Sechs und zwantzigstes Exempel.

Ein krancker Herr bereitet sich besser zum Tod; weilen ihm sein Narr die Wahrheit gesagt.

[210] Ein vornehmer reicher Herr hielte unter vielen Hausgenossenen auch einen Narren auf seinem Schloß, der ihm manche Kurtzweil machen müßte. Nachdem er diesen seinen Narren einstens neu von Fuß auf hatte kleiden lassen, händigte er ihm zugleich einen grossen Kolben ein, mit dieser Ermahnung: Hans! gib diesen Kolben bey Leib keinem anderen, als der ein grösserer Narr, als du bist. Das liesse ihm der Narr fleißig gesagt seyn, und war ihm sein Kolb auch um viel Gelt nicht feil. Ueber ein Zeit begabe es sich, daß gedachter Herr tödtlich erkranckte. Da schickte er sich zwar zum Testament machen: allein gleichwie er bey gesundem Leib sich wenig der Armen, und geistlichen Sachen achtete; also liesse er es jetzt auch dabey gelten: schriebe zu Erben aller seiner Güter die nächste Bluts-Freund; des Allmosens aber und anderer gottseeligen Vermächtnussen wurde mit keinem Wörtlein gedacht. So geschahe auch des Beichtens, der letzten Weeg-Zehrung, der heiligen Oehlung kein eintzige Meldung. Entzwischen gienge das Lamentieren und Mumlen im Haus um, der Herr werde bald dahin fahren. Der Narr solches hörend, lieffe eylends in die Kammer für das Beth, und sprach: Herr, ich höre, ihr werdet verreisen. Ist es wahr, der Herr antwortete: Es kan seyn, das Ansehen ist gut darzu. Aber wohin? fragte der Narr: seynd die Pferd schon gesattelt? ist die Gutschen schon gespannt, seyd ihr auch gerüst auf die Reise? der Herr antwortete: ich weiß es nicht. Wie weit aber (fragte der Narr ferners) werdet ihr reisen? und wie lang werdet ihr ausbleiben? [210] vielleicht ein Monath, 2. Monath, ein halbes Jahr, oder ein gantzes Jahr? Der Herr sagte abermahl: Ich weiß es nicht. Wann kommt ihr aber wieder? fragte der Narr zu letztens. Und der Krancke sagte mit einem Seuftzer: Ach vielleicht nimmermehr. So? sagte der Narr: Habt ihr ein so weite Reise vor euch, und wisset selbst nicht, ob ihr wieder kommen werdet, und machet so gar kein eintzige rechte Anstalt zu einer so weiten und gefährlichen Reise? da habt ihr meinen Kolben (und zugleich legte er den Kolben zu ihm auf das Beth) dann ihr seyd ein weit grösserer Narr, als ich bin.


Dieser gute Einfall hatte bey dem Krancken einen solchen Nachdruck, daß er bekennt, der Narr habe die Wahrheit gesagt: hat auch unverzüglich viel Gelt unter die Arme lassen austheilen, und sich besser zum Tod bereitet. Guil. Pepinus Tract. 4. super Confiteor. c. 2.


O wie vielen müßte dieser Narr seinen Kolben geben! sie wissen, daß sie sterben müssen; wissen aber nicht, wann? sie wissen, daß sie in die Ewigkeit verreisen müssen. Sie wissen, daß auf den Tod folge das strenge Gericht GOttes. Machen sie aber auch die behörige Anstalt darzu? enthalten sie sich deßwegen von schwehren Sünden? beichten sie selbige mit wahrer Reu und Aufrichtigkeit, des steiffen Vorsatzes davon abzustehen, und sich zu besseren? thun sie Buß darfür? üben sie sich in Christlichen Tugenden, im Betten, Fasten, Allmosen geben, und anderen guten Wercken, nichts wenigers. Wie getrauen sie sich dann in solchem Stand zu sterben; in die Ewigkeit zu verreisen; und vor dem Gericht GOttes zu erscheinen? heist das nicht sterben, und mithin ewig wollen verderben? kan auch ein grössere Thorheit gefunden werden, als diese ist? damit man dann den Narren-Kolben nicht bekomme, muß man durch ein frommes Leben eine gute Vorbereitung zum Tod machen. Dann insgemein: Wie man lebt, so stirbt man. Zu solcher Vorbereitung aber wird viel helffen, wann man allezeit gedenckt, wie ungewiß die Stund des Tods seye. Wie man ihm deßwegen nicht trauen solle, aus Beysorg, er möchte uns etwann gähling überfallen, da wir in einem bösen Stand wären. O wie förchtig ist dieses! darum warnet uns Christus so wohlmeynend mit diesen Worten: wachet, dann ihr wisset weder den Tag, noch die Stund. Matth. 25.


Liese, O Jugend! folgende Reimen aus dem bekannten Lied von dem Tod, drucke sie tief in dein Hertz hinein, und erinnere dich selbiger zu Zeiten, O was gute Gedancken können sie erwecken!


1.

Der Tod urplötzlich wie ein Dieb,

Thut gähling einher schleichen;

Es sey dir gleich leyd oder lieb,

[211] Du kanst ihm nicht entweichen.

Sein Pfeil ist Gift, wann er dich trift,

So must dich bald aufmachen;

Er nimmt dich mit, es hilft kein Bitt,

Drum sih zu deinen Sachen.


2.

Vielleicht ist heut der letzte Tag,

Den du noch hast zu leben;

O Mensch! veracht nicht, was ich sag,

Nach Tugend solt du streben.

Wie mancher Mann wird müssen dran,

So hoft noch viel der Jahren;

Und muß doch heut weil die Sonnen scheint,

Zur Höll hinunter fahren.


3.

Darum, mein Seel! sey stets bereit,

Thu allzeit mannlich wachen;

Wann der Tod kommt zu jeder Zeit,

Will dir den Garaus machen.

So kanst du dich fein ritterlich,

Mit ihm in Kampf begeben;

Ein grosse Cron tragst du darvon,

Wann er dir nimmt das Leben.


O Reimen, würdig, daß man sie auswendig lerne, und öfters daran gedencke!

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 210-212.
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»Es giebet viel Leute/ welche die deutsche poesie so hoch erheben/ als ob sie nach allen stücken vollkommen wäre; Hingegen hat es auch andere/ welche sie gantz erniedrigen/ und nichts geschmacktes daran finden/ als die reimen. Beyde sind von ihren vorurtheilen sehr eingenommen. Denn wie sich die ersten um nichts bekümmern/ als was auff ihrem eignen miste gewachsen: Also verachten die andern alles/ was nicht seinen ursprung aus Franckreich hat. Summa: es gehet ihnen/ wie den kleidernarren/ deren etliche alles alte/die andern alles neue für zierlich halten; ungeachtet sie selbst nicht wissen/ was in einem oder dem andern gutes stecket.« B.N.

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