Achter Aufftrit.


[130] Bonavita, Marina.

Er in Hosen und Wamst / sie in aufgeschürtzten Rocke.


MARINA. Es ist uns nicht unangenehm.

BONAVITA. Ich muste die Unhöfligkeit aus Noth begehen: denn weil uns Geistlichen die lange Kleider verbothen sind / so hab ich in diesem unanständigen Habit mich auf die Gassen begeben; Allein ich kan nicht sagen / was vor ein Schwarm von Muthwilligen Jungen mich begleitet hat / biß ich das Glücke hatte / meine Retirade in dieses Hauß zunehmen: und ich wil hoffen / so wohl als ich vormahls die Ehre hatte / derselben in meiner geringen Celle aufzuwarten / so wohl wird anitzo meine Ankunfft einen gnädigen Blick verdienen.

MARINA. Ich bin der genossenen Wohlthaten allerseits eingedenck und möchte nur wünschen / daß uns die Ruhe etwas günstiger wäre / damit ich in diesem fremden Logiament mein danckbares Gemüthe bezeigen könte.

BONAVITA. Der Danck bestehet auf meiner Seite. Wenn ich bedencke / in was vor einer wunderlichen Gestalt ich erscheinen muß / so möchte ich wohl aus dieser Wohnung geblieben seyn.

MARINA. Mein Herr Pater, die Gestalten verändern sich itzo gar offt: ich bin selber beschämt / daß ich die Knie nicht bedecken darff.

BONAVITA. Diese Tracht dienet zur Recommendation jhrer Schönheit.

MARINA. Herr Pater mich dünckt / er wil es hier anfangen / wie ers in der Celle gelassen hat.

BONAVITA. Hab ich daselbst gesündiget?

MARINA. Ach nein / so weit kam es noch nicht / daß ich jhn einer Sünden halben verklagen solte / doch daß er mich mit[131] vielen unverdienten Complimenten gehöhnet hat / das wil ich die Zeit meines Lebens nicht vergessen.

BONAVITA. Ach gesegnet sind die Complimente / welche mir ein so langes Gedächtnis versprechen.

MARINA. Der Himmel gebe bessere Zeit / so wollen wir sehen / wer in seinem Gedächtnis wird am beständigsten seyn / doch mein liebster Herr Pater, was haben wir bey dem itzigen Streite zu hoffen?

BONAVITA. Mein Kind: Wäre es in dem Kloster / so sagte ich / meine Schwester / meinen Gedancken nach haben wir alles gutes zu hoffen.

MARINA. Wie kan das möglich seyn / der Adel soll seine Privilegia verschweren.

BONAVITA. Wer ist aber der jenige: der uns den Schwur abfodert? Ist es nicht ein armer Fischer / der in wenig Tagen seine Vernunfft verliehren wird?

MARINA. Unter dessen haben wir das unsrige verlohren.

BONAVITA. Mein Kind / sie glaube mir / die Einigkeit des gantzen Volckes bestehet in dieser Person: Aber wenn die Raserey zuschlagen wird / so wird dem Volcke das thörichte Regiment nicht länger anstehen.

MARINA. Aber mich düncket / der Kerl ist zu klug.

BONAVITA. Das ist unser Trost / daß er sich in seiner Klugheit übernimt: er nimt sich keine Zeit / zum Essen und zum Schlaffe: sondern Tag und Nacht ist er in solcher Action, dabey sich ein geübter Staats-Mann ruiniren könte / ich geschweige denn ein solcher Fischer-Knecht.

MARINA. Mein liebster Herr Pater, der Trost hat mir einen guten Muth gemacht: gesegnet sey der Mund / welcher mich so erqvicket hat.


Sie küsset jhn.


BONAVITA. Die Vergeltung ist zu hoch / doch wil sie von einem armen Bruder was annehmen / so hab ich mein Reichthum in der Welt gelassen / und habe nichts mehr übrig / als dieses.


Küsset sie.


MARINA. Mein Herr Pater / es möchte jemand unser[132] Gespräche zerstören / er begebe sich seinem Gefallen in das Zimmer / ich wil bey Gelegenheit bemüht seyn / daß er Gesellschafft bekömt.

BONAVITA. Ich nehme diesen Befehl an: doch es wird keiner Gesellschafft bedürffen / weil ich in weniger Zeit dem GOttes-Dienste in Anwesenheit des Vice-Roy beiwohnen soll.

MARINA. Es stehet alles in seinem Belieben.

BONAVITA. Ich recommendire mich mein Kind.


Küsset jhr die Hand und gehet ab.


MARINA. Ach wie unglückselig sind doch die Personen / welche sich in die Unmögligkeit verliebet haben. Ach warum kam ich eben in dieses Kloster / daß ich diesen artigen Pater darinnen kennen lernte? Wäre mir sein Wesen unbekand / so würde mich seine Liebe wenig bekümmern. Ach! nun seh ich / wie ungerecht der jenige gehandelt hat / durch welchen der erste Mönch ist in das Kloster-Gefängnis verstossen worden. Ach! wie mancher Cavallier wird von dieser Zeit an / so liederlich und vergebens dahin gestorben seyn. Doch so lange die Liebe scharffsinnig ist / so lange werden auch diese Gefängnisse viel zu wenig seyn / mein Verlangen aufzuhalten.


Quelle:
Christian Weise: Masaniello. Stuttgart 1972, S. 130-133.
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