Drittes Kapitel

[223] Zur bestimmten Stunde flog er am folgenden Morgen zu seinem Patrone. Der Bediente stellte eine lange Untersuchung mit ihm an und hieß ihn endlich warten. Nach einer halben Stunde öffnete er einen Flügel der Tür, ging voran und gebot, ihm nachzufolgen. Die Wanderung geschah[223] durchs ganze Stockwerk, wenigstens durch fünf bis sechs große Zimmer, und am Ende steckte er ihn in ein kleines, enges Stübchen, wo er ihn abermals warten hieß. In einer halben Viertelstunde trat der halbangekleidete Patron durch eine Nebentür auf, eine Büchse mit Zahnpulver in der einen Hand, in der anderen ein Bürstchen, womit er die breiten Zähne scheuerte, daß ein rosenfarbener, müskierter Sprühregen aus dem Munde hervorsprützte. Er blieb in dieser Beschäftigung lange stumm bei der Tür stehen und überlegte bei sich, ob er den jungen Menschen Sie oder Er nennen sollte: endlich wählte er einen klugen Mittelweg und fragte: »Was will man?« – Hermann tat seinen Vortrag. -»Also lebt Schwinger noch?« unterbrach ihn der Patron. Heinrich führte ihm den gestern abgegebnen Brief zur Beantwortung der Frage zu Gemüte: der Patron besann sich. »Ja, ich hab ihn gelesen«, sprach er. »Wenn sich etwas findet, worinne ich dienen kann, so darf man sich nur an mich wenden: ich werde mir ein Vergnügen daraus machen« – hustete und ging ab.

Erstaunt stand Heinrich da und wußte nicht, ob er gehn oder bleiben sollte: er bildete sich ein, der Patron habe nur einen Abtritt genommen, um mit tätiger Hülfe zu ihm zurückzukehren: der Himmel weiß, mit welchen jugendlichen Einbildungen mehr er sich täuschte: doch da die Wiedererscheinung zu lange außenblieb, so schloß er ganz vernünftig, daß er die Erlaubnis habe, wieder nach Hause zu gehn. Er wäre gern diesem Schlusse gefolgt, aber wie sollte er sich durch die vielen Zimmer bis zum Ausgange finden? Zudem schien es ihm auch unanständig, in fremden Zimmern allein herumzuschweifen. Er sah durchs Fenster: Niemand rührte sich. Er versuchte eine Tür zu öffnen: sie war verschlossen. Da er fast eine halbe Stunde lang eingesperrt war und keine Erlösung vor sich sah, wagte er's herzhaft, den Weg wieder aufzusuchen, durch welchen man ihn hereingelassen hatte. Mit vieler Behutsamkeit, nachdem er vorher an jeder Tür gehorcht hatte, fand er sich durch zwei Zimmer hindurch: aber nun war seine Geographie aus: das dritte Zimmer hatte[224] vier Türen: er brauchte bei jeder die nämliche Vorsicht, öffnete eine-Götter und all ihr himmlischen Mächte! welcher Anblick!–, eine junge Dame im nachlässigsten Negligé lag lang ausgestreckt auf einem Sofa, ein zottiges Hündchen stand auf den Hinterbeinen neben ihrem Kopfe, eine Vorderpfote ruhte auf dem Busen, die andre hielt seine Gönnerin in der Hand und küßte sie mit stummer Zärtlichkeit, während daß ihre andre Hand ihn bei dem langbehangenen Halse faßte und freundschaftlich an die Brust drückte. Heinrich wurde glühend rot: er glaubte zu träumen: denn seine verliebte Einbildung gab der Dame so völlig das Gesicht der Baronesse Ulrike, daß in seinen Gedanken nichts gewisser war, als, sie sei ihm nachgefolgt und wolle ihn durch ihre Gegenwart überraschen – daß nichts gewisser war, als, man habe ihn auf ihre Veranstaltung eingesperrt und sich selbst überlassen, um sie bei seinem Herumirren zu finden. Diese Erdichtung war in zwei Pulsschlägen gemacht, und mit dem dritten schwebte schon »Ulrike!« auf der Zunge: noch ehe der Laut durch die Lippen flog, wurde ihn die Dame gewahr, sprang auf, als wenn sie den feurigen Ziegenbock erblickt hätte, daß das arme Hündchen jammernd zu Boden stürzte, und rennte mit tugendhafter Eile davon: der Hund, um das Schrecken seiner Gebieterin zu rächen, lief klaffend auf den halb sinnlosen Heinrich zu und zwang ihn, seinen Posten zu verlassen. Der Hund setzte ihm mit unaufhörlichem Bellen nach: es erhub sich in den Nebenzimmern ein Getöse: man schlug Türen auf, schlug Türen zu, trampelte auf und ab: es ward ihm bange, was man mit ihm auszuführen gedenke, die eingebildete Gefahr gab ihm Entschlossenheit: er riß herzhaft eine Tür auf, flüchtete durch ein Zimmer, dann noch durch eins, und nun war er zu großer Herzensfreude an der Treppe, setzte hinunter, der Hund hinter ihm drein. Der Bediente begegnete ihm in der Haustür und wunderte sich nicht wenig, daß ein Mensch, den er schon längst nicht mehr im Hause glaubte, sich itzt mit Hunden forthetzen ließ. So ein stürmisches Ende nahm die erste Patronschaft.

Doch Heinrich konnte sich nicht vorstellen, daß damit nun[225] alles aus sei: davon hatte er gar keinen Begriff, daß ein Mann in einem hohen Posten nicht helfen könne; und daß er's nicht tun wolle, wenn er gleich könnte, der Gedanke galt in seinem Kopfe der Unmöglichkeit gleich. Er war sich bewußt, daß er jedem Ärmern seinen letzten Pfennig freiwillig geben würde, wenn er ihn in Not sähe, daß er so bereitwillig, als er Schwingers kleinstes Verlangen erfüllte, von einem Ende der Stadt bis zum andern laufen würde, wenn jemand einen Dienst von ihm foderte; und solche Leute, die viel älter waren als er und also nach seiner Voraussetzung besser sein mußten, sollten schlechter denken und handeln als er? – Eine solche Vermutung fiel ihm gar nicht ein, besonders da sie nach seinen jugendlichen Vorstellungen bloß da waren, um jedem zu helfen, der Hülfe bedurfte. Er erwartete sie standhaft von seinen Patronen und ließ sich keinen Kummer anfechten.

Eine Menge Krämer, die sich in einem Menschen von seinem Alter eine gute Kunde versprachen, begleiteten ihn bei seiner Rückkunft auf sein Zimmer und wunderten sich nicht wenig über die Entschlossenheit, mit welcher er seiner Kauflustigkeit und ihren Einwendungen widerstand: aber einer andern Begierde konnte er desto weniger widerstehn: er brannte vor Verlangen, einen Gang um die Katholische Kirche zu tun und neue Lorbeeren der Wohltätigkeit einzuernten: er fühlte etwas in sich, das ihn über sich selbst erhob, ein Entzücken, das ihn süßer begeisterte als alle genossene Freude – nur Ulrikens Gegenwart und der Gedanke an sie hielt ihm die Waage –, er schien sich über die Sterblichkeit hinausgeschwungen, wenn er sich umringt von einem Zirkel Knaben dachte, die Hülfe von ihm flehten, wie er stolz daherging, bei jedem Schritte von einem neuen Dürftigen angesprochen wurde, mit edler Freigebigkeit ihr Elend milderte, und wie dann der ganze Trupp mit frohen Gesichtern und lautem Danke und Wünschen ihm nachlief, indessen daß er sich mit der Vorstellung ergötzte, diesen allen geholfen zu haben: das Bild rührte, bezauberte, fesselte ihn: in freudiger Berauschung füllte er seine Tasche und eilte nach dem Schauplatze seiner[226] Wohltätigkeit hin, und es fehlte ihm nie an Veranlassungen, die Freuden der Gutherzigkeit reichlich zu genießen. Itzt, nachmittags, hatte er seinen menschenfreundlichen Spaziergang zweimal getan und fühlte einen unwiderstehlichen Zug, ihn zum dritten Male zu wiederholen: er hatte freilich nur noch einen einzigen Taler im Vermögen und wußte nicht, woher er Geld nehmen sollte: bedachtsam legte er den Taler auf den Tisch, wenn ihm diese Bedenklichkeit einfiel, steckte ihn in die Tasche, wollte gehn, besann sich, überzählte sein Geld – es war und blieb nicht mehr als ein Taler: er wollte auf dem Zimmer bleiben, stritt, kämpfte mit sich selbst und – ging. Der Ruf seiner Wohltätigkeit hatte sich schon wie ein Lauffeuer unter den Armen ausgebreitet: eine ansehnliche Zahl hatte sich truppweise versammelt und erwartete ihn: wie er den ersten Schritt aus dem Hause setzte, tönte ihm schon eine klägliche Bitte entgegen: um sein Vergnügen zu verlängern, machte er zwar kleinere Portionen, aber die Menge der Prätendenten war so groß, daß er seinen Taler schon rein ausgeteilt hatte, als er bei der Katholischen Kirche anlangte: dort erwartete ihn der stärkste Teil der Armee, aus jedem Winkel geschah ein Anfall auf ihn: man nannte ihn den kleinen Prinzen, Eure Durchlaucht, Eure Hoheit – welches Unglück, er fühlte und suchte in allen Taschen und fand nichts. Den Kopf hätte er sich mit der Faust zersprengen mögen: beschämt, verwirrt, geängstigt wie ein Missetäter, der ins Gefängnis geführt wird, eilte er mit niedergeschlagnen Augen dahin, und der ganze Haufen bittend und schmeichelnd hinter ihm drein: unter dieser zahlreichen Begleitung langte er zu Hause an, daß sich die Leute auf der Gasse und an Fenstern laut fragten, welches der Delinquent sei, den man einführte.

Dies war der unglücklichste Abend seines ganzen bisherigen Lebens: Scham und Ärger folterten ihn und verstatteten ihm nur wenige Minuten ruhigen Schlaf. Er war von der Höhe seiner Einbildung herabgeworfen worden und sollte noch tiefer herabsinken.

Der Lohnlakai hatte eine andre Herrschaft unterdessen zu[227] bedienen bekommen und bat also den Morgen darauf um seine Entlassung und Bezahlung. Herrmann geriet in Todesangst: er mußte seinen Mangel an Gelde bekennen und ihn vertrösten, bis ihn sein Freund Schwinger aus der Verlegenheit reißen werde, an welchen er noch den nämlichen Tag schrieb. Den Augenblick verwandelte sich die übermäßige Höflichkeit des Bedienten in übermäßige Grobheit: er sagte einige empfindliche Reden und ging. Heinrich hätte sich vor Ärger zum Fenster hinabstürzen mögen. Kurz darauf ließ der Wirt, dem der Lohnlakai großen Argwohn beigebracht hatte, seine Rechnung überreichen mit dem Bedeuten, daß diesen Nachmittag eine Herrschaft das Zimmer in Besitz nehmen werde, die es schon vor vielen Wochen habe bestellen lassen: alle übrigen Zimmer im ganzen Hause waren besetzt. Er nahm das fatale Papier, warf sich in einen Lehnstuhl und schwieg.

Was nun zu tun? – Es war die erste Verlegenheit dieser Art in seinem ganzen Leben und griff ihn deswegen mit einer Stärke an, die ihn bis zur Verzweiflung brachte. Nicht zu bezahlen und fortzugehn? – das gab Ehre und Gewissenhaftigkeit nicht zu. Dazubleiben und um Nachsicht zu betteln? – das war ihm bitter wie der Tod. Sich an seine Patrone zu wenden? – So bedenklich ihm das schien, so bequemte er sich doch dazu. In vollem Vertrauen, daß niemand eine Bitte abschlagen werde, die er auch den unbekanntesten Menschen nicht versagt hätte, ging er zu dem einen und dem andern: der eine ließ ihn nicht vor sich, der andre war nicht zu Hause. Die Verlegenheit drückte wie eine Zentnerlast auf sein Herz: er konnte kaum atmen. An der Haustür des Advokaten unterdrückte er alle Einwendungen der Ehre und faßte den verzweifelten Entschluß, sein bißchen Habseligkeit dem Wirte statt der Bezahlung zurückzulassen und in die Welt hineinzugehn. Die Gewißheit, was er tun wollte, erleichterte plötzlich seinen Schmerz: sobald nur der Vorsatz gefaßt war, setzte sich alles in ihm in Bewegung, ihn zur Ausführung zu begeistern. Er wanderte mit heroischem Mute zum Pirnaischen Tore hinaus gerade dem Großen Garten zu. Alle Reize[228] der unendlich schönen Gegend, das ganze herrliche Amphitheater einer langen Ebne, mit Bergen, Wäldern und fernen, vielgestalteten Felsen umgürtet, fesselte ihn nicht: Kummer und Mut, Besorgnis und Entschlossenheit kämpften in ihm mit tyrannischer Wut. Er suchte einen einsamen Ort, warf sich in dem dicksten Gebüsche auf den Boden hin und seufzte. Er kehrte seinen Plan auf allen Seiten herum und wußte ihm keine bessre Wendung zu geben, als daß er sich vornahm, den nächsten Pfarrer oder Schulmeister um Aufnahme und Unterhalt zu ersuchen und jede Arbeit dafür zu übernehmen, deren er fähig wäre. Der Schluß war so fest, so unerschütterlich als die Tanne, die ihn mit ihren tief hängenden Ästen beschattete.

Ein Fasan erhub in der Nachbarschaft seine rauhe Stimme, er erhielt Verstärkung, und der Gesang wurde zum allgemeinen Chor: auf allen Bäumen hüpften und zwitscherten Vögel in mannigfaltiger Vermischung, so munter, so fröhlich, als wenn sie seines Elends spotten wollten: das ganze Gebüsch war ein lauttönendes Konzert glücklicher Geschöpfe. – »O ihr seligen Geschöpfe! ihr bedürft keines elenden Silbers oder Goldes, um glücklich zu sein!« sprach er, stund auf, ging tiefer ins Gebüsch, um der widrig fröhlichen Musik zu entgehn. Er trat in einen schauernden, finstern Gang, wo unter dem Gewölbe verschlungener Fichtenäste tote Stille und Melancholie wie ein ausgebreiteter Flor schwebte: je grauser, je willkommner: je mehr er schauerte, je glücklicher fühlte er sich. Das finstre, lebenlose Leere des Orts spannte die Flügel seiner Einbildungskraft: das Gewölbe wurde enger und düstrer: ein schmaler, weißer Sandweg leuchtete in verzognen Krümmungen durch die Dunkelheit vor ihm her: bald wurde er ihm zu einem Geiste, in weißes Gewand gehüllt, der ihn leitete; bald war es Ulrike in ihrem Atlaskleide, die ihn aus dem Labyrinthe führte: er hörte Atlas rauschen: der weiße Weg verlor sich, und Ulrike verschwand. Welche Betrübnis! auch eingebildetes Glück muß ihm das mißgünstigste Schicksal rauben! – Itzt schimmerte fernher der Pfad wieder aus den aufgehäuften Fichtennadeln[229] hervor: welche Freude! Als wenn die leibhaftige Ulrike sich wieder zu ihm eingefunden hätte!

»O Ulrike!« rief er und schlug die Hände über dem Kopfe zusammen, als sich der Weg zum zweiten Male verlor, »wenn ich jemals so wieder bei dir sitzen könnte wie am Abende, als ich mich von dir trennen mußte! Das war ein Leben! ein Leben, um sich niemals den Tod zu wünschen! – Aber itzt, itzt bin ich schon so gut als tot. Um meiner Nahrung willen muß ich auf einem Dorfe vermodern, verachtet und unbekannt dahinsterben: Du eilst der Ehre und dem Reichtum entgegen, vergissest mich in Wollust und Freuden; und ich! – was werd ich? – ein verachteter, elender Bettler, der ums Brot arbeiten muß! – O wenn ich wieder jung werden und an alle die Örter der Freude, zu meinem Freunde, zu Ulriken zurückkehren dürfte!« –

Er schwieg lange: dann fuhr er hastig auf:

»Aber wenn sie nun wirklich nach Dresden käme! wenn sie mir nun nachgegangen wäre! wenn sie nun wirklich in dieser Minute, heute oder morgen ankäme! und ich hätte die Stadt verlassen! sie fände mich nicht und geriet in noch größeres Elend als ich! – Nein, ich muß zurück! ich muß! ich muß!« -Übereilend drängte er sich durchs Gebüsch hindurch und schonte weder Haut noch Kleidung, als wenn sie schon außen auf ihn wartete. Plötzlich war er auf einem freien Platze und die ganze Stadt mit Türmen, Häusern und Gärten im schönsten Sonnenglanze vor ihm: der glänzende Anblick, wie er so schnell auf den vorigen melancholischen Aufenthalt folgte, riß seine Seele empor: er schien sich aus einem Kerker gezogen, und die Sonne zerstreute seinen Kummer wie Nebel. Er wurde durch eine geheime Macht nach der Stadt hingezogen, und bei jedem Schritte wuchs mit seinem Wunsche die Wahrscheinlichkeit, daß der Advokat sich seiner annehmen werde. Diesen Mittag zu hungern, weil es nicht anders sein könnte, hatte er sich schon gefaßt gemacht.

Er schwankte, ob er in seine Wohnung zurückgehn sollte: endlich entschloß er sich dazu und war sogar nicht übel willens, etwas von seinen Habseligkeiten auf allen Fall in[230] die Tasche zu stecken: er erschrak bis zum Erröten, als sich ihm diese Vorsichtigkeit wie eine Betrügerei vorstellte. ›Nein‹, sagte er sich, ›ich muß erst meine Sachen taxieren, ob sie zur Bezahlung zureichen; und dann –‹

Hier kam ihm eben der Lohnlakai sehr freundlich und dienstfertig entgegen und bückte sich vor ihm, daß die Nase aufs Knie stieß: er wollte seiner Höflichkeit gar kein Ende machen. Das unerwartete Betragen war unerklärlich. – »Bleiben Sie ja ein Viertelstündchen zu Hause!« sprach er und lief eilfertig nach dem Hut, »ich will gleich jemanden holen: das wird eine Freude sein!« – Mit diesen kurz herausgeatmeten Worten lief er davon und ließ Heinrich Zeit, über seinen Text Mutmaßungen zu machen. Was war natürlicher, als daß es die Baronesse sein mußte, die er holte? – Sie war eben angekommen, hatte sich bei einem seiner Patrone nach ihm erkundigt, ihn hier aufgesucht, nicht gefunden, dem Lohnlakai ein gutes Trinkgeld versprochen, wenn er sie sogleich nach seiner Rückkunft rief, und um dieses tun zu können, mußte sie Geld mit sich bringen: aber woher das? – Ei! konnte sie denn nicht ihre diamantnen Ohrgehenge verkauft haben? Oder vielleicht hatte sie sich Schwingern anvertraut: vielleicht hatte er ihr durchgeholfen, Geld geborgt. Aber was brauchte er sich denn darum zu bekümmern, wie sie zum Gelde kam? Genug, sie sollte angekommen sein und Geld bei sich führen, um ihn aus seiner Verlegenheit zu reißen: das ist nun so eine zusammenhängende, einleuchtend wahre Geschichte! Je mehr er sie wahr wünschte, je mehr vergaß er, daß er sie bloß mutmaßte.

Nach langem, ungeduldigem Hoffen hörte er die Stimme des Lohnlakais: sein Herz klopfte, er zitterte, er flog nach der Tür, riß sie auf und – erblickte eine Perücke, einen ölgelben Rock, von oben bis unten zugeknöpft, schwarze Unterkleider und einen silbernen Duodezdegen, der aus der Öffnung des Schoßes hervorguckte – mit einem Worte, seinen Patron, den gutmütigen Advokaten.

»Lieber Sohn«, fing er an, »du sollst heute bei mir essen: meine Frau ist verreist. Wenn die Katze nicht zu Hause ist,[231] macht sich die Maus lustig, wir wollen hoch zusammen leben; und wenn du so angebrachtermaßen bei mir als heute mittags issest, so wollen wir weiter deliberieren, was in puncto deines Fortkommens zu tun und zu machen ist.«

Er berichtete zugleich, daß er ihn schon zweimal vergeblich gesucht und in der Nachbarschaft bei einem Freunde erwartet habe. Welche fröhliche Botschaft! – Sie wanderten zusammen fort.

Bei Tische entdeckte er ihm, daß er seine Rechnung im Gasthofe bezahlt habe und ihn zu sich ins Haus nehmen wolle:

aber was ihn dazu so schnell bewegte, verschwieg er ihm. Schwinger hatte ihn in einem zweiten Briefe ersucht, seinen Freund zu sich zu nehmen, und Tisch und Wohnung vierteljährig für ihn zu bezahlen versprochen. – »Aber lassen Sie ihn nichts davon merken!« schrieb er. »Der Bursche muß glauben, seinen Unterhalt durch seine Arbeit zu verdienen, damit er sich daran gewöhnt und es ohne Widerwillen tut, wenn er's bedarf. Beschäftigen Sie ihn also unaufhörlich und unterlassen Sie nichts, was Sie zu seinem Fortkommen beitragen können! Vielleicht kann ich ihn in einem halben Jahre wieder zu mir zurückholen: der Oberpfarrer in G** ist gefährlich krank: man hat mir seinen Platz versprochen: stirbt er, so werde ich schon weiter für den jungen Menschen sorgen. Er liegt mir am Herzen wie mein Sohn.« –

Der gutmütige Doktor Nikasius – so heißt er – war unmittelbar nach Durchlesung des Briefs so fest wie itzo entschlossen, die Bitte seines Freundes gewissenhaft zu erfüllen: aber die Frau! die Frau! – Er gestund Heinrich offenherzig, daß sie das große Hindernis bei allem Guten sei, was er nur jemals tun wollte. »Aber«, setzte er hinzu, »wir wollen sie schon dergestalt und allermaßen hinter das Licht führen, daß sie sich fordersamst zum Ziel legen soll. Anlangend nun deine Herkunft also, wollen wir ihr dergestalt und allermaßen überreden, du seist ein Edelmann: denn die Hexe will mit niemandem sonst etwas zu tun und zu schaffen haben. Wenn du nun zwar kein Edelmann bist, noch sein oder heißen willst und dir solchemnach allerhand Kalamitäten und Beschwerden[232] durch Arrogierung einer unerweislichen Geburt zuwachsen und erfolgen dürften, solchergestalt also wollen wir ihr ferner geflissentlich anheimstellen, deine Geburt als ein Fideicommissum wohl und geziemend zu bewahren, auch niemandem zu entdecken, noch viel weniger zu offenbaren, welchergestalt und auf was für Art und Weise es nur immer sein und geschehen möge. Zufolgedessen sollen alle deine Res mobiles noch heute anhero gebracht und geschafft werden, damit du in possessione bist und sie dich sofort ohne große Unhöflichkeit nicht extrudieren kann.« –

Die Anstalt wurde auch sogleich gemacht und Heinrich in den Besitz einer Kammer gesetzt, bis die Frau Gemahlin eine Stube für ihn bewilligen wollte. Nachdem die Geschäfte besorgt waren, kehrte der Doktor wieder zur Freude zurück und sprach und handelte so natürlich wie jeder andre Mensch: sobald etwas nur die mindste Miene eines Geschäftes hatte, sprach er in seinem schwerfälligen, tautologischen Stile, und wenn er auch nur dem Bedienten ein Stück Akten wegzutragen befahl. Um die Abwesenheit seiner Frau recht zu genießen, hatte er einige Universitätsfreunde auf den Nachmittag zu sich gebeten, die ihm das Andenken seiner frohen akademischen Jahre erneuern helfen sollten. Er war ein ungemeiner Liebhaber der studentenmäßigen oder fidelen Lebensart, wie er sie nannte, und durfte sich vor seiner Frau, einer sehr zeremoniösen Dame, nichts davon merken lassen.

Die Gäste erschienen, tranken und rauchten Tabak und wurden so aufgeräumt, als wenn die Freude ihre leibhafte Mutter wäre: sie erzählten sich Schwänke und kurzweilige Histörlein, und auf jedes folgte ein so lautes, allgemeines Gelächter, daß die Gläser und Fensterscheiben zitterten. Das Lustigste für den Zuschauer bei dieser auserlesnen Gesellschaft bestund darinne, daß ein jedes von den vier Mitgliedern sich ein Wort angewöhnt hatte, welches er ohne Sinn und Zusammenhang unaufhörlich wiederholte.

Herr Fabricius trat herein, machte eine Verbeugung, und ohne ein Wort gesprochen zu haben, fing er an: – »Wie gesagt, ich bin Ihr gehorsamer Diener.«[233]

Der Wirt antwortete: »Seien Sie willkommen dergestalt und allermaßen.«

Fabricius. Wie gesagt, Brüderchen, ich habe dich lange warten lassen: aber wie gesagt, wo stecken die andern Hundsfötter? Wie gesagt, bin ich ja doch nicht der letzte.

Nikasius. Die Schurken werden dergestalt und allermaßen wohl zu tun haben.

Herr Piper guckte scherzhaft zur Tür herein: – »Nämlich hauptsächlich, seid ihr böse auf mich, ihr Halunken?«

Fabricius. Wie gesagt, du Pfannkuchenkopf, warum bleibst du so lange?

Piper. Du Schweinigel, ich konnte ja nämlich hauptsächlich nicht eher kommen.

Herr Furiosus riß die Tür auf, trat, den Hut auf dem Kopfe, herein und brüllte: – »Und abermals guten Tag, ihr Hundejungen!«

Tutti. Großen Dank, Herr Hasenfuß!

In einem so kräftig liebkosenden Tone wurde das Gespräch fortgesetzt, und zwar mit einer Unerschöpflichkeit an Schimpfwörtern, daß keins mehr als zweimal zum Vorschein kam: der schlechte Spaß schwang seine Flügel über sie und schüttelte einen Platzregen von plumpen Einfällen unter ihnen aus. Als ihre Lustigkeit im höchsten Schwunge war, fand sich ein junger Doktor, der vor kurzem von der Akademie zurückgekehrt war, ein Männchen à quatre epingles, vom Kopf bis auf die Füße wie aus Wachs geformt, mit vielen scharrenden Verbeugungen und schnatternden Komplimenten bei ihnen ein, um dem Herrn vom Hause die Aufwartung zu machen. Die Gesellschaft trat im Zirkel um ihn herum und blies eine so ungeheure Menge Rauch auf das geputzte Herrchen los, daß die Flittern seiner gestickten Knöpfe wie blinkende Sternchen durch Regenwolken schimmerten: außerdem verloren seine Komplimente Geschmeidigkeit und Fluß, weil ihm der erstickende Dampf auf die Lunge fiel und ihn jeden Augenblick zu husten nötigte. Zuletzt wurde die Wolke so dicht, daß sie ihn nicht mehr sahen: es entstund allgemeine Stille, weil er vor Ersticken[234] nicht mehr reden konnte: man glaubte also wirklich, er sei aus Verdruß ohne Abschied fortgegangen. Das arme Doktorchen, das vor Berauschung und Taumel des Kopfs nicht sah noch hörte, suchte die Tür und konnte sie schlechterdings nicht finden: er wankte hin und her.

»Wie gesagt, der Narr ist fort«, fing Fabricius an. »Ich empfehle – mich – Ihnen gehorsamst« – flüsterte ein kraftloses Stimmchen aus der Dampfwolke hervor. Es war der halb ohnmächtige Doktor, der nach langem Taumeln eine Tür erwischt hatte und zu ihr hinauswankte: aber er hatte die falsche erwischt; denn er kam in die Schlafstube. Er merkte wohl, daß er unrecht sei, allein seine Schwäche überwältigte ihn so stark, daß er unmöglich der Versuchung widerstehn konnte, der Einladung eines schönen, kattunen Vorhangbettes zu folgen: entweder glaubte er in seinem Schwindel, wirklich schon zu Hause zu sein, oder wollte er bloß die Gelegenheit zur Erholung nützen? – genug, er warf sich, wie er war, auf das Bette und schlief ein. Inzwischen freute sich die dampfende Gesellschaft ihres Triumphs über den schön geputzten Doktor, und die Unterredung lenkte sich allmählich auf die Weiber, worunter keine sonderlich gut wegkam: ein jeder wollte mit der seinigen eine schlimme Operation vornehmen: der eine wollte sie, wie gesagt, unter die Freipartie tun, der andre wollte sie nämlich hauptsächlich in einem Zuchthause versorgen: Nikasius wollte die seinige dergestalt und allermaßen auf Interessen austun, und Furiosus dachte, und abermals, ein Depositum miserabile aus ihr zu machen. Ihr Witz lief noch lange Zeit in diesem Gleise fort, als plötzlich die Tür aufging: man hatte die Fenster geöffnet, um die Atmosphäre vom Qualme zu reinigen, und durch die dünnen Dampfwolken zeigte sich – die Dame vom Hause.

Wie eine Schildwache, die mit scharfgeschultertem Gewehre vor dem vorübergehenden Offizier in steifer Ehrerbietigkeit dasteht, trat die ganze Gesellschaft dahin, streckte die Pfeifen und zog die Hüte von den Köpfen, als die Frau vom Hause erschien. Niemand sprach: mit unwilligem Schütteln des[235] Hauptes und kochendem Grimme im Herze begab sie sich wieder hinweg: dem Herrn Gemahle entsank Mut und Lustigkeit: wie ein Kind, das Knecht Ruprecht gescheucht hat, ging er ängstlich in der Stube herum und wunderte sich, warum seine Frau schon wiederkäme, da sie doch erst morgen abend hätte eintreffen sollen. Herr Piper nahm seinen Stock und sagte nämlich hauptsächlich gute Nacht: Furiosus wünschte, daß der Teufel, und abermals, die Hexe fortgeführt haben möchte. – »Wie gesagt, wir müssen gehen«, sprach Fabricius unmutig. »Ja, Brüderchen«, sagte der Herr vom Hause mit verzerrtem Gesichte, »das wird wohl dergestalt und allermaßen das beste sein.« – Man folgte seinem Rate.

Quelle:
Johann Karl Wezel: Hermann und Ulrike. Leipzig 1980, S. 223-236.
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