Zwölffter Aufftrit.


[77] Masaniello, Peronne, Geonino, Arpaja, Vitale, Mattheo.

Item nach und nach allerhand Banditen.


MASANIELLO. So komt numehr jhr getreuen Neapolitaner / und sehet / wie sich der Staat / von eurem Vaterlande verändert hat. Die Bluthunde liegen zu Boden / welche sich mit eurem Marcke gesätiget haben: Und wer nunmehr die H. Justitz um Hülffe anruffen wird / der soll durch keinen unnöthigen Process aufgehalten werden. Herr Geonino, was ist dieses vor ein Libell?[77]

GEONINO. Es betrifft eine Erbschafft / da ein Bruder den andern um die Helffte des Vermögens gebracht hat.

MASANIELLO. Stracks / last diese Güter gleiche mit einander theilen / oder es sol der schuldige Theil den Kopff lassen.

ARPAJA. Und hie sollicitiret ein ehrlicher Mann um eine Post Geld / welche jhm auf dem Rath-Hause versaget worden / da er doch Brieff und Siegel darüber hat.

MASANIELLO. Stracks last jhm das Geld auszahlen / oder die schuldigen Personen sollen alle hencken.

VITALE. Hie giebt ein ehrlicher Mann ein Schreiben ein / der beschwerst sich gegen seinem Nachbar / daß er jhm die Kosten zu der Schiedewand nicht wolle tragen helffen.

MASANIELLO. Jagt den unruhigen Nachbar aus dem Hause / und last jhn so lange in dem Gefängnis zappeln / biß er gewilliget hat.


Piccone kömt und bringt Celio geschlept.


PICCONE. Mein Herr / da ist ein Bürger / der hat geseuffzet / als wir dem Schelmen / dem Mehl-Zöllner das Hauß verbrennten.

ARPAJA. Hund / wiltu dich der Macht des Volckes wiedersetzen?

CELINDE. Ach! Gnade / ich habe nichts gethan.

MASANIELLO. Wer hat es gesehen?

PICCONE. Ich und noch zehn tausend.

CELINDE. O weh / ich bin verlohren!

MASANIELLO. Augenblicks last jhn aufhencken / so wird jhm das Seuffzen verboten seyn.

CELINDE. Ach / wohin wend ich mich bey meiner Unschuld!

ARPAJA. In diesem Gerichte wissen wir von keiner Appellation.


Er wird weg geführet. Bravo bringt Titta geschleppt.


BRAVO. Mein Herr / dieser hat in seinem Hause unterschiedene Gewehr gehabt / und auf ergangenen Befehl / hat er solches verschweigen wollen.[78]

TITTA. Ich wil es liefern: Man lasse mir nur vor dißmahl Gnade zukommen.

MASANIELLO. Was geht dich die Gnade an? auff! reisset dem Bösewicht den Kopff von dem Nacken herunter.

TITTA. Ich habe nichts gethan.

ARPAJA. Wenn der Kopff vor den Hintersten liegen wird / da solstu noch weniger thun.

TITTA. O grausame Zeit!


Sie schleppen jhn hinweg / Furfante und Rubina.


FURFANTE. Da hab ich eine Bestie.

RUBINA. Last mich gehen / ich bin eine ehrliche Frau.

FURFANTE. Die Ehrligkeit soll dir bezahlet werden.

RUBINA. Ich habe dich um keinen Lohn angesprochen.

FURFANTE. So wil ichs ungebeten thun. Mein Herr / es ist ein Befehl ausgegangen / daß die Gassen sollen gekehret werden: Die Frau hat sich wiedersetzt / und ist ungehorsam gewesen.

RUBINA. Ach / ich wil es noch thun / es wird nichts versäumet seyn!

MASANIELLO. Die Gnaden-Zeit ist freylich versäumt; geisselt sie wohl ab / und werffet sie her nach in die See.

RUBINA. Ach! die Strafe ist zu schröcklich!

ARPAJA. Was fragen wir darnach? Kanstu sie erleiden so sind wir zufrieden / wilstu nicht / so lauff davon / wo du kanst.

RUBINA. Ach / hätt ich das gewust / wie gern hätt ich wollen gehorsam seyn.


Sie wird hinein geschlept / Formaggio bringet Sarpi.


FORMAGGIO. Mein Herr / es ist befohlen worden / daß ein jeder das Bild des Königes in Hispanien über die Thüre setzen soll: Dieser Edelmann ist ungehorsam gewesen.

SARPI. Die Unwissenheit wird mich entschuldigen / ich kan wohl sagen / daß mich kein Mensch dessentwegen erinnert hat.

MASANIELLO. Du Bestie / wilstu noch gerecht seyn?

SARPI. Mein Herr / ich bin gerecht / und wofern jemand[79] meinen Gehorsam in Zweifel setzen wil / so bin ich erbötig / dem Befehle nach zukommen.

MASANIELLO. Was wir befehlen / dabey soll niemand etliche Stunden Bedenckzeit nehmen.

SARPI. Ich höre den Befehl zum ersten mahl / er sol Augenblicklich vollzogen werden.

MASANIELLO. Der rechte Augenblick ist schon ver schwunden. Reisst ihn hin / und weil jhn nach einem ehrlichen Tode verlanget / so mag er zur Gnade archibusiret werden.

SARPI. Ich bezeuge mit dem Himmel / daß ich keines Ungehorsams wegen kan gestrafft werden.

MASANIELLO. Das Wort ist gesprochen: vollziehet meinen Befehl.

SARPI. Ach! jhr Freunde / wo seyd jhr? lernet diesem Herren gehorsam seyn / daß jhr nicht eben diese Strasse gehn müsset.


Pasqvella kömt gelauffen / und führet Picolo.


PASQVELLA. Hertzliebster Mann / da ist ein verfluchter Schelm / der hat das Brodt um etliche Untzen zu leicht gebacken.

PICOLO. Gewiß ich habe keine Schuld: ob meine Frau oder der Beck-Knecht etwas versehen hat / dawieder wil ich nicht streiten.

PASQVELLA. Ja / ja / du bist gar der rechte Vogel.

PICOLO. Ich habe mich gar gerne nach dem Befehl gerichtet / ich wil auch ins künfftige das Brodt gar gerne selber wiegen.

MASANIELLO. Du Bösewicht / du solst es am längsten gewogen haben. Auf / und wo der nechste Back-Ofen ist / da steckt den Betrüger in die volle Glut. Unser Handel ist wegen des Brodtes angefangen.

PICOLO. Ach! Gnade / Gnade / Gnade! ich wil gerne backen / was die ordentliche Taxe mitbringet.

ARPAJA. Wir wollen dich in den Back-Ofen weisen: kanstu was darinnen zu wege bringen / so wird dir das Handwerck nicht geleget werden.[80]

PICOLO. Ach verflucht sey meine Boßheit / die so einen Lohn bekomt.


Neri bringt Paolo geschlept.


PAOLO. Ach ich bin ein Geistlicher: ach schont um meines Heiligen Standes willen.

NERI. Du bist mir ein Geistlicher aus der theuren Zeit. Komm fort / du must es itzo wohlfeiler geben.

MASANIELLO. Wer ist hier?

NERI. Herr / ein Geistlicher / der im Ehbruche ergriffen ist.

PAOLO. Ich leide Gewalt; ich habe nur mit meiner Beicht-Tochter etwas von dem Fege-Feuer geschwatzt.

NERI. Du wirst in das rechte Fege-Feuer kommen.

MASANIELLO. Bistu solcher That schuldig?

PAOLO. Ich appellire an meine Obrigkeit.

MASANIELLO. Bube! davor mustu sterben. Auf und henckt jhn bey den Beinen auf / daß er des Ehebrechens vergist.

PAOLO. O weh! was wird aus uns Geistlichen!


Er wird hinein geschlept.

Zeppa und Villanella bringen Allegro geschlept.


ZEPPA. Je du Viel-Fraß!

VILLANELLA. Je du Geitz-Halß!

ZEPPA. Die Mahlzeit soll dir gesegnet werden.

VILLANELLA. Du hast das Fleisch zuvor gefressen / nun wird die Tuncke hernach kommen.

MASANIELLO. Was ist hier vor ein Maleficante?

ALLEGRO. Au / das ist ein garstiger Titel.

ZEPPA. Er ist angeklagt worden.

VILLANELLA. Und zwar einer grossen Boßheit wegen.

ALLEGRO. Ach die Sünd ist gar klein.

ZEPPA. Es ist ein Pallast verbrennt worden / und da hat das Feuer eine Speckseite etwas weit in die Gasse hingetrieben / die hat der Schelm wieder das Gebot aufgehoben und gefressen. Und hat er nicht verdienet / daß sein schelmischer Rump mit auf den Holtz-Hauffen geworffen wird?[81]

MASANIELLO. Ist es wahr? hastu dich die Näscherey verführen lassen?

ALLEGRO. Ich darff solche vornehme Leute nicht Lügen strafen: Es muß wohl wahr seyn.

MASANIELLO. Warum lebstu wieder das Gebot?

ALLEGRO. Herr / ich wolte mir gerne etliche Pfund Courage in den Leib fressen / daß ich desto geschickter würde / die andern Häuser zu stürmen.

MASANIELLO. Die Entschuldig erhält dich beym Leben. Doch damit die Gerechtigkeit nicht beleidiget wird / solstu funffzig scharffe Streiche auf die Achseln bekommen. Jhr wisset / wem die Execution zukömt. Jhr andern aber folget mir / daß die Rechnung der Palläste / welche die öffentliche Strafe ausstehen sollen / einmahl vollzogen wird.


Quelle:
Christian Weise: Masaniello. Stuttgart 1972, S. 77-82.
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