Erster Aufftrit.


[18] Roderigo, Leonisse.


RODERIGO. Es ist eine Furcht / die von Weiblicher Schwachheit entstehet. Wer seinen Halß einmahl der Regiments-Last unterworffen hat / der muß ein solches Ungewitter verachten können.

LEONISSE. Ich wolte wünschen / daß meine Furcht aus Weiblicher Schwachheit entstanden wäre; allein / ich höre[18] solche Zeitung / darüber ich vor Angst zerspringen möchte: ach wer wil dem rasenden Volcke wiederstehen! Ist uns und unserer Familie der unglückselige Tod zu Neapolis bestimt / und sollen wir das jenige / was andere verschuldet haben / mit unserm Blute büssen?

RODERIGO. Jhr Liebden beschämen mich mit der unzeitigen Furcht.

LEONISSE. Jhr Liebden halten mir es zu Gnaden / daß ich spreche / die Furcht sey etwas langsam: Ach! ich sehe mein Verderben schon vor Augen! und weil doch so viel hundert tausend Menschen nach unserm Blute durstig sind / so gebe doch der barmhertzige Himmel / daß ich zu erst einen tödlichen Stoß bekommen möge / ehe ich den Tod mei ner hertzliebsten Kinder / und so denn auch das euserste Unglück meines Hertzgeliebtesten Ehe-Gemahls anschauen müsse.

RODERIGO. Wie hat doch die eitele Einbildung so eine mächtige Operation, daß man dem Tode entgegen lauffen wil / wenn man noch gute Gelegenheit zum Leben hat.

LEONISSE. Ich sehe bey dem gegenwärtigen Zustande nichts / als einen geschwinden Tod / oder ein dienstbares Leben. Nun weiß ich wohl / wie mein Stand / meine Ehre und meine inbrünstige Liebe gegen den Hertzgeliebtesten Ehegemahl aus zweyen Ubeln das geringste erwehren sol.

RODERIGO. Der Auf-stand wird nicht so gefährlich seyn / und wenn es zum eusersten komt / so wird dem Volcke viel versprochen / das man hernach desto weniger halten darff.

LEONISSE. Eben dieses besorge ich / das Volck werde sich ins künfftige mit solchen Versprechungen nicht abweisen lassen. Es ist wahr / wir haben unsern Leuthen zu viel nachgesehen; wir haben dem Volcke manche unnöthige Last auf dem Rücken gelassen / nun wird die Rache zugleich auf uns hereinstürmen / und so werden wir so wohl die eigene / als die fremde Schuld ertragen müssen.

RODERIGO. Mein allergnädigster König hat mir eine Autorität beigelegt / welche kein Sclavisches Lumpen Gesinde zweifelhafftig machen sol. Ich bin des Adels versichert / welcher[19] mich nimmermehr verlassen wird: So hab ich vier Theile von der Stadt: wer fragt nach dem fünfften Theile / der aus geringschätziger Canaille bestehet?

LEONISSE. Desto schlimmer ist es vor uns / wenn uns die Canaille so weit bringt / daß wir von derselben Gnade bitten müssen.

RODERIGO. Ich sehe wohl / die Furcht ist eine Kranckheit / die sich so bald nicht vertreiben läst. Wir haben das neue Castell in der Nähe / jhre Liebden machen sich bereit / daß sie mit den furchtsamen Personen daselbst verwahret werden.

LEONISSE. Auch dieser Platz wird uns zu keiner steten Sicherheit dienlich seyn: Doch wo das Wasser schon biß an die Seele gehet / da müssen die nähesten und die möglichsten Mittel die besten seyn.

RODERIGO. Die Mittel sind zulänglicht.


Leonisse gehet ab.


Doch was bringet unser Marckt-Hauptmann?


Quelle:
Christian Weise: Masaniello. Stuttgart 1972, S. 18-20.
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