstlich –

DIAKUE.

Nicht doch – nein – sollte ich nicht wiederkehren,

so wird –

JUDITH erschrickt.

Wie Diakue?

DIAKUE deutet auf Julia.

So wird Dir Diese –

JUDITH voll Angst.

O sprich – wo gehst Du hin?

DIAKUE.

Zu meiner Pflicht.

Ihr rauher Pfad führt uns gar oft zum Tod.

JUDITH.

Zum Tod!

DIAKUE.

Dann wird Dir Julia Freundin sein,

und jenen Waisen Mutter.

JUDITH.

Großer Gott!

JULIA.

Was hast Du vor?

DIAKUE.

Die Menschheit will ich retten.[91]

JUDITH.

Und Dich verderben?

DIAKUE.

Sei es, wenn es bilst.

JUDITH.

O Diakue, mein Mann.

DIAKUE.

Wo's Alle gilt,

da muß der Einzelne zu sterben wissen.

Rett' ich mein Volk, hab' ich genug gelebt.

Doch Muth Judithe, Muth! Gott ist mit mir;

das Laster, nicht die Tugend soll erzittern.

Die Blutsaat keimt empor, die Rache steigt

aus Feuerschlünden gräßlich drohend auf.

Sie zeigt auf ihn, sie reißt ihn sträubend fort.

Lebt wohl – lebt wohl – Wenn wir uns wiedersehen

muß frei die Tugend durch das Leben gehen.


Schnell ab.


Quelle:
Johanna Franul von Weißenthurn: Neueste Schauspiele. Band 9, Berlin 1821, S. 89-92.
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