Fünfter Auftritt

[220] Grünau. Die Vorigen.


GRÜNAU stutzt, als er Nina hier erblickt. Um Vergebung, wenn ich störe; man wies mich hierher –

NINA. O nein, Sie stören uns gar nicht – Sie –

WALDBERG. Liebe Nina, lassen Sie uns allein.

NINA. Ach ja – sonst merkt er's – nicht wahr? sonst merkt er's. Ab.

GRÜNAU schnell. Deine Wahl ist also getroffen?[220]

WALDBERG. Aus was schließest du das?

GRÜNAU. Hm – diese Unterredung auf dem abgelegenen Zimmer –

WALDBERG. Ich mußte doch einmahl mit dem Mädchen allein sprechen.

GRÜNAU. Freylich, freylich –

WALDBERG. Ein Weiberherz läßt sich nicht so leicht ergründen.

GRÜNAU. Nie, niemahls.

WALDBERG. Jetzt bin ich aber so ziemlich mit ihr im Klaren.

GRÜNAU. Bist du?

WALDBERG. Unter uns ist schon alles richtig. Jetzt gehe ich zu der Mutter.

GRÜNAU. Hm – die andre ist auch hübsch.

WALDBERG. Schön.

GRÜNAU. Ich weiß nicht, warum du nicht lieber die andre nimmst?

WALDBERG. Sache des Geschmacks.

GRÜNAU. Die andre ist auch etwas größer.

WALDBERG. Eine wahre Nympfengestalt.

GRÜNAU. Scheint etwas gesetzter.

WALDBERG. Es sind beyde noch Kinder.

GRÜNAU. Ja – aber die andere.

WALDBERG. Wird wohl auch einen Mann bekommen.

GRÜNAU. O ja.

WALDBERG. Unter uns – das wäre eine Frau für dich.

GRÜNAU. Warum nicht gar. Ich heirathe nicht, und – du thust auch nicht wohl daran zu heirathen. Das blutjunge Mädchen! sie ist viel zu jung für dich.[221]

WALDBERG. Das ist mir auch schon eingefallen.

GRÜNAU. Du bist dreyßig.

WALDBERG. Seit gestern neun und zwanzig.

GRÜNAU. Gehst doch in's dreyßigste.

WALDBERG. Ja, ich gehe hinein.

GRÜNAU. Nina ist sechzehn.

WALDBERG. Ein wahres Kind!

GRÜNAU. Du könntest ihr Vater seyn.

WALDBERG. Wenn das so fort geht, habe ich wohl auch schon graue Haare?

GRÜNAU. Höre Waldberg, ich rathe dir als guter Freund – nimm die andre.

WALDBERG. Die andre ist ja um ein Jahr jünger.

GRÜNAU. Aber viel gesetzter – größer – und glaube mir, viel gescheider, viel vernünftiger.

WALDBERG. So?

GRÜNAU. Die andere scheint mir eine kleine Cokette.

WALDBERG. So?

GRÜNAU. Sie läßt sich Artigkeiten sagen.

WALDBERG. Das thun alle Mädchen.

GRÜNAU. Sie erwiedert Blicke.

WALDBERG. Das ist mehr.

GRÜNAU. Sie drückt wohl gar die Hände.

WALDBERG. Das ist viel, davon fordre ich Beweise. Mit wem wechselt sie Blicke? wem drückt sie die Hände?

GRÜNAU verlegen. Mit – mit wem?

WALDBERG. Ja, das muß ich wissen.

GRÜNAU. Ei nun – mit mir.

WALDBERG lächelt. Mit dir? wozu der Scherz?[222]

GRÜNAU. Es ist Ernst, sage ich dir.

WALDBERG. Du, du hättest ihr Artigkeiten gesagt?

GRÜNAU. Ei nun, man hat galante Stunden.

WALDBERG. Du hättest mit ihr Blicke gewechselt?

GRÜNAU. Ja, sag' ich dir, ja.

WALDBERG. Du hättest ihr die Hand gedrückt?

GRÜNAU. Ja, ja, ja.

WALDBERG. In welcher Absicht?

GRÜNAU verlegen. In – in der besten Absicht. Ich wollte sie prüfen, ob – ob sie deiner werth –

WALDBERG. O liebster, bester Freund, lass' dich umarmen. Das muß dir bey deinem Weiberhaß recht sauer geworden seyn. Aber alles, was du mir da gesagt, schreckt mich nicht ab, ich liebe das Mädchen zu herzlich.

GRÜNAU. Du – du liebst sie? Sieht ihn fest an. Sage mir als ein ehrlicher Mann, liebst du sie?

WALDBERG. Von Herzen, und was du mir auch gesagt, sie verdient es.

GRÜNAU nach einer Pause. Ja – sie verdient es, mache das Mädchen glücklich – lebe wohl!

WALDBERG hält ihn. Wo willst du hin?

GRÜNAU. Nach Haus.

WALDBERG. Hat es solche Eile?

GRÜNAU. Ich will mein Gut verkaufen. Ich will ein wenig in der Welt herum reisen.

WALDBERG. Das ist mir leid. Nina versprach sich so viel Vergnügen von deiner Nachbarschaft. Ich schilderte ihr die hohe Lage deines Schlosses, die Aussicht über Seen und Felder, und es gefiel ihr besser, als das eingeschränkte Ebenstein.[223]

GRÜNAU. So nimm es.

WALDBERG. Um welchen Preis?

GRÜNAU. Um jeden, den du willst.

WALDBERG. Der Handel ist richtig – aber – nein – es geht doch nicht an.

GRÜNAU. Warum nicht?

WALDBERG. Du willst reisen, und Nina möchte gerne mit dir auf deinem Schlosse wohnen.

GRÜNAU. Mit – mit mir?

WALDBERG. Sie meinte erst, du solltest zu uns ziehen, als ich ihr aber das Unschickliche davon vorstellte, so meinte sie – sie zöge auch wohl zu dir.

GRÜNAU. Zu – zu mir?

WALDBERG. Zu dir.

GRÜNAU. Höre, lieber Freund – ich glaube das Mädchen ist mir gut.

WALDBERG. Das glaube ich auch.

GRÜNAU. Ja, manchmahl glaube ich sogar, erschrick nicht, lieber Freund! aber manchmahl kömmt es mir vor – das Mädchen sey in mich verliebt.

WALDBERG. Ich muß dir nur gestehen – es kömmt mir auch so vor.

GRÜNAU. Daß sie mich liebt?

WALDBERG. Daß sie dich liebt.

GRÜNAU. Und du willst sie dennoch heirathen?

WALDBERG. Gott soll mich in Gnaden bewahren, eine Frau zu nehmen, die sich vor der Hochzeit schon ausbittet, mit ihrem Liebhaber unter einem Dach zu wohnen.

GRÜNAU. Hat sie das gethan?

WALDBERG. Das hat sie gethan.[224]

GRÜNAU. Und du?

WALDBERG. Und ich? Vertraut. Ich habe ihr gesagt, daß ich sie nun nicht mehr wolle, daß sie zu meinem Freund Grünau ziehen, und mit ihm leben und sterben soll.

GRÜNAU fällt ihm um den Hals. Das hast du ihr wirklich gesagt?

WALDBERG. Wirklich – aber – es kann ja nicht seyn.

GRÜNAU. Warum nicht?

WALDBERG. Dein Weiberhaß –

GRÜNAU. Haß? sieht so ein Mensch aus, der haßt? Küßt und drückt ihn. Ich möchte der ganzen Welt um den Hals fallen, und es auf allen Plätzen ausrufen, daß ich verliebt, rein, toll verliebt bin. Das Mädchen hat mir gleich gefallen, aber dein Wahlrecht hielt mich im Respect; auch hoffte ich, es sey nur so ein leichter Fieberschauer, der sich bald verlieren würde; aber gestern Abend fiel mir eine Thräne aus ihren großen Augen auf die Hand – das war kein Wasser, das war Feuer, wie es im Platzregen vom Himmel fällt, und unsre alten Eichen niederschlägt, so traf es mich; und seit dem lache und weine ich zu gleicher Zeit, sehe den Mond an, mache Verse, und Gott verzeih es mir, aber ich glaube, ich könnte auch in's Wasser springen. Bin ich nun verliebt oder nicht?

WALDBERG. Viel Unheil durch eine einzige Thräne; aber warum hat sie geweint?

GRÜNAU. Darin liegt es eben. Ihr Herz, ihr Charakter, ihre ganze Engelsseele spricht sich in dieser Thräne aus. Sie weinte nicht wie andre Mädchen, denen man Putz und Spielwerk versagte, nicht über eigne Kränkung,[225] nein, über die Mißhandlung ihrer Schwester hat sie geweint.

WALDBERG. Ihrer Schwester?

GRÜNAU. Die durch die gnädige Mama beschimpft wurde, und nicht bey Tische erscheinen durfte.

WALDBERG. Emy saß ja neben dir.

GRÜNAU. Wer spricht von Emy? ich rede von Marien.

WALDBERG. Was sagst du, von Marien?

GRÜNAU. Daß sie die Stiefmutter mißhandelt.

WALDBERG. Mutter – welche Mutter?

GRÜNAU. Die Baroninn.

WALDBERG. Sie wäre?

GRÜNAU. Mariens Mutter.

WALDBERG. Wie? Madame Vernon –

GRÜNAU. Ist der Baroninn Stieftochter.

WALDBERG. Emy, Nina und Marie wären –

GRÜNAU. Schwestern.

WALDBERG. Gott, Gott – und ich, und sie – Freund, Bruder! Fällt ihm um den Hals. Du hast vergolten. Du hast die Braut von mir empfangen, und in demselben Augenblick sie mir gegeben.

GRÜNAU. Welche Braut?

WALDBERG. Frage nicht, forsche nicht, ich bin glücklich, selig, das sey dir genua. Wir machen beyde Hochzeit.

GRÜNAU voll Freuden. Beyde?

WALDBERG. An einem Tag.

GRÜNAU. An einem Tag.

WALDBERG. Dann ziehen wir auf's Land.

GRÜNAU. Kommen nie wieder in die Stadt.[226]

WALDBERG. Zeigen unsern Weibern frohe Wenschen, blühende Bäume, und segenreiche Felder.

GRÜNAU. Und über's Jahr sitzen die jungen Wütter in der Stube, und halten den Segen Gottes auf dem Arm. Ich habe immer gehört, die verliebten Menschen sind die glücklichsten – wir sind verliebt.

WALDBERG. Und glücklich! Umarmen sich.

GRÜNAU. Glücklich, unüberschwenglich glücklich!


Ende des vierten Acts.
[227]

Quelle:
Johanna Franul von Weißenthurn: Neue Schauspiele. Band 2, Wien 1817, S. 220-228.
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