Drittes Kapitel

[512] Vignali, die über den zaghaften Liebhaber bis zum Zähneknirschen zürnte, hatte das Unglück, nicht lange darauf eine sehr herzangreifende Nachricht von ihren besoldeten Aufpassern zu erfahren: sie meldeten ihr, daß der Herr von Troppau einen Brief, von unbekannter Hand geschrieben, erhalten habe und seitdem Ulriken mit ihrer Untergebnen oft zu sich auf das Zimmer kommen lasse, daß er sich zu ganzen Stunden mit ihr unterrede und daß sie jedesmal sehr vergnügt und froh sich von ihm trenne. Zween Tage darauf berichtete ihr der Kammerdiener, daß er den Brief in seines Herrn Schreibeschranke gefunden und weiter nichts als die Unterschrift ›Le Comte d'Ohlau‹ habe lesen können. Noch den nämlichen Tag erfuhr sie, daß der Herr von Troppau bei seiner Schwester gespeist habe, was er in zwei Jahren nicht getan hatte, und nach Tische lange allein mit ihr in ihrem Kabinett gewesen sei. Mehr brauchte Vignali nicht, um sich diese sonderbaren Begebenheiten zu erklären: sie erriet die ganze Geschichte auf ein Haar und machte sogleich Anstalt, ihren Mutmaßungen Gewißheit zu geben und den vermuteten Anschlag zu zernichten.

Seit der ersten Nachricht von dem Empfange des Briefes gingen die Kuriere unaufhörlich herüber und hinüber und statteten ihr von der kleinsten Handlung des Herrn von Troppau Bericht ab, und eben itzt, eine halbe Stunde nach jener Unterredung mit der Frau von Dirzau, lief die Zeitung ein, daß er schriebe: im Augenblick wanderte Vignali hinüber zu ihm und überraschte ihn so sehr, daß sie schon das überschriebene ›Monsieur‹ auf dem Blatte las, als er sich umdrehte und sie erblickte: er erschrak, daß er alle Fassung verlor, versteckte[512] den Brief unter den Papieren und schloß sie ein. Vor Schrecken vergaß er, sie zu bewillkommnen oder nach der Ursache ihres Besuchs zu fragen. Sie ließ ihm zwar auch keine Zeit dazu, sondern fing sogleich an: »Ich beklage, daß ich Sie störe; und der Brief ist wohl notwendig?«

Herr von Troppau. Nein, er kann warten.

Vignali. Was wetten Sie, ich weiß, an wen Sie schreiben?

Herr von Troppau. Schwerlich.

Vignali. Ich wette mit Ihnen um die erste Nacht ihrer künftigen Gemahlin. –

Der Herr von Troppau wurde feuerrot, stutzte und lächelte, seine Verlegenheit zu verbergen. – »Sie sind spaßhaft«, sprach er.

Vignali. Wozu denn lange Umwege? Sie schreiben an den Grafen Ohlau.

Das war ein Donnerschlag für den Herrn von Troppau: er hustete und brauchte lange Zeit, ehe ihn sein Erstaunen reden ließ. – »Wie kommen Sie denn auf diesen Mann?« fragte er voller Verwundrung und mit gezwungner Gleichgültigkeit.

Vignali. Weil er an Sie geschrieben hat.

Herr von Troppau. An mich? – Sie träumen.

Vignali. Er schreibt Ihnen wegen der Baronesse von Breysach.

Herr von Troppau. Wer hat Ihnen das gesagt?

Vignali. Ich kenne die Baronesse sehr gut! sie hat unzähligemal bei mir gegessen. Ich weiß ihre ganze Geschichte aus ihrem eignen Munde: sie macht vor mir gar kein Geheimnis daraus. – Wird sich die Baronesse bald öffentlich dafür erklären? Man muß doch alsdann auf eine andre Gouvernante für Ihr Fräulein denken. – Die Baronesse sollte heiraten, da ihre heimliche Liebe aus ist.

Herr von Troppau. Sie reden also von der Gouvernante meiner Tochter?

Vignali. Ja, ja, von der Baronesse von Breysach.

Herr von Troppau. Wer hat sie denn dazu gemacht?

Vignali. Vermutlich ihr hochseliger Herr Vater. Es ist mir eine eigne Idee dabei eingekommen. Wissen Sie, wer die Baronesse heiraten sollte? – Sie!

[513] Herr von Troppau. Ich? – Woher wissen Sie denn, daß ich heiraten will?

Vignali. Ein Einfall! ein bloßer Einfall! – Es ist Ihnen ja wohl bekannt, daß die Weiber gern Heiraten machen. Da sie von Ihrem Stande ist – so viele Liebenswürdigkeiten besitzt – nicht wahr, Sie sind meiner Meinung? – Die Baronesse ist liebenswürdig?

Herr von Troppau. Unleugbar liebenswürdig! – Das Geständnis, daß ich das Mädchen so finde, wird Sie hoffentlich nicht beleidigen –

Vignali. Mich im mindesten nicht! – Denken Sie, daß ich mich für die einzige liebenswürdige Frau auf der Welt halte? – Denn daß ich mir einige Liebenswürdigkeit zutraue, das ist mir zu vergeben, weil Sie mich mit Ihrer Liebe beehrt haben – Sie, ein so feiner Kenner der Schönheit! – Wenn Ihnen die Baronesse gefällt, so würde mich's beleidigen, wenn Sie sich meinetwegen die geringste Gewalt antäten.

Herr von Troppau. Sprechen Sie aufrichtig, Vignali? Vignali. Warum zweitem Sie denn an meiner Aufrichtigkeit? Haben Sie nicht Proben genug, daß ich nichts als Ihr Vergnügen, Ihre Zufriedenheit suche? Steht nicht mein ganzes Leben in Ihrer Hand? Hab ich Ihnen nicht einen Mann aufgeopfert? Hab ich nicht alle Bande der Freundschaft und Liebe zerrissen, um nur für Sie zu leben? Und wie hab ich für Sie gelebt? – Mit einer Treue, Ergebenheit, mit einer so festen Vereinigung des Willens, mit einer Stärke der Liebe, die nur mein Herz ganz kennt – kann man wohl nicht aufrichtig sprechen, wenn man so aufrichtig handelt?

Herr von Troppau. Sie entzücken mich, Vignali. Ich bekenne, ich bin Ihnen unendliche Verbindlichkeiten schuldig.

Vignali. Sie beschämen mich mit so einem stolzen Worte. Ich bin nicht so eitel, daß ich Ihnen meine kleinen Verdienste herzählte, um Ihnen ein Kompliment abzulocken: ich wollte Sie nur überzeugen, wie ungerecht Ihre Zweifel wider meine Aufrichtigkeit sind. – Aber wozu denn so weit hergeholte Beweise? ich kann Sie ja auf der Stelle überführen, daß ich aufrichtig gegen Sie handle. Wenn Sie die Baronesse lieben und[514] durch ihren Besitz glücklich zu werden hoffen, so erbiete ich mich zur Brautwerberin. Da Sie die Güte gehabt haben, so viele Gefälligkeiten von mir anzunehmen, so werden Sie doch nicht so grausam gegen mich sein und einer andern das Vergnügen gönnen, Ihnen eine liebenswürdige Gemahlin verschafft zu haben? – Sagen Sie mir nur, ob Sie die Baronesse lieben oder lieben können! Für das übrige lassen Sie mich sorgen!

Herr von Troppau. Sie bezaubern mich, Vignali. Ich habe unendlich viel Gutes von Ihnen geglaubt: aber eine solche Uneigennützigkeit traut ich Ihnen nicht zu.

Vignali. Da seh ich keine Uneigennützigkeit! Ich glaube wahrhaftig, daß Sie mir noch obendrein ein Verdienst daraus machen: wie man doch so leicht zu einem Verdienste kommen kann, wenn man mit guten Leuten zu tun hat!

Herr von Troppau. Und Sie müssen mehr als gut sein, daß Sie sich so etwas für kein Verdienst anrechnen wollen. Einer so edlen Uneigennützigkeit waren nur Sie unter Ihrem ganzen Geschlechte fähig: aber Sie können auch meiner immerwährenden Erkenntlichkeit versichert sein: selbst wenn ich einen solchen Schritt tun sollte, wozu Sie mir raten –

Vignali. Behält die ehrliche Vignali immer noch die eine Hälfte Ihres Herzens! – Haben Sie der Baronesse schon Ihre Absicht entdeckt?

Herr von Troppau. Was reden Sie denn schon von Absicht? – Ich weiß ja noch nicht, ob sie mich lieben kann.

Vignali. Das sollen Sie durch mich erfahren. Sie haben Ihre Tochter schon längst aus der erbärmlichen Zucht der Frau von Dirzau wegnehmen wollen: ich will ihr ein Zimmer in meinem Hause einräumen. Alsdann hab ich die schönste Gelegenheit, die Baronesse auszuforschen: Sie soll nicht eher etwas von unsern Absichten erfahren, als bis es Zeit ist, nicht einmal, daß jemand außer mir ihren Stand weiß. Wie gefällt Ihnen der Plan?

Herr von Troppau. Sehr wohl: nur wird es schwer halten, meine Schwester zu bewegen, daß sie meine Tochter von sich läßt.

[515] Vignali. Das will ich besorgen, wenn ich nur Ihr Wort habe.

Herr von Troppau. Das geb ich Ihnen sehr gern: allein ich sage Ihnen zum voraus, ich mische mich nicht darein, wenn es Uneinigkeit gibt. Ich bekümmere mich um solche Dinge nicht: meine Erlaubnis haben Sie: nun sehen Sie, wie Sie das Mädchen von meiner Schwester herauskriegen.

Vignali. Das soll mir wenig kosten. Sie können ja indessen dem Grafen Ohlau melden –

Herr von Troppau. Ich war eben damit beschäftigt. Aber woher in aller Welt wissen Sie, daß er an mich geschrieben hat?

Vignali. Einfall! Scherz! Weiter war es nichts. Weil mir die Baronesse ihre Geschichte anvertraut hat und täglich fürchtet, daß ein Brief von ihrem Onkel an Sie kommen wird, um sie zurückzufodern, so fiel mir gerade, als ich zum Zimmer hereintrat und Sie schreiben sah, der Graf Ohlau ein: ich wunderte mich selbst, wie mir der Mann so plötzlich in die Gedanken kam. Der Graf Ohlau führte seine Schwestertochter herbei, und seine Schwestertochter brachte uns auf Ihre Liebe und Ihre Heirat. Wie sich doch ein Gespräch so wunderlich drehen kann! Das hätt ich mir nur fürwahr nicht eingebildet, daß ich heute noch ihre Brautwerberin werden sollte. – Will sie der Graf Ohlau wiederhaben?

Herr von Troppau. Allerdings. Er bittet mich, den jungen Menschen in Verhaft nehmen zu lassen und seine Schwestertochter in Verwahrung zu bringen, bis er jemanden schickt, der sie abholt. – Hier ist sein Brief.

Vignali. Ich will ihn zu mir stecken und zu Hause lesen: itzt ist mir Ihre Unterhaltung lieber.

Herr von Troppau. Aber, Vignali, daß ihn niemand sieht! Das Mädchen könnte etwas erfahren –

Vignali. Sie werden doch keine solche Sorglosigkeit bei mir vermuten? – Sonach ist mir doch der Graf Ohlau recht zu gelegner Zeit durch den Kopf gefahren: denn ich kann Sie in den Stand setzen, ihm eine fröhliche Nachricht zu geben. Ich hab Ihnen ja, glaub ich, schon gesagt, daß es mit der Liebe des jungen Menschen aus ist? Er hat mit ihr gebrochen, auf ewig gebrochen.

[516] Herr von Troppau. Das ist also der junge Mensch, der bei Ihnen wohnt?

Vignali. Freilich wohl, das gute Vieh!

Herr von Troppau. Er schien mir aber nicht dumm.

Vignali. Ach, er wird's täglich mehr. Ich nahm ihn aus Freundschaft für die Baronesse ins Haus; und in wenigen Wochen war er ihr schon zuwider. Es ist eine kindische Leidenschaft bei dem Mädchen gewesen: itzt, da sie zu Verstande kömmt, sieht sie ein, daß es ein hübsches Schaf ist.

Herr von Troppau. Kann ich's also für gewiß schreiben, daß ihre Liebe zerrissen ist?

Vignali. Für unzweifelhaft gewiß! – Sie werden ihm wohl die Wahl freistellen, wenn er das Mädchen abholen lassen will?

Herr von Troppau. Abholen? – Das soll er nicht, sondern ich will ihn vielmehr fragen, ob er mir die Erlaubnis gibt, eine anständige Partie für sie zu machen, mit einem Manne von gutem Hause, dessen Namen ich ihm melden will, sobald ich seine Gesinnungen hierüber weiß.

Vignali. Und dieser Mann sind Sie? – Also ist es wirklich Ihr Ernst? Ich hab es nur für halben Scherz gehalten. – Wie mich das freut! Ich kann Ihnen meine Freude nicht ausdrücken. Also zieht Ihre Tochter zu mir; und in kurzer Zeit sollen Sie über den streitigen Punkt Nachricht haben.

Herr von Troppau. Ich wünschte, daß es bald sein könnte.

Vignali. Freilich, die Liebe zaudert nicht gern. – Weiß es die Frau von Dirzau?

Herr von Troppau. Ich hab ihr etwas davon entdeckt.

Vignali. Vergeben Sie mir! das war ein großer Fehler.

Herr von Troppau. Warum? Sie rät mir sehr dazu.

Vignali. Sie rät Ihnen dazu? – Wenn Sie nur recht gehört haben! Oder ist es Verstellung. Ich lasse dieser höhnischen Heuchlerin schlechterdings den Ruhm nicht, daß sie Ihnen ein so wesentliches Vergnügen angeraten haben soll: den Ruhm muß ich mir verdienen. Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, so heiratete ich die Baronesse gleich nicht, weil die Frau von Dirzau dazu geraten hat. Soll ich mich ernstlich mit der Sache abgeben, so muß diese weise Dame ihre Hand aus dem[517] Spiele ziehen; und ich hoffe doch, daß Sie einen so angenehmen Dienst lieber von mir annehmen werden als von einer solchen Betschwester, die alles tadelt, was Sie sagen und tun? – Versprechen Sie, daß Sie die Frau von Dirzau nicht weiter zu Rate ziehen wollen?

Herr von Troppau. Ja, Vignali, ich versprecht es. Niemandem als Ihnen will ich die größte Verbindlichkeit schuldig sein.

Vignali. O wie mich das freut, daß Sie sich vermählen wollen! und daß Sie mich zur Mittelsperson wählen! Ich kann mich vor Vergnügen nicht halten. Wie mich das freut!

Sie nahm mit dieser verstellten Freude gleich darauf Abschied und ging geradeswegs zu Ulriken hinauf, um ihr die bevorstehende Veränderung ihrer Wohnung zu melden. Ulrike wußte nicht, was sie von dieser unvermuteten Revolution fürchten oder hoffen sollte: sie entschuldigte sich, daß sie ohne der Frau von Dirzau Erlaubnis so etwas nicht unternehmen dürfte. – »Der Herr von Troppau befiehlt«, sprach Vignali heftig, »und ich befehle Ihnen im Namen des Herrn von Troppau: brauchen Sie mehr? – Mein Kind«, red'te sie die kleine Karoline an, »Sie sollen inskünftige bei mir wohnen, hat Ihr Papa befohlen.«

»Ach, bewahre mich Gott!« schrie die Fräulein und floh von ihr. »Sie verführen mich.«

Vignali. Närrchen! ich habe ein herrliches Gebetbuch für Sie angeschafft, in schwarzen Samt gebunden, vergoldet auf dem Schnitt, und bei dem Buchbinder sind noch drei schönere. Wir wollen Tag und Nacht zusammen beten.

Karoline. Können Sie auch beten? – Sie sind ja eine Sünderin.

Vignali. Das hat Ihnen Ihre einfältige Tante überredet. Ich verstehe das Beten besser als Sie.

Karoline. Sie prahlen. Das versteht niemand so gut als ich. – Und nun betete sie mit frommem Stolze eine lange Reihe von Gebeten, Sprüchen und Liedern her; und da sie fertig war, fragte sie mit der äußersten Selbstgenügsamkeit: »Können Sie so beten?«

Vignali. Meine kleine Einfalt, hundertmal besser! Sie werden sehen: kommen Sie nur!

[518] Karoline. Nein, mit Ihnen gehe ich nicht: Sie sind ein freches Kind des Satans.

Vignali. Du einfältigster Papagei der einfältigsten Tante! Komm! deine Gouvernante wird so gescheit sein und dir ungebeten nachfolgen. –

Mit diesen Worten nahm sie die achtjährige Fräulein auf die Arme, trug sie den Flur hindurch, die Treppe hinunter, die Straße hinüber in ihr Haus hinein: das Kind faltete zitternd die Hände und betete so inbrünstig, als wenn sie der Teufel in seinen Klauen davontrüge. Ulrike ging voller Verlegenheit in einer kleinen Entfernung hinterdrein. Sogleich gab Vignali ihrem Bedienten Befehl, die Sachen der beiden Flüchtlinge herüberzuräumen; und das Zimmer war schon zur Hälfte leer, als die Frau von Dirzau den geschehenen Raub erfuhr. Ihre Bedienten, die das Ausräumen verhindern sollten, halfen dabei, weil Vignali ein gutes Trinkgeld versprochen hatte. Die Frau von Dirzau lief in eigner Person zu ihrem Bruder und beschwerte sich, daß er ihre Möbeln wegschaffen ließ. – »Ich will sie bezahlen«, rief er. -»Und deine Tochter willst du in die Hände eines so schändlichen Weibes geben?« – »Ich bekümmere mich um solche Sachen nicht«, antwortete ihr Bruder. »Vignali hat mich gebeten, daß ich sie zu ihr in Pension tun soll: ich hab es ihr versprochen: nun misch ich mich weiter nicht drein. Schicke mir die Rechnung für die Möbeln! dann seht ihr, wie ihr auseinanderkommt. Ich will ausgehn. Adieu, Schwester.« – So war er zur Tür hin aus. Was war also zu tun? Die Frau von Dirzau mußte in ihr Zimmer zurück, mußte geduldig leiden, daß man Ulrikens Zimmer ausleerte, und ihren Ärger in frommer Gelassenheit verbeißen. Den Tag darauf schickte ihr Vignali alle ihre Möbeln zurück, weil sie einen unmäßigen Preis darauf setzte, und schrieb ihr einen der empfindlichsten Briefe dazu.

Sobald Ulrike mit ihrer Untergebenen in sicherer Verwahrung war – denn es mußte beständig jemand auf der Treppe wachen, um sie zu hindern, wenn sie vielleicht entfliehen wollten –, so stürzte sich Vignali, wie unsinnig vor Freuden, in[519] ihr Zimmer hinein. »Ich habe gewonnen«, rief sie aus, »ich habe gewonnen. Alles geht, wie ich will. Nun sollen alle meine Zwecke erreicht werden, oder der Satan selbst müßte mich hindern. Der stolze, widerspenstige Junge, der meine Gütigkeit so lange gemißbraucht hat, soll gedemütigt werden: er muß sich zum Ziele legen, oder es ist sein Untergang. Das Mädchen will ich erniedrigen: dann werde Gemahlin eines Mannes, der mich liebt, du Elende! – Wie sich der gute Troppau so treuherzig sein Geheimnis abschwatzen ließ! Es ist köstlich, wie ich ein Mann angeführt habe. Der Brief von dem Grafen Ohlau ist mir Goldes wert: das soll der letzte Pfeil sein, den ich verschieße, wenn kein andrer trifft. – Triumph! ich habe gewonnen.«

Quelle:
Johann Karl Wezel: Hermann und Ulrike. Leipzig 1980, S. 512-520.
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