12. Als er vor betrübten Liebes-Grillen nicht schlaffen konte

[38] 1.

Jetzt ruht und schläfft die gantze Welt,

Was See und Feld

In den verliebten Armen hält:

Nur ich empfinde keine Ruh

Und bringe nicht ein Auge zu.

Denn weil der Tag zu Ende geht,

Eh meine Sonne vor mir steht,

So bricht der Abend auch herein,

Und muß gedoppelt Finster seyn.


2.

Ich habe manche lange Nacht

Umsonst gewacht,

Und meinem Schmertzen nachgedacht,

Wiewol je mehr ich dencken muß,

Je mehr empfind ich Uberdruß,

Weil niemand die erwünschte Bahn

Zu meiner Hoffnung finden kan:

Und dannoch hab ich diesen Trieb

Der traurigen Gedancken lieb.


3.

Ich bin verliebt in meine Pein,

Und nicht allein

In ihren hochgeschätzten Schein:

Denn wann der Schlaff ein sanftes Ziel

In meinen Sorgen setzen will,

So stellt sich meine Mattigkeit

Noch jmmer in den Gegenstreit,

Biß sich ein Traum ins Hertze spielt,

Daß er mir die Gedancken stielt.


4.

In diesem Schatten kömmet mir

Die liebste Zier

In ihrer höchsten Schönheit für,

Vnd stralt mein Hertz dermassen an,

Das ich es kaum vertragen kan;

Jedoch wann ich ein gleiches Spiel

Mit meinen Armen machen will,

So greiff ich an die kalte Wand,

Vnd sie entwischt mir aus der Hand.[39]


5.

Itzt sehn ich mich nach meiner Ruh,

Vnd schliesse nu

Die Augen von mir selber zu,

Komm wider, komm du süsser Traum,

Vnd mache meiner Wollust Raum!

Denn wirt der Kummer nicht gestillt

Durch ein erdichtes Schatten-Bild,

So weicht auff eine kleine Zeit

Zum minsten die Empfindligkeit.


6.

Ach aber ach es geht nicht an!

Das ich daran

Ein rechtes Labsal haben kan.

Mein Schmertzen geht mir viel zu nah,

Ach wäre nur der Morgen da,

Vielleicht ist diß der liebe Tag

Da ich mich wieder rühmen mag,

Daß eine die mich sonst betrübt,

Mir Ruh und Leben wiedergiebt.

Quelle:
Christian Weise: Der grünenden Jugend überflüssige Gedanken, Halle a.d.S. 1914, S. 38-40.
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