Drittes Kapitel

[166] Jakobs Vater fand, daß sein Sohn seinem Posten etwas schläfrig vorstund: außer der Ohrfeige hatte er Heinrichen nichts als unbedeutende Verweise zugezogen, und zum offnen Zanke war es gar noch nicht gekommen. Er selbst war der Machinationen wider seine Kameraden überdrüssig und verlangte nach einer höhern Sphäre zu seinem Wirkungskreise, und in diese Sphäre gehörten Fräulein Hedwig und Schwinger mit ihren beiderseitigen Untergebenen: er hatte keine geringere Absicht, als daß sie alle samt und sonders in voller Ungnade aus dem Hause sollten. Der Bewegungsgrund? – Keinen hatte er, als weil er eine Ehre darein setzte, bei dem Grafen Einfluß zu haben, und weil es ihn mehr schmeichelte, durch seinen Einfluß andern zu schaden als zu nützen: das Schicksal aller im Hause sollte auf seinem Willen beruhen wie das Geschick einer Welt auf Jupiters Winke. Er hatte, seinem großen Entwurfe gemäß, seine Aufmerksamkeit zuerst auf Fräulein Hedwig gewendet und ihr Verständnis mit dem dicken Amyntas, dem Stallmeister, glücklich ausspioniert: versteht sich, daß es der Graf die Minute darauf erfuhr! Nächstdem hatte er auch eine Vertraulichkeit zwischen der Baronesse und Heinrichen ausgekundschaftet – eigentlich zwar nicht ausgekundschaftet, ob er's gleich bei dem Grafen vorgab, sondern nur erdichtet, und paßte ihnen nunmehr auf, um zum Beweise seiner Erdichtung wahrscheinliche Umstände aufzusammeln. – Um endlich auch den armen Schwinger nicht eine müßige Nebenrolle spielen zu lassen, mußte er sich sogar in die Gräfin verliebt haben und also bei dem Schauspiele die lustige Person sein: kein Abend ging vorbei, wo er den Grafen nicht mit komischen Auftritten jener verwegnen Liebe unterhielt, die der Graf für bare Wahrheit annahm und belachte.

Jakob wurde auf ausdrückliches Verlangen des Grafen zum Spion bestellt: er schlich den ganzen Tag auf dem Saale vor dem Zimmer der Baronesse wie ein lichtscheuer Vogel an den Wänden herum und haschte Fliegen, wenn auch keine da[166] waren, und schielte seitwärts nach allen Vorübergehenden unter den gesträubten Augenwimpern hin. Jedermann scheute ihn, weil er einem Vater gehörte, den jedermann fürchtete, und man vermutete gleich, daß er ein Spion sei. Weder die Baronesse noch Fräulein Hedwig rührten sich einige Tage von der Stelle: Heinrich tat zwar oft seinen Spaziergang in den Garten, aber fruchtlos: er durfte nicht einmal nach der geliebten Türe hinblicken. Die Baronesse wollte den Spion schlechterdings wenigstens auf einige Minuten entfernen, um mit Heinrichen Abrede zur vorgenommenen Rache zu nehmen. Der Junge war äußerst genäschig: sie stahl also ihrer Gouvernante, die beständig einen reichen Vorrat an Purganzen und Vomitiven zu eignem Gebrauche hatte, aus der Kommode soviel von beiden, als sie wegnehmen konnte, ohne die Verminderung der Apotheke sehr merklich zu machen. Die Medikamente wurden durch feine Öffnungen in ein Paket gebackne Pflaumen verteilt, die präparierten Pflaumen in die Tasche gesteckt und in die Tasche ein großes Loch geschnitten: sie lief so oft über den Saal bald dahin, bald dorthin und ließ bei jedem Gange eine Straße von verlornen Pflaumen hinter sich, auf welche Jakob wie eine lauernde Spinne aus ihrem Hinterhalte hervorschoß und mit der aufgelesenen Beute an die Wand zurückeilte, wo er sie begierig mit Fleisch und Kern verschluckte. Seine Freßbegierde machte die Dosis allmählich so stark, daß er vor den Schmerzen der Wirkung nicht auf seinem Posten bleiben konnte. Er ging, dem Rufe der Natur zu folgen; und während seiner oft wiederholten Abwesenheit hatte die Baronesse die Dreistigkeit, auf die Treppe zu treten und so lange zu husten, bis Heinrich den Ruf verstand und herunterkam. Er mußte sie ins Zimmer begleiten; und nun wurde unter Fräulein Hedwigs Vorsitz ein förmliches Komplott wider den Spion geschmiedet; und die Baronesse schlug dabei, um sich von Zeit zu Zeit Operationspläne unentdeckt mitzuteilen, eine eigene Art von Korrespondenz vor.

Es war in dem Hause ein Pfänderspiel Mode, das man die Divination nannte. Eine Person in der Gesellschaft durchstach[167] in einem bedruckten Blatte mit der Stecknadel einzelne Buchstaben, die, herausgesucht und zusammengesetzt, einen Sinn gaben, überreichte das Blatt einer andern, die diesen Sinn heraussuchen mußte. Dieses Spiel brachte sie auf den Einfall, in einem Buche Buchstaben in der Ordnung durchzustechen, daß man sie, wenn das Blatt gegen das Licht gehalten wurde, ohne Beschwerde zu Worten zusammensetzen und lesen konnte. Unter dem Vorwande, als wenn Heinrich ihr und sie Heinrichen Bücher borgte, sollte der Spion selbst ihr Bote sein und die heimliche Stecknadelschrift überbringen. Fräulein Hedwig sah Heinrichen bloß als einen Gehülfen der Rache an, ohne daß sie seine Teilnehmung einer andern Ursache als der Ohrfeige zuschrieb. Nach genommener Verabredung lauerte die Baronesse an der Tür, und bei der ersten Abwesenheit, zu welcher die Pflaumen die Schildwache nötigten – husch! war Heinrich die Treppe hinauf.

Die Korrespondenz nahm ihren Anfang: allein statt sich Entwürfe zur Rache mitzuteilen, ließ man's einige Zeit bei einem verliebten Briefwechsel bewenden. Die beiden Korrespondenten sagten sich in ihrer natürlichen, unschuldigen Sprache Zärtlichkeiten, angenehme Erwartungen künftiger Glückseligkeit, leere Tröstungen mit der Flucht – kurz, alles, womit sich ein Paar Verliebte beunruhigen und aufrichten können. Jakob war so gierig nach den Büchern, die man ihm zu überbringen gab, als nach den Pflaumen und fragte oft bei beiden Teilen an, ob nichts zu bestellen sei: sein Vater hatte ihm ausdrücklichen Befehl dazu gegeben, weil er sich jedesmal vor der Überbringung das Buch zur Durchsicht zeigen ließ, und so einmal einen handschriftlichen Beweis seiner Erdichtung darinne zu erwischen hoffte, wenn's auch nur ein gleichgültiges Zettelchen wäre, das man dem argwöhnisch gemachten Grafen durch eine geschickte Auslegung als sehr strafbar vorstellen könne. Er blätterte und suchte in den Büchern und fand niemals etwas.

Die Beschwerden, die Jakob nebenher allen im Schlosse verursachte, wurden immer drückender. Aus unseliger Gefälligkeit[168] gegen ihren Gemahl hatte sich sogar die Gräfin auf die Seite des Buben geschlagen: überhaupt handelten, liebten und haßten diese beiden Leute beständig wider ihre eigne Überzeugung: ein jedes quälte sich mit Neigungen und Abneigungen, um dem andern zu gefallen, und die Gräfin wurde an dem struppköpfichten Jakob zum wahren Märtyrer der Politesse. Er war ihr bis zum Ekel widrig, wie sein Vater verhaßt, und doch lobte sie das Ungeheuer in des Grafen Gegenwart, tändelte mit ihm, beschenkte ihn und erwies ihm tausend Gütigkeiten, behandelte ihn sogar als ihren Liebling und sagte dem Vater Schmeicheleien über die Annehmlichkeiten seines Sohns: sie ging in dieser traurigen Gefälligkeit bis zur Ungerechtigkeit gegen diejenigen, die dem Jungen mißfielen: man kann leicht raten, wer dies sein mag. Sie ging aus wahrer Abneigung gegen Heinrichen, den ihr seine Feinde die Zeit her in so nachteiligem Lichte vorgestellt hatten, und in völligem Ernste damit um, ihn aus dem Hause wegzuschaffen; und nur eine Art von weiblichem Mitleiden zwang sie, auf Mittel zu denken, wie sie ihm mit den wenigsten Unkosten zu einem Fortkommen außer ihrem Hause behülflich sein könnte. Der Graf hatte ihn unmittelbar nach der Ohrfeige fortjagen wollen, wie er's nannte, allein sein Maulesel verbot es ihm: dem Niederträchtigen war es nicht genug, daß er mit einem so kleinen Zorne wegkommen sollte, und verzögerte durch verstellte Vorbitten bei dem Grafen seine Verabschiedung bis zu einem Zeitpunkte, wo sie mit größerm Aufsehen geschehn konnte.

An Neckereien ließ es sein Jakob nicht fehlen, diesen Zeitpunkt zu beschleunigen. Die Baronesse hatte einen kleinen Fleck im Garten für ihr Taschengeld mit Begünstigung des Onkels bearbeiten lassen, worinne sie einige ihrer verliebten arkadischen Ideen ausführte. Es war eine Laube darinne, kleine Rasenplätze, die Triften vorstellten, worauf sie ein kleines wollenreiches Schäfchen mit einem roten Halsbande zuweilen selbst weidete, Kirschbäume mit eingeschnittenen Namen, die niemand entziffern konnte als sie, Blumenbeete, mit Thymian und Lavendel eingefaßt, von welchen sie Kränze[169] band, um ihre Laube damit zu zieren, auch ein Bach, der bei starkem Regenwetter Wasser und beständig Mücken und Frösche in Menge hatte: sie versicherte in der Folge oft selbst, daß sie in dieser mit Kränzen behangnen Laube, ihr weidendes Schäfchen vor sich, wahre Empfindungen arkadischer Glückseligkeit genossen und in ihrer Einbildung eine Welt um sich geschaffen habe, in welcher sie zeitlebens träumen möchte. An einem Morgen, als sie dieser phantastischen Glückseligkeit zueilte, fand sie alle ihre Kirschbäume zerschnitten, zerknickt, zum Teil umgerissen, ihre Blumen abgeschnitten, die Einfassungen ausgewurzelt, ihre Laube beschädigt: ihre erträumte Welt war dahin und mit ihr ihre Glückseligkeit, traurig sah sie auf die Ruinen ihres Glücks herab, weinte und beschwerte sich bei dem Onkel. Sie gab es dem heimtückischen Jakob Schuld: und da der Bursche sich meisterlich auf das Leugnen verstund, so endigte sich die Klage mit einem doppelten Verweise für die Baronesse, daß sie einen Unschuldigen angeklagt habe und daß sie in ihrem Alter die Unanständigkeit begehe, über solche Kindereien zu weinen.

Jakob bekam Lust zu ihrem Schäfchen, das sie seitdem mit stiller Wehmut zuweilen in dem verwüsteten Arkadien geweidet hatte: ohne Anstand mußte es ihm abgetreten werden und der Garten dazu, mit dem Bedeuten, daß sich eine sechzehnjährige Baronesse mit ernsthaftern Vergnügen als mit solchen Kinderpossen die Zeit vertreiben müsse. -»Stricke, sprich, nimm die Karten in die Hand! das ist anständiger für dich« – belehrte sie der Graf.

Die Baronesse unterhielt sich aus natürlicher Freude an dem niedrigen Leben mit den geringsten Mädchen, und nicht selten ging sie, wenn die Hintertür des Gartens offen war, auf der großen Wiese, in einem Zirkel von Bettelkindern, spazieren, unter welche sie ihr Taschengeld austeilte: nicht selten gesellte sie sich zu den Mägden und Frönern, wenn sie Heu machten, setzte sich unter sie, kaufte ihnen ein Stück ihres groben Vesperbrots ab und aß mit ihnen, so vergnügt und heiter über ihren dörfischen Scherz, als wenn sie dazu geboren wäre. Jakob belauerte sie, zeigte es an, und auch dieses[170] Vergnügen wurde ihr bei der schärfsten Strafe und in den schärfsten Ausdrücken untersagt.

Heinrichen konnte er im Grunde weniger anhaben, weil man sich um diesen weniger bekümmerte: er suchte ihn also auf seines Vaters Eingebung mit Schwingern zu entzweien. Er goß ihm Tinte auf die Bücher oder auf die Wäsche und beteuerte alsdann mit Schwüren, daß er's Heinrichen habe tun sehen. Er wollte Herr des Zimmers sein, despotisch befehlen, wo dieses, wo jenes stehn sollte, daß oft selbst der gutmütige Schwinger die Geduld verlor und seine Hand mit Gewalt zurückhalten mußte. – Heinrich hingegen war aller Zurückhaltung überdrüssig: er widersetzte sich ihm itzt mutig und tat gerade von allem das Gegenteil, was er wollte: die Aussicht auf die nahe Flucht, wozu man nunmehr durch die geheime Korrespondenz den Tag angesetzt hatte, gab ihm unüberwindliche Herzhaftigkeit.

Vorher aber beschloß er Rache über ihn, die er für sich ohne Zutun der Baronesse ausführen wollte. Der Junge war so neugierig als genäschig: ein hellfarbiger Lappen, ein funkelnder Stein konnte ihn wer weiß wie weit locken. Heinrich hing also an einem Baum jenseits eines schlammichten, tiefen Grabens etliche bunte flatternde Bänder auf, überbaute einen schmalen Fleck des Grabens mit einigen dünnen Stecken, schüttete Erde darauf und bedeckte sie künstlich mit Laub und Gras, daß man die Falle nicht vermutete. Jakob wurde durch eine Straße von gestreuten Kirschen, die wie verloren dalagen, zu dem Orte gelockt: kaum erblickte er die wehenden roten Bänder von weiten, als er nach ihnen hineilte: er hoffte eine Entdeckung zu machen, die er oder sein Vater zu jemands Unglücke brauchen könnte, hielt in der Übereilung Heinrichs gebaute Brücke für festen Boden, galoppierte auf sie hin, den Blick stier auf die roten Bänder gerichtet – pump! brach der betrügerische Steg ein, und Jakob lag bis an die Schultern im Schlamme: die Ufer des Grabens waren tief und für ihn unersteiglich, sosehr er arbeitete, herauszukommen: er schrie, doch niemand hörte ihn.

Sein Vater, der Graf und auch endlich die Gräfin waren in[171] der äußersten Verlegenheit, daß der werte Jakob sich verloren hatte: man suchte ihn mit Laternen und Fackeln und kam in den abgelegnen Teil des Gartens nicht, wo er im Schlamme seufzte: er mußte die Nacht unmaßgeblich mit dem feuchten Bette vorliebnehmen. Die Nachsuchung wurde den andern Tag wiederholt: der Gärtnerbursche hörte wohl, als er in die Nachbarschaft des Grabens zufälligerweise kam, etwas piepen, das einer Menschenstimme ähnlich klang: allein da es sich nicht in artikulierten Tönen näher erklärte, so ging er seinen Weg und ließ es piepen. Zufälligerweise kömmt er nach Tische in die Küche, erzählt sein piependes Abenteuer und ist beinahe der Meinung, daß die kleine Komtesse Fritzchen, die vor dreißig oder mehr Jahren, als der Graben noch Wasser hatte, nach der Sage des Städtchens darinne ertrunken war, dies Klagelied angestimmt habe. Die Vermutung war nicht übel ausgedacht: denn alle Gärtnerburschen vor ihm hatten dergleichen Jammertöne von dem ertrunknen Fritzchen gehört, und durch ununterbrochene Tradition waren alle Gärtnerburschen in den Besitz eines unauslöschlichen Rechts geraten, allein mit Ausschließung aller andern Erdenbewohner das ertrunkne Fritzchen jammern zu hören. Der Bursche stand im Kredit eines großen Verstandes und fand bald unter den Domestiken starken Anhang: alle erklärten seine Erklärungsart für die einzige orthodoxe Meinung, nur der Koch, ein Heiducke und ein Jäger, drei rohe Kerle, die weder Himmel noch Hölle glaubten, waren Antifritzianer: der andere Jäger war anfangs ein Zweifler, erklärte sich aber, als Not an den Mann ging, für die orthodoxe Partei. Die Fritzianer konnten es nicht ertragen, daß sie ihre Gegner mit ihrem einfältigen Glauben aufzogen und laut belachten: diese beriefen sich alle drei in einem Tutti auf die Unmöglichkeit der Sache; und jene setzten ihnen entgegen, daß es aber geschehen sei, und geschehne Dinge könne man doch nicht verwerfen.

»Es ist nicht geschehen«, sagten die Antifritzianer.

»Es ist aber geschehen!« riefen die Fritzianer. »Moritz, hast du's nicht gehört?« –[172]

Wo war Moritz? Der kluge Sektenstifter, als er den Streit zu lebhaft werden sah, schlich sich heimlich aus der Küche fort. Da also der Zeuge fehlte, schränkte man sich bloß auf eine Disputation über die Möglichkeit der Sache ein. Die Fritzianer bewiesen aus der Geschichte alter Gespensterbegebenheiten die Wirklichkeit eines solchen Vorfalls: die Antifritzianer leugneten Faktum und Schlußfolge und verlachten alle Gespensterhistorien als alte Weibermärchen.

»Ja«, sagte der Tafeldecker, ein heimlicher Antifritzianer,

»Moritz kann sich wohl geirrt haben: vielleicht ist es ein ungeschmiertes Schubkarrenrad gewesen« –

»Oder eine Eule«, schrie der Jäger, der Antifritzianer. –

»Oder eine Maus«, rief der Heiducke –

»Oder ein kranker Hammel«, sprach der Koch –

»Oder ein Schwein«, unterbrach ihn der Heiducke –

»Oder ein Esel«, rief der Jäger –

»Oder ein Ochse«, schrie der Koch –

»Ihr werdet doch die drei Kerle nicht recht behalten lassen«, zischelte der andere Heiducke, ein eifriger Fritzianer, einigen von seiner Partei zu: wie ein Lauffeuer verbreitete sich seine Anreizung von einem zum andern, und in wenig Sekunden war der ganze Haufen entschlossen, recht zu behalten.

»Gebt euch nicht mehr mit solchen Halunken ab!« sagte der nämliche Heiducke laut zu seiner Partei, um den eingeschlafnen Streit wieder anzufachen. »Die Kerle glauben nicht, daß eine Sonne am Himmel ist, wenn sie ihnen gleich den Kopf verbrennt.«

»Ihr habt wohl Ursache zu schimpfen!« erwiderte der Jäger von der Gegenpartei, ein feiner Spötter. »Ihr Schöpse glaubt jeden Quark frischweg, wie er auf die Erde fällt.«

»Und ihr lebt wie die Säue in den Tag hinein und glaubt gar nichts«, riefen die Fritzianer alle.

»Weil ihr Hornvieh, dumme Esel seid«, rief der Koch pathetisch, »deswegen glaubt ihr alles. Ihr seid ja, straf mich Gott! so ochseneselgänserindviehdumm wie die Gänse: die nehmen auch alles an, was man ihnen in den Hals stopft.«

»Warte! ich will dich taufen, daß du einmal ein Christe[173] wirst«, sagte der Heiducke von der Gegenpartei, ein schlimmer Spötter, und goß ihm ein ganzes Gefäß voll Wasser über den Kopf, das ihm die Küchenmagd, voll Ärger über des Kochs Unglauben, von hintenzu heimlich reichte.

»Macht die Tür zu!« rief der ergrimmte, triefende Koch zu seiner Partei, und im Augenblicke schlug sie der antifritzianische Jäger zu. – »So wollen wir dann«, fuhr der wütende Küchenmonarch fort, »die verfluchten Kerle sengen und brennen, bis sie nicht mehr glauben« – und sogleich schleuderte er einen großen Feuerbrand vom Herde unter die zitternden Fritzianer hin; seine Gesellen folgten dem Beispiele, und alle drei Antifritzianer rückten, flammende Feuerbrände in den Händen, wider die Gegner an. Unter den bedrängten Fritzianern, die zwischen den Feuerbränden und der verschlossnen Tür im eigentlichsten Verstand in ecclesia pressa sich befanden, schlug sich einer die sengenden Funken vom Kleide, ein anderer löschte das rauchende Toupet, ein dritter drückte sich den wundgeschundnen Arm, und ein Teil floh hinter den Herd, um den Antifritzianern in den Rücken zu fallen. Es geschah wirklich. Dem Koche, der à la françoise, den Hut auf dem Kopfe, alle seine Verrichtungen tat, fiel plötzlich der Filz vom Haupte in seinen Feuerbrand, und er fühlte eine gewaltige Hitze im Nacken: der fritzianische Heiducke, der ihn vorher ersäufen wollte, hatte ihm den zierlichen Crapaud, der seine Haare verschloß, in Brand gesteckt. Er mußte hurtig löschen, seine Gesellen eilten, ihn zu rächen;

unterdessen sprengte die Gegenpartei die Tür auf und entfloh: die übrigen machten sich die Unordnung des brennenden Kochs zunutze und entwischten gleichfalls.

Als sie sich von ihrer Flucht auf dem Hofe versammelt hatten, faßten sie insgesamt den Entschluß, nunmehr, da sie sich genug um die Wahrheit gezankt hatten, die Wahrheit zu untersuchen. Sie näherten sich in corpore dem Graben, horchten; es jammerte: – »Ich lasse mich fressen, wenn das nicht eine Menschenstimme ist«, schrien sie alle. »Das muß der Koch hören!« – Sogleich wurde eine Gesandtschaft an ihn abgeschickt, die ihn nach langen Weigerungen herbeibrachte.[174] Er horchte, stutzte – »Ja, es ist eine Menschenstimme«, sagte er. – »Siehst du, du ungläubiger Höllenbrand«, rief der ganze Haufe auf ihn los, »daß es Komtesse Fritzchen ist?« –

»Und wenn's der leibhafte Teufel wäre«, brach der zornige Koch wütend aus, »so zieh ich ihn bei den Hörnern heraus« – und so marschierte er auf den Graben los. Alle hielten ihn zitternd zurück und baten, die Komtesse nicht mehr in ihrer Ruhe zu stören – »laßt mich!« rief er, wand sich los und zog das große Küchenmesser von der Seite – »laßt mich! oder ich mach euch alle zu Gespenstern.« – Man fürchtete die Drohung eines so grimmigen Mannes und ließ ihn: er sah in den Graben hinunter – die Klagestimme wurde immer lauter – er sah ein menschliches Gesicht über den Schlamm herausragen – erkannte es: »Es ist der verfluchte Jakob«, rief er. »Warte, du Schandbube! die Kehle will ich dir abschneiden, daß du uns so zum Narren gehabt hast.« – Er ließ eine Leiter holen, stieg hinunter und zog den versunknen Jakob mit etwas sehr unsanfter Manier aus dem Schlamme herauf. Wie ein schwarzer Geist, mit Schlamme von oben bis unten überzogen, lag er triefend am Rande da und mußte sich noch obendrein von dem ganzen Haufen ausschelten lassen, daß er so großen Zwiespalt unter ihnen erregt hatte.

Der Herr Vater hatte die Gewohnheit, wenn zwei oder drei Personen beisammenstunden, gingen und sprachen, sogleich sich bei ihnen einzufinden, um etwas von ihrem Gespräche aufzuschnappen: kein Wunder also, daß er hinter dem ansehnlichen Truppe des ganzen Hofgesindes, wie ein Wolf hinter der Schafsherde, augenblicklich nachfolgte! Der Koch überlieferte ihm seinen Sohn mit dem Küchenwitze, daß er ihm hier einen Schweinsbraten mit Kirschsauce zustellen wolle. Der Vater, zu beschäftigt mit dem Unglücke seines geliebten Erben, verschluckte den satirischen Einfall und wanderte unter Begleitung der sämtlichen Domestiken ins Haus, um ihn säubern zu lassen. Alles lief an die Fenster, als sich der Zug durch die Allee näherte: Heinrich und die Baronesse waren nicht die letzten darunter, und mit der innigsten[175] Herzensfreude sahen sie den pechschwarzen Jakob an der Hand des Vaters traurig daherwandeln, während daß der begleitende Trupp sich mit mutwilligen Liedern über sein Unglück belustigte. Auf dem ganzen Schlosse war dieser Tag ein Freudenfest.

Das schlimmste war nur, daß dies Freudenfest ernsthafte Folgen nach sich zog. Der erboste Jakob und sein Vater wußten nicht, an wem sie sich für sein Unglück rächen sollten, und hielten sich, um nicht ganz ungerochen zu bleiben, an die Personen, die bei dem Schauspiele nicht geschäftig genug gewesen waren: der Gärtnerbursche erhielt seinen Abschied, daß er dem wimmernden Jakob nicht nachgespürt, sondern sogleich, als er das Klaggeschrei gehört, wieder weggegangen war, ohne ihm herauszuhelfen. Der Koch wurde für den beißenden Küchenwitz, den er sich nach der Errettung des Buben entwischen ließ, insofern suspendiert, daß er vier Wochen nicht mehr die Schokolade des Morgens für den Grafen machen durfte, welches er bisher am besten gekonnt hatte: allein da der Grafsich bei dieser Suspension am schlimmsten befand, weil ihm seine Schokolade niemals schmeckte, so wurde sie wieder aufgehoben und in die Ungnade verwandelt, daß er alle Essen tadelte, wenn sie auch seinem Gaume noch so wohl behagten.

Quelle:
Johann Karl Wezel: Hermann und Ulrike. Leipzig 1980, S. 166-176.
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