Neunzehndes Exempel.

Verwunderlicher Ausgang liederlichen Lebens zweyer Studenten.

[78] Am das Jahr nach Christi Geburt, als man zählete 1604. befanden sich zu Löven, einer Stadt in Niederland, zwey adeliche Jüngling; dero Namen wegen ihrem Geschlecht verschont wird. Wir wollen unterdessen den einen Castor; den andern aber Pollux heissen. Diese lagen auf der allda weit berühmten hohen Schul dem Studieren, und zwar der Rechts-Gelehrtheit ob. Da sie noch in den unteren Schulen waren, seynd sie zu aller Gotts-Forcht und Ehrbarkeit auferzogen worden; also, daß sie den anderen Studenten zu einem Exempel der Unschuld und Auferbäulichkeit dienten. Wie sie aber in die obere Schulen kommen, und der Ruthen entrunnen, mithin keine Aufseher mehr hatten, von denen sie inner den Schrancken der Zucht und Ehrbarkeit gehalten wurden, gewohnten sie nach und nach [78] des freyen Lebens dergestalten, daß sie in kurtzer Zeit allem Muthwillen liessen den freyen Zaum schiessen; ja in allerhand Schandthaten und Lastern sich herum wältzten, und mehr dem Luder-Leben, als Studiren oblagen. Eines Tags setzten sie sich zu einer nassen Bursch im Wirthshaus, um sich lustig zu machen, und die schwermüthige Gedancken in dem Wein zu erträncken. Man sitzet also zu Tisch; laßt nach der Schwere auftragen; wechselt die Gläser, und ist gutes Muths. Und damit nur an diesem Freuden-Tag nicht abgienge, berufte man auch Spielleut, die sich mit ihren Instrumenten tapfer hören liessen. Und weil man Täntzerinnen auch vonnöthen hatte, triebe einer unter ihnen bald etliche freche Mägdlein auf, denen nicht allein die Schuh zum Tantzen; sondern auch um ein schlechtes ihr Ehr feil ware. Weilen ihnen aber der Tag nicht klecken wollte, den Durst zu löschen, und ihre böse Gelüsten zu ersättigen, knüpften sie die Nacht auch daran; und brachten also mit Sauffen, Spielen, Tantzen, und anderm Muthwillen die edle Zeit zu. Nach und nach aber, da es nicht weit von Mitternacht mehr ware, wurden unsere saubere Gesellen allgemach müd; bevorab Castor, der in diesem Leben noch nicht sowohl, wie die andere geübt ware. Gienge derohalben zur Stuben hinaus, sich etwas zu erkühlen. Da setzte er sich nun in einem Gang auf einen Banck hin, und trücknete mit dem Fazinet den von dem Tantzen erweckten häufigen Schweiß ab. Er hatte sich aber kaum niedergesetzt, da überfiele ihn, weiß nicht was für ein Melancholey und Schwermuth: welche je mehr und mehr zunahme, je länger er allda verharrete. Und aber kein Wunder; dann sein Gewissen gabe ihm einen Rupf über den andern, und stellete ihm durch schwermüthige Gedancken die Abscheulichkeit der begangenen Sünden vor. Weilen nun Castor seinen Cammeraden zu lang ausbliebe, nahmen sie ein Liecht, suchten, und fanden ihn an gedachtem Ort, aber gantz verändert, langweilig, verdrossen, und voller schwermüthigen Gedancken. Sie wußten nicht, wie sie es verstehen solten; munterten ihn auf; und absonderlich Pollux, der ihm also zusprache: nun: was ist das, Castor? was bedeutet dieses Maulhencken? du wirst uns ja den guten Muth nicht erst auf die letzte verderben wollen? stehe auf; gehe wiederum in die Stuben hinein, und halte auch mit. Ey! Bruder: nur noch eins. Allein Castor wolte sich nicht mehr überreden lassen; sondern entschuldigte sich, wie daß ihm nicht wohl wäre. Nahme also gute Nacht, und gieng nach Haus. Wie er heim kommen, und sich allgemach zur Ruhe begeben wolte, fiele ihm ein, wie daß er sein täglich und gewöhnliches Gebett noch nich verrichtet hätte. Sehet, was die gute Gewohnheit thut. Castor hatte noch in den untern Schulen oftermals gehört, daß nicht leicht einer seye zu Grund gangen, und verlohren worden, welcher täglich beständig mit einer [79] gewissen Andacht unser liebe Frau, als eine Zuflucht der Sünder, verehrt habe. Von selbiger Zeit an nahme er ihm vor, diese Andacht zu verrichten, und alle Tag dieser Himmels- Konigin zu Ehren was gewisses zu betten. Es ware aber ein Rosenkrantz: welchen er bishero noch niemahls unterlassen, ob er schon etwann den Tag übel genug zugebracht hatte. Weilen er sich dann erinnerte, daß der heutige Rosenkrantz noch ausständig, beschlosse er, sich vor nicht schlaffen zu legen, er hätte dann seine Andacht gegen der seligsten Mutter GOttes abgelegt. Nahme derohalben den Rosenkrantz in die Hand, und machte dem Gebett den Anfang mit diesen Worten: heilige Jungfrau! würdige mich, daß ich dich lobe. Es ware aber wohl ein armseliges Betten; weilen er theils schläfrig; theils trümlich im Kopf, die Stuben auf und abgienge. Und dannoch (O verwunderliche Güte GOttes!) dannoch, sage ich, hat das schläfrige Gebett des Castors, die Wolcken durchdrungen, und durch die Fürbitt der seligsten Jungfrauen bey GOtt Gnad und Barmhertzigkeit erlangt. Er hatte aber das Gebett noch nicht zu End gebracht, da hörte er an der Stuben-Thür klopfen. Er fragte demnach, wie gewöhnlich: wer ist draussen? der, so geklopft hatte, gabe zur Antwort: ich bins. Allein Castor fuhre im Betten fort, und sagte: bist du draussen, so bin ich herinn; du kanst eine Weil warten, bis ich dir aufmache, jetzt ist es mir nicht gelegen. Der, so vor der Thür draussen war, sagte hinwiederum, wann du mir nicht aufmachest, so kan ich mir selbst aufmachen. Wie, sagte Castor? wilst du mich trutzen? hast du das Hertz, so komme herein; ich will dir gewiß mit meinem Degenden Weeg wieder hinaus weisen. Draufhin nahme er den blossen Degen, stellte sich mitten in die Stuben, und erwartete, wer dann derjenige seye, so mit Gewalt in die Stuben hinein wolle. Alsobald gienge die Thür für sich selbsten auf, und Pollux sein bester Cammerad, tratte hinein: worüber Castor seiner selbst lachte, den Degen wiederum einsteckte; beynebens aber fragte: hast du auch schon genug, Bruder? warum bist du nicht in dem Wirths-Haus geblieben? und wo seynd die andere hin? Pollux antwortete: ja freylich hab ich genug, mein Castor! dann bald nach deinem Abschied hat der gute Muth ein End gehabt, und hab ich auch wollen nach Haus gehen; bin aber unter Weegs in dem nächsten Gäßlein von zwey Teuflen, in Gestalt zweyer Risen, angegriffen, und erwürgt worden; und jetzt ewig verdammt. Castor nicht anderst, als von dem Donner getroffen, fiele vor Schröcken und Angst zuruck in einen Winckel des Zimmers, und wußte kein andere Hilf, als daß er sich mit dem H. Creutz bezeichnete, und die heilsame Namen JEsus und Maria um Beystand anrufte. Das Gespenst aber fuhre fort, und sagte: förchte dir [80] nicht: es wird dir für dieses mahl nichts geschehen: du sollst aber wissen, daß der andere Riß aus denen zweyen Teuflen auf dich gepaßt habe, und dir eben so wohl, als mir, den Hals wurde umgerieben haben, wann du dich nicht bey Zeiten davon gemacht, und dir durch das Gebett um eine so mächtige Vorsprecherin umgesehen hättest. Maria hast du zu dancken, daß du noch lebest. Damit du aber meiner Verdammnuß halber vergwißt seyest, so siehe mich an. Dieses geredt, verlohr er seine vorige Gestalt, und erzeigte sich gantz abscheulich und erschröcklich. Sein Haupt schiene allerdings feurig, wie eine glüende eisene Kugel, also daß die Flammen zu den Augen auf den Boden heraus spritzten. Er risse auch das Wammes von einander, und entblößte die Brust, so gleichfalls wie ein lauteres Feuer, und hin und her durchlöchert aussahe, wordurch man bis auf das Ingeweid hinein sehen konnte. Feurige Nattern und Schlangen krochen aus und ein, und versetzten mit ihren vergiften Zähnen dem Armseligen bald da bald dort einen Biß. Welches dann ein greuliches Spectacul, und erbärmlicher Anblick war. Nachdem nun Pollux solcher Gestalten auf Anordnung GOttes sich seinem vertrautesten Schul-Gesellen dem Castor dargestelt, thate er noch diese Ermahnung hinzu, mit folgenden Worten: so lerne dann aus fremden Schaden witzig werden, und dich bessern; damit du nicht einstens mir in der Pein zugeseller werdest: Und mit diesen Worten ist der verdammte Geist verschwunden. Wer ware fröher, als Castor, daß er dises leidigen Gasts ledig worden? doch därfte er sich vor Forcht und Schröcken noch nicht rühren; sondern verharrete gvntz mit Schweiß überrunnen, und zitterend auf Händ und Füssen an der alten Stell, bis es zwölf Uhr geschlagen, und er bey denen Vättern Capucinern hat hören in die Mette läuten. Da faßte er wiederum ein Hertz; machte sich herfür, nunmehr gantz nüchter, und einem Todten ähnlicher, als einem Lebendigen; nahme seinen Hut und Mantel, und eilte eines eilens dem Capuciner-Kloster zu: begehrte alsobald bey dem P. Guardian, wichtiger Sachen halber, die keinen Verzug litten, angemeldet zu werden. Er wird vorgelassen, und gefragt, was er verlange? Da erzählete er der Länge nach, was sich mit ihme, und seinem Schul-Gesellen, dem Pollux zugetragen. Der Pater Guardian erzeigte grosses Mitleyden, tröstete den Theils erschrockenen, Theils bekümmerten Castor, so gut er konnte, mit angehängter Ermahnung, der empfangenen Wohlthat von der seeligsten Mutter GOttes die Zeit seines Lebens nicht zu vergessen: verwilligte auch auf inständiges Anhalten des Castors, daß ihm zwey aus seinen Patres bey angezündeter Latern den entleibten Pollux möchten suchen helffen: welchen sie dann auch bald in einem Winckel gedachten Gäßleins gefunden, [81] übel zerkrätzt in dem Angesicht, und am gantzen Leib kohlschwartz; damit an nemlich nicht zweiflen könnte, wer den Pollux erwürgt hätte. Jedoch hebte man das Todten-Aaß in der Stille auf; welches auch hernach nicht weit von dem Capuciner Closter unter die Erden verscharret worden. Wie nun diese traurige Begebenheit fürüber, brauchte es bey dem Castor nicht viel Zusprechens, daß er hinfüro behutsamer mit den Freuden und Wollüsten dieser Welt sollte umgehen. Aller Muth verleidete ihm für sich selbsten. Machte bald den Schluß, der Welt den Rucken zu kehren, und in einen geistlichen Stand einzutretten; und zwar eben in den Capuciner-Orden; in welchen er auch nach inständigem Anhalten und Bitten ist aufgenommen worden; hat darinnen eine Zeitlang gottseelig gelebt, und ist endlich um des Christlichen Glaubens willen in der neuen Welt gemartert worden. Lyræus in Trisagio Alariano.

O wie soll ihm ein jeder die tägliche, und beständige Andacht gegen unser lieben Frauen lassen befohlen seyn! dann wer das thut, wird nicht leicht zu Grund gehen. Diese mächtige Frau wendet ab den göttlichen Zorn; sie lasset nicht nach, bis sie ihre Diener und Dienerinnen mit ihrem Sohn versöhnt hat; sie bringt ihnen zuwegen die Gnad, daß sie in sich selbsten gehen, wahre Reu und Leyd über ihre Sünden erwecken, und endlich die ewige Seeligkeit erlangen. O wie viel habens erfahren! Davon seynd voll alle Bücher. Endlich bekräftiget diese Wahrheit unser Castor, der sein Heyl zuschreiben muß der täglichen, und beständigen Andacht des H. Rosenkrantzes, mit welchem er unser liebe Frau verehrt hat. O daß ihm in dieser Andacht alle nachfolgten! das gebe GOtt.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 78-82.
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