Dritte Fabel.

Ein Fuchs wird von einem Bauren, den er aus Lebens-Gefahr errettet, übel belohnt.

[708] Zur Zeit (auf welche man aber mit Zuruckrechnen nicht kommen wird) da nemlich die unvernünftige Thier noch ihre Sprach redeten, war ein Baur: der wolte einstens in ein Stadt auf den Marckt gehen, um allda zu verkauffen, was er von seinem Mayerhof mit sich genommen. Er mußte aber durch einen dicken Wald gehen. Nun geschahe es, daß er, weiß nicht, aus was Unachtsamkeit verirrete; mithin von weitem ein erbärmliches Geheul hörte, als wann jemand um Hülf schrye. Da stunde er dann im Zweifel, ob er den Weeg zuruck suchen, oder aber dem Geheul nachgehen solte, um zu erfahren, was es dann bedeute, und ob er villeicht jemand könne zu Hülf kommen. Endlich aus Mitleyden bewegt, gienge er dem Geheul nach, und kame nach einem Umweeg zu einem Felsen. In diesem war eine Höhle, und vor derselben ein grosser Stein, so den Ein- und Ausgang verhinderte. Aus dieser Höhle nun liesse sich das Geheul vernehmen. Wie der Baur gantz leiß hinschliche, hörte das Geheul auf. Bald aber vernahme er folgende klägliche Bitt: O! seyest du, wer du immer wollest, und den der Weeg hieher getragen: ich bitte dich, hilffe mir aus dieser Höhle hinaus, in welche mich das Unglück gesperrt hat; sonst muß ich hier Hunger sterben, und elendiglig darauf gehen. Solte ich diese Gnad von dir erhalten, so seye versichert, daß ich dir darum Leben-länglich werde verbunden seyn. Ja du sollest von mir den Lohn zu gewarthen haben, mit welchem die Menschen insgemein das Gute zu belohnen pflegen. Dem Bauren schossen vor Mitleyden die Zäher in die Augen. Doch ehe er sich zu helffen anbotte, wolte er wissen, wer dann in dieser Höhle seye? wie er hinein gesperrt worden? und wie endlich der Sach zu helfen? hierauf bekame er zur Antwort: ich bin ein Mensch, und schon halb gestorben, indem ich ohne meine Schuld von meinen Feinden in diese Höhle versperrt worden, damit ich hier Hunger sterben solte. Und weil ich schon sechs Tag keinen Bissen zu essen bekommen, wird es bald gar mit mir geschehen seyn, wofern ich nicht erlößt werde. Du darffest nur den grossen Stein von der Höhle weg wältzen, so wird mir geholffen seyn. Was den Lohn anlangt, hast du schon gehört, daß ich mich gegen dir einstellen werde, wie es die Menschen insgemein zu thun pflegen, wann man ihnen Gutes erwiesen hat. Der Baur, welcher ein gutes Trinck-Geld zu bekommen hofte, liesse sich nicht [709] länger bitten; setzte aber diese Wort hinzu: ich hoffe, du werdest dein Wort halten, und den guten Dienst er kennen, den ich dir thun werde. Dieses gesagt, wältzte er den Stein von der Höhle hinweg: und siehe! indem der Baur begierig ist zu sehen, wer aus der Höhle herfür kommen werde, da kriecht heraus ein abscheulicher, grosser, gespreckelter Drach; das ist: eine der grösten Schlangen. Der Baur, so in Ansehung dieses Drachens über die Massen erschrocken, wolte allbereit die Flucht nehmen. Allein der Drach verlegte ihm den Weeg. Wie der Baur das gesehen, faßte er das Hertz, und sagte: hörest du? Ich hoffe du werdest deiner Worten noch ingedenck seyn, und dich gegen mir danckbar einstellen. Gedencke, aus was für einer Noth ich dich errettet habe. Der Drach antwortete: Er hab seiner Worten noch nicht vergessen; wolle selbige auch treulich halten. Wie nun der Baur hofte, der Drach werde ihm aus der Höle ein Goldstuck herfür bringen; dieser aber darfür den Rachen aufsperrte, und den Bauren verschlucken wolte, schrye der Baur überlaut, und rufte Himmel und Erden zu Zeugen an, daß dieses nicht der Lohn seye, den er verdient habe. Er hab den Drachen vom Tod erlößt; und jetzt wolle er seinen Gutthäter verschlucken, und ihm das Leben nehmen: Das seye ja der gröste Undanck von der Welt? Allein der Drach sagte zu ihm: Du einfältiger Baur! weißt du nicht, daß die Menschen insgemein ihren Gutthäteren das Gute mit Bösem vergelten? Wie kanst du dich dann beklagen, wann ich dich verschlucken will? wann du aber je meinest, ich habe Unrecht, so wollen wir die Sach für den nächsten unpartheyischen Richter kommen lassen: Und wann dieser den Ausspruch wider mich fällen wird, so will ich den Handel verlohren haben. Der Baur, welcher den Handel zu gewinnen hofte, war dessen zufrieden. Sie nahmen also den Weeg mit einander weiters durch den Wald fort, und kamen endlich auf ein eben Feld hinaus. Da traffen sie einen alten Jagd-Hund an, so mit einem Strick um den Hals an einen Pfahl gebunden war. Diesen nun erwählten sie für ihren Schied-Mann, und bathen ihn, er wolte ihren Streitt-Handel anhören. Der Jagdhund hatte es für eine Ehr, daß ihn diese zwey für einen Schiedmann erwählten; fragte also: In wem dann ihr Streitthandel bestehe? Und als der Drach selbigen erzählt, sagte der Hund: Ich bin zwar kein Rechts-Gelehrter; hab mich vor diesem auf nichts anders, als auf das Jagen begeben: jedoch hab ich in meinen alten Tagen zu meinem Schaden so viel gelernt, daß ich mir getraue, in euerem Handel leicht einen Ausspruch zu thun, wann ihr mich nur mit Gedult anhören wollet. Als nun die streittende Partheyen ihme solches versprochen, setzte er sich auf seine hindere Füß, und hielte mit aufrechten Leib zu ihnen folgende Red: Ich weiß die liebe Zeit noch wohl, daß ich bey meinem Herrn [710] auch etwas golten hab. Dann ich ihme nicht allein treu, und wachtbar geweßt; sondern hab ihm auch auf der Jagd treflich gedient. O wie manchen Fuchs hab ich aus seiner Höle; wie manchen Haasen aus seinem Gebüsch; wie manches Rehe aus seinem Lager getrieben! welche hernach meinem Herrn in den Schuß geloffen. Wie manches mahl bin ich ungeheissen des Morgens in aller Frühe in den Wald hinaus gerennt, und hab nicht nachgelassen, bis ich einen Haasen erjagt, und selbigen auf den Mittag meinem Herrn in die Kuchel zuruck gebracht hab! anjetzo da ich alt worden, und nicht mehr zum Jagen tauge, gedenckt mein Herr nicht mehr an die gute Dienst, die ich ihm gethan; sondern anstatt, daß ich gehoft, er werde mich Leben-länglich unterhalten, hat er mich auf dieses Feld führen, und an einen Pfahl binden lassen: Allwo ich stündlich gewärtig seyn muß, bis der Hencker kommt, und mir den Rest giebt. Das ist nemlich der Lohn, den ich von meinem Herrn für meine gute Dienst bekomme. Aus diesem könnet ihr nun selbst ersehen, wer aus euch beyden recht habe: Wie der Baur das gehört, sahe er wohl, daß sein Handel verlohren war; konnte also eine Zeit lang kein Wort reden. Endlich berufte er sich auf einen anderen Schiedmann, sagend: Der Hund seye vor Alter halb kindisch, und könne also keinen vernünftigen Ausspruch thun, es gebe anderwärts Schiedmänner, welche die Sach besser verstunden, und einen gantz anderen Ausspruch thun wurden. Der Drach wolte anfänglich den Handel nicht auf längeren Banck hinaus ziehen lassen; jedoch weil er glaubte, es könnte ihm nicht fehlen, ließ er es endlich geschehen. Nahmen also die Partheyen, nachdem sie den Jaghund beurlaubet, ihren Weeg weiters fort, und kamen endlich auf einen grünen Wasen, auf welchem sie ein Roß wühlend angetroffen: Wie das Roß die Partheyen von weitem ersehen, wühlete es gegen ihnen, und war begierig zu wissen, zu was End selbige auf den Wasen kommen? Und nachdem die Partheyen näher hinzu kommen, fragte es selbige, was ihr Verlangen wäre? Da fienge der Baur an, den Handel zu erzählen, und bathe das Roß, es möchte ihm gefallen lassen, den Ausspruch zu thun: Ob nemlich die Menschen insgemein das Gute mit Bösem zu vergelten pflegen? Das Roß, als es gehört, daß es tüchtig erkennt werde, einen Schiedmann abzugeben, bedanckte sich anfänglich für die gute Meinung, die man von ihm hatte; hernach erzählte es seinen gantzen Lebens-Lauf, was treue Dienst es nemlich von jungen Jahren an seinem Herrn gethan; in wie vielen Feldzügen es sich gebrauchen lassen; wie unerschrocken es sich in die gröste Gefahren hinein gewagt; und wie glücklich es seinen Herrn daraus zuruck gebracht. Nichts zu melden, wie es sich jetzt auf die Jagd; jetzt auf einen Spatzier-Ritt; jetzt auf langwierige Reisen gebrauchen lassen. Anjetzo aber da es eraltet, und ausgebraucht seye, gelte es so wenig [711] bey seinem Herrn, daß er ihm nicht einmahl den Haber mehr wolle geben lassen. Ja, um seiner abzukommen, habe er es auf diesen Wasen treiben lassen, allwo es nichts anders zu gewarten habe, als daß man es dem Hencker überlassen werde, der ihm den Garaus mache, und die Haut über die Ohren abziehe. Diesen, und keinen anderen Lohn habe es für seine so viel Jahr geleistete treue Dienst zugewarten: Und aus diesem seye der Schluß bald gemacht, welche aus bey den Partheyen recht habe. Der Baur dieses hörend, protestirte wider dieses Urtheil, und sagte: Wie daß sowohl das Roß, als der Hund, wegen ihrem kindischen Alter kein vernünftiges Urtheil fällen könnten. Zudem so befinden sich beyde in dem Unglück, welches nicht zulasse, daß ihr Urtheil unpartheyisch seye. Man müsse also den Handel noch für den dritten Schiedmann kommen lassen, der da fähig wäre, einen reiffen, und unpartheyischen Ausspruch zu thun: Und bey diesem solle es alsdann sein Verbleiben haben; falle es hernach aus, wie es wolle. Der Drach, welcher wohlmerckte, daß der Baur durch dieses nichts anders suche, als den Handel zu verlängeren, wolte schier rasend werden; sagte also: Er wolle sich nicht länger am Narren-Seil lassen herum ziehen, sondern ihm selbst mit Verschlingung des Bauren Recht verschaffen. Allein weil ihm der Baur zu Füssen gefallen, und mit weinenden Augen gebetten, so viel Gedult mit ihm zu haben, bis der Handel dem dritten Schiedmann zu erörteren vorgetragen worden; liesse sich der Drach endlich erbitten, und verschonte dem Bauren aufs weitere hinaus. Unterdessen da dieses fürbey gehet, kommt aus dem nächsten Busch herfür ein Fuchs, der allem dem, was der Baur mit dem Drachen hatte, fleissig zugehört. So bald er den Bauren und Drachen erblickt, stellte er sich, als wolte er die Flucht nehmen. Der Baur aber rufte, und bathe den Fuchs, er wolte doch still halten; dann es werde ihm kein Leid geschehen; Und das um so viel desto mehr, weil er ihnen in einem wichtigen Handel dienen könne. Der Fuchs dies hörend hielte still, und fragte den Bauren, was es dann für ein Handel wäre? Da erzählte der Baur alles der Ordnung nach, und bathe den Fuchs, er wolte doch den Handel reif überlegen, und unpartheyisch darein gehen; keinem was zu Lieb, noch zu Leid reden. Der Fuchs stellte sich auf diese Erzählung, als finde er grosse Beschwernuß, in einem so verwirrten Handel einen Ausspruch zu thun. Sagte derowegen: Er könne keinen Schiedmann abgeben, er hätte dann vorher mit einer jeden Parthey besonders, und in Geheim gesprochen. Das geschahe dann, und zwar sprache er zu erst mit dem Drachen auf der Seiten in aller Still: Hernach schrye er überlaut: Drach: du hast einen gewonnenen Handel, allein ich muß den anderen Theil auch anhören. Der Drach schwunge vor Freuden die Flügel; der Baur aber schätzte sich hin, und hatte wenig gefehlt, [712] daß er nicht vor Schröcken dahin gestorben. Als ihn nun der Fuchs auf die Seiten genommen, stellte er ihm vor die augenscheinliche Gefahr, von dem Drachen verschluckt zu werden: Dann einmahl pflegen die Menschen insgemein die Gutthaten nicht anderst, als mit Bösem zu vergelten. Seye also anderst nicht zu helfen, als durch Erfindung eines Lists, auf welchen er wolle bedacht seyn. Allein der Baur müsse ihm den täglichen Zugang in seinen Hännen-Stall versprechen, und ihn mit den Hännen nach Gefallen umgehen lassen. Wie der Baur gehört, daß noch ein Hofnung, mit dem Leben davon zu kommen, überig seye, versprach er dem Fuchsen, was er nur begehrte. Auf dieses hin sagte der Fuchs zum Bauren, er solle jetzt auf alle Wincker fleißig Achtung geben, und thun, was er ihn heissen werde. Dieses erinnert, stellte sich der Fuchs in die Mitte, und sagte: Er hab jetzt mit beyden Theilen gesprochen, und geduncke ihn, der Handel werde bald geschlichtet seyn. Allein eines seye; daß er vorher wissen müsse: Nemlich, was es für eine Beschaffenheit habe mit der Höle, in welcher der Drach verschlossen gewesen. Der Drach sagte, das könne leicht seyn; er solle nur mit ihnen zuruck gehen, da wolle er ihm die Höle selbst zeigen. Nun das geschiehet: Wie sie zur Höle kommen, thate der Fuchs selbige gantz genau betrachten: Bald schlufe er hinein; bald kame er wieder heraus, und sagte, das seye wohl ein förchtige Höle. Allein das könne er nicht fassen, wie ein so grosses Thier, als der Drach seye, in einer so engen Höle sich habe aufhalten können. Es müsse einmahl ein andere Höle, als diese, gewest seyn. Der Drach beheurte hoch, daß es eben diese Höle seye; und wann er es nicht glaube, so wolle er wieder hinein schlieffen. Gantz recht, sagte der Fuchs; das wird den Handel am besten ausmachen. So schluffe dann der Drach in die Höle hinein; der Fuchs aber gienge vor der Höle daraussen auf und ab, und sagte: Das hätte ich mir mein Lebtag nicht eingebildet, daß ein so grosses Thier in einer so engen Höle sich aufhalten könte. Allein jetzt muß ich es selbst mit meinen Augen sehen; wahrhaftig, viel Sachen geschehen, die wir uns nicht einbilden können. Indem nun der Fuchs also die Zeit mit seinem Gespräch zubringt, giebt er dem Bauren mit dem Schweif ein Zeichen, daß er den vor der Höle liegenden Stein unverzüglich vor das Loch der Höle wältzen solle. Der Baur thut es, und versperrt also den Drachen wiederum in sein voriges Loch: Welcher zwar wider diesen gebrauchten List sich höchstens beklagte, mit der Protestation, daß ihm hierinnfalls das gröste Unrecht von der Welt geschehe. Allein weder der Baur, noch der Fuchs kehrten sich im geringsten an diese Klagen; vielmehr lachten sie ihnen die Haut voll, daß der List angangen, und nahmen mithin ihren Weeg zuruck: Auf welchem sich der Baur gegen dem Fuchsen nicht genug [713] bedancken können, daß er ihn aus so augenscheinlicher Gafahr des Tods errettet hätte, mit Versicherung, daß er solche Gutthat Lebenlänglich erkennen wollte. Der Fuchs erfreute sich über die Dancksagung des Baurens; mahnte ihn aber, er solle niemahl vergessen des Lohns, den er ihm versprochen. Behüt Gott! sagte der Baur: Wann ich das thäte, wurde ich ja der undanckbariste Mensch von der Welt seyn. Ich schwöre dir also, daß ich dir bey nächtlicher Weil 20. Täg an einander den Hännen-Stall wolle offen lassen. Da sollen alle Hännen zu deinem Dienst stehen. Und damit du sicher aus und eingehen könnest, will ich meine Hund einsperren. Dieses also theur versprochen, nahme der Baur vom Fuchs Urlaub, und weil es schon spat Abends war kehrte er nach seinem Meyer-Hof zuruck. Unter Weegs aber führte er zu Gemüth, was er dem Fuchsen versprochen, und sagte bey sich selbst: O was bin ich für ein Narr gewesen, daß ich dem Fuchsen so viel zugesagt! wann ich ihm eine und andere Hänne hätte lassen zukommen, wäre es genug gewest. Aber 20. Täg an einander ihm den Hännen-Stall überlassen, was wird er mir nicht für einen Schaden thun? Wie werd ich das über mein Hertz bringen? Nein, nein: Versprechen hin, versprechen her: Ich hab keine Hännen, die der Fuchs fresse. Und was wurde mein Weib darzu sagen, wann sie wußte, was ich dem Fuchsen versprochen? wurde sie mich nicht als einen Bärnheuter ausschelten, und die Hännen alle auf ein Seiten thun? Was also sie thäte, das will ich selbsten thun; wie er geredt, also hat er auch gethan. Dann so bald er nach Haus kommen, mußte man alle Hännen aus dem Stall thun; den Stall aber offen lassen. Alsdann befahle er einem Knecht, der ihm am getreuisten war, sich mit einem knoßpeten Prügel zu versehen, im Hännen-Stall zu verstecken, und fleißig zu wachen; dann um Mitternacht herum werde ein Fuchs kommen, des Vorhabens, eine und andere Hänne zu erwürgen. So bald dieser werde in den Stall hinein getretten seyn, solle er ihm mit dem Prügel einen solchen Streich versetzen, daß er des Aufstehens vergesse. Das liesse ihm der Knecht gesagt seyn, und versprache, dem Befehl fleißig nachzukommen. Wem ware unterdessen die Weil länger, als dem Fuchsen? Er meinte eben, er könne nicht warten, bis es Mitternacht wurde; also wässerten ihm die Zähn nach dem Hännen-Fleisch, mit welchem er den Magen anzuschoppen verhofte. Wie es nun um Mitternacht ware, eilte der Fuchs dem Meyerhof zu. Und da er gemerckt, daß nicht allein keine Hund vorhanden, sondern auch der Stall offen, war er voller Freuden, und lobte den Bauren, daß er sein Versprechen so redlich gehalten hätte. Tratte also gantz sicher in den Stall hinein, und schmeckte hin und her, wo die Hännen wären. Aber, O wie befande er sich so schandlich betrogen! dann siehe, der im[714] Stall verborgene Knecht giebt ihm mit dem knopfeten Prügel einen solchen Gruß, daß er um und um trimmelte. Indem sich der Fuchs umsiehet, wer ihm diesen unverhoften Willkomm gebe, und mithin den anderen Streich bekommt, versteht er erst, daß er verrathen, und der Baur an ihm untreu worden. Da klagt er dann, und sagte: Ach! so ist das der Lohn, den mir der Baur versprochen? O wie ist mein Gutthat so übel erkennt! hätte ich mich seiner nichts angenommen, so müßte ich anjetzo nicht zu tod geschlagen werden. Kaum hatte er diese Wort ausgeredt, führte der Knecht mit dem Prügel den dritten Streich auf des Fuchsen Kopf: Wormit er ihn auch erlegt hat. Bidermann S.J.I. 1. Acroam.


O wie vielmahl geschiehet es, daß es die Jugend gegen ihren Lehrmeisteren nicht anderst macht, als wie der Baur gegen dem Fuchsen! die Lehrmeister sprachen kein Mühe und Arbeit, damit die Jugend etwas lerne, und mit der Zeit etwas aus ihr werde. Aber die Jugend, an statt daß sie es erkennen, und darfür danckbar seyn sollte, redet ihren Lehrmeisteren oftermahls übel nach; zieht sie durch die Hechel, und macht sie bey denen Leuten verächtlich: Welches so viel ist, als wann sie an ihnen ein Todschlag begienge. Dann ja bekannt, daß uns Ehr und guter Nam so lieb, als das Leben selbsten seye. Wer also denen Lehrmeisteren übel nachredt, der thut sie gleichsam tödten. Hüte dich, liebe Jugend! vor solchem Undanck: Dann das ist ein Laster, welches dich nicht allein bey GOTT und denen Menschen verhaßt, sondern auch Ehrloß macht.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 708-715.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Reigen

Reigen

Die 1897 entstandene Komödie ließ Arthur Schnitzler 1900 in einer auf 200 Exemplare begrenzten Privatauflage drucken, das öffentliche Erscheinen hielt er für vorläufig ausgeschlossen. Und in der Tat verursachte die Uraufführung, die 1920 auf Drängen von Max Reinhardt im Berliner Kleinen Schauspielhaus stattfand, den größten Theaterskandal des 20. Jahrhunderts. Es kam zu öffentlichen Krawallen und zum Prozess gegen die Schauspieler. Schnitzler untersagte weitere Aufführungen und erst nach dem Tode seines Sohnes und Erben Heinrich kam das Stück 1982 wieder auf die Bühne. Der Reigen besteht aus zehn aneinander gereihten Dialogen zwischen einer Frau und einem Mann, die jeweils mit ihrer sexuellen Vereinigung schließen. Für den nächsten Dialog wird ein Partner ausgetauscht indem die verbleibende Figur der neuen die Hand reicht. So entsteht ein Reigen durch die gesamte Gesellschaft, der sich schließt als die letzte Figur mit der ersten in Kontakt tritt.

62 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon