Erste Begebenheit.

[435] Um das Jahr Christi 860. befande sich auf dem Berg Monserat in Catalonien, einer Provintz in Spanien, ein Einsidler mit Nahmen Johannes Guarin. Dieser führte ein überaus strenges Leben, und ware beynebens eines so reinen Gewissens, daß er sich niemahl mit einer schwehren Sünd bemackelt hatte. Lucifer, der höllische Feind, war ihm wegen so grosser Tugend sehr mißgünstig; deßwegen sendete er aus Zulassung, und verborgenen Urtheilen GOttes (denen wir nicht fürwitzig nachforschen, sondern dieselbe mit tieffem Sillschweigen verehren sollen) auf die Erden zwey Teuffel. Einer aus diesen nahme an sich die Gestalt eines Einsidlers, dieser gehet hin, seine Wohnung zu nehmen nicht weit von der Höle des Guarins; und damit er ihn desto leichter könnte hinter das Liecht führen, ist er einsmahl zu ihm kommen, und hat mit ihm von geistlichen Sachen geredt; ihne zugleich gebetten, er wolle es ihm nicht verdrießlich fallen lassen, wann er ihn bisweilen in seiner Einsidlerey wurde heimsuchen; damit einer dem andern möchte einen Trost geben. Guarin, weilen er anfänglich den Betrug nicht merckte, hielte diesen verstellten Einsidler für einen heiligen Mann, und ware bey ihm in nicht geringem Ansehen. Der andere von dem Lucifer ausgesandte Teuffel hatte den Befehl in die Tochter Gottfrids, eines Grafen von Barcellona in Catalonien zu fahren, welche er erschröcklich plagte. Man fienge an ihn zu beschwöhren: allein er antwortete aus dem Mund der Besessenen, er werde nimmermehr aus ihr fahren, bis daß Guarin, der auf dem Berg Montserat ein heiliges Leben führe, ihn wurde ausgetrieben haben. Der Graf dieses hörend, schickte alsobald seine Bediente aus, diesen heiligen Mann aufzusuchen; und als er das Orth erfahren, wo er sich aufhalte, eylete er mit seiner Tochter dahin, und bate den Diener GOttes, er wollte doch mit seiner Tochter Mitleyden haben, und sich ihrer erbarmen. Guarin über dieses Begehren des Grafens befande sich nicht wenig beschämt, und bekennete [435] frey, er wäre nicht würdig, daß er diese Gnad von GOtt erhalten sollte. Nichts destoweniger von dem inständigen Anhalten des Grafens überwunden, begabe er sich in das Gebett, und da er selbiges noch nicht gar vollendet, hatte der böse Geist schon aufgehört die Besessene zu peynigen. Gottfrid, weil die Sache nach Wunsch abgeloffen, ware voller Freuden, und bedanckte sich zuvorderst gegen GOtt; und dann auch gegen dem Guarin. Weilen er aber etlichemahl von dem Teuffel selbst sagen gehört, daß er zwar wegen dem Gebett des Guarins aus der Besessenen fahren; bald aber auf ein neues wieder zuruck kehren werde, hat er den Einsidler gebetten, er möchte doch die Tochter nur auf 9. Tag lang noch bey sich behalten. Allein der Einsidler theils wegen Enge der Wohnung, theils, weilen solcher Aufenthalt seinem einsamen Leben nicht anständig ware, entschuldigte sich aufs beste, als er konnte. Jedoch so wohl das Ansehen des Grafens und starckes Anhalten, als auch die Zäher der besessenen Tochter haben ihn endlich dahin vermögt, daß er seinen Willen darein gegeben. Als nun solcher gestalt Gottfried seine Tochter dem Einsidler hinterlassen, hat er sich in die nächste Stadt begeben, von dannen er von Zeit zu Zeit seine Laqueyen abgeschickt, die Tochter zu besuchen, und ihr zuzutragen, was sie von Speiß und Tranck vonnöthen hatte. Guarin redete indessen viel mit der Besessenen von Sachen, das Heyl der Seelen betreffend, und ermahnte sie ein vestes Vertrauen auf GOtt zu setzen, dann dieser könne sie völlig vom bösen Feind erledigen. Merckte aber nicht, daß er durch so langes Zusprechen ihm selbst zu viel traue. Der Teuffel feyrete indessen auch nicht: indem er das Gemüth des Einsidlers mit unreinen Gedancken anfüllete. Guarin zeichnete sich zwar mit dem Zeichen des Heil. Creutzes, und nahme seine Zuflucht zum Gebett, weil aber der Streit mit dem Fleisch nur immerdar mehr zunahme, machte er den Entschluß, die Gelegenheit aus dem Weeg zu raumen, und sich um ein andere Wohnung umzusehen; doch hat er dieses Vorhaben ehender nicht wollen werckstellig machen, er hätte dann zuvor seines nicht weit von ihm wohnenden Mit-Gespahnen, und verstellten Einsidlers Rath eingehohlet. Gehet derohalben hin, sich mit ihme zu unterreden. Dieser verstellte Einsidler aber hatte ihm den Abzug auf alle Weiß mißrathen, als eine Leichtsinnigkeit. Dann (sagte er) wie kan einer gecrönt werden, wann er nicht vorher tapfer und mannlich gestritten hat. Er brachte auch noch mehrer Ursachen herbey, durch welche Guarin endlich bewegt worden, seine vorige Wohnung im geringsten nicht zu verlassen. Kehrt derowegen wiederum zuruck. Draufhin aber von dem Fleisch noch mehr, als jemahlen geschehen, versucht, wußte er seiner Sach keinen Rath zu schaffen. Er bittet demnach die Diener des Grafens, sie sollten doch seine Tochter wiederum zurucknehmen. Aber alles ware [436] umsonst, weilen diese Befehl hatten ihme nicht nachzugeben. Demnach machte er ihm auf ein neues den Entschluß davon zu fliehen, allein, als sein Mitgespahn, der verstellte Einsidler, solches vernommen, mißriethe er es ihme auf alle Weiß. Endlich von der Versuchung überwunden, der Forcht GOttes, und des so viel Jahr hindurch geführten strengen Lebens vergessend, thate er der Gräflichen Tochter Gewalt an, und versündigte sich mit ihr. Als dieses geschehen, begibt er sich wiederum zu seinem Mit-Gespahnen, erzählt ihm den gantzen Verlauf der Sach, und fragt ihn um Rath, was er jetzt zu thun hätte. Dieser ermahnt ihn sein Vertrauen auf GOttes Barmhertzigkeit zu setzen, als welche des Sünders Tod keinesweegs verlange; und setzte noch dieses hinzu: »Dermahlen ist dein Sünd noch verborgen, doch wird selbige bäldist an Tag kommen. Was wird nicht für ein entsetzliche Aergernus daraus entstehen? ich will dir aber einen Rath geben, wie du selbiger mögest vorkommen. Gehe hin, und nehme der Gräflichen, und von dir geschändten Tochter das Leben, und verscharre sie an einem abgelegenen Orth. Auf solche Weiß wird dein Sünd verborgen bleiben.« Der elende Mensch, welcher die Gnad GOttes verlohren hatte, liesse sich letztlich zu dieser Mordthat bereden; gehet also in seine Höhle zuruck, und da er die Gräfliche Tochter schlaffend gefunden, nimmt er ein Messer, und schneidet ihr, ach der Grausamkeit! damit die Gurgel ab. O du arme Tochter! nachdem du deiner Ehr beraubt worden, so mußt du noch darüber auch dein Leben einbüssen? also ist es geschehen. Darauf ist sie von dem Mörder an einem abgelegenen Orth in die Erden verscharret worden; wie dieses der verstellte Einsiedler vernommen, sagte er zu dem Mörder: Jetzt ist es geschehen um dich, und bleibt dir nichts übrig, als daß du auch dich selbst umbringest, dann du weder bey GOtt, noch bey den Menschen Barmhertzigkeit zu hoffen hast. Als er dieses ausgeredt, verlohre er die vorige Gestalt eines Menschens, und zeigte sich in der Gestalt des lebendigen Teuffels: worauf er mit hinterlassenem gewöhnlichen Gestanck verschwunden ist. Was wollte nun Guarin anfangen? sollte er dem gegebenen verzweiffelten Rath folgen? »Nein (sagte er) hat mich der Teuffel betrogen, so will ich ihn auch betrügen. Es ist wahr, daß ich mich der Barmhertzigkeit GOttes unwürdig gemacht: mein Sünd ist über die massen groß. Allein GOttes Barmhertzigkeit ist unendlich grösser; so will ich dann nicht verzweiflen; dann dieses wäre noch ein weit grössere Sünd, als die vorige. Ich halte mich an die Wort des Psalmisten Davids Ps. 50. da er zu GOtt also redet: ein zerknirschtes und demüthiges Hertz wirst du, O GOtt nicht verachten.« Dieses bey sich also geredt, machte er sich heimlich aus dem Staub, und nahme seinen Weeg auf Rom zu, theils[437] dem Zorn des Grafens zu entgehen, theils seine Sünden an diesem Orth zu beichten. Wie nun die 9. Täg verflossen waren, begabe sich der Graf samt den Seinigen nach dem Berg Monserath, um seine Tochter abzuholen, und mit sich nach Haus zu führen; dieweil er der völligen Meynung war, jetzt werde sein Tochter von dem bösen Geist gäntzlich befreyt seyn. Da er sie aber nicht fande, schickte er seine Bediente hin und wieder aus, selbige aufzusuchen, wo sie doch möchte hinkommen seyn; hier wird dem Leser überlassen zu gedencken, was bey der Frau Mutter der Gräfin für ein Jammern und Klagen, unter dem Volck aber für Reden werden entstanden seyn: unterdessen ist Guarin zu Rom angelangt, allwo er dem Pabst selbst seine erschröckliche Sünden mit grosser Reu und Leyd, wie auch mit Vergiessung häuffiger Zäher gebeichtet hat. Der ihm dann zur heylsamen Buß auferlegt hat, daß, weil er sich nicht anderst, als ein unvernünftiges Vieh verhalten, so solle er gleich dem unvernünftigen Vieh mit den Händen auf dem Boden gehen, und den Himmel niemahl anschauen. So solle er sich auch allein mit Kräutern und Wurtzlen speisen, und in solcher Buß so lang verharren, bis er verstehen wurde, daß ihm GOtt seine Sünden verzyhen habe. Diese Buß hat er auch williglich auf sich genommen; ist wiederum (ohne daß es jemand innen worden) auf den Berg Monserat zuruck kommen; da er gleich dem Vieh nichts anders, als Kräuter asse, auf blosser Erden schlafte, und seine Sünden unaufhörlich beweynte. Er wurde auch mit der Zeit so haarig und ungestaltet: daß er einem wilden Thier gantz gleich sahe. Und in solchem Stand hatte er 7. gantzer Jahr zugebracht. Weilen aber der gütige GOtt einstens wollte ein Zeichen geben, daß ihme die bisherige Buß des Guarins angenehm seye, liesse er die Sach auf folgende Weiß an den Tag kommen. Der Graf stellte einstens bey obgedachtem Berg eine Jagd an, und da er zu einem an dem Berg rauschenden Wasser kommen, hielte er daselbst ein wenig still; befahle aber seinen Jägern, die Höhe des Bergs zu besteigen, und das Gewild aufzusuchen. Diese dann kamen unverhoft zu der Höle des Guarins, allwo die Jagd-Hund zwar zu bellen anfiengen; jedoch in die Höle nicht hinein giengen. Wie die Jäger dieses vermerckt, giengen sie auch hinzu, und ersahen in der Höle den Guarin, den sie für ein wildes Thier gehalten; diesen zogen sie heraus, warfen ihm Strick an, und brachten ihn, als ein Wunderthier für den Grafen. Der Graf befahle das Thier in einen besondern Stall zu führen, und mit Kräutern zu speisen, bis er wurde Gelegenheit haben, selbiges denen bey ihm zuweilen ankommenden Gästen zu zeigen. Es stunde nicht lang an, da gebahre die Frau Gräfin ihrem Herrn ein liebes Söhnlein; dieser Gelegenheit bediente sich der Graf, und seine Freud zu bezeugen, liesse er eine kostbare Mahlzeit zubereiten, zu welcher alle [438] in seiner Gegend herum wohnende vornehme Leut eingeladen wurden. Als nun die Gäst gutes Muths waren, liesse der Graf denen Gästen ein Kurtzweil zu machen, das Wunder-Thier herzuführen. Mithin kame auch herbey die Kindswarterin, des Herrn Grafens Söhnlein, so dazumahl erst drey Monat alt war, auf dem Arm tragend, als nun dieses seine Aeugelein auf das Thier gewendet, sagte es mit deutlichen Worten: Bruder Guarin! richte dich auf, und stehe gerad: dann GOtt hat dir deine Sünden verziehen. Auf diese Wort richtete sich Guarin auf, fiele aber gleich auf die Knie nieder, und danckte GOtt hertzlich um die Gnad, auf welche er so lange Zeit mit Schmertzen gewartet hatte. Der Graf samt denen Gästen erstaunten hierüber dermassen, daß sie essen und trincken stehen liessen, erwartende, was dieses bishero vermeinte Thier reden wurde. Alsdann erzählte Guarin mit vielen Zähern übergossen, was sich mit ihme zugetragen; und wie die gräfliche Tochter von ihm nicht allein geschändet, sondern auch wäre umgebracht worden. Hernach wendete er sich zu dem Grafen, und redete ihn an mit diesen Worten: »Herr Graf! sehet, ich bin bereit zu allem dem, was ihr mit mir werdet anordnen; ich verdiene den Tod, dieweil ich also vermessentlich Hand an eurer geliebten Tochter gelegt, und selbige nicht allein um ihr Ehr gebracht, sondern sogar (O Grausamkeit!) ermordet hab. Ich biete euch dar mein Blut, damit abzuwaschen die Macul, die ich eurem hochadelichen Geblüt und Stammen angehenckt hab.« Diese Wort giengen dem Grafen dermassen zu Hertzen, daß er sich des Weinens nicht enthalten können. Draufhin sagte er: »Nun Guarin! weil dir GOtt verziehen hat, so wurde es mir nicht anständig seyn, wann ich mich an dir rächen wolte. Dieses allein verlange ich von dir zu wissen, wohin du meine geliebte Tochter begraben habest: damit ich ihre Gebein mit meinen Zähern benetzen möge.« Guarin führte den Grafen zur Begräbnuß; und als man die Erden ausgegraben (O Wunder über Wunder! da findet man die gräfliche Tochter nicht allein lebendig und gesund, sondern auch an Schönheit unvergleichlich; ausser daß man an der Kehle noch sehen konnte einen rothen Schnitt, zum Zeichen, daß allda das Messer angesetzt worden. Die Tochter richtete sich aus dem Grab auf, und redete ihren Herrn Vatter, den Grafen mit folgenden Worten an: »Mein liebster Herr Vatter! durch Mariä Fürbitt lebe ich noch, sie hat mich 7. Jahr lang unter der Erden beym Leben erhalten; und dieses darum: als ich von diesem (da zeigte sie auf den Guarin) gewalthätiger Weiß bin angefallen worden, und ich nur allein gewesen, also, daß mir niemand hat können beyspringen, hab ich meine Zuflucht zu der Mutter, der allerseeligsten Jungfrau, dero Bildnus vor kurtzer Zeit auf diesem Berg gefunden worden, [439] genommen, und sie gebetten, sie wolle mich doch in dieser äussersten Noth nicht verlassen; wie sie mir dann auch treulich beygesprungen, und mich bis hieher durch ein vorhin niemahl erhörtes Wunder frisch und gesund erhalten, wie ihr mich vor Augen sehet. O was Danck bin ich dieser so gütigen, und zugleich mächtigen Jungfrau schuldig! es ist wahr, mein liebste Tochter (sagte hierauf der Graf) wir beyde können Mariä nicht genug dancken um diese allen Danck übersteigende Wohlthat. Lob und Ehr seye ihr in Ewigkeit. Allein, jetzt ist es Zeit, daß wir miteinander nach Haus kehren, und deine Frau Mutter mit deiner unverhoften Ankunft erfreuen. O wie vielmahl hat sie innerhalb so viel Jahren nach dir geseuftzet! wie viel heisse Zäher hat sie deinetwegen vergossen! ich lasse alles gelten (sagte die Tochter) aber ich bitte euch, mein liebster Herr Vatter, lasset mich doch an diesem Orth verbleiben; dann hier will ich Mariä dienen, und ihr mein Leben aufopfern; dieweil ich selbiges ihrer mächtigen Fürbitt bey dem allmögenden GOtt zuschreibe.« Der Herr Vatter willfahrte ihr: und damit er zu ihrem Vorhaben ein bequemere Gelegenheit verschafte, hat er an gedachtem Orth ein Closter lassen aufbauen, in welchem sie mit grossem Eyffer und Andacht GOtt und seiner werthesten Mutter bis an das End ihres Lebens gedienet hat.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 435-440.
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