Erstes Kapitel

[206] Erfüllt mit den süßesten Träumen der Ehre und künftiger Größe – in der festen Überredung, daß sich unmittelbar nach seiner Ankunft in Dresden Schwingers Freunde und alle andre Personen, die etwas für ihn zu tun vermöchten, um die Wette beeifern würden, seine Einbildungen wirklich zu machen, langte der unerfahrne Jüngling an einem heitren Morgen in der Meißner Gegend an. Zwo Nächte hindurch hatten sich seine Augen keine Minute geschlossen: immer wandelten vor seiner Seele goldne Bilder vorüber, bald Liebesauftritte mit der Baronesse, bald Szenen der Ehre, doch keine, woran nicht Ulrike den Hauptanteil hatte: ihr Besitz war das letzte, der vollendete Schluß bei allen Vorspiegelungen seiner Einbildungskraft: sie beleuchtete wie eine Mittagssonne alle seine Vorstellungen, gab ihnen Leben, Feuer und Wahrscheinlichkeit, spannte alle seine Kräfte an. – Er wurde nicht von vier abgelebten Schecken auf dem Postwagen langsam fortgezogen: nein, er schwebte in den Wolken: die Räder, so schwerfällig sie sich umdrehten, rollten ihm schnell dahin wie die Ideen durch seinen Kopf: alles um ihn herum, die ganze Postgesellschaft war für ihn vernichtet: er war allein auf der Erde.

Der Schaffner fing einige witzige Scharmützel mit ihm an, um die verschlafne Gesellschaft auf seine Unkosten aufzuheitern: nicht ein Laut war aus ihm zu locken! Der Mann wurde über die mißlungnen Angriffe verdrießlich: er verdoppelte sie, und weil er besorgte, daß sein Witz für eine so hölzerne Seele, wie ihm Herrmann schien, zu fein gewesen sei, so machte er ihn itzt so derb und plump, daß ihn auch der phlegmatischste Dummkopf hätte fühlen müssen: nicht eine Silbe wurde erwidert! Inzwischen fielen doch dem Träumer die öftern Anreden des witzigen Schaffners allgemach beschwerlich: um nicht ferner durch sie gestört zu werden, stieg er aus und nahm einen Platz vorn vor der[206] Kutsche: hier quälte ihn das Mitleid des Postillions, der ihm unaufhörlich über seinen schlechten Sitz kondolierte, und endlich gesellte sich sogar der Schaffner dazu und nötigte ihn mit spottender Höflichkeit, auf den alten Platz zurückzukehren; und da die Güte nicht verfangen wollte, gebrauchte er sein Schaffneransehen, ihn zurückzubringen, und stellte ihm seine Pflicht, für die Bequemlichkeit der Passagiere zu sorgen, und die Verantwortung, die er ihm durch Beharrung in seinem Eigensinn zuziehen werde, mit so eindringendem Eifer vor, daß er nachgab und den alten Sitz wieder einnahm. Nun hagelten witzige Einfälle und Höhnereien auf ihn los: denn der Schaffner hatte der Reisegesellschaft, als er ihn zurückholte, das Wort gegeben, ›ihm recht einzuheizen, wenn er ihn wieder unter dem gelben Tuche hätte‹. – Endlich, da aus dem Klotze schlechterdings gar keine Antwort zu ziehen war, wurde der Mann unwillig: er wandte sich mit zorniger Bewegung zu der übrigen Gesellschaft: »Daß der Teufel den Kalbeskopf holte!« sprach er pathetisch. »Ich bin doch, meiner Seele, zwanzig Jahr Schaffner und habe so manchen aus Afrika und Amerika, aus Rußland und Petersburg gefahren: aber straf mich Gott, so einen Hans Morchel hab ich noch nicht auf meiner Kutsche gehabt. So wahr mich unser Herrgott erschaffen hat! es ist ein Pilz. Mich soll der Teufel lebendig speisen, wenn ich ihn wieder ansehe.« – Wirklich drehte er ihm auch den Rücken zu und sprach die ganze Reise über kein Wort mehr.

Itzt eröffnete sich die ganze herrliche Szene des Septembermorgens: unser Reisender war durch Schwingern darauf vorbereitet worden und nahm deswegen wieder einen freien Platz außer der Kutsche ein. Phantastische Felsen in düstern Schatten gehüllt, mit einer Strahlenkrone von der aufgehenden Sonne bekränzt, wanden sich in mannigfaltigen Krümmungen an der linken Seite hin: zur Rechten die breite Fläche der Elbe, die für ihn ein Meer war; auf ihr einzelne Kähne, langsam daherschwimmend, als wenn ihre Regierer noch halbschlaftrunken das Ruder regierten: an ihrem[207] jenseitigen Ufer aufsteigende Berge mit dichtem, dunkeln Buschwerk bedeckt, aus welchem die weißen, schlanken Birkenstämme hier in freundschaftlichen Gruppen, dort einzeln in ungeselligen Entfernungen emporstiegen! Itzt floh der Fluß von der Straße hinweg, ließ am linken Ufer bunte Wiesen und Fruchtfelder, noch halb mit dem Flore der Nacht überdeckt, und wand sich mit der bleifarbenen Fläche nach einem Halbzirkel von Felsen hin: sie nahmen ihn in ihre Arme auf, er wurde zum stehenden Meer und schien hier von seinem Laufe ausruhen zu wollen. – Die ernste Stille der Nacht beherrschte noch diese Ruhestätte: in feierlichen Reihen standen hohe Eichen, breitgewachsne Buchen und langaufgeschossne Birken übereinander an dem Amphitheater der zackichten Berge und empfingen mit ehrerbietigem Warten den kommenden Fluß: für Herrmannen war dies eine melancholische Einsiedelei, die Öffnungen der Berge waren ihm Höhlen; in einer saß Ulrike und weinte, von ihrem stolzen Onkel in Felsen eingesperrt: eine ungeheure See trennte sie und seinen Postwagen: seine Phantasie stimmte bald das Feierliche des Auftritts zur Traurigkeit um:

die finstern Eichen und Buchen standen ihm in Flor tiefsinnig da, die starren Birken hatten weiße Leichengewänder um sich geworfen und stiegen mit stummer Betrübnis aus dem dunkeln Grunde hervor, den die Dämmerung wie ein ausgebreitetes schwarzes Tuch bedeckte: alles trauerte um die einsame Eingeschlossne, und ich bin nicht gut dafür, ob er sie nicht endlich gar vor Schmerz in ihrer Höhle hätte sterben lassen: aber sein Wagen wandte sich nach der linken Seite hin, das traurige Amphitheater nahm von ihm Abschied, streckte seitwärts noch einmal den Arm nach ihm aus und – verschwand: die Pferde setzten sich bei der Wendung in Trab, und das ganze Bild einer gewaltsamen Trennung war da: er seufzte, hüllte die nassen Augen in den Mantel und – welch ein belebender Auftritt, als er sie wieder aufschlug! Die Pferde trabten mit ihm in ein Paradies hinein! Ein langgedehnter, rotschimmernder Bergrücken mit wimmelnden Häusern, Türmen, Schlössern, in weiße Terrassen[208] geteilt, woran sich Weinreben hinanschlangen, mit Fruchtbäumen geschmückt, lachte ihm wie ein glückliches Eden entgegen: seine überraschte Einbildungskraft schuf jedes Winzerhaus zu einem Palaste um und erhöhte das lebhafte Kolorit der Natur bis zur Bezauberung: aus einem melancholischen dumpfen Kerker war er plötzlich unter den lachendsten Himmel versetzt. Itzt vergoldete der schiefe Morgenstrahl der Sonne eine hervortretende Kante, während daß der übrige Grund in dunkelrotem Schatten dalag: itzt blinkte ein weißes Gebäude auf der Spitze am Ende des Horizonts herab – es war ihm ein ferner Marmorpalast, von einem Fürsten oder Prinzen bewohnt.

Allgemeine Regsamkeit belebte nunmehr die Szene: weitaufgeschürzte Dorfnymphen gingen scharenweise an die frühe Arbeit; ringsum ertönten freundliche Morgengrüße, allenthalben erschienen fröhliche Gesichter, rote Wangen und fleischvolle, nervichte Arme, von Gesundheit und Zufriedenheit genährte Körper. Itzt kam ein Trupp alter Mütter, das reichliche Morgenbrot in den Händen: mit stillem, weisem Ernste besprechen sie sich über Angelegenheiten der Haushaltung, über die schweren Pflichten der Hausmütter, über bezauberte Kälber, die nicht wachsen wollen, und behexte Kühe, die keine Milch geben, obgleich ein doppelt heiliges Kreuz die Stalltür bezeichnet und die Hörner ein hellroter Lappen wider des Satans Arglist und der Menschen Bosheit bewaffnet. Itzt schallte fernher das laute Lachen eines schäkernden Haufens: junge blühende Mädchen waren es, rote Gesichter auf schwarzbraunem Grunde, alle mutig und glühend wie Göttinnen der Gesundheit: ihre spaßenden Anbeter schlenderten mit gebogenem Knie zwischen ihnen daher, trugen mit gutherziger Galanterie ihre Körbe, und aus galanter Bosheit füllten andere die Körbe ihrer Geliebten mit Steinen und Erdklumpen: die Schönen, die sich auf feinen Scherz verstunden, schleuderten den Mutwilligen die ganze Ladung an die Köpfe, daß sie fluchend und drohend dastunden, den Sand aus den Augen rieben oder aus den buschichten Haaren die Erdklumpen schüttelten: triumphierend[209] trabten die Nymphen davon, nur eine, die gern gehascht sein wollte, verweilte zu lange, ihr braungelber Adonis erwischte sie schnell, schlang um sie die aufgestreiften Arme, und schon näherte sich seine verwegne Hand dem verschobnen Halstuche; das beschämte Mädchen schrie dreimal laut, und dreimal hallte ihr keusches Geschrei aus den Weinbergen und vom fernen Ufer der Elbe zurück: der ganze übrige Haufen sah wartend ihrer Bestrafung zu und ehrte den Sieg ihres unverschämten Liebhabers mit einem mannig-stimmigen, lachenden Chor, und in der ganzen Gegend lachte der Widerhall ein Triumphlied über die Bestrafung der schwarzbraunen Schöne. – Itzt kamen mit eilfertigem Schritte ein paar Städter, die auf Gewinst ausgingen, die Gesichter voll Ärger über einen geschmälerten Profit; mit lebhafter Bewegung der Hände stritten sie über Projekte und Anschläge, ihren Vorteil zu vergrößern; – itzt ein paar andre, die den Lohn ihrer Arbeit von gnädigen Herrschaften auf dem Lande herausbetteln wollten: Sorge für ihr Auskommen sprach aus jedem Zuge des hagren Gesichts, und Klagen über Mangel an Nahrung waren ihr Gespräch. – Hier schleppten wiederkauende Ochsen den knarrenden Pflug in langer Reihe langsam dahin: einer ihrer Monarchen pfiff der erwachten Flur ein rasches Morgenlied, ein anderer sang ein galantes »Schätzel, du bist mein«; dieser unterhielt sich mit seinem Stier, predigte ihm Regeln des Wohlverhaltens, lehrte ihn die Pflichten seines Berufs und spornte seine trägen Füße durch Versprechungen und Drohungen und, wenn diese nichts über sein fühlloses Herz vermochten, mit hohltönenden Hieben an; jener schlich nachdenkend, in die Wichtigkeit seines erhabnen Postens vertieft, das dampfende Pfeifchen im Munde, mit stummer Gravität neben seinem Viehe her. – Dort wallte in der Ferne eine dichte Staubwolke, von Sonnenstrahlen erhellt: in ihr rollte, schnell wie der Donnerwagen Jupiters, von vier braunen Holsteinern gezogen, eine goldlackierte Kutsche, hinten und vorn mit einem Schwarm geputzter Domestiken befrachtet, und in dem innersten Winkel des weiten leeren Kastens steckte ein schwindsüchtiges[210] Männchen wie eine Spinne, die ihr Gewebe dort anlegen wollte. – Kurz darauf erschien ein gnädiger Erb-, Lehn- und Gerichtsherr in einer demütigen Staubwolke, die kaum dem Qualme eines pudernden Friseurs ähnlich sah:

eine gichtbrüchige, rotfuchsichte Kutsche trug den hochadligen Körper, mit drei mattherzigen Bauernpferden bespannt, die ihre Füße auf Unkosten des Rückens schonten. Wie ein Pfeil flog vor ihm auf einem leichten Rollwagen der dicke, ausgestopfte Pachter vorbei, der im vorjährigen Konkurse sein Rittergut erstanden hatte, mit leichtem Kopfnicken den gnädigen Vorgänger grüßte und spottend nebst seinem Hans die abgezehrten Gäule an der adligen Kalesche mit seinen brausenden Hengsten verglich. Um die Lebhaftigkeit des Bildes zu vergrößern, wanderten ganze Karawanen schnatternder Marktweiber mit schnatternden Gänsen vor dem Postwagen vorbei: dieser trug, jener schleppte seine Ware, einige führten sie auf Karren, andre auf hochgetürmten Wagen: es war allenthalben nichts als Gehen und Kommen, Fahren und Reiten in einem wimmelnden Gedränge. Herrmann fühlte sich in eine neue Welt versetzt; er war betäubt, hingerissen, überwältigt: die reizendste Landschaft im schönsten Glanze des Morgens! das laute Getöse der Geschäftigkeit! so viel Leben, Munterkeit, Tätigkeit, wohin er nur blickte! – Das ganze beseelte Gemälde drang mit stürmischer Gewalt auf alle seine Sinne los: er konnte sich nicht eher als bei der nächsten Einkehr von der Berauschung so mannigfaltiger, überfüllender Bilder erholen. Indessen daß die übrige Gesellschaft sich in der dumpfen Wirtsstube mit dem Frühstück labte, schlich er einsam und tiefdenkend längs dem Dorfe hinan. Bald ging er in Gedanken mit Ulriken so fröhlich und schäkernd durch die arkadischen Fluren, wie er kurz vorher Bäuerinnen mit ihren glücklichen Liebhabern zur Arbeit hatte auswandern sehn: o wie beneidete er das glückselige Volk! wie wünschte er, ihnen gleich zu sein! Schon machte er Entwürfe, wie er von dem Gelde, das Ulriken von ihrer Erbschaft zufallen mußte, ein Bauergut kaufen wollte – oder vielmehr er hatte in seiner täuschenden[211] Einbildung schon wirklich eins gekauft: der Prozeß war geendigt, das Geld ausgezahlt, Ulrike seine Frau, er ging schon an ihrem Arme ins Feld, säte und erntete mit ihr ein, saß schon leibhaftig mit ihr auf dem Stein vor seinem ländlichen Häuschen in der Abendkühlung, und ein Schwarm von kleiner Nachkommenschaft spielte dem sechzehnjährigen Herrn Papa um den Schoß. Er zerfloß vor inniger Freude, vor sanfter Rührung über sein Glück: er hätte weinen mögen, daß er nicht zaubern konnte, um es auf der Stelle wirklichzumachen.

Brausend und schnaubend flogen zwei Isabellen mit einem leichten Visavis daher, den ein Herr und eine Dame füllten: Scherz, Vertraulichkeit und Vergnügen lächelte aus ihren Gesichtern durch die Öffnung des Fensters – weg war aus Herrmanns Kopfe die ganze ländliche Glückseligkeit! mit dem ersten Brausen der Pferde rein weggeblasen! Er ging nicht mehr an Ulrikens Hand zu Fuße ins Feld: nein, er fuhr ihr gegenüber in dem nämlichen Visavis, mit der nämlichen frohen Vertraulichkeit, als ein reicher Mann durch die grüßenden Reihen der gaffenden Dorfkinder, mit Ehre und Rang geziert, und der Himmel weiß, ob er sich nicht gar adeln ließ, sein Kleid mit einem Sterne und die Schulter mit einem Ordensbande schmückte. Mit stolzem, edlem Schritte wandelte er daher, wie auf den Schwingen der Ehre getragen: der Postillion blies – o das verdammte Posthorn! Wie eine Sterbeglocke klang's! Sein rauhes Stöhnen verscheuchte den Traum seiner Größe, und traurig und seufzend kroch er unter das gelbe Gewölbe der Postkutsche und mußte, statt Ulriken, mit einer alten, finnichten, verwachsenen Jüdin vorliebnehmen, die er itzt zum ersten Male mit großem Ekel an seiner Seite wahrnahm, ob sie gleich den halben Weg über schon neben ihm gesessen hatte. Die beräucherte Tapezierung des Wagens und die widrige Nachbarschaft versetzte ihn den ganzen übrigen Weg in so üble Laune, daß er sich von Herzen über die ekelhafte Häßlichkeit ärgerte, womit der Gott der Israeliten seine hebräische Nachbarin gebrandmalt hatte. Der Weg deuchte ihm hundert Meilen lang.[212]

Endlich rumpelte das schwerfällige Fuhrwerk, durch den Schlag übers Pflaster stoßend und werfend, daher: man hielt, man examinierte: ein neues Wunder für unsern Reisenden! Zum Unglücke erkundigte sich der Torschreiber bei ihm zuerst nach dero Namen und Charakter: dem armen Heinrich ward Angst wie in der Hölle: er faßte sich hurtig zusammen und tat der Anfrage mit so aufrichtiger Umständlichkeit Genüge, daß er Taufnahmen und Geschlechtsnamen nebst Geburtsjahr, Namen und Charakter seiner Eltern genau und pünktlich referierte: die übrige Gesellschaft lachte, hielt es für Fopperei und wunderte sich, daß ein Mensch, der den ganzen Weg über kein Wort geredet hatte, einer so beißenden Antwort fähig sei: der Torschreiber wußte selbst nicht, woran er war, ob er's für Spötterei oder Einfalt nehmen sollte, und da ihm die raffinierte Miene des jungen Menschen das letzte nicht wahrscheinlich machte, so hielt er sich ans erste und verwies ihm mit derbem Tone seine Naseweisheit und versicherte ihn, daß er an seines gnädigsten Herrn Statt hier stehe und auf seinen Befehl frage, wer er sei: der arme Bursche glaubte ein Verbrechen der beleidigten Majestät begangen zu haben und konnte gar keine Ursache finden, warum der Landsherr so neugierig nach seinem Namen sei, daß er ihn auf ausdrücklichen Befehl darum fragen lasse. Er wußte in seiner ganzen Seele keinen andern Rat zu finden, als daß er den Torschreiber demütig ersuchte, wegen seines Versehens in seinem Namen bei seiner Durchlaucht untertänigst um Verzeihung zu bitten. Der Torschreiber, der seine Reue für fortgesetzten Spott ansah, brannte lichterloh vor Zorne, sprudelte ihm die schrecklichsten Flüche und Drohungen ins Gesicht: der gute Heinrich ward blaß wie eine Leiche vor Furcht und Warten der Dinge, die da kommen sollten, zitterte und bebte. Der Schaffner loderte auch auf, daß er so langes Anhalten veranlaßte, und stürmte wie ein Wütender auf ihn los: da saß der arme Betäubte wie sinnlos, wußte nicht, was er begangen hatte, und noch weniger, wie er's wieder gutmachen sollte, konnte weder denken noch reden! – »Straf mich Gott!« rief der Schaffner, »mit dem[213] Menschen ist's im Oberstübchen nicht richtig: den ganzen Weg über hat er vor sich hin gesehn wie ein kranker Mops, und nun weiß er nicht einmal seinen Namen! So wahr ein Gott im Himmel ist! Der Pinsel weiß viel, ob er einen Vater hat. Man sollte sich's nicht so vorstellen, bei meiner Seele! nicht so arg! Ist ein getaufter Christ, in der Christenheit geboren und erzogen, und kann dem Torschreiber nicht einmal antworten!« – Die finnichte Jüdin fand sich durch die Rede des Schaffners mittelbarerweise beleidigt und öffnete ihre Lippen zu Herrmanns Verteidigung, befragte ihn noch einmal Punkt für Punkt, er antwortete Punkt für Punkt wie zuvor: die ganze Gesellschaft erklärte ihn für einfältig, und der Torschreiber ließ mit verächtlichem Mitleid seinen Zorn erlöschen und den Wagen fahren.

Man stieg aus, der unerfahrne Heinrich wollte seine Habseligkeit herausnehmen: gebieterisch wurde er davon zurückgescheucht – neue Verlegenheit! Er stand neben dem Schilderhäuschen und sann ernsthaft nach, warum man ihm sein paar Hemden und die schwarzen Sonntagsbeinkleider nehmen wolle – denn er gab sie für ganz verloren –, er bildete sich ein, daß es ebenfalls so auf Befehl geschehe, wie er um seinen Namen befragt worden war: und mit vieler Bewegung nahm er bei sich von den schönen Sonntagsbeinkleidern Abschied, als man sein Kufferchen ins Haus schaffte. Nun betrübte er sich erst, daß er seine Vaterstadt, wo ihn jede Katze kannte, hatte verlassen und in ein Land auswandern müssen, wo er nichts als fremde Gesichter sah: außerdem war er so lange her Schwingers sanfte, gefällige Freundlichkeit gewohnt, er war nie anders als in gütigem Tone angeredet worden: doch hier sprach jedermann so scharf und rasch, daß er alle Leute in grauen, gelben, blauen Röcken, die bei dem Abpacken herumwimmelten, für erzürnt hielt; und auf die hastige Frage, welches sein Kuffer sei, näherte er sich ihm furchtsam und wies, ohne reden zu können, halb zum Fliehen fertig, mit dem Zeigefinger darauf. – »Dieser?« fragte der Postbediente mit der nämlichen Hastigkeit noch einmal. – Er flüsterte ein halbverschluckte[214] »Ja«. Eine Minute darauf fragte ein Mann im grautuchnen Überrocke abermals nach seinem Kuffer: er konnte gar nicht begreifen, warum sein bißchen Habseligkeit alle die Leute so sehr interessierte: allein dieser Mann tat seine Anfrage leutselig und mit einem, tiefen Gruße; das gab ihm Mut: er antwortete hurtig mit einer Verbeugung von der ersten Größe: der Mann ersuchte ihn, zu öffnen: ehrfurchtsvoll nahm er den Hut unter den Arm und schloß eilfertig auf. Die Entdeckung war bald gemacht, daß er nichts Strafbares enthielt, und es wurde erlaubt, ihn wegzuschaffen: wie seinem Freunde, seinem Wohltäter, drückte er dem Manne die Hand und dankte verbindlich, daß er ihm den Kuffer wiedergeschenkt habe: der Visitator reichte ihm sehr freundlich die Rechte dar und zog sie, verdrießlich über den leeren Dank, langsam wieder zurück.

Die Not war noch nicht aus. Verlassen stand der arme Bursche da, und niemand bot ihm eine Wohnung an. Die überhäuften Gegenstände, das Getöse, der Sturm des Torschreibers hatten ihn so verwirrt, daß es um alle seine Besonnenheit geschehen war: Unerfahrenheit im Weltlaufe macht auch den besten Verstand blöde, und scharfsinnige Gelehrte haben sich bei ähnlichen Gelegenheiten, wenn sie ihnen zum ersten Male aufstießen, nicht mit größrer Entschlossenheit betragen als Heinrich. Er ging auf und ab und dachte mit Herzeleid an das Schloß des Grafen von Ohlau zurück, wo er mit römischen Kaisern und griechischen Feldherrn wie mit Brüdern umging, wo ihm regelmäßig Essen und Trinken gebracht wurde, ohne daß er einen Laut darum verlor, und hier! – ach! hier bekümmerte sich niemand um ihn, als wenn er gar nicht unter die essenden und trinkenden Kreaturen gehörte. Ein geschäftiger Gelbrock rennte vor ihm vorbei:

Heinrich fragte ihn sehr höflich, wo er wohnen sollte: Der Mann hielt ein wenig an, sah ihm starr ins Gesicht: jener wiederholte mit einer tiefen Verbeugung seine Frage – »wo Sie wollen!« antwortete der Gelbrock hastig und ging. Eine solche Lieblosigkeit war über alle seine Begriffe.

Endlich erschien der Lohnlakai und erkundigte sich, den[215] Hut in der Hand, sehr menschenfreundlich, ob er eines Bedienten benötigt sei. »Ach, wenn ich nur erst wüßte, wo ich wohnen sollte!« sprach Herrmann mit einem tiefen Seufzer. -Nun wurde bald Rat geschafft: mit einer Eilfertigkeit, als wenn er sich den Kopf zerstoßen wollte, lief der Lakai die Treppe auf, Treppe ab und lud ihn kurze Zeit darauf mit vielen Komplimenten auf das Zimmer ein. Heinrich, der den geputzten Lohnlakai für nichts weniger als einen Lakai hielt, komplimentierte mit ihm die Treppe hinauf und dankte in einem Atem für seine Gütigkeit. Wie hatte sich die Szene plötzlich verändert! Nunmehr erkundigte sich sein neuer Botschafter alle Augenblicke, ob er dies, ob er jenes bedürfe, bat ihn, nur zu befehlen, und er entschuldigte sich sehr liebreich, daß er ihn nicht bemühen wolle: er mochte nur reden, nur winken, und man war zu seinem Befehle. Er schien sich jetzt ein kleiner Zeus, der von der Höhe seines tapezierten Zimmers mit einem Hauptschütteln eine kleine Welt regierte. Es fanden sich sogleich eine große Menge Leute ein, die ihm ihre Waren anboten: er dankte mit vieler Güte für ihre Bemühung und fand die Menschen hierzulande ungleich liebreicher als in seiner Vaterstadt, daß sie so für das Wohlsein der Fremden besorgt waren. Der Zulauf wurde immer stärker: Mannspersonen und Weiber kamen und wünschten ihm zu seiner Ankunft Glück. – ›Da sieht man recht‹, dachte er bei sich, ›wie es in der großen Stadt anders ist als bei mir zu Hause! Das heißt doch Höflichkeit!‹ – Die höflichen Leute fingen an, ihm ihr Elend mit der höchsten Bettlerberedsamkeit vorzustellen; dieser hatte eine todsterbenskranke Frau zu Hause, die nun seit Jahr und Tag an der Schwerenot, Gott sei bei uns! hart daniederlag und zuweilen so heftig schrie, daß man es aus Friedrichstadt in Altdresden hörte; jene hatte eilf unerzogne Kinder zu Hause, wovon neune schon seit Jahr und Tag gefährlich krank lagen, der Mann war an Händen und Füßen lahm, und sie, für ihre selbsteigne Person, hatte einen großen Ansatz zur Wassersucht – es war ein Jammer, daß es einen Stein in der Erde hätte erbarmen mögen; ein Bursche, frisch und gesund, hatte einen gichtbrüchigen[216] Großvater, zwei lahme Eltern und dreizehn ungesunde Schwestern zu Hause, die alle mit der englischen Krankheit behaftet waren. Heinrichs Herz zerschmolz von tiefgerührtem Mitleide bei ihren Tränen, Zähren traten ihm ins Auge, und er hielt es für seine Pflicht, so höflichen Leuten mit einer reichlichen Wohltat für ihren Glückwunsch zu danken.

Er wunderte sich gegen den Lohnlakai, als er den Tisch deckte, außerordentlich über die zahlreichen Familien hierzulande und versicherte, daß dergleichen bei ihm zu Hause gar nicht zu finden wären. – »Ach«, antwortete der Lakai lachend, »glauben Sie's denn? Sie werden's nicht ungnädig nehmen, Sie sind noch ein junger Herr und zu gutherzig:solchen Leuten müssen Sie nichts geben oder doch sehr wenig; das ist eitel loses Gesindel.« –

»Aber sie taten doch so kläglich, daß man gerührt werden mußte.« –

»Ach«, erwiderte der Lakai mit dem nämlichen Lachen, »für zwei Dreier weinen Ihnen die Leute eine halbe Stunde, wenn Sie's haben wollen. Man könnte hier ein Raritätenkabinett von Bettlern anlegen: in den schönsten Kleidern gehn sie herum wie die Pfauen; sie brauchen's freilich: aber sehen Sie, gnädiger Herr – ich weiß nicht, ob ich Sie recht tituliere –, sehen Sie! wenn ich etwas zu sagen hätte, das Ding sollte ganz anders werden.« -Heinrich befragte ihn, wie er das zu machen gedächte. – »Sehn Sie!« erwiderte der Lakai, »wenn ich etwas zu sagen hätte – befehlen Sie etwa die Suppe?«

Er ging, trat mit ihr herein, und mit dem Hereintreten begann er schon wieder: »Sehn Sie! wenn ich etwas zu sagen hätte – befehlen Sie auch Wein?«

Er holte ihn; und so trat er sechsmal ins Zimmer mit einem »Sehn Sie! wenn ich etwas zu sagen hätte« – und erkundigte sich jedesmal nach einem Bedürfnisse: denn er hatte das Unglück, daß er nicht eher an den Löffel dachte, als bis die Suppe dastand, noch ans Messer, als bis man das Fleisch schneiden wollte. Da alle Notwendigkeiten auf die Weise einzeln[217] herbeigeschafft waren, drang Hermann von neuem in ihn, sein Bettlerprojekt zu entdecken: denn der gutherzige Bursche, der noch zu wenig fremdes, wahres und erdichtetes Leiden kannte, um ihm nicht sogleich abhelfen zu wollen, hatte während des Essens bei sich selbst ernsthaft überlegt, wie man's dahin bringen könne, daß niemand mehr in der Welt arm und elend sei. – »Sehn Sie!« fing der Bediente wieder an, »wenn ich etwas zu sagen hätte – sehn Sie! da sagt' ich den Leuten geradezu: ›Ihr sollt nicht betteln!‹, und wer's dennoch täte, der müßte – befehlen Sie, diesen Nachmittag auszugehn?«

Das Projekt blieb abermals stecken und kam auch zeitlebens nicht völlig zum Vorschein.

Quelle:
Johann Karl Wezel: Hermann und Ulrike. Leipzig 1980, S. 206-218.
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