Erster Auftritt

[204] Mariens Zimmer.

Gertraude, Marie treten ein. Die Rolle der Gertraud muß schnell gesprochen werden.


GERTRAUDE. Nein, das dulde ich nicht länger, das ist unerhört, himmelschreyend!

MARIE. Aber liebe alte Mutter, so höre doch.

GERTRAUDE. Ich habe gehört, ich weiß alles. – Sie durften gestern nicht bey der Tafel erscheinen, das Essen wurde Ihnen wie einer Gefangenen auf Ihr Zimmer geschickt, Sie wurden wie eine Magd behandelt, wie eine Magd von der Frau, die Ihnen den Segen und das Geld Ihres Vaters gestohlen, der Sie hinaus stieß in die Welt, dem ersten besten Landläufer an den Hals warf, um Sie los zu werden.

MARIE. Um mich vor Mißhandlung zu schützen, that das der gute Vater.

GERTRAUDE. Der gute Vater? – der schwache Vater, der schwache Mann, der schwache Christ; die heuchlerische Eva hatte ihn verführt. Sie both ihrem Adam nicht [204] einen, hundert Äpfel, und er aß von allen. Aber seine Schwäche kam ihm theuer zu stehen. Sein friedliches Haus, an dem alle Frommen ein Wohlgefallen fanden, wurde der Tummelplatz der jungen Lassen. Die alten Tapeten, die länger dauern als ein Haus, welches man heut zu Tag baut, mußten herunter. Die Fenster, die doch eigentlich da sind, daß der Mensch hinaus, und der liebe Gott mit dem Tagslicht hinein sieht, wurden so behängt, daß man am hellen Mittag Lichter brannte. Die Familien - Porträts kamen auf den Boden, die guten Leute, die mich kannten, und die mir noch von der Wand herab so freundlich in die Augen sahen, wie einst in ihrem Leben. Aber – sie standen der jungen Frau nicht an, sie mußten fort. Ich, die Ihre Mutter erzogen, Sie erzogen, die Ihr Vater gleichsam mit heirathen mußte, mußte fort. Die stille gute Marie, das Ebenbild ihrer seligen Mutter, mußte fort, und wie denn alles Gute heraus geworfen war, zogen die bösen Geister unter dem Jubel der Hölle ein.

MARIE. Liebe alte Gertraud!

GERTRAUDE. Mir gab man Geld – Geld – als ob, was ich gethan, für Geld zu haben und mit Geld zu bezahlen wäre, auch nahm ich es nicht, hatte es Gottlob nicht nöthig; falle niemand zur Last, helfe mir schlecht, aber recht durch's Leben, wie man muß, wenn man seinem Gott in das Angesicht sehen will. Vor ihm werde ich stehen und sprechen: Ich habe mein Erdenleben vollbracht nach deinem Willen! und Gott wird sprechen: Gehe ein, meine treue Magd! und die Himmelsthüre wird sich vor[205] mir noch ein Mahl so weit aufthun, als vor Ihrem Vater, der mich auf Erden zur Thüre hinaus warf.

MARIE. Aber – so höre mich doch an!

GERTRAUDE immer fortfahrend. Er ist auch gar nicht in den Himmel gekommen, nein, nein! denn er ist in seinen alten Tagen den Weg der Narren und Gottlosen gegangen. Wo sonst die Tabakspfeife se hing, stand ein Blumentisch; wo das Bild des gnädigen Landesfürsten hing, welches ein Mann in Rang und Würden nicht oft genug ansehen kann, um sich in seiner Pflicht zu stärken, da kam auf Befehl der gnädigen Frau ein gemahltes Donnerwetter hin, der Blitz zielte gerade auf des Herren Schreibtisch. Das heißt Gott versuchen; es schlug auch bald darauf ein, der Herr bekam ein hitziges Fieber, und starb. – Den Landesvater nahm ich zu mir, der hängt in meiner Stube; nun sieht er freylich nicht, daß ich für ihn arbeite, aber daß ich täglich für ihn bethe, daß es ihm wohlgehen möge, sieht er, und hat Wohlgefallen daran. Amen.

MARIE. Bist du nun fertig liebe Mutter?

GERTRAUDE. Fertig? wenn ich von den Thorheiten dieses Hauses rede, fertig? haus't denn nicht noch der Böse hier?

MARIE. Aber ich bin denn doch –

GERTRAUDE. Sie sind brav geworden, aber ich habe auch gewacht, habe Ihnen den Spiegel, dieses seelenverderbliche Werkzeug, selten genug in die Hand gegeben. Sie durften sich nur Sonn - und Feyertag dem Herrn zu Lieb' putzen, nicht der jungen Müßiggänger wegen, die Sonn - und Feyertags die Kirchthüre bewachen, daß keine gläubige Seele ohne Ärgerniß in den Tempel des Herrn[206] gehen kann. Solche blind geborne Heiden, Gott verzeih es mir, die jungen Hunde öffnen nach neun Tagen ihre Augen, aber diese Menschenkinder bleiben ewig blind.

MARIE. Nun liebe Mutter, was hast du mir denn eigentlich zu sagen?

GERTRAUDE. Mutter, ja, das war, das bin ich Ihnen, denn mit Ihrem Leben endete Ihre Mutter ihre irdische Laufbahn, und ging ein – ja, die ging gewiß ein, und sitzt zur Rechten des Herrn, denn die war gar zu bravon Würmchen, sagt' ich – verzeihen Sie, aber ich sagte Würmchen, sie tragen dir die Mutter zu Grabe, aber ich will dir Mutter seyn nach meinen Kräften, und der Herr gab mir Kraft und langes Leben, um meinen Schwur treulich zu erfüllen.

MARIE fällt ihr um den Hals. Das hast du redlich gethan –

GERTRAUDE. Darum sollten Sie mir auch wie einer Mutter folgen. Ich kann es nicht länger mit ansehen, wie man Sie hier mißhandelt; darum frage ich Sie, wollen Sie mir aus diesem Marterhaus folgen, und in ein anderes einziehen mit Ehren?

MARIE. Wo sollte ich hin?

GERTRAUDE vertraut. Ich weiß ein stilles Plätzchen. – Gräfinn Halbern geht auf's Land, sucht eine Gesellschafterinn.

MARIE. Sollte ich lieber bey Fremden dienen, als bey den Meinigen bleiben?

GERTRAUDE. Bey den Ihrigen? dienen Sie denn hier nicht auch? Sie machen der gnädigen Frau Putz, und helfen die Fräulein ankleiden, wenn sie auf Bälle fahren.[207]

MARIE. Das macht mir Vergnügen. Meine Schwestern helfen mir so treulich meinen Kummer tragen, daß ich sie gerne zu Freuden schmücke, die ich nicht liebe.

GERTRAUDE. Und die sie auch nicht lieben sollten.

MARIE. Sie sind jung.

GERTRAUDE. Die Jugend muß säen, damit das Alter erntet. Aber bey diesem luftigen Leben fliegt der Same des Guten in alle Winde, und siehe da, das Feld ist voll Disteln und Nesseln; die Disteln stechen, die Nesseln brennen, sie gehen zu Grunde.

MARIE. Darum brauchen sie mich. Ihre Herzen sind gut, lass' mich sie bewachen, daß sie gut bleiben; lass' mich ihnen seyn, was du mir warst, und sie nie hatten – Mutter.

GERTRAUDE sieht sie wehmüthig an. So geht es immer; ich komme, rede, rede deutlich und vernehmlich, und wenn ich zu Ende bin und meine, nun wird mir mein Mariechen folgen, da geht die Alte wieder allein zur Thüre hinaus, und Zeit und Athem war verschwendet. Sind es denn die Kinder werth, daß Sie um ihretwillen in diesem Marterhaus bleiben?

MARIE. Du hast das fremde Kind deiner Liebe werth gefunden, lass' mich für die Schwestern nicht weniger thun.

GERTRAUDE. Nun freylich, freylich, der Mensch soll nicht vom Menschen lassen, soll auch dem Tauben ins Gewissen reden, ja schreyen. Nun so schreyen Sie denn, daß Ihre Stimme in die Winkel des Herzens dringe, das Glöcklein der Buße erklinge, und übertäube die weltliche Leyer der Lust. Vertraut. Bethen sie denn vor Schlafengehen? grüßen sie Gott den Herrn beym Erwachen?[208] danken sie ihm für Speise und Trank? oder verschlingen sie die liebe Gottesgabe, ohne an den zu denken, der sie da wachsen und gedeihen läßt? geben sie dem Armen die Brosamen, die von der reichen Tafel fallen, oder Speise von der Schüssel? den Pfennig, oder den Silberling? Ja die Silberlinge, die gehen wohl ein in die Niederlagen der menschlichen Thorheiten; die Reichen mästen Pferde und Hunde, ob sich die Menschen satt essen, darnach fragen sie nicht. O Gott öffne noch einmahl deine Schleußen, und schwemme die Gottlosen hinweg, daß sie zu Grunde gehen in den Fluthen, und sich neue ansiedeln auf deiner schönen Erde. Amen.


Quelle:
Johanna Franul von Weißenthurn: Neue Schauspiele. Band 2, Wien 1817, S. 204-209.
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