Vierdter Auffzug.

[25] Robert, Cammer-Juncker. Leo, Hoff-Juncker. Karsten, Breit, Chim, Frerik, Hoff-Pursche. Hernach Mierten, der Bauer. Cornelis, Cammerdiener.

Die vier Bedienten bringen in silbernen Schalen Conficturen und etliche Becher mit delicaten Weine.


ROBERT. Siehe da / ihr seyd hurtige Leute / ihr kommet ehe man euer verlanget.[25]

KARSTEN. Wenn uns was befohlen wird / so wollen wir nicht gerne langsam seyn.

BREIT. Und wenn wir delicate Sachen lange ansehen / so bitten wir uns gerne zu Gaste / daß darnach nicht viel auf dem Teller bleibt.

CHIM. Der Wein ist etwas auff der Neige / aber vielleicht hat der neue Fürste keinen getruncken.

FRERIK. Und wenn ers in Gedancken aussäufft / so meint er doch wohl / er hat eine Kanne Bier verschlungen.

ROBERT. Nehmt euch nur mit der Complimente in acht / daß ihr alles ausrichtet / wie es euch befohlen worden / die vornehmen Personen stellen sich nun ein.

MIERTEN. Nun geh ich in frembden Hosen / und in frembden Strümpffen wie ein Narr.

ROBERT. Ihr Gnaden / sie folgen doch ihren getreuesten Diener / und wenn sie mir nicht gläuben wollen / so gläuben sie doch den Leuten / die an sie geschickt werden.

MIERTEN. Ey wer wird an mich schicken.

ROBERT. Wo wollen denn die Leute ihre silberne Schüsseln / ihre silberne Becher hernehmen / wenn sie nicht an sie geschicket würden.

MIERTEN. Nu / wo iemand zu mir schickt / so mußs doch wohl wahr seyn / daß ich kein Bauer bin.

KARSTEN. Ihr Gnaden / das sämtliche Frauen-Zimmer zu Hofe läst erkundigen / ob sie diese Nacht wohl geruhet haben / und schicken hier etwas weniges auff den gestrigen Rausch / wündschen / daß es ihm wohl bekommen möchte.

MIERTEN. Wer schickt mir das Ding?

KARSTEN. Das gesammte Frauenzimmer / welches gestern die Ehre gehabt / mit Ihr Gnaden in Conversation zu leben.

MIERTEN. Und das schicken sie mir / daß ich alles behalten soll.

KARSTEN. Ihr Gnaden haben damit zu machen und zu befehlen / wie sie wollen / es steht zu ihren Diensten.

MIERTEN. Aber was ist denn das vor Qvarck / das drinne liegt / was macht man denn damit?

ROBERT. Ihr Gnaden sollen es essen.

MIERTEN. Ich werde das garstige Ding nicht ins Maul nehmen.[26]

ROBERT. Ihr Gnaden sehen / ich will ein Stücke zuvor essen / sie leben so gütig und folgen mir nach.

MIERTEN. Nun das ist auch mein erstes mahl / daß ich solchen frembden Qvarck fresse: Ie daß dich / das schmeckt närrisch / es muß doch wohl wahr seyn / daß ich ein ander Kerle worden bin / sonst würden die Leute das Ding wohl selber fressen / und würden mirs nicht bringen / doch wenns meine seyn soll / so werd ichs wohl allein fressen: Er frist es gar vom Teller.

BREIT. Ihr Gnaden / hier ist noch etwas von eingemachten Sachen / wenn sie belieben darvon zu kosten / so wird es denjenigen sehr lieb zu vernehmen seyn / die es geschicket haben.

MIERTEN. Ich kenne euch nicht / aber ihr müst gutthätige Leute seyn / und ihr müst wohl was an mir ersehen haben / soll ich das auch essen.

BREIT. Ie mehr Ihr. Gnaden davon geniessen werden / desto glückseeliger wird meine Bothsdiafft seyn.

MIERTEN. Nu nu / gebt euch zu frieden / ists nicht mehr als das / so will ich euch nicht unglückseelig machen. Er frist den Teller auff.

CHIM. Hier ist auch etwas von einem guten Marcemim / so gut als er itzo in der Hoffkellerey vorhanden ist.

FRERIK. Oder belieben sie etwas von einen guten Canari-Seckt / sie haben die Wahl / daß sie kosten / befehlen sie was mehrers / so wird es gefolget werden.

MIERTEN. Wird mir das auch geschickt?

CHIM. Es wird alles geschickt / und zwar im Namen des Frauenzimmers.

FRERIK. Sie bitten auch hochlich Ihr. Gnaden wollens nicht verachten.

MIERTEN. Und die Becher soll ich auch behalten?

CHIM. Wenn Ihr. Gnaden wollen so gut seyn / und den geringen Becher bey sich behalten / so werden sich alle deßwegen freuen.[27]

FRERIK. Ihr Gnaden haben des gesamten Frauenzimmers Hertz in ihrer Gewalt / also werden sie auch über die Becher zu gebieten haben.

MIERTEN. Aber soll ich denn so ein Narr seyn / und soll nüchtern sauffen?

ROBERT. Ihr Gnaden / das ist ein Tranck / der muß nüchtern genossen werden.

MIERTEN. Ist das ein Tranck / wie die Doctor geben / das sauff ich nicht.

ROBERT. Ihr Gnaden sehen / ich will zuvor kosten / es thut keinen Schaden.

MIERTEN. Ich will auch kosten / kan ich doch auff hören wenn ich will. Er säuffts gantz aus.

ROBERT. Ich dachte Ihr. Gnaden wolten auffhören?

MIERTEN. Es schmackte mir auch nicht böse / laß doch sehn / was ist doch das vor Ding? ich muß sehen / wie das zu Halse gehet. Er säuffts auch aus. Nun ist mir schon ein bißgen besser ums Hertze / ich werds balde gläuben / daß ich ein Fürste bin.

KARSTEN. Wollen Ihr. Gnaden noch was mehrs haben?

MIERTEN. Meintwegen last nichts draussen.

BREIT. Es soll bald was folgen.

CHIM. Von welcher Gattung sollen wir den Becher wieder füllen lassen.

MIERTEN. Bringt was ihr habt / in dem Hause schmeckt alles gut.

FRERIK. So will ich auch meinen Becher wieder füllen lassen.

MIERTEN. Ja ja bringt mir nur alles wieder / denn es ist alles meine.


Die Bedienten gehen ab.


ROBERT. Ihr. Gnaden / wollen sie nicht so gut seyn / und das Kleid vollends anlegen?

MIERTEN. Herr / ihr seyd wol der redlichste Mensch auff der Welt / sagt mirs doch / was bin ich denn?

ROBERT. Ihr Gnaden sind der frembde Fürst / der sich auff unserm Hofe auffhält.

MIERTEN. Bin ich derselbe Fürste / ie drum thut ihr wohl so erbar mit mir.[28]

ROBERT. Freylich ist das meine Schuldigkeit / Sie lassen sich nur ankleiden.

MIERTEN. Ie was stecken doch vor Fürstliche Gedancken in einem Becher Weine. Cammerdiener wo bistu?

CORNELIS. Ihr Gnaden was befehlen sie?

MIERTEN. Komm her auff die Seite und sage mir wer ich bin?

CORNELIS. Sie sind der fremde Fürst in unserm Hofe.

MIERTEN. Die Leute bleiben auff der Rede beständig: geh weg / und laß den Herrn dort rüber kommen.

LEO. Was schaffen Ihre Gnaden?

MIERTEN. Sagt mir wer bin ich denn?

LEO. Sie fragen mich doch nicht / sie werdens selbst besser wissen.

MIERTEN. Aber ich höre es so gerne / wenn andre Leute auch wissen / wer ich bin.

LEO. Sie sind der frembde Fürste / der sich schon etliche Jahr an unsern Hofe auffgehalten hat.

MIERTEN. Nun aus dreyer zeugen Munde bestehet die Wahrheit. Bin ich nicht ein Hunds – – – daß ich mich selber nicht kenne. Ich halte die Fürsten haben den Gebrauch / daß Sie alles den andern Tag vergessen / was geschehen ist. Ich weiß wohl / unserm Dorffschencken verehrte ich einmahl einen grosen Käse / aber er hats hübsch wieder vergessen. Nun Kammerdiener / so kom doch und zeuch mich an.

CORNELIS. Wollen Sie in das Nebenzimmer spatzieren / so können wir die Kleider desto besser auslesen.

MIERTEN. Ie / ja ja / du wirst mir wohl nichts zumuthen / was nicht Manier ist.


Sie gehen hinein / die Scene fällt zu und verbirgt das Bette.


ROBERT. Der Trunck hat Ihn muthig gemacht / er soll sich nun wohl gebrauchen lassen.

LEO. Aber er darff nicht zu viel trincken / ehe es Zeit wird / sonsten macht er uns die Kurtzweile zu schanden.

ROBERT. Wenn er die Herrligkeit in halb voller Weise geniessen soll / so wird hernach die Lust einem Traume desto ähnlicher seyn.[29]

LEO. Sonderlich wo er das Reissen im Kopffe davon bekömmt / so wird er sich wundern / was die Träume heut zu tage vor Effect haben.


Quelle:
Christian Weise: Ein wunderliches Schau-Spiel vom niederländischen Bauer. Stuttgart 1969, S. 25-30.
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