Das erste Capitel.

St. Petrus. St. Paulus. St. Jacob. Martin Luther.

[789] St. Peter. Wer da? Wer klopfet an der Himmels Porten? Luther, gut Freund. St. Peter. Wer ist gut Freund? Luther. Doctor Martin Luther. St. Peter. Ho ho! Doctor Luther? Ja wohl gut Freund. Du bist der Mann darnach, daß du St. Peters guter Freund seyest. Luther. Wie da, H. Peter. St. Peter. Packe dich von dannen. Ein ausgesprungener Mönch, der an seinen Gelübden meyneidig, vom geistlichen Stand flüchtig, vom Glauben abtrinnig, und ein Feind der Catholischen Wahrheit ist, kan mein Freund nicht seyn. Packe dich derowegen geschwind vom Himmel hinweg, oder ich werde dir Füß machen. Luther. Ach Heil Peter! ach gütigster Fürst der Apostlen! St. Peter. Fort mit dir, oder ich nehme meine Schlüssel, und schlage sie dir um die Ohren herum Luther. Ach guldener St. Peter, zörne nicht, sondern erbarme dich meiner. St. Peter. Luther, packe dich geschwind fort, oder ich lasse dich bey den Füssen wie eine todte Sau fortschleppen. Luther. O Petre, O barmhertzigster Portner des Himmelreichs! St. Peter. Freylich des Himmelreichs, welches dir aber auf ewig verschlossen ist. Luther. O würdigster Statthalter Christi! St. Peter. Dessen [789] du ein abgesagter Feind warest auf Erden. Luther. O du Grundsaul der Catholischen Kirchen. St. Peter. Welche du untergraben und einzureissen dich bearbeitet hast. Luther. Heiliger Petre, es ist zwar wahr, ich gestehe es: aber es reuet mich von Hertzen. St. Peter. Ja, jetzt reuets dich. Das Liedlein hättest du ehender singen sollen. Aber indem die Kuhe gestohlen ist, da machest du den Stall zu. Luther. O guldener Himmels-Portner, mache mir doch die Thür auf. St. Peter! mein! Wörtle doch nicht nicht viel. Es ist vergebens, ich mache nicht auf. Und wann ich schon aufmachen wollte, so hilft es dich doch nichts; du könntest nicht herein kommen. Luther. Warum das, Heiliger Petre? St. Peter. Erstlich, weilen die Himmels-Porten gar klein und eng ist: du aber hast deinen Wanst also angefüllet, und deinen Bauch also gemästet daß du durch ein so enge Thür nicht kanst hinein kommen. So bist du auch der Mann nicht, der es um mich verdienet hat, daß ich deinetwegen die Thür einreisse, und eine neue grössere mit grossem Unkosten bauen lasse. Neben deme, wann ich dich schon mit Gewalt hinein zoge, wo wolltest du deine Herberg aufschlagen? an was für ein Orth meinest du, daß du gehörest? unter die Menschen, oder unter die Engel? Luther. Unter die Engel begehre ich nicht, ich will mich begnügen lassen, wann ich der Unterste unter den seeligen Menschen bin. St. Peter. Das dancke dir ein spitziges Höltzlein. Glaube es wohl, du liessest dich begnügen. Aber so gut wird es dir nicht gehen. Dann unter welchem Chor der Heiligen wolltest du der Unterste seyn? Im Himmel seynd entweders unschuldige Kinder, oder Patriarchen, oder Propheten, oder Apostlen, oder Martyrer, oder Jungfrauen, oder Beichtiger, welche ihr Leben in scheinbahren Tugenden und Heiligkeit beschlossen haben. Nun aber gehörest du unter keinen oberzehlten Chor. Dann kein unschuldiges Kind bist du. Luther. Das weiß ich wohl. St. Peter. So bist du auch zu jung darzu, daß du ein Patriarch seyest Luther. Das gestehe ich. St. Peter. Bist du dann ein Prophet? Luther. Ach nein! ich hab zwar einer seyn wollen, aber meine Prophezeyhungen waren schier lauter Lugen. St. Peter. Bist du dann ein Apostel, oder Martyrer. Luther. Auch nicht St. Peter. Bist du ein Jungfrau, Luther. O GOtt! nein. Ich habe ja eine Frau gehabt. St. Peter. Ey! sage, du habest eine Hur gehabt, und deßwegen kanst du nicht zur Hochzeit des unbefleckten Lamms gelassen werden. Doch bist du vielleicht ein Beichtiger? Luther. Das ware es, was ich seyn wolte. Ich bin ein Beichtiger, oder besser zu reden, ein Bekenner Christi. St. Peter. Freylich warest du kein Beichtiger, dann du hassest die Beicht, wie der Teuffel. Du warest zwar ein Bekenner, aber kein heiliger Bekenner, gleichwie die waren, welche bey mir im Himmel sich erfreuen. Luther. [790] Das solte mir ein Wunder seyn. St. Peter. Wann du dein Leben mit ihrem Leben vergleichen willst, wird dir das Verwunderen bald vergehen. Die liebe Heilige haben mit Fasten und Abbruch den Leib ausgemergelt, du aber hast dich täglich wie ein dicke Wurst angefüllet und geschoppet. Die Heilige haben in Zucht und Reinigkeit, du in Wollust und Geilheit das Leben zugebracht. Jene haben mit Betten und Betrachten, du mit Fressen und Sauffen (aus deinem bekannten Catechismus-Glaß) Tag und Nacht verschlissen. Jene haben in Demuth und Widerwärtigkeit um der Seelen-Heyl willen gelebt; du hast nicht allein in Hoffart und Widerspenstigkeit gelebt, sondern auch so viel 1000. Unterthanen zum Ungehorsam, Aufruhr und Rebellion angereitzt. Jene haben in Haltung der Gebotten GOttes mit Zacharias und Elisabeth Lucä c. 1. ohne Klag vor GOtt und den Menschen gewandelt, du aber hast sie für unmöglich zu halten ausgeschryen, und deßwegen zu halten dich nicht beflissen. Jene haben mit allerley guten Wercken ihren Beruf gewiß gemacht, und den Himmel zu verdienen sich bemühet, du hast alle gute Werck als untauglich, ja schädlich verspottet und verworffen. Ist deme nicht also? Kanst du ein eintziges Wort davon laugnen, so sage es nur kecklich. Luther. Nein, ich muß alles gestehen. Doch bleibe ich bey dem: ich bin ein Bekenner Christi, und bin es allezeit gewesen. Ich hab den Glauben und die Verdienst Christi mit Hertz, Zungen und Feder vor der gantzen Welt offentlich bekennet. Ich hab geglaubt an das bittere Leyden und Sterben Christi. Ich hab geglaubt, daß Christus mein Erlöser für mich gestorben und überflüßig genug gethan habe. Ich hab geglaubt, daß durch sein heiliges Blut mir alle meine Sünden nachgelassen und verzyhen seyen. Und mit diesem Glauben bin ich also vergnügt, daß wann ich schon die Sünden der gantzen Welt begangen hätte, ich dannoch nicht könnte verdammt werden, wann mir mein Glaub steif bleibt. St. Peter. Ist dann der Glaub allein genug ohne die Liebe? Luther. Ja freylich. St. Peter. Auch ohne gute Werck? Luther. Freylich ohne einiges gutes Werck. St. Peter. O Martin, O Martin! der H. Vatter Augustinus in dessen Orden du zuerst gelebt, hat dich nicht also gelehret. Dann er spricht also: der Glaub mit der Lieb, ist der Glaub eines Christen; der Glaub ohne Lieb, ist ein Glaub der Teuflen. Hörest du das? Luther. Was frage ich nach Augustino? Ich halte mich an die Bibel. St. Peter. An die Bibel? Martin, ich bin ein Apostel, und weiß die Bibel auswendig, und meyne auch, ich verstehe sie besser, als du; habe aber noch nie darinnen gelesen, daß der Glaub allein seelig mache. Welcher Apostel hats geschrieben? Luther. Der H. Paulus. St. Peter. Mein, wo? Luther. Zu den Römern am 3. sagt er: wir halten dafür, der Mensch werde gerechtfertiget durch den Glauben, ohne [791] die Werck des Gesatzes. St. Peter. Er sagt zwar durch den Glauben; aber nicht durch den Glauben allein; und zwar ohne die Werck des mosaischen Gesatzes; aber nicht ohne die Werck der Liebe. Mein lieber Mit-Bruder Paulus handlete dazumahlen wider die Juden, welche an die mosaische Ceremonien und Gebräuch also angebachen waren, daß sie meinten, man könne ohne dieselbige nicht zur Seeligkeit gelangen. Deswegen sagt Paulus, wir werden gerechtfertiget ohne die Werck, nemlich des mosaischen Gesatzes. Womit er dann die Werck der Liebe, Andacht, Barmhertzigkeit, etc. gar nicht ausschließt. St. Paulus. Was gibts hier für ein Disputation? wer pranget mit meiner Epistel zu den Römern? St. Peter. Da kommst eben recht, St. Paule! siehe! da kommt einer aus der unteren Welt daher, welcher, wiewohl er nichts, als den Glauben an Christum mitbringt, begehrt er doch in den Himmel gelassen zu werden, vorgebend, du habest den Glauben ohne die Werck den Himmel versprochen. St. Paulus. Wer ist der Mann, der mir solche Lehr aufburdet. Bist es du? wie heißt dann? Luther. Doctor Luther heisse ich. St. Paulus. Potz! bist es du? O Luther! du bist bekannt, wie ein böser Pfenning. Wann alles wahr ist, was ich böses von dir gehört hab, so wirst du wenig Spring im Himmel machen. Luther. Um Verzeyhung, heiliger Paule! wann ich fragen darf; was sagt man dann von mir? ich weiß mich nichts sonderliches Böses zu entsinnen. St. Paulus. Nichts Böses? ich wurde heut nicht fertig, wann ich alles erzählen wolte. Du magst sehen, wie du dich verantwortest. Ich will allein anzeigen, was wider mich lauft. Nemlich, daß du meine Epistel, welche ich geschrieben, und die mir der Heil. Geist in die Feder angegeben, nicht allein mit ungereimten, ungegründeten, und falschen Auslegungen gedrähet und geschändet, sondern auch mit erdichteten, und aus deinem schwermischen Schwindel-Hirn verfälschet hast. Andere Text hier zugeschweigen, so kanst du nicht laugnen, daß du den Spruch zu den Römern: wir halten dafür, der Mensch werde gerechtfertiget durch den Glauben, verfälscht, und das Wörtlein Allein (durch den Glauben allein) darzu geflickt hast. Steht das einem ehrlichen Bidermann zu, die apostolische Lehr, ja das Wort GOttes verfälschen? Luther. Heiliger Paule! ich bitte dißfalls demüthigist um Verzeyhung: ich meinte, das wäre der eigentliche Sinn und Verstand dieser Worten. St. Paulus. Ja wohl, ich meinte. Hattest du dann nicht gelesen, was ich zu den Corinthern geschrieben, da ich ausdrucklich gelehret, daß wann schon einer Wunderwerck thäte; wann er schon in Feuer verbrennt wurde; wann er schon all sein Haab und Gut unter die Arme austheilte; wann er schon einen Glauben hätte, daß er Berg versetzte, hätte aber die Liebe nicht, so [792] wurde alles dieses ihm zur Seeligkeit nicht helffen. Liese die klare teutsche Wort, Cor. 13. Item, hattest du nicht gelesen, was ich zu den Galatern geschrieben. Gal. 5. In Christo JEsu gilt weder die Beschneidung, noch die Vorhaut etwas; sondern der Glaub, der durch die Liebe würcket, deren du beraubt bist. So packe dich derohalben nur geschwind von dannen. Luther. Heil. Paule! ich hab geirret: es ist mir leyd von Hertzen. St. Paulus. Leyd hin, Leyd her. Es hätte dich reuen sollen im Leben; jetzt aber ist es zu spat. Dein eintzige Reu gilt kein Pfifferling mehr. Du aber, lieber Mit-Bruder Petre! lasse bey Leib den Kerl nicht herein wischen. St. Jacob. Was gibts hier für ein Geschrey? über wem zörnest du also, lieber Paule? St. Paulus. Hier steht der saubere Vogel, Martin-Luther, und meinet: ich solle ihm verhilflich seyn, daß er im Himmel eingelassen werde. Ist das nicht ein vermessenes Begehren? St. Jacob. Ist Luther da? der abtrinnige Mönch? der Ertz-Ketzer? der mein Apostolisches Send-Schreiben ein strohene Epistel gescholten hat? ja, er schickt sich in den Himmel, wie ein Geiß-Bonen in ein Balsam-Büchslein. St. Paulus. Gelt? Luther! der sagt dir die Meinung? St. Jacob. Trolle dich von dannen, oder ich will dir zeigen, was du für einen Lohn verdient habest, da du mich also entunehret, und meine Catholische Epistel so freventlich verworffen hast. St. Peter. Hörest du Luther! was die Himmels-Fürsten für ein Urtheil über dich fällen? sie finden kein Haar gut an dir. Gehe hurtig auf eine Seite, damit dir nicht etwas ärgers widerfahre.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 789-793.
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