Das 5. Capitel.

[801] Nemesis oder Rach, Æacus, Minos, Rhadamanthus.

Nemesis. Gerechter Richter: hier stelle ich euch vor zwey Uebelthäter, dergleichen die liebe Sonn niemahlen beschienen hat. Aeacus. Wer seynd sie? was haben sie dann so viel Ungewöhnliches verwircket? Nemesis. Dieser heißt Martin Luther, ein Teutscher, aus Sachsen gebürtig. Jener aber heißt Johann Calvin, ein Frantzos, von Noyon in der Picardie; Beyde seynd abtrinnige, meyneydige Apostaten, Kirchen-Feind, und Ertz-Ketzer. In Verfolgung der Catholischen Kirchen seynd sie zwar Brüder und gute Freund, wie Herodes und Pilatus; aber in anderen Sachen seynd sie einander Spinnen-Feind. Aeacus. Was antwortet ihr auf diese Anklag? Nemesis. Was wollten sie antworten? sie stehen da, wie zwey vom Galgen gefallene Dieb. Ihr Gewissen hat sie schon überzeugt. Es ist nichts mehr übrig, als daß man ihnen ihre wohlverdiente Straf abmesse, und ankündige. Aeacus. Man muß doch den alten Gebrauch halten, und worinn sie sich fürnemlich vergriffen, offentlich darthun. Sage an, sie können sich hernach entschuldigen, wann ihnen zu viel sollte geschehen. Nemesis. Ich hätte zwar 1000. Galgenmäßige Stücklein zu erzählen, aber der Zeit zu gewinnen, will ich allein zweyer Anregung thun.

Das Erste betrift beyde miteinander. Das Zweyte geht jeden besonders an. Und zwar seynd sie beyde Ketzer, ja nicht allein gemeine, sondern Ertz-Ketzer, als welche nicht allein alles Gift, was sie aus ihrem eigenen Schwindel-Hirn heraus spinnen können, sondern die längst widersprochene und verworffene Irrthum zusammen geklaubt, und daraus eine neue Lehr geschmiedet. Es ist schier kein unflätiger Ketzer-Pful, da sie nicht einen Unrath heraus gezogen. Solches zu erweisen, darf man nur ihre Schriften lesen. Was kan man mehr begehren? Aeacus. Das ist ein erheblicher Punct. Man wird schier eine neue Höll für diese Kerle bauen müssen; die alte ist zu schlecht für sie. Aber laßt uns die Klagen alle anhören. Nemesis. Die zweyte Klag gehet jeden besonders an. Und zwar von Martin Luther hab ich diß zu sagen, daß er ein so grobes unverschamtes Maul, und so ungereimte Stallbubische Zotten im Mund und Feder geführt, daß er billich von vielen der Sau-Märte genennet worden, welches aus seinen eigenen Schriften zu ersehen ist. Aeacus. Sein Maul [801] muß gewiß ein heimliches Gemach gewesen seyn, daraus solcher Unrath heraus kommen. Nemesis. Das ist sein Pfeffer, mit welchem er seine Bücher gewürtzt hat. Keine andere Complimenten weißt er zu gebrauchen Aeacus. Was hast du dann wider Calvinum? Nemesis. Dieser ist noch ärger; dann wiewohlen er mit so plumpen Possen nicht heraus platzet, so übertrift er doch Lutherum in den GOtts-Lästerungen, die er wider GOtt und Christum hat ausgegossen. Man lese nur seine Schriften, da werden einem darüber die Haar gen Berg stehen. Calvinus. Es ist wahr, ich hab zu viel geschrieben, aber Luther hats nicht viel besser gemacht. Luther. Was willst du mich armen Tropfen abermahl in die Brühe bringen? meine Wort mögen lauten, wie sie wollen, ich meynte es darum nicht also. Calvinus. Du magst es meynen, wie du willst, deine Wort seynd so ungehobelt, als die Meinige. Aeacus. Leg man es aus wie man will; hätte mans mir wohl ausgelegt, so wäre ich nicht an Galgen kommen, sagte jener Dieb, da er die Leither hinauf stiege. Nemesis. Meine Anklag ist fürgebracht, ihr werdet nun das Urtheil zu fällen wissen. Aeacus. Was habt ihr für euch zu reden? Calvinus. Barmhertzigkeit, Barmhertzigkeit! Aeacus. Wann ihr sonst nichts habt, könnet ihr wohl stillschweigen. Hier weiß man nichts von Barmhertzigkeit. Gerechtigkeit, Gerechtigkeit hat hier ihr Reich. Minos! was meynest du! Was soll man mit Ihnen anfangen? Minos! Wann man allhier hätte den Stall Augiä, welcher 5. Jahr lang nicht ausgemistet worden, in welchem doch etliche 1000. Ochsen gestanden, oder, wann wir einen unflätigen Saustall hätten, so wäre ich der Meynung, daß man diese unsaubere Gesellen in den Mist vergraben, und mit ewigen Gestanck peinigen und quälen solle. Dieweil aber kein solcher Saustall vorhanden, ist mein Rath, daß man sie in den Hundsstall Cerberi einschliesse: und zwar den Luther hinten an, dieweilen er allezeit so unsauber gewesen; den Calvinum aber (als welcher neidiger und bißiger ist) vornen her anbinde. Der Luther wird dahinten schon etwas zu essen finden; Calvinus aber solle vornen den ewigen Hunger leyden, und wie ein Ketten-Hund die verdammte Seelen, die von der oberen Welt herab kommen, anbellen und erschröcken. Das ist mein geringe Meynung. Aeacus. Du aber Rhadamant, was haltest du davon? Rhadamant. Ich halte darfür, dieweil diese zwey Ketzer ihre falsche Neuerung aus den alten Ketzern zusamen geflickt haben, soll man sie beyde mit 4. Stricken ausdehnen, darnach Stuckweiß zerhacken, und die zerhackte Stuck unter die alte Ketzer und Ertz-Ketzer, auch fürnehmste Teuffel austheilen, damit sie von und mit ihnen ewiglich gebraten und gepeiniget werden. Aeacus. Meines Erachtens seynd die bißher erzählte Tormenten viel zu gering für die zwey Bößwicht. Dann wann man sie schon in den unsaubersten Stall Augiä oder Cerberi [802] solte einschliessen, wurden sie das gar nicht achten, weilen sie ihr gantzes Lebenlang an solchem Unflat ihre gröste Freud gehabt, und lieber, als Balsam gerochen haben. Daß man sie aber zerstümmle, und die Stücker herum schicke, wurde auch nicht angehen, und möchte vielleicht eine Unruhe erwecken, indem ein jeder seinen Kopf haben wollte; sie aber sollten sich noch wohl rühmen, daß man ihre Gebein, wie Heil. Reliquien austheilte. Derohalben dann, damit wir näher zur Sach kommen, muß man vor gewiß halten, daß diese Schwärmerey, welche diese zween unruhige Köpf angefangen haben, ärger seye, als jemahlen einige Sect oder Spaltung gewesen ist. Kein Arius, Macedonius, Nestorius, Manes, Eutyches hat so viel 1000. Seelen in die Verdammnus gebracht, als Luther und Calvin. Sehe sich einer in der Höll nur ein wenig um, zähle er die alte Ketzer, so wird er gleich finden, daß selbiges Häuflein gar gering seye gegen den Lutheranern und Calvinisten. Rhadamant. Es ist zwar mehr, als wahr, und hab mich oft darüber verwundert; hab doch die Ursach nicht ergründen können. Dann wann man die Sach recht bedenckt, so haben etliche alte Schwärmer viel abscheulichere Fehler gelehrt, als diese. Aeacus. Die Ursach ist diese, dieweilen selbige Irrthum entweders nicht lang gewehret, oder nur in einem Winckel der Erden gesteckt seynd. Minos. Ja wohl. Hat nicht die Arianische Sect nach Zeugnus Hieronymi schier die gantze Welt eingenommen? Haben nicht Nestorius und Eutyches gantz Asiam und Africam mit ihrer gottlosen Lehr beschmissen, und ist noch auf den heutigen Tag nicht ausgerottet. Aeacus. Diesem ist zwar nicht ohne, doch haben jene nur in etlichen geheimen tiefsinnigen Speculationen gefehlet, unterdessen aber dem gemeinen Mann, der solche zu verstehen nicht fähig ist, alle Mittel zur Seeligkeit frey gelassen; Luther aber und Calvinus haben den Weeg zum Himmel gerad abgehauen. Minos. Wie das? Aeacus. Die beste Mittel den Himmel zu erlangen, und der Verdammnus zu entgehen, seynd die H. Sacramenten. Dann daß wir von der Erbsünd können abgewaschen werden, ist der Tauf. Damit man im Glauben bestättiget werde, ist die Firmung. Damit man von täglichen Sünden absolviert werde, ist die Buß. Damit man zu dem Todt-Kampf gestärckt werde, ist die letzte Oelung; und also von anderen Sacramenten zu reden. Diese hochwürdige Geheimnussen haben die alte Ketzer fast meistentheils unberührt gelassen; auch das ordentliche Priesterthum und Bischöfliche Weyhung im Schwang erhalten. Luther aber und Calvinus habens als ein Päbstliches Mährlein verlacht und verworffen. Den Tauf erkennen sie zwar, doch lehret Calvinus, man könne wohl ohne ihn seelig werden. Mit dem Sacrament des Altars prangen sie zwar mächtig, weilen sie aber keine ordentliche geweyhte Priester haben, ist ihr [803] Brod kein Sacrament, sondern ein Spiegelfechten, und gemeines Becken-Brod. Rhadamant. Wer häts meynen sollen, daß die Verwerffung der Sacramenten solchen Schaden bringen sollte? Aeacus. Freylich meynt mans nicht, aber die Erfahrnus lehrts uns. Wie viele 1000. Arianer, Nestorianer, Eutychianer haben ihren Irrthum aus Einfalt und Unwissenheit nicht erkennt, und also hierdurch nicht gesündiget: wann sie aber sonst was Böses gethan, haben sie gebeichtet, seynd absolviert und in Stand der Gnaden gesetzt, und seelig worden! aber ein Calvinist oder Lutheraner, wann er schon aus Unverstand, oder unsträflicher Grobheit die Wahrheit nicht erkennt, und hierdurch sich nicht versündiget; jedoch wann er sich sonst vergreift (welches leyder nur gar zu gemein ist, sonderlich bey jenen, die da sagen, man könne GOttes Gebott nicht halten) wann, sag ich, jener in ein Todsünd fällt, da glaubt er an kein Beicht, oder Sacrament der Buß. Er hat keinen Priester, der ihn absolviere. Wie will er dann seelig werden? es könte zwar seyn, daß er ein vollkommene Reu und Leyd über seine Sünden, aus pur lauterer Liebe GOttes erweckte, und also Verzeyhung erlangte. Aber das ist ein gar schweres Ding, und zu hoch vor den gemeinen Mann, der manchesmahl diese Wörter nicht gehört, will geschweigen, verstanden, oder practicirt hat. Deswegen bleibts bey dem: weil Luther und Calvinus die Weyhung, Priesterthum, und andere Sacramenten abgeschaft, haben sie den Weeg zum Himmel gerad abgeschnitten. Rhadamant. Weil aber nun dem also, was ist die Schluß- Red, und endlicher Sententz? Aeacus. Dieweilen hier gegenwärtige, rechtmäßig angeklagte, und darüber, angehörte Sünder, Martin Luther, und Johann Calvin, sträflicher und ärger befunden worden, als jemahlen einiger Ertz-Ketzer, so sollen ihnen auch schärffere und auserlesenere Tormenten abgemessen werden. Und zwar erstlich sollen sie beyde mit glüenden Ketten aneinander gebunden durch die gantze Höll zu allen Ketzeren-Gefängnussen geführt, und dann ein jeder von der Megära mit ihrer Schlangen-Peitschen bis aufs Blut und Ohnmacht gegeiselt und zerhaut werden. Nachdem aber wollen wir sie in den untersten Pful und Kothlacken der Höllen, wo des Cerberi, und aller Unrath hinab stürtzet, und mit anderen in der Höllen bräuchlichen Peynen ewiglich abstraffen. Rhadamant. Es ist wohl geurtheilet. Ich stimme mit übereins. Minos. Sie haben dis, und ein mehrers verdient. Doch das seye genug. Calvinus. O Ketzerey! O Höll! O Verzweiflung! verflucht seye die Stund, da ich gebohren bin. Luther. O Jammer! O Ewigkeit! wirds dann niemahlen besser werden? ach hätte ich mich den letzten Tag meines Lebens noch bekehrt! Aeacus. Jetzt ist es verzweifelt. Also wird es ergehen allen denen, die GOtt bey Lebzeiten verachtet, und seine Gespons, die Catholische Kirch, auf Erden bestritten und verfolgt haben: und das ohne Ende.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 801-804.
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