Sechs und siebentzigstes Exempel.

Ein eifersüchtiger Edelmann bringt sich selbst in die Grub, die er aus falschem Argwohn einem vermeinten Buhler hat graben wollen.

[369] Eudoxus, ein adelicher Jüngling in Franckreich, suchte öfters Adrasti, eines in seiner Nachbarschaft wohnenden alten Edelmanns junge Herren Söhn heim; dieweil sie grosse Liebhaber des Jagens, und Vogel-Fangs waren. Adrastus hatte sich nicht lang vorhin auf ein neues mit Irene, einer noch jungen, und wohlgestalteten Wittib verheurathet, welche eben, wie ihre Stief Söhn, eine sonderbare Liebhaberin der Jägerey, und des Vogel-Fangs ware. Auch Adrastus liesse ihm solche unschuldige Ergötzlichkeit nicht mißfallen: Bey solchem Jäger-Lust aber (wie es in dergleichen Umständen leichtlich geschehen kan) erzeigte sich Eudoxus dann und wann gegen der Frau Irene etwas freundlichers, als dem Adrastus lieb war. Darum fienge dieser an in seinem Hertzen zu eiferen, und zu argwohnen; getraute sich doch nicht sein heimliche Gemüths-Kranckheit an Tag zu geben: theils, weilen sein Eifersucht und Argwohn keinen rechten Grund hatte; theils weil er besorgte, er möchte seine erwachsene Söhn, welche den Eudoxum inniglich liebten, und dem Vatter wegen abermahligen Heurath nicht gar geneigt waren, wider sich verhetzen. Gedachte also heimlich und in der Stille sich von dem vermeinten Buhler Eudoxus loß zu machen. Zu diesem End bestache er seinen Koch mit Geld, daß selbiger dem Eudoxus in einer Speiß Gift beybringen solte. Der Koch (wie es billig ware) weigerte sich Anfangs, wider einen so liebreichen, und wohlgesitteten Jüngling sich zu vergreiffen. Endlich doch stellet er sich, als wolte er seinem Herrn willfahren; warnet aber den Jüngling, und entdecket ihm in Geheim die Boßheit seines Herrn. Eudoxus bedanckt sich für dises Freund-Stuck, belohnet selbiges mit freygebiger Hand, und bringt hiemit den Koch auf seine Seiten. Der eifersüchtige Edelmann zeigte sich von selbiger[369] Zeit an, um seinen Schalck zu verdecken, gegen dem Jüngling sonderbar freundlich, und vertreulich; lude selbigen öfters zu seiner Tafel; absonderlich, wann er mit ihm, und den Seinigen den Tag mit Jagen, und Vögel-Fangen zugebracht hatte. Als nun der Koch nach seines Herrn Befehl ein Speis vergiften solte, hat dieser an statt des Gifts ein Schlaf-Pulver genommen, wie ihn der Eudoxus unterrichtet hatte. Eudoxus asse von der ihm bekannten Speis etwas mehrers; nicht aber seine Mit-Gespanen, die bey ihm waren. Dann weil diese schon vorhin etwas von dem Handel innen worden, wolten sie die Speis nicht einmahl berühren. Kurtz nach vollendter Tafel überfiele den Eudoxus ein gewaltiger Schlaf. Seine zwey Gespanen trugen ihn für todter nach Haus, und machten ein Geschrey. Eudoxus habe bey der Tafel des Adrasti Gift bekommen. Der Koch wird alsobald von Gerichts-Dieneren Hand-vest gemacht, bekennt auch gleich, es hab ihm sein Herr befohlen, ein gewisses Pulver unter die Speis zu thun; weilen ihm aber solches verdächtig fürkommen, habe er darfür ein Schlaf-Pulver gebraucht. Auf diese Aussag ward auch Adrastus gefänglich angehalten, und so scharf von den Richteren examinirt, daß er weder ein, noch aus wußte; sondern plat heraus sagte, daß er dem Eudoxus, als einem verdächtigen Ehebrecher zur billigen Straf Gift habe wollen beybringen lassen. Die Forcht und Kummer wegen bevorstehender Straf zoge dem Edelmann ein heftiges Fieber über den Hals, welches ihn bald in das Grab brachte. Der unschuldige Eudoxus befande sich nach geendigtem Schlaf wohl auf. Der Koch entdeckte vor Gericht die gantze Sach, wie sie an sich selbsten ware, und wurde auf freyen Fuß gestellt. Der Edelmann allein mußte wegen seinem falschen Argwohn, und Eifersucht aus billiger Verhängnuß GOttes die Gruben füllen, die er einem Unschuldigen hat graben wollen. Dieses ist der Lohn der eifersüchtigen Narren.

Camusius in Tragœd. Histor. 36.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 369-370.
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