Siebende Begebenheit.

Herrlicher Glaubens-Kampf eines Christens, worinn der wahre Christ-Glaub wider die Unglaubige obgesieget hat.

[633] Petrus, ein Spanier, von Madrit gebürtig lebte eine Zeitlang, seiner Handthierung abzuwarten, zu Marocco (so eine Stadt in Africa, im Westlichen Theil der Barbarey) und ward wegen etlichen Kennzeichen, daraus man ihn für keinen Christen erachten konte, insgemein der Hameter genennt. Er bekame aber endlich ein Mißfallen über sich selbsten, aus gehabter Erfahrnuß, daß er unter den Unglaubigen, der ihme obligenden Gebühr nach, nicht Christlich genug leben könte; ja fast jederzeit einen verstellten; GOtt aber mißfälligen Wandel führen müßte. Dieser Ursachen halber entschlosse er sich mit etlichen anderen, denen er sein Vorhaben entdeckt, ehest von dar, und wiederum in sein Vatterland zu ziehen. Seine Gefährten waren der Spanische Zahlmeister allda, ein Portugeser, und ein Mohr, mit denen er sich beritten gemacht, und den 27. Christmonaths (es war Donnerstag) im Jahr 1579. Frühe Morgens unvermerckt von der Stadt gewichen. Nicht weit davon stiessen ihnen 2. Mohren auf, von denen sie zwar höflichst gegrüßt worden, jedoch dabey den Argwohn gehabt, es möchte von diesen ihr Anschlag in der Stadt kundbar, oder durch falsches Angeben bey dem Gericht hinterstellig gemacht werden. Nachdem sie sich unter einander Raths erholet, ward geschlossen, die angefangene Reis zwar fortzusetzen; jedoch von der Landstraß abzuweichen, und also den vermuthlichen Nachstellungen zu entgehen.


Sie zogen dann in möglichster Eil abwegs den nächsten Berg in Meinung, nach Fez zu gelangen; wurden aber von der Nacht, und zugleich von einem urplötzlichen Platz-Regen überfallen, wodurch sie die gantze Nacht irrgehend kümmerlich 4. Meil nach sich gelegt, und bey anbrechenden Tag unfern Azamor den Kundschafteren unverhoft in die Händ gerathen. Man führte sie Anfangs in den nächst-gelegnen Flecken, von dar aber auf des Königs Befehl nach Marocco, woselbst sie den 6ten Tag Jenners angelangt, und erstlich in eines Burgers Haus eng verwahret, hernach anderen Gefangenen seynd beygesellt worden. Sie wurden zwar insgesamt sehr hart gehalten; jedoch schiene Petrus vor anderen die Ziel-Scheibe zu seyn, dahin der Saracener Zorn, und Rachgierd seine Pfeil abfliegen ließ. Ihme allein legte man an Händ und Füß schwere Eisen an, und zoge sie ruckwärts an einen Feuer- [634] Rohr zusammen, daß er sich fast nicht regen konnte.


Inzwischen ward ihm vom König durch einen Unter-Botten angedeutet, daß, wann er sich zu der Mohren-Sect bekennen wollte, seine Majestät ihme nicht allein das geschehene gnädigst nachsehen, sondern auch forthin mit sonderbahrer Gnaden-Gunst wollte gewogen seyn. Petrus versetzte unerschrocken, daß er jederzeit ein Christ gewesen, und solchen Glauben niemahl verlaugnen werde; obwohlen er aus menschlicher Forcht und Schwachheit vielleicht anderst zu muthmassen Anlaß gegeben. Gehe hin (sprach er zu dem Abgeordneten) und vermelde dem König, daß ich weder am Leib beschnitten, noch im Hertzen wanckelmüthig seye, und die Christ-Lehr, so ich von Jugend auf in Spanien bekennt, annoch in meiner Sees eingedruckt habe, welche mir zu benehmen kein menschlicher Gewalt jemahls starck genug seyn werde. Und obwohlen ich leicht erachten kan, daß mir deßwegen viel ungleiches bevor stehe; so weiß ich doch beynebens, daß mir hierdurch der Weeg gebahnet werde zur ewigen Seeligkeit, welche ich höher achte, als alle Schätz und Reich der Welt. Hierauf wendete er sich zu den Anwesenden, deren viel unlängst das Christenthum verlassen, und zur Mahomets-Sect übergangen waren. Kehret doch (sprach er zu ihnen) liebste Brüder! kehret wiederum zu euerem GOtt, von dem ihr so schändlich abgewichen seyet, und ausser dem ihr euerem Untergang unumgänglich zueilet. Bittet den himmlischen Vatter durch seinen eingebohrnen Sohn JEsum Christum, daß er euch die Missethat gnädigst nachsehe, und über euere Seelen sich erbarme. Die Meinige übergibe ich ihm gantz und gar, und bitte die hochgelobte Jungfrau, samt allen Heiligen, daß sie bey ihm meine Fürbitterin seyn wolle. Ihr sehet (sprach er ferner) wie nahend ich bey dem Tod bin, welches mich verpflichtet, euch anjetzo die Wahrheit nicht zu verhelen. Wisset demnach, daß alles ein eitles Gedicht und Fabel-Werck seye, was ausser der wahren Christlichen Kirche geglaubt wird. Durch die Forcht das Zeitliche zu verliehren, verliehret ihr das Ewige; ja wohl auch GOtt selbsten, der euch an jenem Tag zu Red stellen, und genauest beurtheilen wird. Und was für eine Entschuldigung wird uns alsdann schirmen können, alldieweilen der HErr selbsten vorlängst betheuret hat: der mich verlangnet vor den Menschen, den werde ich verlaugnen vor den Englen GOttes. Sehet euch wohl vor, damit der so ungewisse, als schröckbare Todt euch nicht übereile, nach welchem kein Mittel noch Fürbitt übrig seyn wird, euch von dem ewigen, und unglückseeligen Feur zu erledigen.


Als er solches geredt, wendet er sich zu den Mohren, und sprach: euch aber, O unglückseelige! bitte, und ermahne ich im Namen des allmächtigen GOttes, und seines Sohns JEsu [635] Christi, daß ihr euch mit gantzem Hertzen zu ihm bekehret, und den bishero gepflogenen Irrthum durch das allein seeligmachende Heyl-Wasser des Taufs, ohne den ihr verlohren gehet, wollet abwaschen lassen. Mich belangend, lebe ich der gäntzlichen Zuversicht, eben dieser mein geliebtester Heyland JEsus Christus werde diese meine Bekanntnus in Gnaden aufnehmen, und mich jener Seeligkeit, zu dero ich erschaffen bin, Kraft der hohen Verdiensten seines bittern Leydens fähig und theilhaftig machen; durch welche ich ihn auch demüthigst bitte, er wolle diese mir vorstehende Marter so scharf und schmertzhaft seyn lassen, als jemahls eine der heiligen Martyrer gewesen ist; beynebens meine Vernunft und innerlichen Sinn bis zu dem letzten Athem erhalten; auch endlich Gedult und Stärcke ertheilen, den peinlichen Tod, so mir zubereitet ist, dapfermüthig zu überstehen.


Mittler Zeit war des Spanischen Gesandtens nächst Anverwandter und Vetter gen Hof angelangt, dem Marockischen König ein Sendschreiben einzuhändigen, und hielte bey dem Kämmerling um eheste Verhörung an. Als solches dem Tyrannen angezeigt worden, aus Beysorg, möchte unter diesem Vorwand einige Fürbitt, so er schwehrlich wurde versagen können, für Petro eingelegt werden, befahle er dem Hauptmann seiner Leibwacht, durch einen geheimen Weeg, damit er von dem Spanier nicht gesehen wurde, von Hof weg zu gehen, und das End-Urtheil an Petro ungesaumt zu vollziehen. Hierauf ward der Bekenner Christi eilends nach dem Richt-Platz geschleppt, welcher unterweegs nicht abliesse die abtrinnige Christen und Juden, so ihme in grosser Anzahl gefolget, mit Christlicher Freyheit zu ermahnen, daß sie sich doch zu GOtt bekehren, und vor einem so glücklichen Tod, dergleichen er nun antrette, kein Abscheuen tragen sollten. GOtt, wofern sie an ihn glaubten, wäre mächtig genug, sie zu stärcken, und ewig seelig zu machen, da sie hingegen von dem Lugner Mahomet, und seinen betrüglichen Schriften betrogen, auch endlich nichts, als ihr Verderben wurden zu gewarthen haben. Er mußte aber diese seine Freyheit zu reden theur genug bezahlen. Dann neben vielen groben Schlägen, womit er unterweegs angesehen wurde, zoge man ihm auf dem Richt-Platz die Zung heraus, streifte ihm das Ober-Kleyd herab, und heftete beyde Händ mit 2. grossen Näglen, ungefehr 4. Elen hoch von der Erden an ein Thor, in Gestalt des gecreutzigten Heylands, dessen er so oft und eyferig gedacht hatte. Die Peiniger vermeinten ihm solcher Gestalt die Red verlegt zu haben: er aber, wiewol Zungloß, und also hangend schrye mit heller Stimm: O gütigster GOtt! gedencke meiner. Dann die Nägel mir keine Nägel, sondern angenehme Blumen, keine Dörner, sondern Rosen, kein hartes Eisen, sondern köstliche Perlen und Edelgestein zu seyn geduncken. Demnach [636] wurden ihm die Füß gleichfals mit 2. Näglen durchlöchert, und angeheftet, von ihme aber nichts anders vernommen, als: O HErr, und GOtt! du weißt, daß ich bey allen diesen Peinen nicht den geringsten Schmertzen empfinde; ja vielmehr mit gantz himmlischer Süssigkeit übergossen werde. Nach diesem redete er fast nichts mehr zu den Umstehenden, sondern allein mit GOtt, und gosse vor ihm mit zarter Andacht sein Gebett aus, bittend den himmlischen Vatter durch die Verdienst seines eingebohrnen Sohns JEsu Christi, er wolle ihn mit standhafter Gedult bis in den Tod stärcken, auch mit seinem Gnaden-Liecht dergestalt erleuchten, damit er ihn vor denen Feinden des Glaubens unabläßlich preisen, und endlich in seiner Huld abdrucken möchte.


Das Rach-Feur, welches in den Gemütheren der Mohren, und abgefallenen Christen unabläßlich branne, wurde von diesen Worten noch vielmehr angeflammet, besonders, weil sie ihn ohne Zungen reden, mit so freudigen Gebärden alles übertragen, und noch dazu ihren Irrthum schelten, und straffen hörten. Etliche stopften ihm den Mund mit ihren Schuhen, die sie mit Gewalt hinein drungen; andere hammerten mit groben Knüttlen auf seine Schienbein; er aber empfienge alles mit höchster Gedult, sprechend: Gedencket nicht, daß mir einiges Ubel von euch widerfahre. Verübet frey an mir, was euch beliebet, es wird mir nur alles zu grösserer, und ewig währender Vergeltung gereichen. Um dieser Red willen setzten ihm die Gerichts-Diener noch heftiger zu, und hiessen ihn den Mahomet anruffen, als der vor anderen Heiligen zu ehren, und zu loben wäre. Worab er etwas entrüstet versetzte: laßt mich doch mit diesen Gedichten unbelästiget; dann jener nicht leichtlich überwunden wird, der JEsum zu einem Schirmer, und seine Jungfräuliche Mutter samt allen Heiligen zu Fürbittern hat. Da forschten sie, wer ihn also verkehrt, und zu so grossem Irrthum verleitet hätte. Nicht ich (wendete Petrus ein) sondern ihr, denen die Wahrheit unbekannt, und die ihr als Blinde euerem Verderben zueilet, gehet irr von der rechten Straß: welches mich dann viel empfindlicher quälet, als alle Pein und Marter, so ihr mir anthun möget. Hierauf fienge das wilde Mohren-Gesind noch mehr an zu rasen, und schlugen ihm einen ungeheuren Nagel durch die Stirn, daß das Haupt dem Thor angeheftet wurde. Petrus aber lösete es mit kleinem Schüttlen wiederum ab, und neigte es zur rechten Seiten mit sehr liebreichem und freudigen Angesicht: bald erhebte er die Augen gen Himmel, und redete etwas, so niemand verstehen, jedoch ein jeder genugsam abnehmen konnte, daß er zu GOtt bettete, hiernechst zogen die Gerichts-Knecht den Nagel mit grossem Gewalt (dann er das Bein, und gantze Hirn durchdrungen) wiederum aus dem [637] Kopf heraus, und schlugen ihm selbigen durch den Hals, damit das Haupt dem Thor angenaglet blibe. Aus welcher Wunde zu erst das Blut geflossen, da vorhero nicht ein Tropfen aus allen anderen zu erzwingen geweßt. Der hertzhafte Bekenner Christi verharrete eine Zeit lang also gecreutziget mit unaussprechlicher Gedult, und frohlockendem Angesicht, als verkostete er allbereit jene Freuden, die auf so herrliches Leyden zu folgen pflegen. Endlich wendete er seine halbsterbende Augen wiederum gen Himmel, dahin schon das Gemüth vorangewandert, und übergabe in solchen Gebärden die Seel in die Händ ihres Schöpfers. Der Leichnam blibe gantz weiß, und unversehrt, ohne Striemen oder einige Wundmahlen, hielte das lincke Aug offen, das rechte verschlossen, und blibe also eine Zeit lang zum Schau-Spiel der Menschen.


Dies war das End dieses tapferen Christ-Heldens, von dem so bald der Tyrann Luft bekommen, obgedachten Vettern des spanischen Gesandten vor sich gelassen, und als dieser hiervon Meldung gethan, ihne zu stillen, den Leichnam des Martyrers übergeben hat. Die Christen nahmen ihn stracks von dem Thor, an welches er genaglet ward, herunter als wolten sie ihn ausser der Stadt in dem gemeinen GOttes-Acker zur Erden bestatten; übersetzten ihn aber in Geheim in ihre Capell, so der Jungfräulichen Mutter GOttes geweyhet war, allwo bis dahin kein Todter begraben worden. Des anderen Tags versammleten sich daselbst alle, so gar die gefangene Christen, hielten ein herrliches Lob- und Ehren-Fest, dabey ein Ordens-Mann, so der Marter selbst beygewohnet, wie alles und jedes sich zugetragen, ausführlich erzählet, und die innerste Kleydung des Martyrers denen Verlangenden Stückel-Weis zur Verehrung ausgetheilt hat. Sie haben auch nachgehends sich nicht gescheuet den glorwürdigen Tag seines Hintritts monatlich zu feyren, obschon die Mohren, und Mahometaner hierüber nicht geringen Unmuth gefasset. Hazart S.J. in der africanischen Kirchen-Geschicht am. 5. Cap.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 633-638.
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