Vierter Auftritt

[159] Die Vorigen, Emy, Nina.

Beyde mit Geschmack gekleidet, sie gehen auf die Mutter zu, küssen ihr die Hand, dann verneigen sie sich gegen die Herren.


WOLF zu Waldberg. Was sagen Sie zu meinen Pupillen?

WALDBERG. Daß sie sehr liebenswürdig sind.

GRÜNAU zu ihm. Schöne Kinder!

NINA. O siehe da, unser lieber Herr Vormund! Will auf ihn zu.

WOLF. Stille Kind, hübsch in Parade stehen geblieben. Erst muß man den Fremden präsentirt werden, mit ihnen von Wind und Wetter sprechen; wir alte Bekannte werden uns dann schon finden.

BARONINN. Kinder, das ist Herr Waldberg.

EMY UND NINA verneigen sich.

BARONINN. Und das hier, seht ihn recht an, ihr solltet ihn kennen.

EMY UND NINA verneigen sich erst, dann sehen sie ihn an.

BARONINN. Nun?

EMY UND NINA deuten der Mutter, daß sie ihn nicht kennen.

GRÜNAU. Kenne ich sie doch auch nicht. In acht Jahren so verändert!

NINA zu Emy. Kennst du ihn?

EMY. Ich habe eine dunkle Idee.

GRÜNAU. Was wette ich, Sie kennen mich an dem dummen Streich, den ich machte. Sind Sie – niemahls umgeworfen worden?[159]

NINA. O ja.

EMY. Als wir bey dem Onkel waren.

NINA. Der ungeschickte Kutscher fuhr an einen Eckstein.

EMY. Patsch – da lagen wir.

GRÜNAU. Welch' ein kostbares Gedächtniß!

EMY. Waren Sie dabey?

GRÜNAU. Ich hatte für den Tag die Rolle des ungeschickten Kutschers übernommen.

NINA. Ah, jetzt kenne ich Sie.

EMY. Ich auch.

GRÜNAU. Wer sich verewigen will, der mache nur dumme Streiche; die gescheuten tödtet die Zeit, die dummen leben ewig.

EMY. Sie sind der lustige Fritz.

GRÜNAU. Lustig bin ich noch, aber aus dem Fritz ist ein tüchtiger Friedrich geworden.

BARONINN sehr freundlich. Sie sind wohl nach der Stadt gekommen, sich eine Frau zu suchen.

GRÜNAU. Schlechterdings nicht. Sehen Sie, das ist der einzige Punct, in dem ich meinem alten Vater nicht zu Willen lebe, denn, ginge es nach seinem Sinn, ich wäre schon Großpapa, so bin ich aber, wie Sie mich hier sehen, ein Ehestandsfeind.

BARONINN. Ein Ehestandsfeind?

GRÜNAU. So nennt mich unsre ganze Gegend.

WALDBERG. Ich kann es bezeugen.

BARONINN. Mit dieser frohen Laune?

GRÜNAU. Die möchte ich gerne erhalten.

NINA. Sie hassen die Weiber?

GRÜNAU. Gott behüte, nur den Ehestand.[160]

BARONINN. Aber wie kommt das?

GRÜNAU. Das will ich Ihnen gleich sagen. In unsrer Nachbarschaft ist viel Segen Gottes, die Felder stehen vortrefflich, der Weinstock biegt sich unter seiner Fülle, die Wiesen sind voll Kräuter und Blumen, aber mehr noch als Wiesenblumen zählen wir heirathslustige Mädchen. Hübsche Kinder, es ist gerade, als ob sich der Himmel aufgethan, und seinen Überfluß an Engelchens dort deponirt hätte. Diese sind denn recht lieblich anzusehen, lachen und sind guter Dinge. Aber wenn man mit lacht, so schreyt die Mama heirathen, der Papa ruft heirathen, Onkels, Tanten und die ganze Mädchenschar schreyt heirathen. Da nun bey so vielen schönen Kindern die Wahl äußerst schwer war, so nahm ich bis jetzt – keine.

WOLF lacht. Den wilden Rosen sind Sie aus dem Wege gegangen, aber hier blühen Centofolien.

GRÜNAU. Werden auch mehr Dornen haben.

WOLF. Um so leichter bleibt man hängen. Da Sie sich also als offenbarer Ehestandsfeind declarirt, so werden Sie hiermit gänzlich auf die Seite geschoben, und mein Ehestandscandidat tritt hervor. Das ist euer Mann, Kinder, an den haltet euch. Zur Baroninn. Ich dächte, wir ließen die jungen Leute allein, noch will sich nichts schicken und fügen. Wenn die Gravität abtritt, schlüpft der Frohsinn aus allen Winkeln hervor. Ich bin gänzlich überflüssig, Väter und Vormünder werden heut zu Tag ohnehin um nichts gefragt, und den Advocaten braucht man erst, wenn alles richtig ist. Darum will ich mich empfehlen.[161]

BARONINN. Ich erwarte Sie heute Abend beym Soupé.

WOLF. Mich? – muß um Verzeihung bitten, kann nicht aufwarten.

BARONINN. Warum nicht?

WOLF. Meine Suppe steht um neun Uhr auf dem Tisch, und um zehn Uhr liegt der ganze Mensch zu Bette.

BARONINN. Heute müssen Sie eine Ausnahme machen, die Gesellschaft wird glänzend seyn.

WOLF. Eben darum muß ich zu Hause bleiben. Wenn sich ein Wolf in einem so eleganten Damenzirkel einschleicht, schreyen gleich alle, ein reißendes Thier! und die Herren machen Jagd auf ihn. Die heutige Jugend, die so klug geboren wird, als wir Alten sterben, weiß an so einem Alterthum, wie ich bin, gar vieles auszusetzen. Wenn ich auch meinen besten Rock anzöge, und meine Perrücke frisch pudern ließ, für die kurzsichtigen Vieraugenritter blieb ich doch immer eine anstößige Figur. Der Wolf wird also in seiner Höhle verbleiben Geht, begegnet Blümlein an der Thüre, führt ihn vor. Dieser Luchs wird doch eingeladen?

BARONINN. Versteht sich.

WOLF. Nun, dann haben Sie reißende Thiere genug. Ab.


Quelle:
Johanna Franul von Weißenthurn: Neue Schauspiele. Band 2, Wien 1817, S. 159-162.
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