Vierzehnder Auffzug.


[102] Rudolf, Wentzel. Hernach Zbisla, ein Böhmischer Semmelkrämer, Jarosla, ein Böhmischer Wursthändler, Bruno, ein Münch von Zittau.


RUDOLF. Wo muß doch unser INSPECTOR seyn hinkommen? er soll vor uns Sorge tragen / und da wir seiner am meisten benöthiget sind / so lässet er sich nirgends antreffen.

WENTZEL. Ach ich sterbe / so hungert mich.

RUDOLF. Mich hungert auch mein König / wo die Noth grösser wird / so müssen wir Wurtzeln essen.

WENTZEL. Ach der Speise bin ich ungewohnet / ich muß gewiß sterben.

RUDOLF. Vielleicht kömmt noch jemand der uns helffen kan.


Sie gehen auff die Seite.


ZBISLA. Ich halte / der Hencker hat die Pfuscher gemacht: Was hatten wir sonst vor einen Marckt mit unsern Semmeln / die Leute thaten / als wenn sie uns selber mit fressen wolten / aber itzund lassen sie uns die Waare über dem Halse fein altbacken werden / und das machen die elementschen Pfuscher / daß ein jedweder Berenheuter will Semmel backen / da hab ich nun mein liebes Gut beysammen / aber wo mir der kleine Edelmann begegnet / der kriegt nichts / der frembde Herr hat mich schon gewarnet.[103]

RUDOLF. GOtt helff euch lieber Freund.

ZBISLA. Was dürfft ihr sprechen GOtt helffs / hab ich doch nicht genieset.

RUDOLF. Wir bedürften das Glücke allemahl. Doch wer seyd ihr?

ZBISLA. Was werd ich seyn / ich bin ein Kauffmann / ihr sehts an meinem Korbe wohl / daß ich kein Fischer bin.

RUDOLF. Ach in dem Korbe ist Brod / seyd doch gebeten / und last uns was zukommen.

ZBISLA. Je du elementscher Schelme / du darffst mir nicht viel / ich schlage dich zu Gott es Boden / solstu meine Semmeln Brod heissen?

RUDOLF. Ach was muß ein Mensch in der Hunger- Noth erdulden! So gebt uns doch von der Semmel.

ZBISLA. Das ist mir auch ungelegen / es sieht bey solchen verschammerirten Herren gar Berenheutrisch aus / wenn sie betteln wollen.

WENTZEL. Ach hertzlieber Mann / es soll euch bezahlet werden / gebt mir nur eine halbe Semmel / sonst muß ich sterben.

ZBISLA. Es wird ein schrecklicher Schaden seyn / wenn das Ungeziefer in schönen Kleidern gar aus der Welt wäre / so hätten die Bauern die besten Tage.

WENTZEL. Ach erbarmet euch doch / ich will die Semmel bezahlen.[104]

ZBISLA. Du kriegst nichts / wo du mich angreiffen wilst / so will ich dir eine Semmel geben / die dir nicht schmecken soll. Geht ab.

WENTZEL. Ach das ist ein armer König / der in seinem Lande nicht über einen bißen Brod zu befehlen hat.

JAROSLA kömt. Gevatter ZBISLA wo führt euch der Hencker so bald hin? Ich sehe niemanden. Ihr Leute / ist euch niemand mit dem Semmelkorbe begegnet?

RUDOLF. Ja er kan nicht weit seyn. Aber wo wollt ihr mit den Würsten hin?

JAROSLA. Nein / wenn sich doch ein solcher junger Schneffler um meine Würste unbekümmert liesse.

RUDOLF. Wir müssen uns drum bekümmern / wir sind der Waare benöthiget / und wir weiten sie gerne bezahlen.

JAROSLA. O meine Bauerwürste schicken sich nicht vor solche grosse Junckern.

RUDOLF. Last ihr uns davor sorgen / ob sie uns anstehen.

JAROSLA. Wenn ich aber nicht will / die Würste sind meine. Höre du Müßiggänger / wilstu einmahl was in der Noth haben / so schaffe dirs in der Zeit / ich verdiene mein Brod deßwegen nicht auff der Strasse / daß ich solche Bauerschinder mit Würsten aushalten soll. Geht ab.

WENTZEL. Ach die Hoffnung ist wieder vergebens / wo mir niemand zu essen geben will / so fall ich da nieder.

RUDOLF. Da kömmt ein heiliger Mann / der wird uns wohl helffen.[105]

BRUNO kömmt. Nun das heist gefochten / ich habe die Bauren brave um Eyer / um Butter / um Käse / um abgerührte Kirschen / um Meel / und um andre Dinge betrogen / ich dencke / ich will mein Kloster nun wieder verproviantiret haben.

RUDOLF. Meine Dienste dem Herrn.

BRUNO. Großen Danck.

RUDOLF. Ich sehe er hat stattliche Lebens-Mittel zusammen gebracht.

BRUNO. Ja die Leute haben unserm Kloster was zu Gute gethan / ich wolte es nicht nehmen / sie drangen mirs mit Gewalt auff / und ehe ich Zorn verdienen wolte / so muß ich mich so beschweren lassen.

RUDOLF. Habt ihr nicht was übrig / das ihr uns mittheilen könnet?

BRUNO. Da behüte mich der heilige FRANCISCUS davor / daß ich dem Kloster-Gute was entwenden wolte.

RUDOLF. Es soll nur geliehen seyn / wir stecken in der Noth / und können uns selbst nicht helffen.

BRUNO. Ich darff auch nichts verleihen.

RUDOLF. Ihr werdet uns nicht verderben lassen.

BRUNO. Ich sag es noch einmahl / ich kan euch nicht helffen. Ist euch aber mit einem Segen gedienet / den kan ich euch wohl zurücke lassen. Geht ab.

RUDOLF. O du Berenheuter / wäre dein Segen einen faulen Käse werth / so würde er uns nicht zu gute kommen.[106]

WENTZEL. Ach ich sehe wohl / daß mir niemand helffen kan / ich werde gantz matt / da will ich mich niederlegen / und da will ich sterben.

RUDOLF. Mein König / hier können wir nicht bleiben.

WENTZEL. Bleibt wo ihr wollt ich kan nicht weiter.

RUDOLF. Nun so bleib er doch hier / ich will mich nach unsrer Gesellschaft umsehen / ob etwan noch was zu rathen ist. Geht ab.

WENTZEL. Ach weh / wie hungert mich. Er legt sich nieder und entschläfft.


Quelle:
Christian Weise: Sämtliche Werke. Berlin und New York 1971 ff., S. 102-107.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Stifter, Adalbert

Der Condor / Das Haidedorf

Der Condor / Das Haidedorf

Die ersten beiden literarischen Veröffentlichungen Stifters sind noch voll romantischen Nachklanges. Im »Condor« will die Wienerin Cornelia zwei englischen Wissenschaftlern beweisen wozu Frauen fähig sind, indem sie sie auf einer Fahrt mit dem Ballon »Condor« begleitet - bedauerlicherweise wird sie dabei ohnmächtig. Über das »Haidedorf« schreibt Stifter in einem Brief an seinen Bruder: »Es war meine Mutter und mein Vater, die mir bei der Dichtung dieses Werkes vorschwebten, und alle Liebe, welche nur so treuherzig auf dem Lande, und unter armen Menschen zu finden ist..., alle diese Liebe liegt in der kleinen Erzählung.«

48 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon