Fünftes Kapitel

[129] Die Begebenheit brachte bei Heinrichen in dem Reiche seiner Neigungen eine mächtige Revolution hervor: die Liebe, welche die Baronesse bei dieser Gelegenheit ihm so tätig bewies und in dem Gespräche mit seiner Mutter auf der Treppe erklärte – er hatte dieser Unterredung, als er bei seinem Vater in der Stube eingesperrt war, durch das Schlüsselloch zugehorcht –, diese so tätig erwiesene, so deutlich erklärte Liebe zündete seine bisherige Zuneigung bis zur Flamme an. Der zwölfjährige Bursche war ihr nicht mehr gut wie in seinem achten Jahre, als er beschloß, der Gräfin zum Trotze mit ihr umzugehen, und ebensobald seinen Trotz wieder aufgab, weil ihn sein Lehrer durch Beschäftigung und Zerstreuungen davon ablenkte: die Liebe foderte itzt den Ehrgeiz, der bisher in seiner Seele den Ton angegeben hatte, wirklich zum Kampfe auf, und er fühlte den ersten starken Streit der Leidenschaften in sich. Vorher waren es nichts als kleine Scharmützel gewesen: Zuweilen ein flüchtiger Wunsch, eine kleine Unzufriedenheit mit seinen gewohnten Beschäftigungen, ein Zuck am Herze, ein inneres, unbestimmtes Verlangen nach einer Erweiterung seines Wirkungskreises, so ein schwankendes Gefühl, als wenn ihm etwas fehlte, auch oft ein wirklicher Schmerz über das Verbot, das seinen Umgang mit der Baronesse hinderte! weiter ging es nicht; und wenn ihn sein Lehrer wieder in das ordentliche Gleis hineinführte, so lief er darinne mit beruhigtem Herze fort.[129]

Itzt ward die Sache ernster. Er suchte Gelegenheiten, die Baronesse zu sehn, ihr süße Blicke zuzuwerfen; wenn er an Schwingers Seite vor ihrem Zimmer vorüberging, stand sie hinter der halboffnen Tür, und hurtig schlüpften ein paar wechselseitige Blicke durch die schmale Öffnung. Wenn er in den Garten ging, stand sie am Fenster; unaufhörlich hatte er Ursachen, sich umzusehen, und wenn Schwinger nach dem Gegenstande fragte, so fehlte ihm nie einer voller Merkwürdigkeit: während daß jener diese meistens schwer zu findende Merkwürdigkeit daran aufsuchte – husch! flog ein Wink, auch wohl mitunter ein Kuß ins Fenster hinauf und blieb nie unbeantwortet. Dergleichen Spaziergänge in den Garten hatte er itzt täglich so viele zu machen, daß Schwinger sich darüber verwunderte und in der Länge verdrießlich wurde, die Treppen sooft mit ihm auf und nieder zu laufen, besonders da er nie weiter als in die ersten Alleen zu bringen war, aus welchen er die Baronesse am Fenster sehen konnte: wenn er durch keinen Vorwand Schwingern bewegen konnte, vorn bei dem Eingange herumzuspazieren, sondern ihm weiter folgen mußte, so währte es nicht fünf Minuten, und es fand sich ein Kopfweh oder eine andre dringende Ursache ein, warum er ihn bitten mußte, wieder aufs Zimmer zu gehn. – »Der junge Mensch ist wohl krank«, dachte Schwinger bei sich selbst, »daß er so unruhig ist und auf keiner Stelle bleiben kann«: und in dieser Voraussetzung gehorchte er allen seinen Verlangen, strengte ihn weniger zu Arbeiten an und wanderte aus gutem Herzen wohl zehnmal in einem Vormittage auf seine Bitte mit ihm in den Garten und aus dem Garten, daß die Leute im Hause verwundert stehenblieben und fragten: »Kommen Sie denn schon wieder? Sie gehen ja itzt sehr fleißig spazieren!« – »Ach!« zischelte ihnen Schwinger leise zu, »mein armer Heinrich ist krank: er kann an keinem Orte bleiben: seine Unruhe beweist es deutlich: es wird vielleicht eins von den herrschenden Fiebern werden.«

Wenn er aufs Zimmer kam, nahm er einen lateinischen Schriftsteller: zwei Zeilen – und in seinem Kopfe stand die[130] Baronesse: er sah starr und unverwandt auf sein Buch, und durch seinen Kopf liefen Projekte, wie er die Baronesse öfter sehen könnte. Schwinger sah ihm von der Seite zu, wie er nach seiner Meinung an einer Stelle so lange mit einem Ernste nagte, als wenn er den Kopf sprengen wollte. – »Greife dich nicht zu sehr an!« sagte der gutmütige Lehrer und nahm ihm das Buch weg. »Komm! wir wollen uns die Zeit vertreiben.«

Er holte Kupferstiche oder die Gipsabdrücke der römischen Kaiser; keiner, an welchem Heinrich nicht eine Ähnlichkeit mit der Baronesse Ulrike fand! Augustus hatte ihr Kinn, Nero die Stirn, ein andrer das, ein andrer jenes, und selbst dem alten Nerva fehlte es nicht an Reizen, um ihr völlig ähnlich zu sein. Er störte in den Kupferstichen; alle niederländische Bauernszenen, die ihn sonst sosehr ergötzten, wurden verächtlich zurückgelegt, wenn nicht ein Mädchen darinne schäkerte. – Alexander mit seinen Heldentaten, alle berühmte großen Männer, die er sonst zu Viertelstunden anstaunte, mußten ungesehen vorbeimarschieren. Itzt kam ein Urteil des Paris – ah! hier ist Ulrike, wie sie leibt und lebt! Dreifach steht sie da! Jede Göttin sieht ihr so gleich, als wenn sie dem Künstler bei jeder gesessen hätte! – Hier wurde haltgemacht: er sah den Göttinen ins Gesicht: sie schienen ihn anzulächeln: er winkte ihnen mit den Augen, und es war nichts gewisser, als daß sie ihm wieder winkten: er berührte mit schüchternem Finger ihre Wangen, wagte sich an die vollen Brüste, strich die sanften, federweichen Arme, ein süßer Schauer lief über seine Brust hin, und er zog schamhaft den Finger zurück, als wenn er zuviel gewagt hätte. Itzt wurde er den glücklichen Paris gewahr. »O wer Paris wäre!« dachte er und legte den Kupferstich auf die Seite allein. Er blätterte weiter – da war nichts, gar nichts Sehenswürdiges mehr! Weg mit den Kupferstichen! Die Göttinnen wurden auf die Kommode quartiert, um sich an ihrem Anblicke weiden zu können, sooft es ihm beliebte.

»Bist du's schon wieder überdrüssig?« – fragte Schwinger und[131] erbot sich, ihm etwas auf dem Klavier vorzuspielen: er schien sich über das Anerbieten zu freuen. Sein Lehrer spielte alle seine vorigen Lieblingsstücke nach der Reihe, die brausenden Allegros, die majestätischen, pathetischen großen Arien, die er sonst so aufmerksam bewunderte: nichts reizte ihn: er stand bei den drei Göttinnen, hörte kaum darauf und bat Schwinger um etwas Neues. –


»Des Tages Licht hat sich verdunkelt« –


fing dieser zu singen an: Heinrich horchte.


»Komm, Doris, komm, zu jenen Buchen« –


Sein Herz klopfte: die ganze Buchenhecke, von welcher er sooft der Baronesse zuwinkte, stand vor seinem Gesichte.


»Laß uns den stillen Grund besuchen,

Wo nichts sich regt als ich und du« –


Er schwamm in sanftem, rührendem Vergnügen: er fühlte sich in eine höhere Sphäre versetzt, seine ganze Einbildungskraft erweitert.


»Und winket dir liebkosend zu« –


Nun konnte er sich nicht mehr halten: er wiederholte mit entzückungsvollem Akzente den Vers leise, eilte zum Klavier, ließ nicht nach, bis ihm Schwinger die ganze Ode durchgesungen hatte, und fand jedes Wort darinne so vortrefflich, daß er viele Tage nichts anderes hören wollte.

Die Baronesse, welche Fräulein Hedwig weder mit Kupferstichen noch Liedern zerstreute, ergriff die einzige für sie übrige Zuflucht – sie las, sah freilich sehr oft ins Buch, indessen daß ihre Einbildungskraft an allen Orten, wo ihr Heinrich ein Zeichen der Liebe zugeworfen, herumschweifte und ihr künftige angenehme Szenen vormalte: sie labte sich an diesen Luftbildern so herrlich als Heinrich an seinen drei Göttinnen.

Schwingern wurde sein Schüler etwas verdächtig, daß er beständig, auch bei der entferntesten Gelegenheit, Ulriken herbeizubringen wußte: um dahinterzukommen, ließ er ihm völlige Freiheit, allein zu gehn, wohin er wollte, und beobachtete ihn von fern in einem Winkel oder auf eine andre Art, doch daß er ihn nie zu beobachten schien; er spürte[132] lange Zeit gar nicht einmal Lust an ihm, das Zimmer zu verlassen. Eines Nachmittags, als er ihn so sich selbst überlassen hatte – welches jedesmal wie von ohngefähr geschah –, ging er die Treppe hinunter in den Garten. Die Baronesse, die seinen Gang genau kannte, hörte ihn kaum kommen, als sie an der Tür war: er wollte nicht bloß mit einem zugeworfnen Blicke sich begnügen, sein Herz strebte nach der Tür hin: schon hatte er einen Schritt zu ihr hingewagt – hurtig zog ihm ein Etwas den Fuß zurück; er ging verschämt, als wenn die ganze Welt den Schritt gesehn und doch nicht merken sollte, daß er um der Baronesse willen geschehen sei, mit niedergeschlagnen Augen dicht an der anderen Wand weg, warf keinen verliebten Blick nach ihr, sah sich vor dem Garten nicht nach ihrem Fenster um: nur zween Gänge durch den Garten! – und er wanderte wieder zurück: ein flüchtiges Hinschielen auf dem Rückwege konnte er sich nicht verwehren, aber es war nur wie weggestohlen, und mit desto gesenktrem Kopfe und desto dichter an der Wand ging er vor ihrem Zimmer vorbei. Unmutig über die Scham, die ihm seine Absicht vereitelt hatte, eilte er ans Fenster und zürnte auf sich und seine Schüchternheit.

Das Verlangen war zu dringend, die Gelegenheit zu günstig: er mußte einen zweiten Versuch wagen. Aller mögliche Mut wurde in der Brust gesammelt, er spornte sich selbst durch Vorwürfe über seine Feigheit an: entschlossen ging er fort, marschierte ziemlich nahe an der geliebten Tür vorbei – da war keine Baronesse! Wie mit einer Keule vor den Kopf geschlagen, blieb er eine halbe Minute dabei stehen: ›wenn dich nun jemand sähe!‹ rief die Scham in ihm; und als wenn zehn Peitschen auf seinen Rücken loshieben, rennte er die Treppe hinunter in einem Zuge in den Garten: auf dem Rückwege, der unmittelbar darauf erfolgte, schielte er nach dem Fenster – da war keine Baronesse! Traurig langte er von dieser zweiten Reise an, die noch unglücklicher ausgefallen war als die erste. Er sann und sann, warum die Baronesse nicht erschienen sein möchte: der arme Verliebte wußte nicht, daß er bei allem geschöpften Mute auf den Zehen zur obersten[133] Treppe herabgegangen war: seine Venus hatte ihn gar nicht kommen hören.

Er fühlte nunmehr, was für eine großer Unterschied es sei, in seinem sechsten Jahre eine Baronesse küssen und im zwölften, wenn man durch tägliche Erfahrung an den Unterschied des Standes gewöhnt ist, eine Baronesse lieben: dort machte ihm kindische Unbesonnenheit alles leicht und hier die Überlegung alles schwer. Der vertrauliche Umgang mit ihr hatte schon seit vier Jahren aufgehört: er war durch Schwingers Wachsamkeit, ohne Zwang, sogar ohne daß er's merkte, in einem Hause von ihr getrennt und gewissermaßen fremd gegen sie geworden: die häufigen Beschäftigungen und Zerstreuungen, in welchen ihn sein Lehrer gleichsam ersäufte, hatten zwar seine erste Zuneigung nicht ausgelöscht, aber doch nicht weiter aufbrennen lassen, da hingegen die Baronesse bei ihrer völligen Muße, bei allem Mangel an für sie anziehenden Zerstreuungen die ihrige irisch unterhielt, durch Einsamkeit, Lektüre und Nachdenken stärkte, belebte, glühender machte.

Sosehr Heinrich die Schüchternheit seiner Liebe fühlte, so beschloß er doch eine dritte Reise: itzt war nichts gewisser, als daß er sich ihr näherte, ihr eine Hand bot, und der Himmel weiß, was weiter tat: es war so ausgemacht, daß er im Heruntergehen stark auftreten und husten wollte, um sie herbeizulocken: er schritt mit ängstlicher Herzhaftigkeit schon daher – Himmel! da trat Schwinger herein – und er hatte sich so schön zubereitet!

»Wo willst du hin?« fragte sein Lehrer. – Diese unvermutete Frage schlug seine Unerschrockenheit darnieder wie ein Hagelwetter: er errötete von einem Ohre zum andern, daß er glühte, ward verwirrt, wiederholte die Frage und stammelte, statt der Antwort, ein nichtssagendes: »Nirgends.«

»In den Garten?« fuhr Schwinger fort. »Bist du schon vorhin unten gewesen?« – Die glühenden Wangen wurden wie mit Blut übergossen: er antwortete: »Nein.«

Das war bedenklich: Schwinger hatte ihn belauscht, als er seine zwo verliebten Reisen getan hatte: er, der für seinen[134] Lehrer sonst nichts Geheimes hatte, leugnet itzt eine so gleichgültige Handlung? Die Spaziergänge müssen Bewegungsgründe haben, deren er sich schämt – dachte Schwinger, setzte nicht weiter in ihn und behielt seine Mutmaßungen für sich, um sie durch neue Versuche zu bestätigen oder zu widerlegen.[135]

Quelle:
Johann Karl Wezel: Hermann und Ulrike. Leipzig 1980, S. 129-136.
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