CAP. XXXII.

[153] Am Morgen stunden sie auf und spatzierten durch die Stadt, als sie nach Hause kamen, war der Richter an demselben Orte von einem andern pro hospite genommen worden, der führte lauter Christliche Discurse. Ja sagte er, was hat ein Mensch, das ihm Gott nicht giebt. Ach Gottes Vorsorge muß das beste bey unserer Nahrung thun. Wie müssen doch die Menschen dencken, welche Gott nicht vor Augen haben, und ihr Hertze an das Zeitliche hencken? Ach ein gutes Gewissen ist ein ewiges Wohlleben. Ich wolte lieber Saltz und Brod essen, als einen gemesteten Ochsen mit Unrecht. Diesen Ruhm wil ich einmahl mit in die Erde nehmen, daß ich niemanden sein Recht gebeugt habe. Gelanor sperrete Augen und Ohren auf, und verliebte sich fast in den Gewissenhafftigen Richter. Aber als die Mahlzeit geendigt war, und Gelanor seine Gedancken dem Wirthe eröffnete, sagte dieser, mein lieber Herr, weiß er nicht, daß sich die schwartzen Engel offt in Engel des Lichts verstellen. Es ist kein ärger Finantzen-Fresser im Lande, als[153] der Mann, zwar dieses muß ich ihm nachsagen, er ist so heilig, als ein Bettelmünch, dann gleich wie dieser kein Geld anrührt, so greifft er kein Geschencke an; er spricht nur, Jungefrau nehmt ihrs, ich kans mit gutem Gewissen nicht nehmen, ich habe geschworen. Quasi verò, als wäre Mann und Weib nicht ein Leib. Uber diß nimmt er alle accidentia mit Recht ein, denn er verdoppelt die Gerichts-Gebühren, und spielt die Sachen, welche man in einem Termin debattiren könte, in die lange Banck hinauß, daß viel unnöthige Zeugen abgehöret, viel nichtige Exceptiones zugelassen werden, nur daß die Gebühren fein hoch lauffen, weil man solche doch mit gutem Gewissen einstreichen kan. Item, er hält etliche Advocaten auf der Streu, die müssen ihm jährlich etliche hundert Gülden geben. Und dieses läst sich mit gutem Gewissen nehmen, denn donatio inter vivos ist ja ein titulus Juris: Inzwischen thut er den guten Wohlthätern die courtoisie, und fördert ihre Sachen, daß sie zuträgliche Clienten bekommen, und also heist es recht; Ach GOTT der theure Nahme dein, muß ihrer Schalckheit Deckel seyn. Hierauff sagte Gelanor, nun so hab ich noch keinen solchen Heuchel-Narren angetroffen: der blinde Mann meinet, es sey gar wohl außgericht, wann er nur den Nahmen GOttes im Munde führe, gesetzt, daß er solchen in der That mehr als zu sehr verleugne. Nun, nun verlasse dich auf dein fas & nefas, das heist, auf deine Besoldung und accidentia, du wirst zu recht kommen, nur sieh dich vor, daß keiner auf den Jüngsten Tag appellirt, da möchte der Hencker zum Strassenrauber werden, und möchte dich hohlen, ehe du alle deine Liquidationes legitimirt hättest. Als dann wirst du erfahren, welches du manchem Inquisiten nicht glauben wilst; Ex carcere malè respondetur. Indem fiengen sie an zu läuten, da eilte der Wirth, daß er kunte zu der Leiche gehn, und gab seinen Gästen Anleitung, wo sie in der Kirche die Predigt hören solten, denn die Eitelkeit, die so wol im Process, als in der Trauer selbst gehalten worden, mag ich nicht berühren: Weil es doch so gemein damit ist, daß sich niemand mehr darüber verwundert. Darumb eilen wir zu der Predigt. Nun war die gantze Stadt[154] voll, was der verstorbene vor ein böser Mensch gewesen, also daß etliche sagten, er wäre nicht einmahl wehrt, daß er auf den Gottes-Acker begraben würde, dessen aber ungeacht, war die Leichpredigt so tröstlich und delicat eingericht, daß mancher vor Freuden gestorben wäre, wann er sich an seinem Ende solcher Predigten hätte versichern sollen.

Endlich kam es an den Lebens-Lauff, da war es voller Christlicher und Himmlischer Tugenden, da hatte er in der Schule die vortrefflichsten specimina abgeleget, und alle Leute sagten, er hätte sich mit etlichen Præceptoribus geschlagen, wäre hernach zum Fenster hinauß gesprungen, und was dergleichen Leichtfertigkeiten mehr waren. Ferner solte er sich auf Universitäten eine geraume Zeit mit sonderbahren Nutzen auffgehalten haben, und iederman sagte, er wäre einmahl auf die Leiptziger Messe gezogen, und hätte sich im Auerbachs-Hoffe auf dem Bilderhause umbgesehen, wäre darnach in das rothe Collegium gangen, und hätte der Deposition zugesehen, von dar hätte er in dem Fürsten Collegio eine Kanne Bier getruncken, und damit wäre er wieder nach Hause kommen. Absonderlich muste Eurylas lachen, daß erzehlet wurde, wie er sich so wohl mit den bösen Nechsten vertragen, alles mit Christlicher Gedult übersehn, und niemahls böses mit bösem vergolten hätte: denn er fragte, wo denn der böse Nechste wäre, dem man alles müsse zu gut halten, weil dergleichen Ruhm in allen Leichpredigten zu befinden wäre. Es müsten vielleicht diejenigen seyn, welche mit der halben Schule begraben würden, und keine Predigt kriegten. Gelanor sagte, es wäre nicht so zu verstehen, als wenn sie eben so gut und heilig gelebt hätten, sondern daß sie also hätten leben sollen, damit die Lebenden sich ihrer Schuldigkeit dabey erinnern, und das Leben genauer anstellen möchten. Ja wohl versetzte Eurylas, hätten sie also leben sollen; aber wer wil sich einbilden, daß iemand durch diese Erinnerung gebessert wird. Ich meynte vielmehr, weil andere mit ihrem liederlichen Wesen so ein Lob verdienet hätten, so wolte ich es gleich so bunt treiben, und doch die stattlichsten Personalia darvon tragen. Nein nein, antwortete Gelanor, die Meynung hat es nicht, sondern es wird so[155] viel darunter verstanden. Seht ihr Leute, dieser Mensch hat an seinem letzten Ende noch die Gnade gehabt, daß er zum Erkäntniß kommen ist. Ihr andern wagt es nicht darauff, ihr habt kein Brieff und Siegel darüber, daß ihr auch mit solcher Vernunfft hinfahren könnet. Unter diesen Reden hatten sie auf das übrige nicht achtung gegeben, daß sie also nichts mehr davon zu hören kriegten: alldieweil die Music wieder angieng, und alle mit hellem Halse zu sammen anstimmten, denn der Tod kömmt uns gleicher Weiß. Als sie nach Hause kamen, brachte der Wirth einen Pack Leichen Carmina mit, darein er hätte vor zehen Thaler Pfeffer und vor fünffzehn Gülden Ingwer einwickeln können, Gelanor sahe sich in denselben etwas umb, und fand unter andern folgende Kern-Verse, oder daß ich einer iedweden Sache ihren rechten Namen gebe, folgendes Madrigal, von viertzig Versen weniger eins.


O Tod du grimmer Menschen Fraß,

Du Streckebein du Leute-Schlächter,

Du Lebens-Dieb, du Blecke-Zahn,

Du Schatten-Kind, du Sensen-Mann,

Du Freund der Atropos, O du der Clotho Schwager,

Du Hertz der Lachesis, sag an, was heist denn das?

Du bist von Knochen nur und bleibest allzeit mager.

Weßwegen frist du denn die Menschen so dahin?

Hier stirbt ein grosser Mann, ist dieses denn dein rechter?

Bewegt dich nicht der Tugendhaffte Sinn?

Hörst du nicht unsre Klagen?

Ach nein du kanst es auß dem Sinne schlagen,

Du grausams Ebenbild, du gifftigs Wunderthier,

Du Basiliske du, du Stadt und Land-Verderber,

Das Tiger oder doch du Tiger Kind.

Du bist mit deiner Sichel blind, etc.


Gelanor hatte grosse Gedult, daß er es im Lesen noch so weit gebracht. Doch weiter mochte er die Nießwurtzel nicht in sich fressen, sondern warff das Papier in das Fenster, und sagte, es bleibt darbey, der Kerle ist ein Narr, und wenn sonst kein Poete ein Narr mehr wäre. Was hat der übersüchtige Sausewind auf den Tod zu lästern? Der Tod ist GOttes Ordnung, der läst[156] die Menschen sterben, und setzt uns ein Ziel, welches niemand überschreiten kan. Daß die Heidnischen Poeten, welche von Gott nichts gewust, unterweilen solche Fratzen mit eingemengt, das ist kein Wunder; Aber daß ein Christ dem Tode gleichsam vor der Thüre wetzt und ihn herauß fordert als einen andern Berenheuter, das ist fürwar eine von den grösten Schwachheiten. In währendem Gespräche kam ein heßlicher Dampff in die Stube gezogen, daß alle meynten, sie müsten von dem widrigem Geruche vergehen. Als sie nun hinauß sahen, wurden sie etliche Kerlen gewahr, welche Tabackpfeiffen im munde hatten, und so abscheulich schmauchten, als wenn sie die Sonne am Firmament verfinstern wolten. Gelanor sahe ein wenig zu, endlich sagte er, sind das nicht Narren, daß sie dem Teufel alles nachthun und Feur fressen. Ich möchte wohl wissen, was vor Kurtzweil bey dem Lumpenzeuge wäre. Der Wirth hörte es, und meinte, es müste mancher wegen seiner Phlegmatischen Natur dergleichen Mittel gebrauchen. Doch Eurylas fragte, wie sich denn die Phlegmatischen Leute vor zweyhundert Jahren curirt hätten, ehe der Taback in Europa wäre bekandt worden, sagte darneben, es wären etliche Einbildungen, daß der Taback solte die Flüsse abziehen, er brächte zwar Feuchtigkeit genug in dem Munde zusammen: Allein dieses wären nicht die rechtschüldigen Flüsse, sondern die Feuchtigkeit, welche im Magen der concoction als ein vehiculum dienen solte, würde hierdurch abgeführet: dannenhero auch mancher dürre, matt, hartleibicht, und sonst elende und kranck davon würde. Der Wirth wandte ein, gleich wohl kennte er vornehme Doctores und andere Leute, die auch wüsten, was gesund wäre, bey welchen der Taback gleichsam als das tägliche Brot im Hause gehalten würde. Ey sagte Eurylas, ist denn nun alles recht, was grosse Leute thun? In Warheit es steht schön, wann man in ihre Studierstuben kömmt, und nicht weiß, ob man in einer Bauer-Schencke, oder in einem Wachhause ist, vor Rauch und Stancke. Warumb müssen etliche den Taback verreden und verschweren, wollen sie anderst bey der Liebsten keinen Korb kriegen! warumb schleichen die armen Männer in die Küche, und setzen sich[157] umb den Herd, daß der Rauch zum Schorstein hinauß steigen kan? warumb ziehen sie andere Kleider an, und setzen alte Mützen auf? Gelt, wenn sie sich des Bettelments nicht schämen müsten, sie würden es nicht thun. Florindo sagte hierauff, ey was sollen sich die Leute schämen. Wisset ihr nit, wie wir unlängst in einer namhafftigen Stadt auf die Trinckstube gehen wolten, und vor der Stube einen Tisch voll Doctores antraffen, welche Collegialiter die Tabackpfeiffen in dem Munde hatten. Dazumahl lernte ich, was die weitläufftigen Programmata an den Doctoraten nütze wären, dann zur Noth könten die lieben Herren fidibus darauß machen, und Mußquetier-Taback vor Virginischen gebrauchen. Dem Wirthe waren die Reden nicht angenehm, drum gieng er fort und sagte, wem der Gestanck zuwider wäre, der möchte sich eine Balsambüchse zulegen, er könte den Geruch nicht besser schaffen, als er von Natur wäre.

Quelle:
Christian Weise: Die drei ärgsten Erznarren in der ganzen Welt. Halle an der Saale 1878, S. 153-158.
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